Wie wird man sie bloß wieder los? – Risiko Zwischenlösung …

Gestern fiel es. In einer Gruppe bei Facebook.
Dieses relativ harmlos erscheinende Wörtchen Zwischenlösung.
Wenn Sie es definieren sollten, dann kämen Ihnen mit Sicherheit massenhaft Synonyme in den Sinn, die allesamt dafür stehen, dass es sich stets um eine Übergangslösung, den zeitlich begrenzten Einsatz eines Ersatzmittels, einen Notbehelf, je nach Situation auch um einen Zwischenzustand handelt.

Zwischenlösung ... hoffentlich!

Zwischenlösung … hoffentlich!

Die Bahnfahrerei, weil das Auto in der Werkstatt ist. Oder der Führerschein perdu.
Das Wohnen bei Bekannten, bis die Renovierung durch ist. Oder die Scheidung.
Das Einkaufen in einem anderen Geschäft, weil der übliche Supermarkt umgebaut wird.
Das Spannen von Tüchern vor dem Fenster, weil noch keine passenden Vorhänge gefunden wurden.
Das zum Pferdeschwanz zusammengeraffte Haar, bis es so weit gewachsen ist, dass endlich der ersehnte, andersartige Neuschnitt möglich ist.
Der Klebestreifen um den Wecker, damit die hintere Abdeckung nicht abfällt.
Der kleine Vorleger, mitten im Raum drapiert, um den Fliederbeersaftfleck auf der Auslegeware zu kaschieren.
Der Kauf größerer Kleidung, weil die Diät, die „morgen“ beginnt, momentan noch keinen Gewichtsverlust zeigt.
Zwischenlösungen.
Ein Übergangsstadium.
Und? Ist es so?
Seien Sie vorsichtig! Lassen Sie sich nichts vormachen!
Machen Sie sich nichts vor!
Gar nicht so selten ist es eben keine Interimslösung, die zu einem zuvor fixierten Zeitpunkt beendet und dann durch eine grandiose, dauerhafte Endlösung ersetzt wird.
Die meisten Zwischenlösungen sind durchaus als vorläufig geplant, doch dann scheitert alles irgendwie kläglich am eigentümlichen Weitergang der Dinge. Oder am persönlichen Schwächeln. Ganz schlimm, wenn sie erst einsetzt: die Gewöhnung!

Auf einmal ist nichts so beständig wie ein Provisorium!

Dieser Begriff klingt nach Zahnarzt. Provisorische Brücke.
Wenn sie von vornherein so einfach und billig gemacht ist, dass sie planmäßig nach fünf Tagen zerfällt und durch ein eben fertiggestelltes, permanentes „Viadukt“ ersetzt wird, ist alles geregelt und bestens.
Keine Gefahr, dass aus der Übergangssituation ein Dauerzustand wird.
In dem Fall liegt das Risiko viel eher darin, dass das Provisorium vielleicht noch nicht einmal die fünf Muss-Tage durchhält. Das wäre bitter.
Kommen Sie hingegen als unerwarteter Notfall mit ramponiertem, leicht gesplittertem Gebiss – vielleicht mit fehlender Schneidezahnecke – zum Doktor, kreiert er Ihnen spontan sehr hilfsbereit als Erste-Hilfe-Maßnahme mit seinem elefantengrauen Universal-Dentisten-Zement eine künstliche Ersatzecke. Sie schauen kritisch angesichts der auffälligen Farbdifferenz zu Ihrem Restzahn, doch er verkündet beruhigend:
Keine Bange, das ist jetzt nur provisorisch! Wir schauen mal, wie lange es hält …
Sie können Wetten darauf abschließen, dass gerade dieses optisch nicht so Anziehende die Fähigkeit und den Willen – den Überlebenswillen! – hat, sich auch noch Ihren zukünftigen Urenkeln zu präsentieren!
All diese Dinge, die Sie liebend gern wieder loswerden würden, haben fatalerweise eine enorme Haltbarkeitsdauer! Es scheint, als wüssten sie um Ihre Abneigung und hielten aus Trotz ewig!

Natürlich sind Sie nicht dazu verdammt, es hinzunehmen und auszuharren!
Sie haben es in der Hand und könnten allem vorzeitig ein Ende bereiten. Wegschmeißen, entfernen, verbannen. Theoretisch.
Provisorium raus – blütenweiße Krone rein.
Aber nein, das wäre ja Verschwendung!
Noch ein klein bisschen warten. Das Provisorium müsste bald kaputt sein …
Irrtum! Muss es nicht!

Notanschaffungen und Ersatzteilbeschaffungen sind …
Stopp! Ich fange anders an.
Was meinen Sie, wie viele Notkleider, vorläufige Ersatzschuhe und Übergangshandtaschen gekauft werden? Als Zwischenlösung, bis das optimale, das einzigartige Objekt der Begierde aufgetrieben ist. So werden – erstaunlich logisch klingend – oft diverse Neukäufe begründet:
Du, das andere war jetzt im Grunde nur so eine Zwischenlösung … Notgedrungen. Irgendetwas muss ich schließlich anziehen, nicht wahr? Doch nun habe ich ja endlich …
Von wegen!
Der Neukauf entpuppt sich dann und wann im Nachhinein überraschenderweise auch als nur vorläufiges Ende der Ersatzbeschaffungsphase. Er ist lediglich eine weitere Zwischenlösung vor dem Vor-Vor-Endaustausch. Doch ich komme vom Thema ab …
Männer machen das übrigens auch!
Deren Übergangsanschaffungen vollziehen sich mehr im technischen Bereich. Smartphones, Computergedöns, Autozubehör, Fotoausrüstung. Technischer Schnickschnack. Da sind sie in ihrem Metier und kaufen provisorisch! Horten oder verteidigen Zwischenlösungen. 

