Am Bodensee: Pfahlbauten …! (3)

„Ach, die sind gar nicht echt?“ Ich erhielt zu meinem Erstaunen auch diese Reaktion, als ich erzählte, ich hätte mir während des Urlaubs am Bodensee Pfahlbauten angeschaut. Die Unterhaltung lief sinngemäß so ab:
„Wo warst du da? Unterwas? Noch nie gehört. Was gibt’s da?“
Unteruhldingen. Der Ort liegt am Überlinger See, einem nordwestlichen Teil vom Bodensee. Dort gibt es die Pfahlbauten.
„Und warum?“
„Warum was? Warum ich sie ansehe oder warum sie da sind?“
„Warum alles überhaupt.“
„Dort und in der Umgebung standen in der Stein- und Bronzezeit Häuser, die am Wasser auf Pfählen gebaut wurden. Ganze Dörfer sogar!
„Die kann man angucken?“
„Nicht die Originale, aber Rekonstruktionen.“
Und dann folgte dieser Eingangssatz, aus dem leichte Enttäuschung und sogar ein minimaler Vorwurf herauszuhören war:
„Ach, die sind gar nicht echt?“ Die Miene verriet milde Entrüstung.
Ich weiß, dass mein Fragesteller ein Holzgerätehäuschen im Garten besitzt und versuchte es so:
„Wenn du von der Hütte auf eurem Grundstück ausgehst, was denkst du, wie lange die bei Nässe, Sonne, Frost, Sommer, Winter, Sturm und Hagel noch halten wird?“
Ratloser, fragender Blick.
„Sie müsste um das Jahr 8000 n. Chr. immer noch stehen – falls irgendjemand partout das Original besichtigen wollte“, fuhr ich fort. „Dann hätten wir einen vergleichbaren Zeitabstand.“
„Was, so lange ist das her? Oder hin …?“
„Ja, Stein- und Bronzezeit waren von etwa 4000 bis 850 v. Chr. und selbst wenn die Menschen damals ihre Häuser sorgfältig gebaut haben, einen noch bestehenden, derart „gut erhaltenen Altbau“ gibt es nach 6.000 Jahren nicht. Den findet man selbst nach 3.000 Jahren nirgends.“
„Und woher weiß man dann, wie das alles aussah?“
„Von zahlreichen Ausgrabungen und Fundstücken. Die Bauten versanken im See und Taucher haben einiges entdeckt. Es blieb unter Wasser, abgeschlossen von der Luft, erstaunlich gut erhalten. Die wissenschaftlichen Untersuchungen brachten umfangreiche Erkenntnisse. Mit diesen Funden und dem gewonnenen Wissen konnte man einiges rekonstruieren. So entstand bereits vor langer Zeit das Pfahlbau-Museum von Unteruhldingen.“

Bodensee (Überlinger See) - Unteruhldingen - Pfahlbauten

Bodensee (Überlinger See) – Unteruhldingen – Pfahlbauten

Klinken wir uns hier aus dem Gespräch aus. Ich erzähle Ihnen direkt weiter.

Ich hatte gern dorthin gewollt. An einem Tag, der morgens recht diesig und mit Regenvoraussage startete, ging es entlang des Sees Richtung Freilichtmuseum. Man sollte sich nie ewig ärgern, wenn das Wetter sich bockig zeigt. Dann eben ohne Sonne!
Ich konnte mir sogar vorstellen, dass Pfahlbauten, die am Wasser diffus aus dem Nebel ragen, besonders eindrucksvoll wirken. Gleichzeitig erinnert allein der Gedanke an eine solche Atmosphäre spontan ein bisschen an die alten Edgar-Wallace-Krimis, die an der neblig verhangenen Themse angesiedelt sind. Wasser, das an Pfähle prallt, Glucksen, knartschendes Holz, aufsteigende Luftblasen, Schritte, ein hoher Schrei …
Bitte, ganz ruhig bleiben!
Am Bodensee schreien prinzipiell nur die Wasservögel.
Fast war es ärgerlich, dass der Dunst sich vormittags schnell lichtete, doch einen ersten Blick erhascht man dadurch schon aus sehr großer Entfernung auf diese eigentümlichen Bauten. Wenn Sie auf dem Weg nach Unteruhldingen auf einer Anhöhe an der sehenswerten Klosterkirche Birnau vorbeikommen, dann halten Sie an. Besuchen Sie die innen reich verzierte Kirche und vor allem, genießen Sie den Ausblick auf und weit über den See! Wenn Sie in die Ferne und auf die linke Seite schauen, dort wo die einzelnen Bäume auf einer Landzunge in den See hineinragen … dort sind die Pfahlbauten.

