„Haben Sie denn nichts Normales?“ Die Nöte der Dame mit Hut …

Michèle Legrand - Michèle. Gedanken(sprünge) @wordpress.comGestern fühlte ich mich an etwas aus frühester Jugend erinnert und irgendwie aus heiterem Himmel auch an Loriot und Opa Hoppenstedt. Seinen Ausspruch:
Früher war mehr Lametta!

In meiner Kindheit gab es in dem Gebiet, in dem ich wohnte, nur einen einzigen Lebensmittelhändler auf weiter Flur, der mit seinem kleinen Edeka-Markt (60-70 qm) die Kundschaft aus der Umgebung mit dem Nötigsten versorgte. Dem täglichen Kleinkram. Erst zwei Kilometer davon entfernt hatte ein Metzger ein weiteres Geschäft.
Ein äußerst überschaubares, gleichbleibendes Angebot beim Krämer, doch es gab eine Besonderheit: Jeden Freitag – und nur dann! – räumte er Wurst und Käse in der Kühltheke um, schaffte so etwas Platz für das Highlight der Woche und bot aus dieser winzigen, neu erschaffenen Ecke Sahnetorte an. Eigentlich mehr Sahneschnittchen. Aus Biskuitteig mit üppiger Sahnefüllung und einem gespritzten Ziersahnetuff obendrauf.
Es gab keine große Auswahl!
Die Stücke waren aus demselben Teig und mit der gleichen Füllung, nur die Dekoration unterschied sich minimal. Entweder war auf der Sahnerosette ein Fitzel Ananas aus der Dose oder aber eine rote, künstliche Kirsche.
Es gab jeden Freitag exakt zehn Sahneschnitten im Angebot, um die sich durchaus gerissen wurde. Es war absolut nicht selbstverständlich, regelmäßig eine zu ergattern, denn eine ältere Dame aus der übernächsten Straße war leider ein ausgesprochener Sahneschnittenfan und dummerweise Freitagsfrühaufsteherin. Sie war die härteste Konkurrenz, konnte nur zum Glück nicht das gesamte Angebot selbst verdrücken. So hatten Mitinteressenten eine reelle Chance. Sie kamen, schnappten und gingen ein wenig triumphierend mit den begehrten Schnitten heim, das Kuchenpäckchen wie eine Trophäe vor sich hin balancierend.

Gestern nun war ich Kaffee trinken im Eiscafé, als am Nachbartisch eine ältere Dame Platz nahm. Mit Filzhut, akkurat sitzender Bluse (selbstverständlich bis oben zum Hals ordnungsgemäß verschlossen) und einer vor der Brust baumelnden, an einer Goldkette befestigten Brille. In ihrer Kleidung und ihrem Verhalten hatte sie große Ähnlichkeit mit der Sahneschnittenlady von damals.
Sie entledigte sich ihrer Wolljacke, behielt den Hut jedoch weiterhin auf und hielt nach dem Kellner Ausschau. Früher hat sie mich immer sehr verwundert, diese Sache mit dem Tragen des Huts in geschlossenen Räumen.
War das nicht warm und auch unbequem? Oder gar unhöflich?
Doch irgendwann musste ich einfach akzeptieren, dass zwar Männer den Hut aus besagten Höflichkeitsgründen immer abzulegen haben, es Damen einer ganz bestimmten Generation und oftmals auch Schicht hingegen eingetrichtert bekamen, ihren Kopf bedeckt zu halten und  ihnen deutlich klargemacht wurde, dass es sich nicht schickte und somit strengstens untersagt war, wenn eine – zumindest verheiratete – Dame den Hut absetzte. Egal wo.
Ich selbst hatte eine Zeit lang blauäugig die Vermutung gehegt, dass man nur die plattgedrückte Frisur nicht präsentieren wollte, bzw. eine von vornherein nicht sitzende Haartracht damit verstecken wollte.
Alles verkehrt. Eine Dame braucht einen Hut. Immer. Punkt.

