Gwen … Flip-Flops und Meisenknödel

Herbst und die Nachmittagssonne am Mühlenteich - Oktober 2013
Heute Morgen schrieb sie, bei ihr daheim wären 55 Grad. Draußen! Nicht im Backofen. Da hatte sie wohl wider besseres Wissen angenommen, es gäbe auf der Welt nur die Messung in Fahrenheit und das F hinter dem Gradzeichen sei überflüssig.
Allerdings – schreiben wir eigentlich wirklich immer ganz penibel ein C dahinter?
Nun, wie dem auch sei, Gwen nimmt gern an, ich würde schon wissen, würde bestimmt amerikanisch reagieren.
Habe ich frühmorgens aber nicht!
Früh am Tag arbeitet lediglich ein Minimal-Warmlauf-Programm. Ich muss erst langsam auf Touren kommen! Da vergesse ich einfach die Entfernung, die zwischen uns liegt und auch etwaige Unterschiede bei den Maßeinheiten. Immer diese Feinheiten …
Bei mir hatte die Temperaturangabe eine kleine Atemstockung verursacht, gefolgt von einem ungläubigen Blick – anfangs aus dem Fenster und kurz danach auf das eigene Thermometer. Erst dann kamen die Erkenntnis (die amerikanische Reaktion in Form eines großen F, neonorange und blinkend) und das geräuschvolle Ausatmen.
Bei Gwen herrschen also um die 13 Grad Celsius – fast wie hier. Vielleicht drei oder vier zusätzliche Grade im Laufe des Tages – ebenfalls vergleichbar. Eben herbstlich.
Gwen hat immer innere Hitze. Diese Gradzahl wird bewirken, dass sie weiterhin ihre Flip-Flops für adäquat hält. Sie schwenkt eventuell langsam vom Spaghetti-Top auf ein T-Shirt um. Wollsachen sind bei ihr nur bei Minusgraden angesagt, Mützen sowieso verpönt. Sie könnte wahrscheinlich gut in der Arktis klarkommen. Gwen mit leichtem Anorak am Polarkreis. Gwen ohne Handschuhe. Gwendolyn schwitzend, wenn die Quecksilbersäule wieder aus der Minuszone herausschaut.
Warum ich es erwähne?
Gwen empfindet Kälte nicht am Körper, doch sie hat trotzdem das Gefühl für unterschiedliche Jahreszeiten. Welche Jahreszeit wann beginnt – dieses Gefühl, ihres (!), weicht wiederum von meinem ab. Wenn Sie meint, es sei Winter, friere ich – im Gegensatz zu ihr – zwar schon gelegentlich, nur ist bei mir im September trotz allem noch Herbst. Sie jedoch hat in diesem Monat bereits – ungeachtet ihrer aufsteigenden Hitze und der Flip-Flops – das Gefühl, der Winter käme nun über Nacht. Zack! Der Winter mit seinen Folgen.
Daher auch ihre Nachricht. Als Erinnerung.
Nur noch 55 Grad!
Oh, Gott! Es wird Zeit!
Ich habe vergessen zu erwähnen, dass auch unsere Vorstellung von dem, was angesichts der aktuellen Wetterlage in Kürze zu tun sei, sehr unterschiedlich ausfällt. Und hatte ich schon erzählt, dass Gwen mir bereits das erste Mal vor gut einer Woche schrieb? Sie meinte am vergangenen Montag, sie bräuchte jetzt dringend Meisenknödel für ihre Terrassenvogelschar sowieso sämtliche sonstigen herumfliegenden Gartenbesucher. Zu diesem Zeitpunkt war sie noch entspannt und wollte selbst welche kaufen.
Knödel. Nicht Vögel.
Eine weitere Nachricht kam vor vier Tagen. Gwen war am schwitzen. Diesmal vor Aufregung. Der Oktober hatte begonnen, und bei ihr gab es immer noch keine Fettfutterklöße zum Aufhängen!
Ich weiß nicht, was die sich hier dabei denken, doch offenbar sind denen die Vögel total egal …!
So hatte sie sich entrüstet geäußert. Ich hatte versucht, sie zu beschwichtigen.
Es sei noch sehr mild, und die Knödel träfen sicher bald ein …
Sie hörte gar nicht hin.
Die Vögel fänden garantiert weiterhin reichlich in der Natur …
Sie zweifelte das an.
Dann verriet ich ihr, dass Vögel bei mir so früh noch nie Fettfutter bekommen hätten. Überhaupt keine Zufütterung! Ich würde höchstens einmal kleine Obstfitzel auf der Terrasse vergessen oder verlieren, wenn ich draußen genussvoll einen Apfel kaute und aus dem Gebüsch nebenan neidvolle und vor allem penetrante  (Vogel-)Blicke wahrnehmen würde.
Gwen reagierte entgeistert. Ungläubig. Keine Knödel!
Sie sagte nicht direkt, ich sei geizig und grausam, aber es fehlte nicht viel. Gedacht hat sie es bestimmt, während sie einen Augenblick schwieg.
Im nächsten Moment erklang erneut ihr trauriges Stimmchen, dass sie gar nichts zu verfüttern hätte. Sie versuchte mir die Thematik und auch das Drama zu verdeutlichen. Ich müsste das doch verstehen. Der harte Winter in ihrer Region. Ihre „Kleinen“ würden verhungern!
Gwen lebt übrigens in Georgia. Einem der Südstaaten der USA. Deep South.
Nur in den Appalachen im Norden gibt es überhaupt Minusgrade oder Niederschläge, die als Schnee fallen!
Allerdings stammt sie ursprünglich aus einer kälteren Ecke der Staaten. Vielleicht verwechselt sie nun etwas.
Ich versuchte sie also zu verstehen.
Und sagen Sie selbst: Wer kann schon mit Sicherheit wissen oder es gar festlegen, wann für jemand anderen der richtige Zeitpunkt für dessen Tun oder Lassen gekommen ist?
Und kennen Sie etwa die Vögel in Georgia? Genauer, persönlich? Vielleicht kommen die tatsächlich ab Oktober ohne Unterstützung nicht mehr alleine klar!
Was ließ sich machen?
Sie meinte, die Knödel alternativ selbst herzustellen ginge auch nicht, weil das richtige Mischfutter dazu ebenfalls noch nicht erhältlich sei. Es klang verärgert, aber auch mitleiderregend kläglich.
Um den Elend ein Ende zu bereiten, erklärte ich mich bereit, hier in Deutschland nach Meisenknödeln zu schauen und ihr ggf. welche zu schicken. Als Notvorrat, falls in den nächsten Tagen im Süden Georgias Schneeverwehungen und Vereisungen einsetzten und sie – natürlich kurzärmelig wie immer – hinaus zum Füttern müsste.
Gwen schien erleichtert.