Bodensee (Bereich Überlinger See) - Blick vom Standort der Klosterkirche Birnau aus über den See ...

Bodensee (Bereich Überlinger See) – Blick vom Standort der Klosterkirche Birnau aus über den See …

Sie sehen nichts? Ich kann Ihnen viel erzählen?
Sie haben recht. Wissen Sie was? Ich werde etwas heranzoomen … Jetzt können Sie es erkennen.

Bodensee (am Überlinger See) - ... die Bäume etwas herangeholt ... So lassen sich auch die Pfahlbauten erkennen.

Bodensee (am Überlinger See) – … die Bäume etwas herangeholt … So lassen sich auch die Pfahlbauten erkennen.

Pfahlbauten ansehen … Es ist eine kleine Zeitreise, die man unternimmt, und das Museum unterstützt den Einstieg in die Stein- und Bronzezeit tatkräftig, indem der Besucher zu Beginn zu einem virtuellen Tauchgang geladen wird. Sie verweilen in Gruppen einige Minuten in einer Art Rundkino (Archäeorama), welches Ihnen den Eindruck vermittelt, Sie befänden sich in der Unterwasserwelt und seien mit Tauchern zwischen den Pfählen in den Tiefen des Bodensees auf Erkundungstour. Sie saugen die ersten Informationen auf, und wenn Sie nach einigen Minuten aufsteigen (gefühlt), öffnet sich ein Tor nach draußen. Was Sie als erstes und zwar ausschließlich – sehen, sind die stein- und bronzezeitlichen Häuser auf den Pfählen über dem Wasser …
Ein ganz eigenartiges Empfinden. Es katapultiert Sie kurzzeitig tatsächlich zurück – solange, bis Sie auf die Verbindungsstege getreten sind, Ihren Blick wieder in alle Richtungen wenden können und von da an die Beweise der modernen Zeit wieder mit erfassen.
Trotz allem, sehr geschickt und gekonnt inszeniert!

Das Freilichtmuseum gibt es schon sehr lang. Die ersten Häuser entstanden 1922. Es kamen später in den dreißiger Jahren weitere hinzu, danach noch einmal in den Jahren zwischen 1996 und 2007. Es handelt sich – wie oben kurz erwähnt – um originalgetreue Rekonstruktionen, die aufgrund der Auswertungsergebnisse der Ausgrabungen möglich waren.
In den Häusern selbst sind darüber hinaus Gebrauchsgegenstände und Werkzeuge verschiedener Berufsgruppen als Nachbildungen zu sehen, die man – was ich sehr schön finde! – in diesem Fall in die Hand nehmen darf. So bekommen Sie ein Gefühl für die Handhabung und auch für die Schwere oder Bauweise eines Werkzeugs. Die echten Fundstücke sind separat in einer Sonderausstellung zu sehen.

Nach Ihrem Ausstieg aus der „Tauchglocke“ erhalten Sie durch einen Mitarbeiter des Museums weitere Informationen vor dem Erkunden der Häuser, und selbst dort stehen Fachleute im Innern der Gebäude parat und verraten Details zu handwerklichen Tätigkeiten, unterschiedlichen Arbeitsweisen und Besonderheiten der Lebensweise der Menschen in der Stein- und Bronzezeit! Das empfand ich als eine sehr gelungene Kombination von auf eigene Faust sowie mit dem eigenen Tempo ansehen und der Möglichkeit, Fragen zu stellen oder einfach stehenzubleiben und zuzuhören.

Bodensee  -  Unteruhldingen - Pfahlbauten - Eines der Steinzeithäuser "Riedschachen"

Bodensee – Unteruhldingen – Pfahlbauten – Eines der Steinzeithäuser „Riedschachen“

Bodensee  - Pfahlbauten am Überlinger See - Das bronzezeitliche Dorf "Unteruhldingen"

Bodensee – Pfahlbauten am Überlinger See – Das bronzezeitliche Dorf „Unteruhldingen“

Manchmal wundert sich der Mensch von heute über Dinge aus vergangener Zeit oder über die Existenz eines Objekts an einem bestimmten Ort. Er sucht nach einer Begründung, ist neugierig. Speziell dann, wenn das Existierende die kompliziertere Lösung von mehreren Möglichkeiten zu sein scheint. Wie und warum, warum so und nicht anders. So ergeht es mir jedenfalls häufig. Wenn Sie Lust haben, gehen wir einigen Dingen im Zusammenhang mit den Pfahlbauten nach.

