„Er hatte lila Haare …?“

Michèle Legrand - Michèle. Gedanken(sprünge) @wordpress.comDie beiden fallen auf die Korbgeflecht-Sitzbank, strecken genüsslich die Füße aus und wälzen augenblicklich die Eiskarte. Ein Zehnjähriger mit seiner rüstigen Großmutter. Die Suche nach dem perfekten Eis dauert nicht lang. Die Wahl fällt auf Spaghetti-Eis und einen der angebotenen Kinderbecher.
„Wer bestellt denn?“, fragt der Enkel.
„Mach du mal!“, antwortet sie.
Der Kellner kommt.
„Einmal Spaghetti-Eis und den Kinderbecher, bitte.“
„Kinderbecher?“ Der Ober schaut den jungen Mann prüfend an und meint zu erkennen, dass dessen Hunger größer ausfallen könnte.
„Ich kann dir auch die kleine Portion für Erwachsene empfehlen“ , fügt er informativ hinzu, die Großmutter gleich mit im Blick einschließend, „denn du bist ja schon etwas größer, und da ist etwas mehr drin. Natürlich nicht so viel wie in der großen Erwachsenenportion!“
Der Junge ist verwirrt.
„Der Kinderbecher ist doch nicht für mich! Der ist für meine Oma. Ich habe ja das Spaghetti-Eis!“
„Ach so! – Na ja, im Grunde … aber Sie können selbstverständlich untereinander tauschen!“
Der Ober hat sich einen kleinen Rüffel gerade noch verkniffen.

Die ältere Dame wartet, bis der Angestellte verschwunden ist, beugt sich dann zum Enkel und sagt:
„War doch gut, dass du bestellt hast, sonst hätte ich nachher gar keinen Kinderbecher bekommen.“
Er nickt und sieht dabei ein bisschen stolz aus.

Das Eis ist schon halb verzehrt, als sich die Unterhaltung plötzlich in diese Richtung bewegt:
„Du, Oma, ich muss unbedingt zum Friseur!“
„Ja? Es sieht doch noch sehr ordentlich aus. Was soll denn gemacht werden?“
„Ach, hier (er zeigt auf die Seitenpartien) soll es kürzer und oben hoch und so …“
„Aha. Na, es sind ja Ferien, da hast du doch gut Zeit für so etwas.“
„Ja, ich glaube,  ich geh morgen hin.“
„Alleine?“
„Oma! Echt! Ich kann das …!“
„Das weiß ich, ich meine ja nur, wenn du alleine gehst, dann müssen dir Mama oder Papa eine Einverständniserklärung mitgeben.“
„Wieso das denn?“
„Friseure dürfen Kindern unter 16 Jahren nicht einfach die Haare schneiden! Entweder es ist ein Erziehungsberechtigter dabei oder kommt anfangs mit herein und gibt sein Okay. Ansonsten muss eine jüngere Person eine unterschriebene Erklärung vorzeigen.“
„Woher weißt du das denn?“
„Das musste ich für deinen Papa doch auch machen.“
„Für Papa?“
„Ja, klar. Als er sich die Haare lila färben lassen wollte.“
„Lila? Papa? Er hatte mal lila Haare …?“
Er schaut völlig entgeistert. Unglaube pur. Seine Großmutter verrät Details:
„Als dein Vater 13 oder 14 Jahre alt war, wollte er lila Haare haben. Also habe ich gesagt: Gut, dann mach! Zettel ausgefüllt, Unterschrift drauf. Fertig.
Am nächsten Tag nach der Schule ging er nachmittags gleich zum Friseur. Ich war im Elternrat seiner Schule, und wir hatten an dem Abend eine Sitzung. Ich war kaum dort, da kamen aufgeregt zwei Mütter angerannt und überfielen mich förmlich: Hast du schon gesehen, dass sich Lars die Haare hat färben lassen! LILA?! Sie dachten, ich weiß von nichts und falle nun in Ohnmacht. Doch ich habe nur gesagt: Ja, klar weiß ich das! Ich habe es ihm ja erlaubt.
Der Blick des Enkels drückt eine gewisse Bewunderung aus. Ansonsten interessiert ihn:
„Und wie sah Papa damit aus?“
„Du, das sah klasse aus! Das war jetzt nicht so ein helles Lila wie das hier (sie zeigt auf ein fliederfarbenes Muster in der Nähe). Viel, viel dunkler! Richtung schwarz mit einem sehr starken Lilastich.“
Der Junge muss das erst einmal verdauen. Sein Vater, lila Haare – und Oma fand das damals in Ordnung. Blieb völlig gelassen …
Er kratzt nachdenklich seinen Becher aus.

"Er hatte lila Haare ...?" -Im Blog: Michèle. Gedanken(sprünge) - wordpress.com - Juli 2013

Großmutter und Enkel im lebhaften Gespräch …

„Und sonst so?“
„Was meinst du?“
„Was hat er sonst noch so für Haare gehabt?“
„Na ja, einmal hat er sich alle Haare abrasieren lassen.“
„Eine …Glatze?“ Der Junge kann es nicht fassen. Der Mund bleibt vor Verblüffung offen stehen.
„Ja, eine Glatze – habe ich ihm auch erlaubt. Das hat er mit zwei anderen zusammen gemacht, und hinterher haben sie sich ihre Köpfe mit NIVEA-Creme poliert, weil sie nichts anderes hatten.“
„Warum?“
„Weil es glänzen sollte!“, lautet die Erklärung der Großmutter.
„Glatze finde ich doof!“ Des Enkels Feststellung klingt tief überzeugt.
„Ja, fand dein Vater dann auch. Er hat auch nie wieder eine rasiert … Weißt du, das Gute ist ja, dass die Haare immer nachwachsen. Und ich sage immer: Man muss alles einmal gemacht haben!
Sie wirkt, als würde auch sie sich wirklich an diesen Vorsatz halten.
Er staunt nur und sieht sie offenbar in einem völlig neuen Licht.
„So, mein Jung, jetzt lass uns noch hoch zu karstadt sports. Ich habe da sehr coole Sachen gesehen. Vielleicht fällt was für dich ab …“
Die beiden bezahlen und ziehen unternehmungslustig von dannen.

