„Kannst du auch keine Schleife binden?“

Michèle Legrand - Michèle. Gedanken(sprünge) @wordpress.comSie stiegen dazu und setzten sich mir gegenüber in der U-Bahn auf eine Zweierbank.
Zu dritt.
Großeltern plus ein in die Mitte verfrachteter kleiner Enkelsohn.
Clemens.
Ein bisschen gequetscht.

Es war früher Abend, und das leicht wirre Haar der Herrschaften, ihr etwas erschöpfter Ausdruck sowie das Stöhnen beim Hinsetzen, legten den Schluss nahe, dass Sie nicht im Aufbruch waren, sondern ihr Programm bereits absolviert hatten und nun heim wollten.
Sand an den Absätzen, ebenso an der Spitze des zusammengeklappten Stockschirms und gelb-grünliche Flecken an der Jeans des Kleinen, ließen zudem vermuten, dass sie im Park oder auf einem Spielplatz gewesen waren. Sicher hauptsächlich mit der Absicht, dem Enkel ein schönes gemeinsames und kindgerechtes Erlebnis zu bieten, aber vielleicht ebenfalls mit dem Hintergedanken: Dann ist er abends auch ordentlich müde!
Dieser Plan funktionierte definitiv nicht …!

Er hat nur zwei von drei Personen erledigt. Die Falschen. Clemens ist im Gegensatz zu Oma und Opa putzmunter.
„Kann ich stehen?“
„Nein, Clemens, bleib hier. Wir haben doch jetzt einen Platz.“
„Ja, aber ich will lieber da an der Stange stehen. Oder rumgehen!“
„Hier kann man viel besser aus dem Fenster gucken“, behauptet Opa überzeugend. Der Punkt geht an ihn. Clemens bleibt sitzen und schweigt. Zumindest einen Moment.
„Oma, das ist aber eng!“
Wie gesagt, Zweierbank …
Die Bahn rollt in die nächste Station ein. Neben mir der Platz wird frei. Der Großvater setzt sich zu mir, der Platz neben der Großmutter gehört nun dem Kleinen allein.
„Oma, jetzt habe ich ganz viel Platz. Ich mach es mir gemütlich!“
Spricht’s und zieht bereits die Beine hoch.
„Warte, dann musst du erst die Schuhe ausziehen …!“
Ihm wird kurz erklärt warum und wieso.
Opa findet die Entkleidungs-Aktion ein bisschen ungünstig und erinnert seine Frau:
„Anne, wir steigen bald aus!“
Während Clemens konzentriert mit dem Öffnen seiner himmelblauen Schuhe beschäftigt ist, raunt sie ihrem Gatten zwinkernd zu:
„Ohne Schuhe kann er schon mal nicht weglaufen …!“
„Was hast du gesagt, Oma?“
Clemens hat offenbar ein feines Gespür dafür, wann es um ihn geht.
Die Antwort bleibt aus …

Die U-Bahn fährt in Wandsbek-Gartenstadt ein. Zwei junge Mädchen, wohl gerade Teenies, beabsichtigen zuzusteigen und eilen den Bahnsteig entlang. Die eine hat einen kleinen Chiwawa an der Leine, der jedoch urplötzlich bremst und nicht mehr mit will.
Nichts zu machen!
Ein Esel könnte nicht hartnäckiger sein.
Sie hebt ihn schließlich hoch, trägt ihn eng an die Brust gedrückt, hechtet im letzten Moment in den Waggon und während die Türen hinter ihr schließen, ruft sie frustriert:
„So’n Sch…ß!“
„Was is’n?“, fragt die Freundin.
„Mein Schuh!“
Die Hundebesitzerin trägt Schlappen mit Pailletten, d. h. sie trägt einen. Der andere Fuß ist nackt.
„Der Schuh ist weg!“, antwortet sie klagend.
Der Chiwawa zappelt und will runter. Sie ist genervt.
„Mann, du …!“
Alles nur wegen dir …
Es stellt sich heraus, dass der andere Schuh in der Hetze beim in die Bahn Springen von ihrem Fuß geglitten und in den Spalt zwischen Bahnsteig und Waggon geraten ist.
Gefressen wurde. Wie von einem Müllschlucker.
„Sollen wir noch einmal zurückfahren?“, fragt ihre Freundin.
Eine Dame, die neben ihnen steht und der Unterhaltung folgt, protestiert lautstark:
„Macht das nicht! Steigt bloß nicht in das Gleisbett, denn dort laufen Stromschienen! Das ist lebensgefährlich!“
„Ja, aber der Schuh …!“
„Das ist der Schuh nicht wert!“, lautet die Antwort.
Clemens verfolgt alles höchst interessiert …
Action!