Warum hat man eigentlich damals Pfahlbauten errichtet? Sie normalen, einfacher zu bauenden,  eventuell vom Wasser etwas entfernter liegenden Häusern vorgezogen? Warum zog es die Leute gerade in die Gegend der Voralpenseen (Bodensee u. weitere Gewässer)?

Die unmittelbare Nähe zum Wasser war höchst praktisch! Es war dort sicherer, und es lag verkehrsgünstig. Die Menschen damals handelten bereits mit einzelnen Gütern, so war es hochwillkommen und wurde angestrebt, dass die großen Handelswege (europäischer Fernhandel!) nicht fern lagen. Die Kommunikation war einfacher wie auch die Frage der Abfallentsorgung
Am Haus stand recht fruchtbares Land für Anbau oder Viehzucht zur Verfügung, und es gab ausreichend Fläche für den Fischfang. Der Wasserweg als Verbindung von einem zum anderen Ort wurde zudem damals (mangels gleichwertiger Verbindungen über Land) rege genutzt.

Bodensee  - Überlinger See, Unteruhldingen - Pfahlbauten  - Einbaum (kleinerer Art, 5,50 m)

Bodensee – Unteruhldingen am Überlinger See – Pfahlbauten – Einbaum kleinerer Art, 5,50 m Länge. (Was heute das Auto vor der Tür, war damals der Einbaum am Pfahlhaus)

Einziger Wermutstropfen: ein ständig wechselnder, teilweise bedrohlich hoher Seewasserspiegel.
So etwas war riskant, gefährlich!
Es bedeutete nicht nur gelegentlich nasse Füße oder war damit erledigt, dass zwischendurch schnell durchgefeudelt wurde!

Bereits in der Jungsteinzeit entstanden daher erste nach Pfahlbauweise errichtete Dörfer, die vor diesem gefürchteten Hochwasser und generell dem sehr feuchten, nachgebenden Untergrund schützen konnten.
Auch heute noch schwankt der Wasserspiegel des Bodensees während des Jahres beträchtlich. Wenn die Schneeschmelze ab März einsetzt, steigt der Spiegel durch enorme Zuflüsse manchmal innerhalb von drei Monaten um bis zu drei Meter an! Dieses Phänomen kannten natürlich auch damals die Steinzeitbewohner, es trat für sie ganz ähnlich in Erscheinung. Ihm musste in irgendeiner Form wirkungsvoll begegnet werden, und hinzu kam, dass der ständige Wechsel zwischen Überflutung und Trockenlegung, zwischen Sedimentation und Erosion einem „normalen Haus“ ebenfalls arg zusetzte.
Wer also nicht riskieren wollte, ständig ein überflutetes oder unterspültes, danach schwer wieder trocknendes, ja, ein in kurzer Zeit komplett zerstörtes Haus zu haben und zusätzlich auf einen generell sicheren Stand bedacht war, der suchte sich geeignete Stämme zur Konstruktion eines aus dem Wasser herausragenden Wohnsitzes.
Jeweils im Winterhalbjahr, bei Wasserniedrigstand und teilweise trockenen Uferzonen, wurden die neuen Pfähle in den Boden getrieben, auf ihnen eine Plattform und auf ihr das Haus errichtet.

Wie lange „überlebte“ denn so ein Pfahlhaus tatsächlich?

Die Pfahlbauten hielten unter den gegebenen Bedingungen natürlich nicht ewig. Die verwendeten Holzpfähle waren nach zehn bis fünfzehn Jahren, ganz selten auch einmal dreißig Jahren verrottet und somit untauglich. Eichenpfähle überdauerten unter Umständen bis zu 50 Jahre, standen jedoch nicht immer zur Verfügung. Das leichter aufzutreibende Nadelholz oder auch Esche besaß leider nur eine kürzere Haltbarkeit. So wurde damals ständig repariert, um einen Neubau solange wie möglich herauszuzögern.
Das wirft bei mir die zusätzliche Frage auf, wie denn die ersten rekonstruierten Häuser, die bereits 1922 entstanden und mittlerweile über 90 Jahre alt sind, diese lange Zeit überstanden.
Vermutlich wird viel zum Erhalt der Häuser beigetragen wird und eventuell mit heutigen, modernen Mitteln ihrer Verrottung entgegengewirkt.

