Das wird nie mein Hobby …!

Michèle Legrand - WordPress.com - ©Foto Andreas GravHaben Sie auch manchmal den Verdacht, dass Sie Sachen tun, die Ihnen schaden könnten?
Ich rede nicht von Lastern wie Rauchen, Trinken, Fast Food verschlingen, Autowettrennen veranstalten, sich die Nächte um die Ohren schlagen, Kloppereien anzetteln, Orgien feiern etc.
Ich spreche von Tätigkeiten, die Sie als pflichtbewusster Mensch erledigen, weil Sie vermuten, dass es noch größeren Schaden verursachen würde, wenn Sie es ließen.
Tätigkeiten, die jedoch Ihrem Naturell und Ihrem Empfinden von Zeitvertreib zutiefst widersprechen. Solche, die Sie nie freiwillig oder gerne machen würden.
Ein Beispiel für eine überaus harmlose Sache wäre Bügeln.
Unnütz wie ein Kropf! Etwas, was definitiv nie mein Hobby wird!
Sie stehen sich die Beine in den Bauch, plätten wie ein Weltmeister die angeblich (haha!) bügelfreie Kleidung, ein paar Tage später ist das Zeug wieder in der Wäsche und alles beginnt von vorne. Immerhin können Sie bei diesen geistig wenig fordernden Aufgaben nebenher an anderes denken, können Pläne machen, laut Musik/Radio laufen lassen oder sogar dabei fernsehen. Der Finger, der mitgebügelt wird oder wie üblich den heißen Dampfstoß abbekommt, ist sowieso dran – selbst wenn Sie nichts ablenkt.
Und sollten Sie nicht bügeln, hat das im Grunde nur die Konsequenz, dass Sie entweder knüllig herumspazieren müssen oder die Sachen eben nicht anziehen können.
Gut, wenn Sie Familienbügler sind, droht unter Umständen noch eine Diskussion mit den Wäsche-Endabnehmern, die gern weiterhin weich gebügelte Unterhosen hätten.
Aber da stehen Sie doch drüber!

Nur gibt es leider auch die härteren Geschütze, die mit den weitreichenderen Konsequenzen. Eine dieser Tätigkeiten ist das Erledigen der Einkommensteuererklärung. Während Sie nicht unbedingt den Antrag auf Lohnsteuerjahresausgleich einreichen müssen (eigentlich die gleiche Prozedur, nur dass es freiwillig ist), sind Sie unter bestimmten Voraussetzungen jedoch gesetzlich dazu verpflichtet, einmal jährlich bis zum 31. Mai eine Einkommensteuererklärung abzugeben.
Wehe nicht!  (Sie erinnern sich, dass ich die Schadensabwägung erwähnte)

So sitzen jedes Jahr Ende Mai, dann, wenn es sich nicht mehr länger hinausschieben lässt und der Abgabetermin drohend näher und näher rückt, Leidensgenossen über das gesamte Bundesgebiet verteilt an ihren Schreibtischen. Raufen die Haare oder wischen die Glatze ab, jammern, stöhnen und fluchen über das, woran sie arbeiten. Beweinen ihre vergeudete, ihre verlorene Zeit!
Wegen STEUERSACHEN!
(Ich würde gerne diese wilden, unleserlichen, aber überaus kraftvollen Zeichen von Abneigung hinzufügen, die meist in Comics in einer Sprechblase auftauchen, sobald der Held frustgeschüttelt ist).

