Wenn der Reiher nicht am Weiher …

Es fing alles damit an, dass er mir in die Nase stach. Er war von hinten herangetreten, hatte mir ein leicht löcheriges Tuch über den Kopf, zumindest über das Gesicht, geworfen und hatte nach drei Stichattacken, die mit einem dünnen Gegenstand erfolgten, zusätzlich das Messer gezückt. Die Auswirkungen und optischen Hinterlassenschaften lösten bei mir später den Wunsch nach einem Ortswechsel und Alleinsein aus. Ich hielt es für ratsam, den Rückzug anzutreten. Mich zu regenerieren.
Just zu diesem Zeitpunkt kam mir der Gedanke mit der Beschneidung. Seiner.
Nein! Nicht der von dem mit dem Messer!
Ich wollte einen anderen beschneiden. Es spielte keine so große Rolle, wer jetzt dran sein würde. Und weil ich dadurch zur richtigen Zeit am goldrichtigen Platz war, fiel mir das Wesen, das mit langen Beinen seelenruhig auf dem Schornsteinrand stand, überhaupt erst auf.
Sie kommen noch mit?
Nicht? Herrschaften, das ist doch nicht so kompliziert!
Jetzt muss ich wegen Ihnen noch einmal anfangen!
Ich wurde vom Hautarzt getriezt. Es musste sein. Ich sehe verschandelt aus. Dickes Pflaster an der Nase, Wunde an der Augenbraue, blaue Flecken an den Einstichstellen der Narkosespritze.
Der Doktor hing wirklich von hinten über mir, als er das Skalpell ansetzte!
Wenn Ihnen das jetzt weiterhin zu krimimäßig, zu aufregend für Ihre schwachen Nerven war, könnte ich natürlich auch das Genre wechseln. Sind Sie mehr der Liebesromantyp? Dessen Autor hätte diese Szene wahrscheinlich so für Sie gesehen:
Es begann alles in dem ganz in Weiß gehaltenen Zimmer, in das die Sonnenstrahlen hineinschienen. Sanfte Musik erklang. Mozart. Er trat von hinten an das Kopfende der Liege und beugte sich im Zeitlupentempo über sie (das Wesen darauf, nicht nur über dieses Möchtegernbett). Die regungslos auf dem Rücken vor ihm liegende Frau nahm den betörenden Duft seines Rasierwassers wahr, blickte direkt  in seine Augen, die sich nur zehn Zentimeter von den ihren entfernt befanden, und ihr Atem wurde etwas unruhig. Weiche Finger strichen sanft über ihre Nasenflügel. Der Pulsschlag erhöhte sich (ihrer, seiner vielleicht auch). Wir lassen das Gesteche im Liebesroman weg. Das ruiniert immer so die Romantik. Weiter. Sie unterdrückt mühsam das Stöhnen, er verarztet letztendlich äußerst sorgsam die Wunden, wobei er mit sonorer Samtstimme beruhigend auf sie einspricht. Sie findet ihn einmalig und beschließt, auch in Zukunft bei ihm zu bleiben, und so leben sie glücklich, bis der Reiher kommt.

Reiher! Das war’s! Davon wollte ich Ihnen ursprünglich erzählen! Während ich verpflastert und verfärbt momentan kein Verlangen hatte, öfter oder länger als nötig unter Menschen zu weilen, entschied ich mich, stattdessen im Schutze meines Gartens die Buchsbäume zu beschneiden. Die Kerle haben es aufgrund der milden Temperaturen schon weit mit dem Austrieb gebracht und sind fällig.
Und nur durch dieses Vorhaben und die Hockerei in der Rabatte an einer strategisch günstigen Stelle, hatte ich gestern am Nachmittag die Dächer einiger Nachbarhäuser im Blick. Nach einer Weile hörte ich etwas heranrauschen. Vogelschwingen. Große Schwingen! Hochgesehen habe ich allerdings erst einen Moment später. Da saß der Graureiher (Ardea cinerea) bereits auf dem Schornsteinrand.
Aufrecht, majestätisch, die Ruhe selbst.

