Orchestrale Blätterfallsucht

Die Zeit fliegt. Einerseits gefällt sie mir, diese Tatsache. Auf diese Art und Weise gehört der triste November bald der Vergangenheit an. Andererseits möchte ich sie stoppen, da mir arbeitsmäßig und erledigungstechnisch gerade Stunden fehlen.
Mein Gefühl verkündet mir obendrein, der Blog käme zu kurz. Gut eine Woche ist es schon wieder her, dass hier der Kronleuchter herunterrauschte. Hier im Blog, nicht bei mir zu Hause.
Ich habe festgestellt, Bloggen entspannt. Komme ich nicht dazu, fehlt es mir, und ich hege die starke Vermutung, dass mir nicht etwa die Veröffentlichung der Beiträge das größte Behagen bereitet, sondern vielmehr die Entspannung, die sich beim Ersinnen und Schreiben einstellt.

Seit dem letzten Blogpost habe ich viel am Laptop gesessen. Auch schreibend, jedoch arbeitend schreibend. Recherchierend.
Dabei fällt hin und wieder der Blick aus dem Fenster in den Garten. Bewusst die Augen entspannen. Es heißt immer, man soll das Zwinkern vor dem Bildschirm nicht vergessen.
Was nicht bedeutet, dass Sie mit ihrem PC herumschäkern sollen!
Sie sollen lediglich daran denken zu blinzeln, denn der Lidschlag verteilt den Tränenfilm und befeuchtet die Hornhautoberfläche. Eigentlich geschieht dies ca. zehn bis fünfzehn Mal pro Minute, vor dem Monitor hingegen verringert es sich häufig auf nur noch ein oder zwei Mal. Was daraufhin entsteht, sind trockene, schmerzende Augen. Um so etwas zu vermeiden, ist das Hinausschauen und Ausruhen der Augen für mich inzwischen zu einem Automatismus geworden.

November-Kletterhortensie (Hydrangea petiolaris) - wenige Tage vor dem Frost ...

November-Kletterhortensie (Hydrangea petiolaris) – wenige Tage vor dem Frost …

November-Iris (Samenstand der Iris sibirica)

November-Iris (Samenstand der Iris sibirica)

Sie haben es bei sich bestimmt auch wahrgenommen: Im Garten holt es langsam aber sicher die letzten Blätter von den Bäumen und Sträuchern und – sagen wir es ganz deutlich – es ist gerade Gammelphase!
In der letzten Woche gingen die Temperaturen nach unten, leichter Nachtfrost gehörte auf einmal zum Programm. Was den einen Tag noch anziehend, freundlich, farbenfroh und lebendig wirkte, war anderentags kaum mehr wiederzuerkennen.  Die Kälte hatte unerbittlich zugeschlagen. Zur Blätterfallsucht kamen das Verfrieren, Umknicken und Absterben der überirdischen Triebe, das Matschwerden und das Krumpeln von kurz zuvor noch knackigen Beeren und Früchten.

Die Bauernhortensie ein paar Tage vor dem Frost - Interessante Blattfärbung

Die Bauernhortensie ein paar Tage vor dem Frost / Interessante Blattfärbung –  ein wenig, wie in rote Tinte getunkt.

November-Bauernhortensie (Hydrangea macrophylla) nach dem ersten Frost ...

November-Bauernhortensie (Hydrangea macrophylla) nach dem ersten Frost …

Es ist jedes Jahr wieder verblüffend, die enorme Auswirkung von einer nur zwei oder drei Grad geringeren Temperatur zu beobachten. Wenn es denn gerade an dieser Schwelle zur Frostbildung ist …

November-Farn - vor dem Frost ...

November-Farn – vor dem Frost …

November-Farn ... kurz danach.

November-Farn … kurz danach.

November-Feuerdorn (Pyracantha coccinea) - vor dem Frost

November-Feuerdorn (Pyracantha coccinea) – vor dem Frost

November-Feuerdorn (Pyracantha coccinea) ... durch die Kälte "verkrumpelte" Beeren

November-Feuerdorn (Pyracantha coccinea) … durch die Kälte „verkrumpelte“ Beeren

November-Brombeere ... (Rubus)

November-Brombeere (Rubus) …

In einer der Augenschonpausen habe ich mitgezählt. Sieben, acht … Acht Sekunden hat es gedauert! Achten Sie einmal drauf: das ist lang! Als Blattfallzeit, meine ich.