Bodensee  - Überlinger See, Unteruhldingen - Pfahlbauten

Bodensee – Überlinger See, Unteruhldingen – Pfahlbauten

Bodensee  - Überlinger See, Unteruhldingen - Pfahlbauten - Dachdetail eines Hauses des bronzezeitl.  Dorfs "Bad Buchau"

Bodensee – Überlinger See, Unteruhldingen – Pfahlbauten – Dachdetail eines Hauses des bronzezeitl. Dorfs „Bad Buchau“

Bodensee  - Überlinger See, Unteruhldingen - Pfahlbauten - Auf den Stegen außen entlang ...

Bodensee – Überlinger See, Unteruhldingen – Pfahlbauten – Auf den Stegen außen entlang …

Wie war das beim Bauen? Dauerte es sehr lang? War es sehr beschwerlich?

Ich hatte so still für mich angenommen, dass es unheimlich mühsam und sehr langwierig gewesen sein muss, neue Pfahlbauten zu erstellen.
Unter den gegebenen Umständen und mit den vorhandenen Steinzeitutensilien! Allein das Suchen, Finden, Vorbereiten und Bearbeiten von Baumaterial!
Massenhaft möglichst gerade, ähnlich dicke Bäume auswählen, von denen zumindest ein Teil in einer bestimmten Höhe vorzugsweise eine Astgabel besitzen sollte, damit beim Hausbau später dort tragende Hölzer aufgelegt werden können.
Unzählige Bäume fällen, die Last ans Ufer transportieren, Pfähle anpassen, richten, einrammen, ausrichten, Material (Äste, Lehm) für die Wände heranschaffen, Flechtwände oder Wände anderer Art erstellen. Gras, Schilf schneiden, bündeln, Rinde von Bäumen schälen, einweichen, in schmale Streifen teilen, um daraus „Schnüre“ zu produzieren, mit denen einzelne Bauteile eng und fest verbunden wurden, eine Dachkonstruktion erstellen …
Alle Arbeiten am Haus zudem nicht ebenerdig, sondern irgendwo in luftiger Höhe!

Bodensee  - Überlinger See, Unteruhldingen - Pfahlbau-Museum - Vorne links erkennt man an der Dachkonstruktion, dass nicht genagelt, sondern umwickelt wurde, um Teile zu verbinden..

Bodensee – Überlinger See, Unteruhldingen – Pfahlbau-Museum – Vorne links erkennt man an der Dachkonstruktion, dass nicht genagelt, sondern umwickelt wurde, um Teile zu verbinden.

So viele Arbeitsschritte, so viel Mühe – und dabei keine helfenden Maschinen, keine elektrischen Geräte! Lediglich reine Handarbeit. Anfangs mit Hilfe simpler Steinäxte, später in der Bronzezeit unter Einsatz von Werkzeugen, die bereits Metallklingen besaßen oder unter Verwendung neuer bzw. zusätzlicher hilfreicher, meist stabilerer Gegenstände.
Wissen Sie, was der Klebstoff der Vorzeit war? Mit dem man teilweise auch die Klingen in die Holzschäfte einsetzte? Man nahm Birkenpech, das durch Destillation aus der Rinde der Birken gewonnen wurde. Doch das nur nebenbei.