Besuch eines Graureihers (Ardea cinerea) mitten im Wohngebiet - 30.04.2014

Besuch eines Graureihers (Ardea cinerea) mitten im Wohngebiet – 30.04.2014

Was bei Ihnen, wenn Sie auf dem Land und dort speziell in See- oder Flussnähe leben, vielleicht häufig passiert, liefert hier einen sehr ungewohnten Anblick. Ein Reiher mitten in einem Wohngebiet ohne nennenswertes Wasservorkommen in Form von größeren (Garten-)Teichen oder natürlichen Bachläufen ist höchst selten. Der nächste See ist etwa 1,5 km entfernt.
Selbst dort habe ich noch nie einen Reiher gesichtet!
Nahrungssuche scheint als Grund für sein Auftauchen fast unwahrscheinlich. Es gab gestern bereits eine kleine Diskussion auf Facebook, als ich dort ein Foto des Reihers postete. Dabei stellte sich heraus, dass Graureiher nicht ausschließlich Fische, Frösche und anderes Wassergetier verzehren, sondern durchaus auch Mäuse respektive Wühlmäuse. Das ließ mich aufhorchen!
Sie müssen wissen, das ganze Gebiet hier wird seit gut einem Jahr gnadenlos von Wühlmäusen und auch Maulwürfen mit Gängen durchbohrt. Komplett! Wenn der Reiher die hochgeworfenen Gänge aus der luftigen Höhe erkennen kann, es richtig deutet und schlau anstellt, dann hätte er hier einen reich gedeckten Esstisch.
Nur weiß er das?
Ich sähe seinen Einsatz selbstredend sehr gern, und so riet mir ein hilfsbereiter Facebook-Freund, ich möge doch eine Einladung mit einem Foto einer Wühlmaus für ihn, den Reiher, aufstellen. Ein Schild als kleinen Fingerzeig. Vielleicht am Ein- und Ausstiegsloch.
Hat die Idee eine Chance?
Es scheint mir zumindest einfacher, als wühlmausspezifische Töne  nachzuahmen oder  selbst den Lock- oder Paarungsruf der Graureiher als Köder zu erlernen.
Aber was, wenn er überhaupt keinen Hunger hatte? Mir kam nämlich eine andere Idee. Stichwort Paarung. In einem der Gärten gab es früher einen großen Teich. Der existiert nicht mehr, aber seit der Zeit steht dort ein lebensgroßer, künstlicher Reiher neben der Wäschespinne.

Der künstliche Reiher am Boden ... verwechselt?

Der künstliche Reiher am Boden … verwechselt?

Kann es sein, dass der echte Graureiher auf Partnersuche war und auf das Plastikvieh anfangs hereingefallen ist? Reiher sucht Frau?
Was denken Sie?
Er flog nach zwei, drei Minuten unverrichteter Dinge wieder davon. Ein Riesenvogel in der Luft! Jedenfalls im Vergleich zu denen, die sonst im Garten umherschwirren. Ein kleiner Gimpel, mein Dauerfreund, saß grad in der Nähe. Ihn nehme ich kurzerhand als Vergleichsobjekt.

Die Flügelspannweite des Gimpels beträgt 27 cm, die des Graureihers 194 cm.
Ein Gimpel wird 15 cm groß, ein Reiher 100 cm.
Und das Gewicht! 26 Grämmchen versus 1.900 Gramm!
Es müssten sieben Gimpel aufeinander stehen oder ebenso viele nebeneinander fliegen, um lediglich die Höhe (nicht den Umfang) eines Reihers oder seine Flügelspannweite (die reine Breite) nachzubilden. Und es bräuchte fast 74 Gimpel auf der Waage, damit das Gewicht eines einzigen Reihers zustande käme! 148 Beinchen nebst fluffigem Körper passten gar nicht alle auf meine Waage, doch das ist eine andere Sache …

Graureiher  (Ardea cinerea) beim Abflug - 30.04.2014

Graureiher (Ardea cinerea) beim Abflug – 30.04.2014

Stopp! Ehe die Gedanken erneut zu springen beginnen oder ich Ihnen den Feiertag mit weiteren Messerstechereien verhagele, verabschiede ich mich für heute.
Haben Sie eine schöne Zeit bis zum nächsten Mal!
Ich bin übrigens sehr gespannt, ob der Reiher jetzt häufiger auftaucht!