Werde ich mich je damit anfreunden?
Ich vermute, auch dies wird in diesem Leben kein Hobby mehr von mir werden.
Ich habe immer das Gefühl, Steuererklärungen schaden meinem Hirn.
Das ist natürlich nur eine These, aber vieles spricht dafür.
Seit Jahrzehnten kümmere ich mich als braver und ehrlicher Bürger selbstverständlich ungeachtet dessen weiter um diesen elenden Formularwust und halte mich über Änderungen auf dem Laufenden.
Und Änderungen gibt es laufend!
Doch würde ich streiken, wären die tatsächlichen, persönlichen Auswirkungen mit Sicherheit gravierender als die lediglich angenommenen Hirnschädigungen.
Ist es nicht erstaunlich? Es hieß immer, es wird alles vereinfacht, es wird weniger, es passt bald auf eine DIN A4 Seite.
Ach, was! Auf einen Bierdeckel!
Das war es doch, was diverse Damen und Herren (Friedrich Merz, Petra Perle, Paul Kirchhof und Herr Westerwelle) immer propagierten.
Komisch, mein Packen wird immer dicker, der Aufwand mehr nicht weniger …
Bierdeckel!
Wir sind weit davon entfernt!
Doch was soll’s. Wir arbeiten uns durch, bleiben ganz cool, wenn sich wieder die Voraussetzungen, Regeln und Grenzbeträge geändert haben, reagieren gelassen auf zusätzliche Wünsche, atmen nur kurz durch, wenn natürlich die Formularpunkte im Vergleich zum Vorjahresvordruck leicht abweichend angeordnet sind, versuchen in der Anlage so zu formulieren, dass alles glasklar ist und keine Missverständnisse entstehen oder Rückfragen kommen. Wobei die manchmal trotzdem kommen, weil das Glasklare gar nicht gelesen wurde.
Ansonsten klappt jedoch alles hervorragend, und ich bin bester Stimmung.
Warum?
Nun, erstens bekommt man es quasi bezahlt – in Form einer Rückzahlung später im Jahr.
Und zweitens – und das ist mir im Augenblick wichtiger – bin ich fertig damit!
Ja!
Finito! Ende! Aus!
Ruhe im Kasten.

Der Blog ist wieder dran!

Und jetzt kommt mein Hirnschaden …

Ich bekomme nichts auf die Reihe!
Ich habe zwar immer noch – recht grob – Ideen, was Themen angeht, aber meine „Schreibe“ ist blockiert. Ich formuliere bürokratisch! Ich habe Steuertermini im Kopf! Da rotieren so einige Begriffe, selbst nachts!
Das ist, als wäre dort oben ein Nest, und der Geier kreist und kreist und will auch noch brüten!
Es lässt mich irgendwie nicht los.
Das ist schockierend! Sie setzen sich hin, wollen beginnen und sehen im Geist nur die Anlage AV und  unzählige andere Formularbögen. Sie möchten  entspannt etwas erzählen (in diesem Fall Ihnen), Fotos zeigen, von Schönem berichten, bloß schreiben Sie so, als sei am anderen Ende das Finanzamt! Sie schreiben schwarz-weiß, nicht bunt. Genormt, nicht eigenwillig. Gehemmt. Angestrengt. Unspontan.
Hirnschaden halt.

Als ich bemerkte, dass sich nichts erzwingen lässt, habe ich zur Ablenkung erstmals wieder einen Blick nach draußen geworfen und bin fast umgefallen! In den Tagen, in denen ich mich in jeder freien Minute ins Kämmerchen zum Pflichtprogramm zurückgezogen hatte, wuchs im Garten ein Urwald heran!
Als Kurprogramm für mein Hirn habe ich Rasen gemäht, und dabei kam mir die durchaus nicht neue Erkenntnis, dass der Mensch immer erst loslassen muss! In meinem Fall alles aus dem Bereich Steuern. Er muss mit etwas abschließen, bevor er sich unbelastet neuen Dingen zuwenden kann. Manchmal muss er noch einmal abschließend darüber reden, Ballast abwerfen.
Das habe ich hiermit getan.
Sie verzeihen mir, dass Sie heute meine Gesprächsgruppe und die Reha-Abteilung sind, aber anders ist dieser Steuerfluch nicht zu überwinden.

Falls Sie momentan über Ihrer – womöglich ebenfalls hirngefährdenden – Steuererklärung hocken, biete ich Ihnen an, auch für Sie Fluchbekämpfung und Reha bereitzuhalten, wenn Sie so weit sind und es benötigen.
Melden Sie sich einfach zum Ballastabwurf!
Und sollte  bei Ihnen inmitten der Formulare und Belege gerade das große Heulen angesagt sein, habe ich für Sie als Retter den Taschentuchbaum. Zupfen Sie sich eins … Es ist genug Nachschub da!

Taschentuchbaum (auch Taubenbaum,  Davidia involucrata) - Stadtpark - 23.05.2013

Taschentuchbaum (auch Taubenbaum, Davidia involucrata) – Stadtpark – 23.05.2013

Taschentuchbaum (auch Taubenbaum,  Davidia involucrata)

Taschentuchbaum (auch Taubenbaum, Davidia involucrata)

©Mai 2013 by Michèle Legrand

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  1. #1 von einfachtilda am 25/05/2013 - 21:45

    Nur jemanden finden, der das kann und dann seinen Hobbys nachgehen. Bügeln…es gibt jetzt wahrlich gute bügelfreie Blusen und Hemden, dann noch kurz in den Trockner, anziehen, fertig, ab gehts :-D
    Rasen mähen wäre für mich auch nicht optimal, einfach die Umgebung wechseln…aber ich weiß, das ist nicht immer machbar.
    Augen zu und durch ;-)

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    • #2 von ladyfromhamburg am 25/05/2013 - 22:10

      Es lässt sich schon ertragen, Mathilda! ;-) Es ist nur nicht so das Wahre, wenn anderes auf einen wartet, an dem das Herz eben mehr hängt.

      Liebe Grüße, Michèle

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  2. #3 von regenbogenlichter am 25/05/2013 - 21:45

    Also deine Nicht-Hobbys, werden ganz sicher auch nicht meine… ;-)
    Taschentuchbaum? Davon habe ich ja noch nie gehört… Frau lernt nie aus…
    vielleicht stelle ich ja demnächst statt einer Box, so einen Baum auf den Tisch… ;-)

    Liebe Grüße
    Ute

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  3. #4 von regenbogenlichter am 25/05/2013 - 21:48

    Der Baum fasziniert mich, das ist ja eine im wahrsten Sinne uralte Baumart… http://de.wikipedia.org/wiki/Taubenbaum_%28Nadelbaum%29

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    • #5 von ladyfromhamburg am 25/05/2013 - 22:08

      Das ist jetzt ein anderer Baum, Ute. Er nennt sich zwar auch Taubenbaum, ist aber kein Laubbaum. Der ist für sich gesehen hoch interessant, da hast du vollkommen recht!
      Mir gefiel in deinem ersten Kommentar die Vorstellung, diesen Baum als Tischbaum und alternative Tempobox zu halten :-))

      Liebe Grüße und schönen Sonntag!
      Michèle

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      • #6 von regenbogenlichter am 25/05/2013 - 22:17

        Ja klar, zwei Fliegen mit einer klappe… tolle natürliche Deko und Tempos bei der Hand… ;-)

        Dir auch einen ganz schönen Sonntag…
        LG
        Ute

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  4. #7 von Fotografikum am 26/05/2013 - 12:56

    bügeln geht ja noch, wenn auch keine unterhosen, aber wohnung putzen ist für mich viel ätzender.
    lge

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    • #8 von ladyfromhamburg am 26/05/2013 - 13:55

      Ernst, ich habe in der Nachbarschaft eine Dame, die putzt gefühlt immer und zwar gern – was ich überhaupt nicht nachvollziehen kann! Ich habe es selbst gern aufgeräumt und sauber – aber damit ist es auch gut! Ich bin froh, wenn ich damit durch bin und hoffe, es hält lang vor. ;-) Ich kann deine Apathie also verstehen.
      Bügeln finde ich wieder etwas erträglicher, seitdem ich nicht mehr für so viele Leute bügeln muss. Mein Zeugs ist recht schnell fertig und knitterarm, was mich langweilt, sind Batterien von Oberhemden und davon besonders solche Exemplare, die offenbar nicht glatt werden wollen.