Mittlerweile war ich in den hiesigen Geschäften auf der Suche und wurde fündig. Zwischen den letzten Sommer-Sale-Angeboten und den ersten Tischen mit Lebkuchenherzen, Frostschutzmitteln und Streusalz, befand sich ein Ständer mit Vogelfutter aller Art – inklusive der begehrten Knödel im grünen Netz.
Ich schnappte mir einige Packungen und reihte mich in die Kassenschlange ein. Es dauerte ein bisschen. Hinter mir hörte ich irgendwann eine Stimme:
„Du, schau mal, es gibt schon Meisenknödel! Wir sollten auch welche mitnehmen. Jetzt ist bald Winter. Die Vögel brauchen doch was …!“
Ich schaute mich um. Ein Pärchen. Sie schickte ihn gerade los Richtung Futterständer. Sie trug ein Spaghetti-Top und hatte nackte Füße – in Sandalen zwar, aber ich möchte wetten, Flip-Flops hat sie auch.
„Kennen Sie Gwen?“, fragte ich.

Ich habe das Päckchen mittlerweile abgeschickt. Gwen hakte auch schon nach und schob etwas panisch hinterher, dass es in Wyoming geschneit hätte. Hätte Leah geschrieben.
Stimmt, ich habe es auch gelesen.
Doch Wyoming liegt – rein Richtung Norden gesehen – mehr als 800 Meilen (bzw. über 1300 km) oberhalb ihres Staates (es liegt natürlicher auch westlicher). Und Leah wohnt in den Bergen. Das ist jetzt etwa so, als würden Sie in Norddeutschland in Panik geraten und den Schneeschieber vor die Tür stellen, weil hoch in den Alpen ein weißer Zuckerteppich gesichtet wurde.

Ach, ich bin sicher, die Meisenknödel werden noch rechtzeitig ankommen.

Gwen ihrerseits findet übrigens, dass ich viel zu früh im Jahr Kerzen anzünde.
Ende September! Also wirklich! Das sei doch fast noch Sommer …

Ich mag Gwen.

©Oktober 2013 by Michèle Legrand
Michèle Legrand - Michèle. Gedanken(sprünge) @wordpress.com

Advertisements

, , , , , , , , , , , ,

  1. #1 von regenbogenlichter am 09/10/2013 - 07:50

    Also bei unserm Dauergrau der letzten Zeit, sind Kerzen schon schön…. ;-)
    Und am Freitag ist ab 800m Schnee angekündigt… ich hab auch noch keine Knödel…. gg
    Aber im Ernst, jetzt finden die Vögel schon noch was. Bei Dauerfrost und Schneedecke ist Fütterung aber schon hilfreich.
    Und wenn es beruhigt, sind Meisenknödel im September auch in Ordnung. Gwen hat ein Herz für Tiere. :-)
    Liebe Grüße
    Ute

    Gefällt mir

    • #2 von ladyfromhamburg am 09/10/2013 - 23:10

      Ich denke auch, dass es in Ordnung geht, Ute! ^^ Mal schauen, wie die Lage demnächst vor Ort ausschaut.