Die Mädchen haben sich überzeugen lassen, kein Wagnis einzugehen.
Der Preis pro Schuh wird errechnet. Die Besitzerin muss 14 Euro abschreiben. Sagt sie.
Diese Rechnung finde ich unlogisch, denn auch den noch vorhandenen Schuh wird sie wohl nicht mehr einzeln tragen. Also sind es eher 28 Euro, die … Aber lassen wir das. Das ist Haarspalterei.
Fakt ist, auf einem Schlappen läuft es sich schlecht. Die junge Dame entledigt sich folglich auch des anderen Schuhs und steckt ihn in ihre Tasche.
Der abgesetzte Chiwawa hat indessen begonnen, seinem Frauchen begeistert die Zehen zu schlecken.
„Oma, guck mal, was der Hund macht!“
Oma schreckt hoch. Sie hat die ganze Vorgeschichte wegen akuter Müdigkeit und intensiven Dösens versäumt.
„Ja, Clemens, das Mädchen hat keine Schuhe an.“ Auf das Lecken geht sie nicht ein.
„Oma, die hat ihren Schuh verloren! Darf die jetzt mit nackte Füße gehen?“ (Die Grammatik eines etwa Vierjährigen)
Auf diese Frage reagiert der Großvater – wie er meint – beruhigend:
„Na ja, so kalt ist es ja zum Glück nicht …“
Das war unüberlegt! Das war eine nicht gut durchdachte Antwort! Denn …
„Opa, darf ich auch barfuß gehen?“
Bevor überhaupt die Chance war zu antworten, startet Clemens energisch mit dem Gezerre an seinen Strümpfen.
„Clemens!“ Oma ist hellwach. „Lass die Strümpfe an!“
„Ja, aber …!“
„Nichts aber! Wir steigen gleich aus! Wir müssen jetzt auch die Schuhe wieder anziehen.“
Ein etwas pikierter, leicht zurechtweisender Blick geht in Richtung des werten Gatten. Walter, heißt er.
Wie kannst du  nur …!
So, als hätte er Clemens mit seiner Bemerkung quasi einen Freibrief erteilt.
Da die Schuhe des Enkels beim ihm auf dem Schoß deponiert sind, folgt die Instruktion:
„Lass dir von Opa bei den Schuhen helfen.“
„Ich will aber auch mal barfuß laufen!“
„Ja, aber nicht heute.“
„Wann denn?“
„Wenn Sommer ist!“, sagt Walter und klingt entschieden.
„Und wann ist Sommer?“

Sie werden zugeben, das ist eine Frage, die sehr, sehr schwierig, wenn nicht gar unmöglich zu beantworten ist, und Sie werden weiterhin zustimmen, dass kleine Kinder Erwachsene – insbesondere mit der Erziehung Beauftragte – manchmal ein wenig fordern …

Sie haben alles wieder im Griff. Der Hinweis, dass sie ihm sofort Bescheid sagen, wenn es warm genug dafür ist (Sommer-Info) und ansonsten jetzt barfuß nicht aussteigen könnten und in der Bahn bleiben müssten, hat gezogen.
Clemens hat superschicke Klettverschlussschuhe.
Nur in den Schuh hineinrutschen, den Riegel überklappen. Fixieren. Fertig.
Die halten gut. Die kann man nicht so einfach verlieren.
Opa ist neidisch.
„Solche Schuhe hätte ich auch gern!“
„Warum denn, Opa?“
„Na, hör mal! Wegen der Verschlüsse! Sie gehen so schön leicht auf und zu.“
Es entsteht eine kleine Pause, in der Clemens diese Information verarbeitet.
„Ach, dann kannst du auch noch keine Schleife, Opa?“

Oma Anne grinst und wirkt zehn Jahre jünger …

Und dann steigen die drei aus.
Munter.
Alle.

@Mai 2013 by Michèle Legrand

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  1. #1 von Cordula Kerlikowski am 30/05/2013 - 18:54

    Herrlichund sehr aufmerksam beobachtet! Bin eben grad nach Hause gekommen und deine Geschichte war genau das Richtige zum Schmunzeln und „runterkommen“
    !!!

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  2. #3 von einfachtilda am 30/05/2013 - 19:07

    Herzig :-D ♥

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  3. #5 von Fotografikum am 30/05/2013 - 21:18

    ich liebe diese klettverschlüsse an den schuhen, noch lieber habe ich aber den gummizug :)

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    • #6 von ladyfromhamburg am 30/05/2013 - 22:34

      Ernst,… kannst du denn … du weißt schon…?
      Ja, du kannst Schleifen. :-)
      Gummizug ist natürlich oberpraktisch zum Reinschlüpfen. Bei Schuhen hat jeder so seine Vorlieben – gerade wenn es um die Bequemlichkeit geht. Sei es nun beim An- und Ausziehen oder beim Tragen selbst.

      LG Michèle

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  4. #9 von regenbogenlichter am 30/05/2013 - 22:04

    Lach, das ist ja wieder eine sehr amüsante Geschichte… danke für’s so toll nacherzählen und so kommen einzelne Schuhe zustande… ;-)
    Ich wünsche dir noch einen schönen Abend.
    Liebe Grüße
    Ute

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    • #10 von ladyfromhamburg am 30/05/2013 - 22:38

      Die Mädels taten mir schon ein bisschen leid. Tja, was macht man jetzt damit? Mit dem einen Exemplar. Warten, bis noch einer verloren geht und dann die Reste kombinieren? ;-)

      Dir auch einen schönen Abend und LG
      Michèle

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      • #11 von regenbogenlichter am 31/05/2013 - 14:12

        Lach, ja entweder das oder als Deko an das Schuhregal hängen. ;-)
        Ärgerlich ist das allerdings schon, beim nächsten Mal wird sie Hundchen wohl gleich unter den Arm klemmen.
        Hier ist Gummistiefelwetter, gab schon die Ansage, dass die Stadt Immenstadt, abends die Scheusen öffnen muss. Da wird jedesmal die Bahnstrecke überflutet. Also keine Chance den Schuh zu verlieren, weil nichts fährt.
        Ich wünsche dir ein schönes Wochenende.
        LG
        Ute

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      • #12 von ladyfromhamburg am 31/05/2013 - 20:10

        Ich habe einige Aufnahmen aus Gebieten, die von Überflutung bedroht sind oder schon davon betroffen sind, gesehen und Berichte gelesen. Das ist fürchterlich und immer wieder kaum vorstellbar, zu welch reißenden Flüssen sich manches Bächlein entwickeln kann. Wenn bei dir in der Nähe deshalb Schleusen geöffnet werden müssen und man dabei sogar die Flutung der Bahnstrecke in Kauf nimmt, muss es ziemlich arg sein. Ich drücke die Daumen, dass dieser endlose Regen bald aufhört und die Pegel wieder sinken!

        LG Michèle

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      • #13 von regenbogenlichter am 31/05/2013 - 23:14

        Dankeschön liebe Michėle und ich denke, ab Montag geht es aufwärts… :-)

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  5. #14 von Pyrolim am 31/05/2013 - 13:36

    Liebe Michèle, was für eine hübsche Geschichte, liebevoll aufgeschrieben. Die hat mir viel Spaß gemacht, ist hatte die Szenerie immer vor Augen.
    Dir ein schönes Wochenende,
    Susanne

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    • #15 von ladyfromhamburg am 31/05/2013 - 20:06

      Vielen Dank für das positive Feedback, Susanne! Auch dir ein schönes (und hier im Norden vielleicht sogar weiter sonniges) Wochenende!
      LG Michèle

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  6. #16 von Silberdistel am 31/05/2013 - 18:26

    Doch ich kann eine Schleife binden ;-) Ich kann sogar auch Klettverschlüsse öffnen und wieder schließen :-D
    Dein Beitrag hat mir wieder einmal sehr gefallen. Das sind so die Geschichten, die das Leben schreibt. Auch, wenn mir das Mädchen mit dem einen Schuh leid tat, ich habe herzlich lachen müssen
    Ich musste diese Frage mit der Schleife bei MEINER Enkelin schon einmal beantworten, weil ich auch Schuhe mit Klettverschluss trug.
    Liebe Grüße von der Silberdistel, die Dir zugleich ein schönes Wochenende wünscht – mit Sonne

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    • #17 von ladyfromhamburg am 31/05/2013 - 20:16

      Da schau an! ;-) Ist das nicht herrlich, wie gradlinig Kinder denken und folgern? Und du hast selbst auch schon eine Enkelin, liebe Silberdistel? Wie schön!
      Es freut mich, dass dich die Geschichte angesprochen hat und wünsche auch dir nun ein sonniges Wochenende. Wir im Norden haben ja ganz gute Aussichten.
      Ich werde nachher noch zu dir lesen wandern – dann ist endlich Zeit dafür!
      LG Michèle

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      • #18 von Silberdistel am 31/05/2013 - 20:24

        Nicht nur ein Enkelkind, inzwischen haben wir sogar zwei.
        Man staunt immer wieder über die Schlussfolgerungen, die Kinder aus manchen Dingen so ziehen. Manchmal glaubt man fast, dass diese Gradlinigkeit im Laufe des Lebens irgendwo ein wenig auf der Strecke bleibt. Schade eigentlich.
        Wir haben uns hier heute auch von der Sonne verwöhnen lassen. Der Norden ist wohl im Moment etwas im Vorteil, was das betrifft. Genießen wir’s ;-)
        Ich freu mich auf Deinen Besuch und schicke Dir liebe Grüße nach Hamburg

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