November-Hahnenfuß (Ranunculus repens)  nach Frostnacht ...

November-Hahnenfuß (Ranunculus repens) nach Frostnacht … und Haselnussblätter!

Ein Blatt des Haselnussstrauchs hatte sich weit oben gelöst und fiel gemächlich zu Boden. Der große gelbbraune Lappen schwebte zwischendurch wie eine kleine Schaukel, tänzelte, als könne er sich nicht dazu durchringen, auf dem kalten Boden zu landen.
Und während das Blatt noch in der Luft verharrt hatte, war ein Windstoß gekommen, hatte es erwischt und an ihm herumgezerrt. Den langen, dünnen Reisigzweigen der Birke war es ebenso ergangen. Sie wurden gepackt, durchgewirbelt und die Blätter sind in Massen gestoben. Ich finde das Wort gestoben übrigens schön! Google fragt allerdings immer ganz dröge, ob ich gestorben meine …

Was ich Ihnen in dem Zusammenhang jedoch eigentlich erzählen wollte, ist etwas anderes. Manchmal höre ich Blätter fallen. Es sind beileibe keine besonderen Blätter, die mit Ratazong auf die Erde rumsen! Sie sind nicht hart, und es geht nicht um den Aufprall!
Ich höre sie in der Luft …
Sie machen Musik, denn ich sehe Instrumente in ihnen. Schwere große Blätter werden zu Instrumenten mit mächtigen, wuchtigen und oftmals tiefen Tönen. Das Haselnussblatt hört sich dann an wie eine Pauke. Andere derartige Blätter klingen nach Kontrabass und Tuba. Die kleineren Blätter hingegen sind – größenabhängig – Violinen, Hörner, Trompeten, Flöten, Klarinetten bis hin zu Piccolo-Flöten und Glockenspielen! Wenn viele Blätter eines Baumes zusammen herunterrieseln, klingt es, als würde irgendwo sanft eine Harfe angeschlagen oder als ob  in Windeseile Pianistenfinger über die schwarzen und weißen Tasten eines Flügels glitten. Ein Miniblättchen, wie das der Berberitze, löst einen Triangelschlag aus.

November-Blauregen (Wisteria, Glyzinie) ... bei Sonnenschein

November-Blauregen (Wisteria, Glyzinie) bei Sonnenschein. Die Blättern rieseln ganz leicht …

Wenn Sie sich im Herbst beim Anblick des fallenden Laubs einer solchen Vorstellung hingeben, dann vernehmen Sie plötzlich tolle Konzerte! Bei Windböen ist es so, als gäbe es keinen Dirigenten. Alles spielt wild durcheinander. Die Lautstärken sind unterschiedlich. Sagen wir diplomatisch, es seien moderne Stücke – oder Sie hören die allererste Probe eines Werks.
Doch sobald bei Kälte das Blätterrieseln einsetzt, diese schlichte, gleichmäßige Blätterfallsucht,  ist der Mann mit dem Taktstock zur Stelle, und sein Orchester beginnt mit dem Konzert.
Oh, ein neues Haselnussblatt!
BONNNGGG!
Das war der Paukenschlag.
Orchestrale Blätterfallsucht
Auch wenn es sich fast nach einer Krankheit anhört, ich liebe sie.

©November 2013 by Michèle Legrand
Michèle Legrand  ©Foto Andreas Grav (Ausschnitt)

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  1. #1 von kowkla123 am 28/11/2013 - 14:42

    das ist so wunderschön geschrieben, da braucht es bestimmt viel Zeit oder, möge es für dich ein guter Tag sein, Klaus

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    • #2 von ladyfromhamburg am 28/11/2013 - 17:28

      Es ist unterschiedlich, Klaus. Meist schwirren Dinge ja länger im Kopf herum, bevor sie aufs Papier fließen. Der Prozess des Schreibens ist dann gar nicht mehr so lang. ^^
      Liebe Grüße zurück und auch für dich noch einen schönen Tag!
      Michèle

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  2. #3 von regenbogenlichter am 28/11/2013 - 18:13