      LG Michèle

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  5. #9 von Silberdistel am 28/05/2013 - 12:40

    Ich weiß nicht, ob es in diesem Falle auch stimmt: Geteiltes Leid ist halbes Leid. Mein Herr Silberdistel ist bei uns der Geplagte in Sachen Steuern, schafft es aber auch alljährlich gerade immer so zum Termin. Ich bin die Familienbüglerin, die bei Bedarf jeweils in den Garten flüchten kann. Ich denke, auch wir würden weder die Steuererklärung noch das Bügeln irgendwann zu unserem Hobby erklären. Allerdings fühle ICH mich als Familienbüglerin etwas im Nachteil – MEINE „Steuererklärung“ lastet nach jeder Wäsche neu auf mir, während Herr Silberdistel Ende Mai seine Ruhe hat ;-)
    Liebe Grüße von der Silberdistel, die wieder ihre Freude an diesem Beitrag hatte

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    • #10 von ladyfromhamburg am 28/05/2013 - 18:37

      Ich stimme dir zu, liebe Silberdistel, das ist ein mordsmäßiger Nachteil mit der Häufigkeit des Bügelns :-) Nutz deinen Fluchtweg in den Garten dementsprechend oft oder sprech‘ das mal mit dem Herrn Silberdistel durch. ^^.

      LG Michèle

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  6. #11 von Zeitreisender am 29/05/2013 - 14:11

    Was für dich niemals ein Hobby wird, haben andere als Beruf :-) Aber auch ich finde die Erstellung meiner persönlichen Steuererklärung lästig und zeitraubend… Aber ich lebe noch und habe auch so manchmal eine Schreibblockade. Dieser Blogpost war für mich besonders amüsant :-)

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    • #12 von ladyfromhamburg am 29/05/2013 - 15:54

      Volker, du bist …? :-) Was mich jetzt wieder enorm freut, ist zu sehen, dass sich jemand aus diesem Berufsbereich über mein „Leid“ und kleinere Klagen eher amüsiert und nicht etwa ärgert. Hm, du bestätigst aber indirekt schon, dass man davon Schreibblockaden bekommt, oder? :))

      LG Michèle

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  7. #13 von ernstblumenstein am 02/06/2013 - 16:37

    Bin ich froh, dass ich 1 x im Jahr nur die Steuererklärung machen darf. Ich habe diese Arbeit eigentlich immer schnell fertig. Mein Problem ist nur, dass ich erst etwa 2 Monate nach Abgabetermin damit anfange, weil es mir einfach stinkt…
    Wenn Du meine Taktik übernehmen würdest, hättest Du auch nur etwa 6 Bügeltermine im Jahr. Ueberleg mal, ob sich das machen lässt? Michèle!!! Grüsse. Ernst

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    • #14 von ladyfromhamburg am 02/06/2013 - 23:24

      Danke für diese verführerische Aussicht der reduzierten Bügelaktionen! :-) Ehrlicherweise muss ich sagen, dass es im Laufe der letzen zwei bzw. vier Jahre mächtig abgenommen hat. Erst, als mein Sohn auszog, dann, als meine Tochter es ihm nachtat. Ich habe nicht mehr LKW-Ladungen Bügelwäsche, sondern nur noch die Kapazitäten einen Kombis. Das freut natürlich … Rauszögern bringt bei Bügelwäsche (wird zu trocken und wird noch mühsamer glatt) meines Erachtens im Gegensatz zur Steuererklärungs-Verschiebung relativ wenig , aber das ist natürlich eine Frage der persönlichen Sichtweise. :-D

      LG Michèle

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