©Mai 2014 by Michèle Legrand
Michèle Legrand - Michèle. Gedanken(sprünge) @wordpress.com

 

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  1. #1 von marliesgierls am 01/05/2014 - 20:09

    Das kann ich mir vorstellen, dass ein Reiher im Wohngebiet für Aufregung sorgt. Ich finde sie schon bei uns auf freier Fläche immer beachtlich, majestätisch und für Deutschland irgendwie ungewöhnlich groß. Obwohl wir ja durch das neue Naturschutzgebiet Tister Bauernmoor und die dadurch geänderten Flugrouten der Reiher oft Hunderte von ihnen auf einmal sehen, ist es für mich immer ein Ereignis. Ja, was der wohl bei Euch gesucht hat? Ich weiß es nicht, aber vielleicht findest du es noch heraus. lg Marlies

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    • #2 von ladyfromhamburg am 02/05/2014 - 20:10

      Marlies, Reiher wirken stets unheimlich stolz und erhaben. Ihre Haltung ist einfach vorbildlich. Das gibt ihnen dieses Majestätische, was dir auch aufgefallen ist. Es ist bei mir auch nicht der erste Reiher, den in sehe, denn Richtung Elbe, an Seen etc. erspäht man sie schon dann und wann. Doch es gibt einige Stellen, an denen ich sie nie erwarte. In Leipzig auf dem Dach eines Parkhauses mitten in der Stadt zum Beispiel oder als Gast auf dem Giraffenhaus des Karlsruher Stadtgartens (Zoo). Oder eben hier bei mir auf einem Schornstein des Nachbarhauses. Ich werde berichten, falls er wieder auftaucht und seine Absichten klarer sind. ^^

      LG Michèle

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  2. #3 von finbarsgift am 02/05/2014 - 06:59

    fein :)
    du, liebe Michèle, ist das auf dem tollen Dachreiherfoto rechts noch ein Reiher, der da etwas undeutlich heranschwebt?
    LG vom Lu

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    • #4 von ladyfromhamburg am 02/05/2014 - 19:50

      Hallo Lu, nein, das was du dort verschwommen erkennen kannst, ist das Zweigende eines chinesischen Blütenhartriegels auf meinem Grundstück. Beim Heranzoomen des Reihers kam er mit ins Bild.
      LG zurück, Michèle

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  3. #5 von finbarsgift am 03/05/2014 - 08:56

    ach wirklich? *dumm guck* darauf wäre ich niemals gekommen, liebe Michèle, das sieht immer noch eher fast wie ein fliegender Vogel aus :)
    Liebe WE-Grüße
    vom Lu

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    • #6 von ladyfromhamburg am 03/05/2014 - 14:03

      Du hast mich reingelegt, du Lu(mp)! :-) Das war gar nicht ernst gemeint – und ich falle auch noch darauf herein! Wünsche dir aber trotzdem ein schönes Wochenende!
      LG Michèle

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  4. #7 von kowkla123 am 03/05/2014 - 11:33

    liebe Michele, wünsche ein schönes Wochenende, Klaus

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  5. #10 von Silberdistel am 03/05/2014 - 18:47