      Liebe Grüße
      Michèle

      Gefällt mir

  2. #3 von Fotografikum am 09/10/2013 - 21:15

    es gibt im september doch auch schon weihnachtsgebäck, warum soll es für vögel nicht auch schon eine extraleckerei geben?
    :)

    Gefällt mir

    • #4 von ladyfromhamburg am 09/10/2013 - 23:11

      Das hat mich jetzt auch überzeugt, Ernst! :-) Winterspeck anfuttern. Gleiches Recht für alle! ^^

      Liebe Grüße
      Michèle

      Gefällt mir

  3. #5 von ernstblumenstein am 11/10/2013 - 17:57

    Tja, wenn Gwen nur ein bisschen mehr Kenntnisse über die Vogelwelt hätte, könnte sie sich eine Menge Aufregung ersparen. Also Michèle, ich bin am abnehmen und Du sprichst von Speck anfuttern. Eine schön erzählte Geschichte. Liebe Grüsse. Ernst

    Gefällt mir

    • #6 von ladyfromhamburg am 11/10/2013 - 22:02

      Viel Erfolg bei deinem Abnehmvorhaben, Ernst! Ich werde jetzt selbstverständlich nur noch von Salat und Sport reden … ;-)

      Liebe Grüße auch an dich!
      Michèle

      Gefällt mir

  4. #7 von fbtde am 15/10/2013 - 13:12

    Ja, Planten un Bloomen ist schön. So wie die Bilder (aber keine Menschen drauf)

    Gefällt mir

    • #8 von ladyfromhamburg am 15/10/2013 - 15:25

      Hallo! ^^
      Ich nehme an, dein Kommentar ist aus Versehen hier gelandet, denn du beziehst dich in ihm auf den danach folgenden Post, den Streifzug durch Planten und Blomen. Nun, antworten kann ich dir schließlich auch hier.
      Mit den Menschen auf Fotos ist das so eine Sache. Ich möchte die Fotos öffentlich machen, habe aber nicht immer die Möglichkeit, alle Menschen um ihre Zustimmung zu bitten, wenn sie auf Bildern gut erkennbar erscheinen (nicht nur zufällig am Rand oder von hinten zu sehen). Daher vermeide ich gelegentlich ganz bewusst das Ablichten von Personen, besonders, wenn ich tatsächlich die Natur in den Vordergrund stellen möchte. Bei Veranstaltungen, bei denen gerade die Menschen wichtig sind, kläre ich vorab die Möglichkeiten und Rechte.
      Bezogen auf den diesmaligen Besuch bei Planten und Blomen: An dem Tag waren durch das bedeckte Wetter wirklich nicht viele Menschen auf den abgelegeneren Wegen, die ich manchmal bevorzuge.

      LG Michèle

      Gefällt mir

      • #9 von fbtde am 15/10/2013 - 15:35

        Oh, bin ich verrutscht? Sorry . . .
        Im Prinzip hast Du natürlich recht, was die Bildrechte betrifft. Ich kam wohl drauf, weil ich die letzten Male in P & B immer sehr viele Leute gesehen habe und das angenehm fand.

        Gefällt mir

  5. #10 von Silvia am 25/11/2013 - 14:16

    Ein Blick auf eine Landkarte kann manchmal sehr aufschlußreich sein…
    Hab mir jetzt, angeregt von deinem Bericht, selbst bei Plus Meisenknödel gleich mit bestellt, gleich 30 Stück. Wenn die mal nicht reichen, um einen ganzen Schwarm von denen durchzufüttern, weiß ich auch nicht :)

    Gefällt mir

    • #11 von ladyfromhamburg am 25/11/2013 - 19:29

      Silvia, damit solltest du tatsächlich eine Weile längskommen! ;) Sehr vorausschauend und umsichtig!
      Viel Spaß beim Füttern der Bande! ^^

      Liebe Grüße
      Michèle

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Gesellschaft, Politik, Schule, Reisen und mehr

ideas, thoughts, innovations, visions, fears ....

törichtes Weib --- das Leben geht weiter

PRIVATES Tagebuch /// Geschriebenes & Geknipseltes & mehr... so ein 365 Tage Dings von Follygirl

Joesrestandfood

Der Restaurant-Test und mehr. Hier werden Restaurants, Events und außergewöhliche Lokationen vorgestellt und bewertet.

Linsenfutter

Naturbeobachtungen aus Hamm und dem Rest der Welt ~~~~~~~~~~ mit über 1000 Beiträgen und unzähligen Fotos.

%d Bloggern gefällt das: