„Stellen Sie sich jetzt doof?“

Michèle Legrand - Michèle. Gedanken(sprünge) @wordpress.comIch fahre auf den Aldi-Parkplatz, zu dem es zwei Zufahrten aus unterschiedlichen Straßen gibt. Wie üblich gilt auf solchen Plätzen die Straßenverkehrsordnung.
Rechts vor links.

Man sieht ihn nicht kommen. Er fegt mit seinem Polo von links – aus der anderen Zufahrt – heran, hat mich durch ein Eckgebäude ebenso wenig im Blick, heizt ungeachtet dessen weiter. Aldi, ich komme!
Kreuzt meinen Weg. Zieht haarscharf an meiner Motorhaube vorbei.
Raubt mir die Vorfahrt!
Er stockt erst, als alles zu spät gewesen wäre, hält gut 20 m weiter.
Ich habe noch bremsen können.
Hole tief Luft.
Mann, Mann!
Die Hupe bringt hinterher auch nichts mehr, also habe ich’s gelassen.
Was soll’s, ist eh alles vorbei.
Nichts passiert …
Verdammt! Erschrocken habe ich mich!
Und mein Magen rebelliert gerade durch die eigene abrupte Bremsung. Ich fahre in die nächste Parklücke.
Er hat sich wohl auch verjagt, denn er sammelt sich noch einen Moment. Verharrt unschlüssig mit seinem Auto im Mittelgang und blockiert allen den Weg. Nicht lange, dann setzt er sich wieder in Bewegung, dreht und rollt – nun im Schneckentempo – auf den Platz direkt neben mir.
Och, nö …! Was wird das denn jetzt?
Nun, ich könnte ihm ein paar Takte erzählen …
Ach,vergiss es – ist doch vergebene Liebesmüh. Der Schreck reicht ihm vielleicht auch schon.

Als ich meine Tasche aus dem Kofferraum hole, steigt er langsam aus. Vor sich hinbrütend. Und dann spricht er dumpf diesen intelligenten Satz:
„Wenn Sie jetzt in mich hineingekarrt wären, hätten Sie ja auch noch Recht gehabt!“
Bitte wie?
„Oh, hat man das Recht zum Hineinkarren?“, frage ich ihn.
„Ja, nicht so….! Ich meine …“
Ich habe ihn schon verstanden, doch ich finde, dass ich nach dem Schrecken ein bisschen Triezen und vorgetäuschte Blödheit guthabe.
„Ich hätte gedurft?“
„Nein, nein!“, haspelt er eilig, „ich wollte sagen …“
„Sie meinten, Sie hätten es heute verdient?“
„Nein!“ Er ist genervt. „Ich wollte doch nur damit sagen …“
Dann endlich geht ihm ein Licht auf. Vielleicht hat er das minimale, amüsierte Blinzeln bei mir bemerkt. Ihm schwant, dass bei Blonden Dummheit manchmal auch nur gespielt sein könnte.
Nur – es ist halt lediglich eine vage Vermutung!
Er jedoch möchte Gewissheit.
Deshalb folgt in Form einer Frage eine weitere intelligente Glanzleistung:
„Stellen Sie sich jetzt doof?“
Oh, Gott!
(Mal ehrlich, müssten Sie das jetzt noch fragen?)
Das Teufelchen in mir hat mittlerweile genug gespielt. Irgendwie ist die Luft heraus. Ich beschließe, es zu beenden.
Ich beantworte seine Frage also mit ja und ergänze:
„Weil ich nicht in Sie hineingekarrt bin, bin ich im …, habe ich … Sie wissen schon … Das mit dem Recht. Dann ist Veräppeln und Dooftun rechtens.“
Er lässt es sich durch den Kopf gehen, und da das länger dauert, gehe ich.
Entschwinde mit dem Gefühl, dass wir irgendwie doch in Frieden geschieden sind.
Er lächelte zumindest etwas – wenn auch verunsichert.

Zwischendurch sah ich ihn im Laden beim Einkaufen wieder. Manchmal kreuzten sich unsere Wege in einem der Gänge. Er schaute jedes Mal zu mir hinüber. Erst verlegen, später verschwörerisch grinsend.
So, als hätten wir jetzt zusammen ein ganz großes Geheimnis …

©Mai 2013 by Michèle Legrand

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  1. #1 von einfachtilda am 08/05/2013 - 21:14

    ;-) ♥

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  2. #2 von Susanne Haun am 09/05/2013 - 05:40

    Einen schönen Feiertag :-) :-) :-)

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  3. #4 von Asta Toril am 09/05/2013 - 10:25

    So elegante Lösungen finden nur Frauen, warum weil sie Geheimnisse lieben!

    Gefällt mir

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