    Im ersten Moment dachte ich auch, dass rechts im Bild noch ein zweiter Vogel im Anflug zu sehen ist. :-D
    Ich denke schon, ein Reiher auf einem Schornstein oder wie bei uns hier auf dem Dach ist wohl doch eher etwas ungewöhnlich. Wenn es bei Euch weit und breit kein Teichlein gibt, wird der Reiher wahrscheinlich tatsächlich im ersten Moment auf die Attrappe hereingefallen sein. Irren ist also nicht nur menschlich ;-) :-D Ich bin echt gespannt, ob er noch öfter auftauchen wird, um der hübschen Reiherskulptur seine Aufwartung zu machen.
    Liebe Grüße und einen schönen Samstagabend wünscht die Silberdistel

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    • #11 von ladyfromhamburg am 03/05/2014 - 23:12

      Liebe Silberdistel, ich nehme an, dass er bereits den Braten gerochen hat, sprich den Irrtum mit den holden Reihermaid erkannt hat. Sonst wäre er bestimmt nicht davongerauscht, sondern hätte sich zu ihr hinab begeben. :-) Aber vielleicht kommt er trotzdem. Ich zähle ja immer noch darauf, dass er hier was für den Rückgang der Wühlmauspopulation tut.
      Mal sehen, was deiner macht! Wenn der dort häufiger seine Runden dreht (ich las bei dir, dass er wohl schon anderen ebenfalls auffiel), landet er bestimmt noch einmal und verwirrt deine Katz und den Kater. Wäre nur schön, wenn er den Fischbestand in den dortigen Gartenteichen nicht zu sehr elimiert. Der kann doch nun wirklich Richtung Ostsee fliegen. ^^
      Schönen Sonntag dir und deinem Mann!
      LG Michèle

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  6. #12 von ernstblumenstein am 05/05/2014 - 11:27

    also, Du hast mich anfangs schon etwas irritiert mit deinem kriminellen Text, wenn Du mich so fragst bin ich eher der Liebesromantyp…
    Tja, Graureiher brauchen eigentlich nicht unbedingt Gewässer als Lebensraum. Ich wohne im Reusstal in einer reich strukturierten Naturlandschaft. Wir haben sehr viele Graureiher, sie mausen primär auf den Feldern, weil die Mäuse zahlreicher vorhanden sind als Frösche. Fische fangen können sie auch, aber der Fang wird wahrscheinlich aufwendiger sein. Neuerdings beobachten wir bei uns vermehrt Silberreiher, die aus Südeuropa einwandern, aber noch nicht Brutvögel sind. Aber das ist nur noch eine Frage von Zeit, bis er bei uns ganz heimisch ist. Der Klimawandel lässt grüssen…
    Wenn der Reiher nicht am Weiher… hat mir sehr gefallen. Deine Berichte sind immer interessant und lehrreich geschrieben. Du scheust auch den Zeitaufwand für deine Beiträge nicht, dies schätze ich und es muss mal erwähnt werden! Hab vielen Dank dafür. Liebe Grüsse nach Hamburg. Ernst

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    • #13 von ladyfromhamburg am 06/05/2014 - 16:48

      Danke schön für das Lob bezüglich der Blogposts, lieber Ernst und außerdem für die hochinteressanten Details über die Reiher in deiner Gegend. Auch hier wurden schon Silberreiher gesichtet, aber – wie du auch sagst – noch nicht als Brutvögel. Sie tauchen auf, bleiben ein paar Tage (wie zur Erkundung), finden es dann vielleicht doch zu frisch oder zu fremd oder das Gebiet ist schon von Graureihern bezogen. Einige andere Vogelarten, die hier sonst noch nie waren, werden auch vereinzelt von Vogelkundlern „erwischt“. Das muss definitiv mit dem Wandel des Klimas zu tun haben sowie der obendrein daraus folgenden Veränderung des Nahrungsangebots.
      Wenn bei dir die ersten freilebenden Flamingos und Nandus (keine heimlich ausgesetzten oder aus Zoos entwischten, die haben wir hier wirklich schon) auftauchen, sag Bescheid.

      Liebe Grüße ins Reusstal!
      Michèle

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