Notanschaffungen werden – ganz grundsätzlich gesehen – offensichtlich dann getätigt, wenn Menschen das Richtige gerade nicht finden, aber zu ungeduldig sind, um zu warten. Oder wenn sie nicht wissen, wie sie komplett ohne auskommen sollten.
So nimmt alles seinen Gang. Er kommt zu Ihnen. Der Zwischenlösungstisch, -vorhang, -bettbezug o. ä. Eigentlich wollten sie andere Hersteller, Farben, Maße, Qualitäten. Ist das Zeug erst einmal bei Ihnen im Haus, ist alles zu spät! Es wird abgewohnt. Seufzend. Erst einmal.
Ist ja nicht für lange …
Denken Sie!
Das bleibt nun ewig!
Im günstigsten Fall tritt eine gewisse Gewöhnung ein, so dass Sie damit dauerhaft klarkommen oder sogar die meiste Zeit völlig vergessen, dass Sie ursprünglich etwas ganz anderes wollten. Wenn es allerdings schlecht läuft, grämen Sie sich jedes Mal, sobald Sie an Ihrem Notnagel vorbeikommen. Diesem ungeliebten Lückenbüßer.
Doch Sie, Sie bleiben standhaft!
Sieht ja noch gut aus … Ist auch noch heil …
Ja! Immer noch!
Wahrscheinlich, weil Sie es/ihn zu gut gepflegt, zu gewieft repariert, zu sorgfältig geschützt haben!
Sie haben bei der Zwischenlösung einfach zu gut improvisiert!

Also Vorsicht bei Ihren Übergangsideen, wenn daraus nichts Dauerndes werden soll. Betrachten Sie es wie einen Infekt, bei dem Sie schließlich auch nicht wollen, dass sich die Chose chronisch entwickelt. Da suchen Sie jedenfalls nach Abhilfe und schicken ihn nach maximal zwei Wochen in die Wüste.
Warum nicht genauso mit den Zwischenlösungen verfahren?

Nur in den ganz seltenen Fällen, in denen sich die ausbaldowerte Notlösung unerwartet als überaus gelungen erweist, als erhaltenswert, sollten Sie sie durchgehen lassen und sie offiziell und endgültig als Endlösung deklarieren.
Wenn Sie hingegen von Langzeit-Notlösungen genervt sind und das ungeliebte Provisorium zum Providurium wird, dann hilft es manchmal:
a) sich dessen bewusst zu werden und sich wieder ganz gezielt auf die Suche nach einer erstrebenswerten Endlösung zu machen oder
b) unauffällig dabei zu helfen, dass das ungeliebte Ersatzteil einen kleineren oder wahlweise auch größeren Schaden erleidet …
Zufällig selbstverständlich.
Ehe Sie sich weiter jeden Tag über Teppich und Fleckversteckvorleger ärgern, schwappen Sie irgendwann halt auch Fliederbeersaft auf den Vorleger.
Aus Versehen.
Erwerben Sie endlich die blickdichten Vorhänge, damit Sie vernünftig schlafen können und schmeißen Sie die ergrauten und verschlissenen Fenstervorspanntücher in den Müll!

Zwischenlösungen sind so gut wie nie vollwertig. Sie ähneln eher einem Flickwerk und sind bestenfalls ein temporärer Kompromiss. Ihre prinzipiell angenommene und vorgesehene Vorläufigkeit hat wirklich ihren Sinn!
Lückenbüßer erhalten nie die Wertschätzung und Achtung, die ihnen gebührt. Sachen nehmen Ihnen das nicht weiter übel. Sie haben keine Seele. Es sind vielmehr Sie, die mit allem klarkommen müssen.
Na ja, ist doch nicht so dramatisch, eher lästig …
Es liegt in Ihrem Ermessen, ob Sie etwas an dem unbefriedigenden Zustand ändern möchten.
Möglich ist es immer.

Wissen Sie, wo (für mich) definitiv nie Lückenbüßer benutzt werden sollten und wo absolut keine Zwischenlösungen angebracht sind?
Im Umgang mit anderen Lebewesen. Ganz generell. Hauptsächlich jedoch im menschlichen Bereich und dort ganz speziell, wenn es um menschliche Beziehungen geht.
Und um Liebe.
Kein Übergang, kein Notnagel, kein Kompromiss, kein Behelf.

©August 2013 by Michèle Legrand
Michèle Legrand ©Foto Andreas Grav (Ausschnitt)

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  1. #1 von Mathilda am 06/08/2013 - 12:40

    Deine letzten Sätze sind auch absolut wichtig und richtig für mich ♥ Mathilda

    Gefällt mir

  2. #2 von regenbogenlichter am 06/08/2013 - 15:46

    Ich kann mich da nur Mathilda anchließen.
    Liebe Grüße
    Ute

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  3. #3 von Stefan am 06/08/2013 - 16:49

    Dem Kommentar von Mathilda schließe ich mich auch sehr gern an. Trefflich auf den Punkt gebracht.
    Liebe Grüße
    Stefan

    Gefällt mir

  4. #4 von ladyfromhamburg am 06/08/2013 - 19:58

    Bei euch herrscht ja große Einigkeit. ^^ Es freut mich, wenn ihr dem Menschlichen auch mit viel Respekt begegnet. Danke für eure Reaktion hier im Blog.

    Liebe Grüße und einen schönen Abend!
    Michèle

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  5. #5 von WoDuWo am 09/08/2013 - 04:27

    Leider gibt es offt viel zu viele Ausreden – wie du sie ausführlich beschrieben hast – auch im zwischenmenschlichen Bereich.
    Im wesentlichen spricht mir Mathilda in ihrem Komentar auch aus der Seele……
    Liebe Grüße
    Franz

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