Also, wie viel Zeit muss man rechnen? Wie viel Zeit brauchte es zum Fällen eines einzigen Baumes, wie viele Monate ein Haus fertigzustellen?
Es gibt in Unteruhldingen einen sehr anschaulichen Film dazu, der in Zusammenarbeit mit der Sendung mit der Maus entstand, als 1996 das steinzeitliche Hornstaadhaus originalgetreu nachgebaut wurde. Mit Werkzeugen, die vor tausenden von Jahren üblich waren!
Der Film zeigt die Vorgehensweise und verrät Details zur Bautechnik. Er zeigt mir auch endlich, dass ein Baum nicht wie ein Brot durchgeschnitten wird. Nicht ein „Schnitt“ waagerecht, quer durch den Stamm, sondern stattdessen wird mit einer Axt in der gewünschten Höhe durch einen schräg-senkrechten Einschlag Holz abgespalten. Nachdem anfangs die Rinde rundherum abgespalten ist und wie eine Ziermanschette absteht, wird im nächsten Arbeitsgang die Axt entsprechend tiefer, weiter im Stammesinneren, angesetzt und somit rundherum die nächste Lage gespalten. Keilförmig. Vorteil: es geht enorm schnell, und der Pfahl ist automatisch schon zugespitzt! Fertig zum Aufstellen!
Für mich die verblüffende Erkenntnis, dass ein zukünftiger Pfahl von einem Könner in drei, vier Minuten (!) abgeholzt ist. Für den Hausbau insgesamt bedeutet es: Wenn drei bis vier Helfer mit anfassen, beträgt die reine Bauzeit etwa drei Wochen. Hinzu kommt die Vorbereitungszeit, die für die Materialbeschaffung und dessen Einsatzbereitschaft einkalkuliert werden muss. Sie schlägt noch einmal mit ca. zwei Monaten zu Buche. Bevor das nächste Hochwasser im zeitigen Frühjahr anstand, war das neue Pfahlhaus fertig!

Bodensee  - Unteruhldingen - Pfahlbauten - Links steinzeitl. Dorf "Sipplingen", rechts  Haus " Hornstaad"

Bodensee – Unteruhldingen – Pfahlbauten – Links steinzeitliches Dorf „Sipplingen“, rechts Haus “ Hornstaad“

Was müssen die Menschen begeistert gewesen sein, als sie zum Ende der Steinzeit merkten, dass ein Zusatz von Zinn das (bisher zu weiche) Kupfer zu einer sehr harten Legierung verwandelte. Bronze hieß die Neuerfindung, die sie fortan für effektivere Werkzeuge oder Waffen (Jagd) nutzen konnten.
Vielleicht waren sie in diesem Moment damals euphorisch und in dem festen Glauben, sie wären – was Erfindungen angeht – am Ziel. Etwas Besseres, Moderneres könnte nicht mehr kommen. Stellen Sie sich doch einmal vor, wie es den Steinzeitmenschen wohl von den um die Füße gewickelten Zeugstreifen (Socken gab es noch nicht) gerissen hätte, hätte er geahnt, welche weiteren Entwicklungen es bis zum Jahr 2014 n. Chr. geben würde!
Oder wir!
Wir glauben doch eigentlich ebenso, dass es langsam nichts wirklich Neues mehr zu erfinden gibt, bzw. dass es nun vielleicht mehr um das Erforschen von z. B. Krankheiten und deren Bekämpfung geht als um noch mehr neue, durchgreifende, total anders geartete technische Errungenschaften.
Ob wir da richtig liegen?
Es wäre interessant zu wissen, was in tausend oder zweitausend Jahren der zu diesem Zeitpunkt lebende Mensch von dem Schnickschnack des Jahres 2014 hält.
Vielleicht geht er 4.014 n. Chr. in ein Museum, das sich in einer Ausstellung unserer Jahre, unserer Epoche annimmt. Sieht dort rekonstruierte Glasbauten, einen Nachbau der Elbphilharmonie, lässt sich Laubbläser und Jahrhunderte alte Hochleistungswäschetrockner, antike Smartphones und merkwürdige Dinger mit dem Namen iPad erklären. Erkennt daran den Fortschritt von Schiefertafel stromfrei zu elektronischen Devices und grinst breit, weil mittlerweile das Schreiben schon seit 875 Jahren abgeschafft ist und alles nur noch per Gedanken übertragen wird. Er kennt eine völlig neue Energiequelle, Laub zum Wegpusten gibt es in Ermangelung von Bäumen leider nicht mehr und Wäschetrockner braucht seit 2692 n. Chr. kein Mensch, weil sich die Einwegkleidung durchgesetzt hat. Ein Sprühverfahren, mit dem der Körper täglich beflockt wird.
Wer weiß …

Sie können nicht in die Zukunft reisen, aber am Bodensee haben Sie dafür die einmalige Gelegenheit zurückzureisen und der Stein- und Bronzezeit näherzukommen. Falls Sie das Thema der Pfahlbauten jetzt noch weitergehend interessiert und Sie mit einem Besuch des Museums in Unteruhldingen liebäugeln, empfehle ich Ihnen wärmstens das Aufrufen der Website, die sehr gut und übersichtlich aufgebaut ist und zahlreiche Informationen bereithält.
Abgesehen von den persönlichen Eindrücken und allem Gelernten während des Besuchs, diente diese Homepage auch für mich als Quelle für einige der genannten Daten bzw. zu ihrem Gegencheck.
Schauen Sie bitte hier:
Pfahlbaumuseum Unteruhldingen (Danach „Ihr Besuch“ oder z.  B. auch den „Virtuellen Rundgang“ auswählen)
Dort finden Sie auch Hinweise auf Veranstaltungen und Einzelheiten zum Steinzeitparcours, der besonders mit Kindern empfehlenswert ist!