Der Kellner hatte sie erspäht und trat an den Tisch.
„Ich möchte gern Eis“, verkündete die Dame.
„Welches hätten Sie denn gern?“, fragte der junge Angestellte.
„Was gibt es denn?“
Das Eiscafé hat eine sehr umfangreiche Eiskarte, auf die sie jetzt freundlich verwiesen wurde.
„Sie können dort schauen. Es gibt verschiedene Eisbecher, es gibt viele Eissorten, es gibt einige Varianten vom Spaghetti-Eis und Sie können auch noch Kugeln austauschen oder einzeln welche bestellen.“
Die Dame mit Hut hatte anfangs die Brille zum Lesen auf die Nase geschoben, doch angesichts des seitenlangen Angebots hatte sie die Lust verlassen, völlig allein im Heft zu stöbern. Sie setzte sie wieder ab.
„Helfen Sie mir doch bitte mal“, sagte sie, „was schmeckt denn gut?“
Was soll ein Mitarbeiter nur darauf antworten?
Soll er damit herausrücken, dass er persönlich eine Sorte eklig findet? Soll er ihr das nennen, was er mag? Soll er versuchen herauszufinden, was sie mögen könnte? Er entschied sich für Letzteres.
„Wie viele Kugeln möchten Sie denn überhaupt haben?“
„Ich wollte doch hören, was schmeckt …!“
„Ich weiß, nur ich wollte gern wissen, ob ich Ihnen komplette, relativ große Eisbecher mit Soße und Schlagsahne vorschlage oder lieber zwei oder drei einzelne Kugeln, die Sie sich aussuchen.“
„Ach so … Ja, also mehr als drei Kugeln schaffe ich nicht, aber Sahne möchte ich schon.“
„Die können Sie immer dazu bekommen. Mögen Sie lieber Fruchteis oder Milcheis?“
„Was ist denn was?“
Es ist nicht einfach, wenn ein Kellner für zig Tische zuständig ist, eine Karte mit ausführlicher Beschreibung auf dem Tisch liegt, aber nicht benutzt wird, alle Tische besetzt sind, er zu tun hat … und eine Dame mit Hut in dieser Situation nach den grundsätzlichen Unterschieden zwischen Fruchteis und Milcheis fragt.
Er versuchte zu verkürzen und machte konkrete Vorschläge.
„Ich habe zum Beispiel Türkisch Mocca mit Feige. Oder auch Schoko-Crunch-Eis.“
„Ich bin nicht so für Mocca. Haben Sie auch Nuss?“
„Ja, Haselnuss mit richtigen Nussstücken und Walnuss mit Waldbeeren.“
„Hm …“
„Oder vielleicht Marzipan-Ananas mit geröstetem Sesam und Zartbitterschokolade?“
„Ist denn bei Ihnen überall so ein Krümelkram drinnen?“
Ein bisschen schlucken musste er schon. Doch ein Profi lässt sich nichts anmerken.
„Nicht überall, meist in den Trendeis-Sorten. Wir haben aber auch Klassikeis.“
„Dann möchte ich lieber was Normales.“
Spanische Sahne schmeckt sehr lecker.“ Inzwischen hatte er die Karte aufgeklappt und tippte auf eine Liste mit Eissorten. Sie las jetzt mit.
Spanische? Keine deutsche?“
„Das ist jetzt keine Sahne, sondern eine helle Eissorte, die so heißt.“
„Das verwirrt aber …“, stellte sie irritiert fest. „Und was ist Dulze deh Läche?“
Dulce de Leche ist argentinisches Caramel.“
Sie klappte die Karte entschlossen wieder zu.
„Da find ich nichts! Das ist mir alles zu exotisch. Und das ist auch alles viel zu viel! Was soll man denn da nehmen! Ich möchte was ganz Einfaches … Vanille. Haben Sie Vanille?“
„Ja, natürlich. Wir haben auch schwarze Vanille.“
„Vanilleschoten sind doch immer schwarz“, erwiderte sie verblüfft.
„Das Eis ist schwarz“, erklärte der Kellner.
„Schwarzes Eis?“ Sie schaute ihn ungläubig an. „Junger Mann, also schwarzes Eis möchte ich auf gar keinen Fall! Ich wollte einfach normales Eis. Sie blickte ihn leicht verzweifelt an. „Früher gab es immer so schöne Sorten!“ Sehr hoffnungsvoll kam schließlich folgender Satz über Ihre Lippen:
„Haben Sie denn nicht so etwas wie Fürst Pückler?“

Und da war er. Der Moment, in dem Opa Hoppenstedt auftauchte.
Früher war mehr Lam… Fürst Pückler!

Erdbeer, Schokolade, Vanille. Zack! Der Geschmack klar, jedes Eis eindeutig zu erkennen.
Auch mein Krämer damals hatte nur zwei Eissorten in der Truhe. Vanille pur und fürs Wochenende das beliebte rot-gelb-braune Fürstendreierlei.
Da gab es tatsächlich nie lange Diskussionen, was man denn nehmen könnte!
Kein Beratungsbedarf. Die Entscheidung fiel nie schwer.
Hauptsache es war überhaupt da und es gab nicht zu viele Frühaufsteher.