    Das Konzert der fallenden Blätter ist hier schon ein Weilchen vorbei. Nur die Birke und die Lärche (Nadeln, die ja ihre Blätter sind) haben noch welche. Aber du hast recht, es ist ein Konzert und ich liebe es ebenso.
    Und wenn die Blätter „stoben“, sind sie gestorben… in dem Fall hat Herr Google schon recht. ;-)
    LG
    Ute

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    • #4 von ladyfromhamburg am 29/11/2013 - 16:01

      Wo du recht hast, hast du recht, liebe Ute! Gestobenes Gestorbenes … Danke für diese doch sehr beruhigende Feststellung. Ich denke, auch Herr Google freut sich extrem über seine Ehrenrettung. ;-)).
      Liebe Grüße gen Süden!
      Michèle

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      • #5 von regenbogenlichter am 29/11/2013 - 16:36

        Lach….Das tut er bestimmt, meine gute Tat für den Tag. ;-))
        Bitte gerne doch und liebe Grüße in die andere Richtung…
        Ute

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  3. #6 von Klausbernd am 30/11/2013 - 19:50

    Liebe Michèle
    Was für ein Super-Titel und Text und von den Fotos gefallen mir speziell die Farnaufnahmen.
    Liebe Grüße
    Klausbernd

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    • #7 von ladyfromhamburg am 01/12/2013 - 17:19

      Danke für das nette Feedback, Klausbernd! Der Farn hat es mir auch angetan. Ich finde es immer wunderschön, wenn dieser filigrane Geselle vor dem Frost mehrfarbig wird.

      Liebe Grüße zurück und eine schöne Adventszeit!
      Michèle

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  4. #8 von ernstblumenstein am 01/12/2013 - 20:34

    Ein sehr schöner Beitrag, liebe Michèle, sowohl was den gekonnt geschriebenen Text angeht wie auch die passenden und schön beobachteten Natur-Feinheiten. Mir gefallen die unspektakulären, aber bereits vom November gezeichneten Sujets wie die Samenstände und Beeren sehr gut. Chapeau. Liebe Grüsse. Ernst

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    • #9 von ladyfromhamburg am 03/12/2013 - 17:02

      Schön, wenn dich die vom Novemberfrost schon ein bisschen mitgenommenen Pflanzenreste und Früchte/Beeren auch ansprechen. Sie haben etwas, obwohl sie nun nicht mehr makellos aussehen. Vielen Dank für deinen Kommentar dazu hier im Blog, lieber Ernst.

      Liebe Grüße zurück!
      Michèle

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  5. #10 von Silberdistel am 02/12/2013 - 13:45

    Ein schöner Titel für diesen Beitrag und ein Text, der sogleich meine Fantasie beflügelt hat. Ich schaue nämlich auch in meinen Schreibpausen immer wieder in meinen Garten. Viele Blätter sind nicht mehr an den Bäumen und Sträuchern. Die letzten, die dort noch hängen, werden mitunter von meinen gefiederten Futterplatzbesuchern bei ihrem Abflug von Ästen und Zweigen der Sträucher oder Bäume geschnippt. Dank Deines Beitrags habe ich jetzt die unterschiedlichsten Töne dazu im Ohr ;-) So sind diese kleinen Pausen um noch einiges mehr entspannend und zugleich recht lustig. Zu den Klängen der Blätter kommen bei mir noch die Flattergeräusche der Vögel hinzu, manchmal auch ein kurzes Vogelkonzert des Rotkehlchens – es passt enorm gut zu einem fallenden Blatt.
    Danke für diesen wundervollen Beitrag und liebe Grüße von der Silberdistel

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    • #11 von ladyfromhamburg am 03/12/2013 - 17:10

      Freut mich, dass es dir gefiel und zu weiteren Anregungen führte, liebe Silberdistel. Das nun wiederum kann ich mir gut vorstellen: durch Vögel verursachte Geräusche, die sich in das (Blätter-)Konzert mit hineinmischen. Ich werde darauf achten, denn auch bei mir sind die Flattergesellen gern am naschen der restlichen Beeren und erzählen dabei irgendwelche, nicht so ganz eindeutigen Sachen. Das Problem könnte sich eventuell dadurch lösen lassen, dass man den Gesang zum Bestandteil des orchestralen Werks werden lässt. ^^

      Liebe Grüße
      Michèle

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  6. #12 von finbarsgift am 03/12/2013 - 09:26

    Ein TRAUM — dieser Eintrag!
    LG vom Lu

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