Das Phantom der Oper kehrt zurück – Rückblick: Als damals leichte Panik ausbrach …

Michèle Legrand - Michèle. Gedanken(sprünge) @wordpress.comEs kehrt zurück. Das Phantom der Oper. Haben Sie auch automatisch den Klang der Musik im Ohr?
Mittlerweile sind 12 Jahre vergangen, seit es in Hamburg das letzte Mal aufgeführt wurde. Von 1990 bis 2001 spielte ein leicht wechselndes Ensemble vor insgesamt mehr als acht Millionen Besuchern. Nun hat es erneut den Weg in die Hansestadt und sogar an den gleichen Ort, nämlich die Neue Flora in der Stresemannstraße, gefunden. Ab Ende November 2013 lässt sich wieder den Kompositionen von Andrew Lloyd Webber lauschen und das Publikum darf erneut mit und um Christine bangen, die vom verunstalteten Phantom mit der weißen Halbgesichtsmaske in die unterirdischen Gewölbe der Pariser Oper entführt wird.

Bangen ist das Stichwort. Ich wollte Ihnen heute von einer Begebenheit erzählen, die etwas zurückliegt, sich nämlich während der ersten Phase der Musicalzeit in Hamburg ereignete.
Damals hatte eine Hamburger Firma Besuch aus Argentinien. Hohen militärischen Besuch. Generäle, die ebenfalls einige Ehegattinnen mitbrachten und daher bat man mich dazu. Ich sollte die Damen ein wenig unter die Fittiche nehmen, bei Sprachschwierigkeiten helfen, bei abendlichen Anlässen den Männerüberschuss ausgleichen – was auch immer.
An einem der Aufenthaltstage plante man als Abendprogramm einen Besuch beim Phantom der Oper. Dafür, dass ich abends mitkam, hatte ich freien Eintritt, Transport und freie Verköstigung. Musikveranstaltungen sind immer etwas, was auch von Menschen, die kein Deutsch sprechen, einigermaßen mitverfolgt werden kann. Allerdings hatte das Musical vor 27 Jahren überhaupt erst seine Premiere (Oktober 1986 in London), d. h. zu der Zeit, als es nach Hamburg kam, war die Geschichte – trotz des schon lange davor existierenden Romans – immer noch relativ frisch und die Handlung nicht jedem bis ins kleinste Detail bekannt.

Bei militärischen Gästen und manchmal auch damit verbundenen umstrittenen Geschäften, ist die Sicherheit stets ein groß geschriebenes Thema. Vorher (vor dem Eintreffen, vor Veranstaltungen etc.) sickert kaum etwas durch, damit es keine Demonstrationen gibt, während des Aufenthalts wird der Besuch abgeschirmt.
Wie handhabte man es damals an dem Abend des Besuchs in der Neuen Flora?
Die Teilnehmer, die alle im gleichen Hotel untergebracht waren, wurden in einem gecharterten Bus abgeholt. Die Vertreter der Hamburger Firma stiegen dort zu, so wie auch ich selbst. Nichts sollte die Anfahrt der Gäste zum Theater behindern, also wurden Vorkehrungen getroffen, um ein flüssiges Vorwärtskommen zu ermöglichen. Ein Feldjäger mit Blaulicht fuhr vorweg, räumte die Spur, ein Streifenwagen begleitete, ein Sicherheitsposten folgte dem Bus, bis dieser direkt vor der großen Treppe der Neuen Flora hielt. Halten durfte! Die Gäste strömten eiligst hinein, und von da an kümmerte man sich in Bezug auf Sicherheit vorerst um nichts mehr. Dort galt Entwarnung. Was sollte schon passieren? Es kannte ja keiner die Leute, und sie trugen keine ordenbehängten Uniformen, wie es noch am Tag der Fall gewesen war. Manche der ausländischen Gäste fanden den Wegfall der Bodyguards etwas besorgniserregend, denn nach dem Aufwand zuvor, kamen sie sich nun unterbehütet vor. Es brauchte einiges an Zuspruch und die eigene Erkenntnis, dass sie absolut keiner beachtete, bis Ruhe einkehrte.