©März 2014 by Michèle Legrand

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  1. #1 von marliesgierls am 07/03/2014 - 21:23

    Oh jeh! Fürst Pückler!!!! Mein Albtraum. War das nicht auch im Happen von Langnese? Ich weiß nicht, ob ich als Kellnerin, da ruhig geblieben wäre, andererseits, wenn ich mir jetzt meine verstorbene Oma in dieser Situation vorstelle, habe ich auch Mitleid mit der Dame, die Auswahl ist einfach zu groß und fremdländisch. Wir sind ganz schön verwöhnt. Nix mit Capri oder Happen! Wünsche dir ein sonniges Wochenende mit einem Fürst Pückler Becher, vielleicht noch ein Paar Erdbeeren dazu, und einen großen Klecks Sahne! lg Marlies

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    • #2 von ladyfromhamburg am 07/03/2014 - 21:38

      Liebe Marlies, danke schön für die Erdbeeren zum Eis und die guten Wünsche! Dir auch ein sonniges Wochenende und eine schöne Zeit bei dem frühlingshaften Wetter.
      Ich bin selbst kein großer Fan von Fürst Pückler. Ich esse generell wenig Eis, doch würde von Zeit zu Zeit gern mal eine kleine Probe von einigen der exotischen Sorten, die es gibt, testen. Keinen ganzen Eisbecher oder zig Kugeln! Sehr speziell schmeckende Sorten habe ich nach ganz wenigen Löffeln über, da reicht ein bisschen völlig aus.
      Es wird heute enorm geschmacksintensiv produziert, was mir oft zu viel ist. Ich habe vor Jahren einmal in einer Firma gearbeitet, bei der ich Gelegenheit hatte, das Labor einer Partnerfirma zu besuchen, die wiederum synthetische Aromenfür die Nahrungsmittelindustrie und eben auch für die Eisbranche herstellte. Seitdem mir klar ist, dass in den wenigsten Fällen natürliche Produkte für den typischen Erdbeer-, Mango- o. a. Geschmack sorgen, bin ich nicht unbedingt hinter allem her. Nur dort, wo ich weiß, wie und dass mit natürlichen Produkten fabriziert wird. Dann esse ich mit großem Genuss.
      Ansonsten tut es dann und wann eine kleine Packung mit Eiskonfekt – zum spontane Gelüste stillen.^^

      Liebe Grüße
      Michèle

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      • #3 von marliesgierls am 07/03/2014 - 22:01

        So etwas habe ich mir schon gedacht, ich esse auch nicht so viel Eis, früher (d.h. als ich noch nicht vegan lebte) habe ich mir immer in HH in der Europa-Passage bei dem Italiener ein Eis geholt, ich weiß ja nicht, was da drin ist, aber meistens hat es mir sehr gut geschmeckt. Jetzt muss ich es selber machen, das hat den Vorteil, dass ich natürlich genau weiß, was drin ist, und da ist manchmal gar nicht so leicht, einen runden Geschmack zu bekommen, so ganz natürlich. lg Marlies

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  2. #4 von buemichl am 08/03/2014 - 12:58

    Hat dies auf Genussnetz rebloggt.

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  3. #5 von absengeralois am 09/03/2014 - 18:04

    …….ein fruehlingshaftes Laecheln im Gesicht wuenscht dir Alois.

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  4. #6 von finbarsgift am 13/03/2014 - 08:32

    Ja, liebe Michèle, diese kleinen Läden… von früher…
    von vor vielen Jahren ist mir das noch sehr gut bekannt, als mich meine Eltern im Sommer vom Westen aus immer in den Ferien zu meiner Oma ins Erzgebirge schickten…
    als ich dann in der Früh zum Bäcker ging, da gab es auch immer nur sehr wenig…
    Brot vor allem, wenige 08/15-Brötchen und ein paar ganz wenige Eierschecke-Stücke;
    wenn ich davon ein paar erwischen konnte, waren wir alle happy for the day :)
    Liebe Sonnengrüße
    vom Lu

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    • #7 von ladyfromhamburg am 14/03/2014 - 17:32

      Nett, dass du ein bisschen aus deinen Erinnerungen hier lässt. Solche Erlebnisse bleiben eben bei allen Menschen doch irgendwie hängen.
      Schönes Wochenende, Lu und sonnige Grüße zurück (die Sonne kam gerade ein bisschen durch, leider ist es hier seit heute eher wieder grau).

      Michèle

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  5. #8 von Zeitreisender am 17/03/2014 - 10:22

    Köstliche Geschichte! Welches Eis hat die Dame denn nun genommen? Ist sie ohne Eis wieder gegangen? Oder habe ich etwas überlesen? Mit Fürst Pückler gab es auf jeden Fall keine Geschmacksverwirrungen, da wusste man, was man hatte :-)

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    • #9 von ladyfromhamburg am 17/03/2014 - 17:11

      Hallo Volker, sie wählte quasi die Fürst-Pückler-Nachbildung: je eine Kugel Erdbeer, Schokolade und Vanille – natürlich die helle, nicht die schwarze Variante. Ich bin dann weg, bevor sie gegessen hatte und kann dir daher leider nicht verraten, ob ihr die Neuzeitkugeln schmeckten. Da sind nämlich Stücke, sprich Krümel, drin … ^^

      LG Michèle

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