Bodensee (Überlinger See), Unteruhldingen - Pfahlbauten - Links Haus "Hornstaad", rechts Haus "Arbon" (aus Holz gebaut)

Bodensee (Überlinger See), Unteruhldingen – Pfahlbauten – Links Haus „Hornstaad“ (1996 – Pfosten, Lehmflechtwände, Grasdach), rechts Haus „Arbon“ (1998 – Pfosten, Bretterwände, Schindeldach)- Diese beiden Häuser sind für experimentelle Langzeitbeobachtungen, daher nicht zugänglich.

Bodensee  - Überlinger See, Unteruhldingen - Pfahlbauten - Bereich Steinzeitdorf (TV, 2006)

Im Jahre 2006 wurde in Oberschwaben an einem Weiher eine ARD-Dokumentationsserie gedreht, bei der 13 Menschen in einem Experiment über acht Wochen lang versuchten, sich unter Bedingungen durchzuschlagen, wie sie die ersten Bauer und eben auch die Pfahlbauer der Jungsteinzeit vorgefunden haben. Nach dem Experiment wurden die Häuser hier nachgebaut und dienen Schülern im Rahmen von Projekten zur Veranschaulichung des Lebens in der Steinzeit.

Pfahlbauten in dieser Form, als angelegtes Dorf, gab es nach der Bronzezeit vorerst nicht mehr, denn die Menschen zog es aufgrund einer erheblichen Klimaveränderung (auch damals schon!) inzwischen doch mehr in das Landesinnere bzw. in höher gelegene Gebiete. Nach über 3.000 Jahren war in dieser Hinsicht das Ende des Pfahlbaus gekommen.

Gibt es den Pfahlbau gar nicht mehr? Hat man danach nie wieder …?
Doch, heutzutage sind Stelzenbauten, wie sie auch genannt werden, noch an den Küsten in Südostasien verbreitet. Oder denken Sie näher. Denken Sie an die Bauten (z. B. Anlegebrücken) an Ost- bzw. Nordsee, die ins Meer (oder Watt) hineinragen. Auch sie stehen auf Pfählen.
Und all die Bauten, bei denen gar nicht sichtbar ist, dass Ihre Errichtung auf Pfählen erfolgte! Gebäude auf feuchtem, sumpfigem, nachgebendem Grund! Ganz Amsterdam ist auf Pfählen errichtet! Allein für den Hauptbahnhof (Centraal Station, Bj. 1922) benötigte man 8.657 Erdstützen. Das Rathaus meiner Heimatstadt Hamburg (1897 fertiggestellt) wird von über 4.000 Eichenpfählen getragen …

 

Bodensee (Überlinger See) , Unteruhldingen - Hier treffen auf einem Bild Erzeugnisse verschiedener Epochen aufeinander: Pfahlbauten, Zeppelin und Fähre ...

Bodensee (Überlinger See) , Unteruhldingen – Hier treffen auf einem Bild Erzeugnisse verschiedener Epochen aufeinander: Pfahlbauten, Zeppelin und Fähre …

Die Zeitreise endet allmählich – was nicht unvorteilhaft ist, da es demnächst u. a. auf die Insel Mainau gehen wird! Und dieser Besuch auf der bekannten Blumeninsel soll eindeutig wieder in der jetzigen Zeit stattfinden.

Ihnen vielen Dank fürs Pfahlbauten anschauen!
Haben Sie ein schönes, entspanntes Wochenende!

©September 2014 by Michèle Legrand
Michèle Legrand - freie Autorin - ©Foto Andreas Grav

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  1. #1 von Ulrike vom Bambooblog am 05/09/2014 - 18:05

    Herzlichen Dank für diese ausführliche Beschreibung! Wie gut, dass mir noch nie so dumme Fragen gestellt hat! Ich bin da manchmal etwas ungeduldig. Wahrscheinlich lebe ich hier auf einer rosa Wolke, wo man noch glaubt, dass Grundkenntnisse zu Stein- und Bronzezeit zur Allgemeinbildung gehören. ;). Als ich übrigens in den 1980er Jahren in Unteruhldingen war, gab es noch keine Leuten, die einem etwas erklärten, nur ein Heftchen mit schlechten Fotos. Wie schön, dass sich das geändert hat!
    LG
    Ulrike

    Gefällt 1 Person

    • #2 von ladyfromhamburg am 05/09/2014 - 23:03

      Danke für deine Kommentar, Ulrike. Mir scheint, da hat sich mittlerweile gewaltig etwas (positiv) geändert. Vielleicht lohnt sich für dich inzwischen ein erneuter Besuch!

      LG Michèle

      Gefällt 1 Person

  2. #3 von marliesgierls am 05/09/2014 - 20:57

    Das war wieder sehr interessant beschrieben, liebe Michéle. Da ist mein Programm für die Bodensee-Reise ja bald voll. Die Pfahlbauten erinnerten mich auch gleich an Südostasien, darum erschienen sie mir irgendwie gar nicht so fremd und altertümlich, sondern eher vertraut im Anblick, wobei das in natura bestimmt anders ist, denn der Bodensee liegt ja nun mal nicht in Asien. Ich freue mich schon auf die Mainau und wünsche einen schönes, sommerliches Wochenende, liebe Grüße Marlies

    Gefällt 1 Person

    • #4 von ladyfromhamburg am 05/09/2014 - 23:05

      Dir ebenfalls, Marlies! Ich las, bei euch wird Geburtstag gefeiert. Lasst es euch gutgehen, und es würde mich freuen, wenn du beim Mainau-Besuch wieder mit von der Partie bist.

      LG Michèle

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  3. #6 von Josef am 05/09/2014 - 21:27

    Liebe Michèle, Du hast Dir wieder einmal viel Arbeit gemacht. Entstanden ist eine aussagekräftige Fotostrecke mit einem umfang- und inhaltsreichen sowie sehr unterhaltsamen Begleittext. Die Sonne und den blauen Himmel vermisst man gar nicht. Vielen Dank und herzliche Grüße aus München, Josef

    Gefällt mir

    • #7 von ladyfromhamburg am 05/09/2014 - 23:11

      Ich sage danke schön für das positive Feedback und freue mich, wenn es für dich obendrein unterhaltend war, Josef. Ich muss gestehen, auch ich habe im Endeffekt die Sonne und wolkenfreien Himmel nicht vermisst. Durch zwischenzeitliches Einsetzen von doch recht starkem Regen, kam ich dann auch in den Genuss des erwähnten Films, den ich mir bei Sonne unter Umständen gar nicht angesehen hätte, weil es mich draußen und in Bewegung gehalten hätte.

      Lieben Gruß zurück und schönes Wochenende!
      Michèle

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  4. #8 von kowkla123 am 06/09/2014 - 11:31

    Stimmt, du machst dir viel Arbeit und es ist immer interessant, gutes Wochenende für dich, Klaus

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  5. #11 von kowkla123 am 09/09/2014 - 11:46

    wollte nur mal grüßen, alles Gute, Klaus

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  6. #12 von ernstblumenstein am 11/09/2014 - 21:06

    Ein arbeitsreicher und sehr gut recherchierter informativer Beitrag über die Pfahlbauten am Bodensee, der mir ausserordentlich gut gefallen hat. An zahlreichen Schweizer Seen im Mittelland legten Archäologen Pfahlbauten frei, eine Gruppe der Pfahlbauer kam aus Süddeutschland und besiedelte das Schweizer Mittelland von der Ostschweiz her. Aus Westeuropa wanderten andere Pfahlbauer über das Genfersee-Gebiet ins Mittelland ein. Sie brachten die so genannte Megalith-Kultur [Kultur der grossen Steine] mit: Sie bauten tischförmige Grabkammern, Dolmen z.B. Petit Chasseur im Wallis oder Auvernier NE. Chapeau Michèle. Alles Gute Ernst

    Gefällt 1 Person

    • #13 von ladyfromhamburg am 12/09/2014 - 18:33

      Das klingt auch hochinteressant, danke für die Information, Ernst! ich kenne bisher nur den östlichen Teil des Mittellands. Den Bereich im Westen der Schweiz hingegen noch nicht. Wenn dort im Wallis oder Neuchâtel ebenfalls noch Überreste (Megalith-Kultur) oder Rekonstruktionen/Funde von Ausgrabungen (Pfahlbauten) vorhanden sind, wäre das natürlich auch enorm sehens- und erkundenswert.
      Freut mich übrigens sehr, dass dir der Beitrag von den Bodensee-Pfahlbauten zusagt, lieber Ernst! Danke für dein Lob!