Die Vorführung begann. Der Handlung in deutscher Sprache zu folgen, war für Argentinier doch schwieriger als gedacht und bald startete eine Art Dauerwisperei. Was sollte man tun? Ich gab kurze, stichwortartige Erklärungen in Spanisch an die Nebenfrau rechts, die sagte es weiter, und so setzte es sich fort. Stille Post. Kein Wunder, dass der letzte in der Sitzreihe manchmal verdutzt schaute. Ich weiß nicht, was dort ankam.

In dem Stück hat das verunstaltete Phantom der Oper, eigentlich ein richtig Schlimmer, an Christine Gefallen gefunden. Es bzw. er ist eindeutig hinter ihr her und möchte selbstverständlich auch ihre Karriere als Opernsängerin fördern. Mit seiner Hilfe soll sie quasi an der Primadonna Carlotta vorbeiwutschen und deren Position einnehmen. Verständlich, dass Carlotta ein Aufstieg der aufstrebenden Nachwuchskünstlerin ein Dorn im Auge ist. Sie sträubt sich vehement, doch während einer Vorstellung von Bizets Oper „Die Perlenfischer“ mit ihr als erster Sängerin, rauscht der große Kronleuchter, der über dem Publikum im Theatersaal angebracht ist, plötzlich hinab. Praktisch für das Phantom, denn in dem Tohuwabohu danach, kann er Christine unbemerkt in die Katakomben der Oper entführen.

Damals wusste jeder in Hamburg aus Zeitungsberichten und Erzählungen, dass die Techniker des Theaters beim Aufbau eine Meisterleistung hinbekommen hatten. Jener große Kandelaber im Saal, der über den Sitzreihen der Theaterbesucher hing, war tatsächlich so präpariert, dass er in dem bewussten Moment an einem Stahlseil ziemlich rasant nach unten Richtung Bühne glitt. Untermalt von dramatischen Geräuschen!

Wir alle hatten fatalerweise vergessen, diese Tatsache vor den ausländischen Gästen vorab zu erwähnen. Die Folgen können Sie sich sicher ausmalen. Angesichts der damaligen Stimmung und des Anschlagsrisikos, das bestand, sowie der generellen Protestwelle gerade gegenüber militärischen Aufträgen aus Argentinien und weiteren Ländern, brach Panik bei den Südamerikanern aus. Schreie, aufspringende Menschen neben mir, die nur noch flüchten wollten. Nur mit Mühe drangen Worte zu ihnen durch. Erst die Tatsache, dass sonst keiner im Publikum – abgesehen von anfänglichen, ganz natürlichen Schreckensausrufen – Anzeichen von ernster Sorge zeigte und nur verwundert schaute, ließ allmählich die Panik abklingen.
Selbst das Ensemble auf der Bühne war durch den Aufruhr etwas irritiert und einen kleinen Moment abgelenkt. Die Musik hatte weitergespielt, doch der Gesang setzte verspätet ein.

Aufregend, das kann ich Ihnen sagen! Ich habe danach von der Handlung nicht mehr so viel mitbekommen, denn die Dame neben mir saß stocksteif im Polstersessel und fragte alle zwei Minuten, ob noch so etwas käme oder ob es ab jetzt inofensivo (ungefährlich) sei. Doch, doch, versicherte ich ihr, alles sei gut. Es drohe wirklich keine weitere peligro (Gefahr) mehr.
Die Anspannung wich, später beim Essen wurde sogar darüber gelacht und der Abend endete in Harmonie und Eintracht.
Ich frage mich manchmal, ob sich vielleicht gelegentlich noch einer der argentinischen Gäste an sein Kronleuchter-Abenteuer in Hamburg erinnert. ¿Te acuerdas del candelabro?

Auch diesmal wird er mit Sicherheit wieder zum Einsatz kommen – als fester Bestandteil der Handlung. Sie könnten sich das Musical anschauen und testen, ob Sie sich auch fürchterlich erschrecken. Kurzzeitig zumindest. Die Vorpremiere war heute (am 20.11.2013), die Premiere folgt am 28.11.2013. Danach gibt es regelmäßige Vorstellungen.

©November 2013 by Michèle Legrand

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  1. #1 von kowkla123 am 27/11/2013 - 16:40

    Alles Gute für heute, Klaus

    Gefällt mir

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