Wissen Sie, was ich mich nun frage?
Mich würde interessieren,  welche Auswirkung diese Erzählung auf die zukünftigen Unterhaltungen im Elternhaus des Jungen haben wird. Welche Ideen dem Nachwuchs kommen, und was sich der Knabe zum wirkungsvollen Argumentieren zu merken gedenkt.
Und ich wüsste natürlich gern, ob die ältere Dame durch ihre lockere Sichtweise und ihre freimütigen Geständnisse möglicherweise – man weiß es nicht ^^ – familienintern ein ganz klein wenig in die Bredouille gerät … (Mutter, wie konntest du bloß!)

©Juli 2013 by Michèle Legrand

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  1. #1 von Franks Pflanzenlexikon am 09/07/2013 - 19:50

    Oma hat auf jeden Fall bei dem Jungen einen Stein im im Brett und Papa künftig Argumentationsprobleme …

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    • #2 von ladyfromhamburg am 09/07/2013 - 22:04

      So in etwa ist auch mein Eindruck – aber wer weiß. Der Vater ist schließlich der Sohn der älteren Dame – nicht auszuschließen, dass in ihm dieselben Gene schlummern. Vielleicht ist sein Verhalten gegenüber seinem Sohn sehr ähnlich … ^^

      Willkommen übrigens hier bei mir, Frank! Danke für deine Zeilen.

      LG Michèle

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      • #3 von Franks Pflanzenlexikon am 09/07/2013 - 22:29

        Ist ja auch eine schöne Geschichte zum Schmunzeln :-) manchmal würd ich mir sogar wünschen, dass meine Kids auf solche etwas aufsässigen Ideen kommen…., aber bitte nicht verraten. Ohne Widerstand sind lila Haare ja auch sinnlos ;-)

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      • #4 von ladyfromhamburg am 10/07/2013 - 20:21

        Warte es ab, möglicherweise kommen sie noch ganz alleine auf komische Gedanken. Doch Ehrenwort – natürlich wird deinen Kids hier nix verraten. Wir sind ja völlig unter uns! :-D.

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  2. #5 von regenbogenlichter am 09/07/2013 - 22:49

    Ich glaube, Papa (und Mama) wird nichts anderes übrig bleiben, als sich die offene Haltung der Oma zu eigen zu machen. ;-)
    Und lila Haare (und andere Farben) sind doch wieder hochaktuell… letztens musste sich eine doch schon nicht mehr ganz so junge Frau, die gleiche Frisur machen lassen, wie die junge Friseurin. Seiten und hinten ganz kurz (fast Glatze) und oben länger und bunt…
    Und falls Papa die Argumente wegen seiner Glatze ausgehen: „Glatze ist besser, als gar keine Haare“. ;-)
    Und ich hoffe, Papa denkt daran, wie seine Mutter mit ihm umgegangen ist.
    Ich wünsche dir einen schönen Abend
    LG
    Ute

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    • #6 von ladyfromhamburg am 10/07/2013 - 20:31

      Ute, ich schwanke ein bisschen zwischen Bewunderung für die Aufgeschlossenheit und einem leicht durchwachsenen Gefühl, was die erlaubten Dinge angeht. Zum Glück ist mein Nachwuchs mit Wünschen dieser Art gar nicht an mich herangetreten.
      Lockerheit was Kleidung, generell die Art der Frisur/Haarlänge/Styling (allerdings ohne chemische Eingriffe oder Glatzenschnitt), Unvoreingenommenheit, schubladenfreies Denken etc. angeht, finde ich hingegen (altersunabhängig) super und denke, auch selbst danach zu handeln. Alles eingrenzen und bestimmen beraubt einen jeglicher persönlichen Freiheit und Entfaltung.
      Doch Minderjährige und Glatzengenehmigung … Das hätte ich wohl nicht unterschrieben! ^^ *stur*

      LG Michèle

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      • #7 von regenbogenlichter am 10/07/2013 - 20:36

        Vielleicht kann man dann ja einen Kompromiss aushandeln, wie mit dem von mir beschriebenen Haarschnitt.
        So würde ich das vielleicht regeln. Alles verbieten bringt nichts, alles erlauben, aber auch nicht.. vielleicht liegt die Lösung dazwischen. ;-)
        LG
        Ute

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  3. #8 von Franks Pflanzenlexikon am 14/07/2013 - 09:27

    In gewisser Weise gehört die Auflehnung von pubertierenden Jugendlichen gegen ihre Eltern auch zu deren Persönlichkeitsbildung. Wenn von der „Gegenseite“ aber alles toleriert wird, kann diese gar nicht erst stattfinden. Wenn ich mich in der Generation der 14 -18 Jährigen umschaue, deren adrette Kleidung und ihr braves Verhalten betrachte, bereitet mir das etwas Sorge. wo man hinschaut nur Mainstream.

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