      LG Michèle

      Gefällt 1 Person

      • #14 von ernstblumenstein am 13/09/2014 - 14:07

        Bei Interesse hier noch ein Link :
        http://www.geschichte-schweiz.ch/pfahlbauer-pfahlbauten.html.
        Ein Ausschnitt daraus:
        Aus Westeuropa wanderten andere Pfahlbauer über das Genfersee-Gebiet ins Mittelland ein. Sie brachten die so genannte Megalith-Kultur [Kultur der grossen Steine] mit: Sie bauten tischförmige Grabkammern (Dolmen, Beispiele in der Schweiz: Petit Chasseur im Wallis, Auvernier NE und kreisförmige Kultstätten (weltbekannt: Stonehenge, England, kleineres Beispiel aus der Schweiz: Menhire von Yverdon).
        Wünsche dir eine gute Zeit Michèle. Ernst

        Gefällt 1 Person

      • #15 von ladyfromhamburg am 13/09/2014 - 18:20

        Danke für den weiterführenden Link, Ernst!
        LG Michèle

        Gefällt mir

  7. #16 von Sartenada am 13/09/2014 - 10:30

    OMG. This amazing. I never could imagined pole houses by the Bodensee. We’ll remember this if our route passes nearby Bodensee. Thank You.

    Happy weekend!

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    • #17 von ladyfromhamburg am 13/09/2014 - 18:34

      Nice to hear that you liked it, Matti. If you ever had the possibility to travel to the South of Germany again you probably would enjoy a stay at this place. The reconstructions are impressive and should you like to have more details, I may tell you that written information (boards, flyers and more) is also availabe in English and other languages.

      Gefällt mir

  8. #18 von finbarsgift am 08/02/2015 - 05:35

    Endlich nachgeholt, diesen tollen Beitrag!
    LG vom Lu

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  9. #20 von ChirimoyaToursPeru am 27/05/2015 - 02:26

    Hier in Peru in der Stadt Iquitos gibts am Hafenbereich auch „Pfahlbauten“, und teils halb schwimmende. Da merkt man die fortschreitende Abholzung. Bei den neueren Häusern haben Stämme kleinere Durchmesser. Brennholz mitten im Amazonasregenwald ist hier relativ teuer geworden.
    Das ist leider tragisch was hier im ganzen Amazonasbecken auf mittlere Sicht passiert.
    Grüsse aus Lima.

    Gefällt mir

    • #21 von ladyfromhamburg am 28/05/2015 - 17:00

      Das kann ich mir vorstellen! Vor nicht ganz so langer Zeit las ich in der ZEIT (= dt. Wochenzeitschrift) wieder eine umfangreiche Dokumentation über den aktuellen Stand bei der Abholzung und die Auswirkungen in dieser Region – sowohl für die Umwelt/Natur generell als auch auf Preise und das tägliche Leben allgemein. Besorgniserregend!
      (Weil ich mich mit der Lage der Städte am Amazonas geografisch nicht so gut auskenne, musste ich mir gerade auf einer Karte erst einmal ansehen, wo genau Iquitos eigentlich liegt…)

      Danke schön für den Blogbesuch und den Kommentar hier zu den Pfahlbauten! Ich sende Grüße aus Norddeutschland zurück Richtung Lima!
      Michèle

      Gefällt 1 Person

  10. #22 von wolfgangpowerpoint.wordpress.com/ am 21/08/2016 - 21:57

    Das ist echt sehr gut gemacht von dir. Freut mich, und ein Danke. Wolfgang.

    Gefällt mir

    • #23 von ladyfromhamburg am 22/08/2016 - 18:53

      Ich danke dir für die nette, positive Rückmeldung! Freut mich, dass dir der Beitrag gefallen hat, Wolfgang!

      LG Michèle

      Gefällt mir

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