Rentier mit Krokantbecher

Die Zeit, in der ich ohne Kamera auskommen muss  (ich vermisse sie sehr!), möchte ich – was den Blog angeht – gern für etwas Spezielles nutzen. Ich würde gern Ergänzungen vornehmen!
Daher taucht heute an dieser Stelle ein Beitrag auf, der (in einer anderen Version) vor zwei Jahren auf der Seite http://www.goodnewstoday.de veröffentlicht wurde. Einer Internet-Seite, die es sich zum Ziel gemacht hat, positive Nachrichten (good news) zu verbreiten. Eine ganze Reihe meiner Erlebnisse ist vorrangig 2010 dort gelandet.

Ich erwähne gelegentlich Robert Redford oder den Krokantbecher und manche fragten nach dem Hintergrund. Falls es Sie auch interessiert, Sie Lust haben, es noch nicht oder nicht mehr kennen, dann lade ich Sie heute herzlich ein zum:

Rentier mit Krokantbecher

Sie haben das Tier der Lappen vor Augen und wundern sich?
Sie müssten mittlerweile als Stammleser wissen, dass ich es manchmal sehr liebe, Verwirrung zu stiften – die ich selbstredend auch wieder auflöse!
Es geht heute im Blog um einen Herrn im Ruhestand, einen Rentner, auch Rentier genannt, sowie einen Besuch im Eiscafé.
Solche althergebrachten Begriffe wie Rentier, die haben schon etwas, oder?^^
Und Krokantbecher. Ich kann mir nicht helfen, auch dieses Wort erschien mir absolut titeltauglich.

Lassen Sie uns beginnen:
Ich sage Ihnen nichts Neues, wenn ich Ihnen verrate, dass manche Wochen es in sich haben und manche Tage ziemlich bescheiden anfangen. In einem solchen Fall gibt es immer mindestens zwei, wenn nicht gar drei Möglichkeiten, damit umzugehen:
1.
Sie können jedes negative Puzzleteilchen des Tages aufpicken, aufbauschen, jammern und leiden. Gut macht es sich auch, depressiv dreinzuschauen und zu muffeln. Auf jeden Fall sollten Sie den anderen gehörig auf die Nerven gehen und ihnen generell an allem die Schuld geben!
Vorteil: Gefühlt geht es den anderen jetzt ebenfalls nicht so blendend.
Nachteil: Die Situation ist immer noch bescheiden, und es fördert nicht gerade die eigene Beliebtheit oder die eigene Zufriedenheit mit sich selbst.
2.
Ignorieren, so weit dies möglich ist. Gute Miene machen zum ganzen Elend. Hinnehmen, ergeben ertragen, still vor sich hin leiden. Abwarten.
Vorteil: Keiner
Nachteil: Die Passivität ist deprimierend. Der Ärger nagt. Die Situation bleibt.
3.
Wenn der Tag bis – sagen wir – 15 Uhr katastrophal war, dann kann dies eigentlich nur bedeuten, dass das Gute, das an jedem Tag passiert, eben heute noch dran ist, und Sie mit dem anderen Elend jetzt gleich durch sind.
Vorteil: Sie können das Zurückliegende abhaken und sich auf das Kommende freuen.
Nachteil: Sie müssen sich ein bisschen selbst darum kümmern, dass Ihnen das Positive auch auffällt. Das klappt besser, wenn Sie nicht gerade mit Punkt 1 und Punkt 2 beschäftigt sind …

Ich befand mich dieser Tage  in jener erwähnten 15-Uhr-Situation und wollte mich, zum Abschütteln des ersten Teils des Tages und zum Begrüßen des zweiten Teils,  in dieser Übergangsphase mit einem Kaffee vergnügen.
Liebend gerne hätte ich es in dem gewohnten Coffee Shop getan, dem, in dem auch die Geschichte über den Rolltreppen-Voyeurismus (siehe Link unten) entstand. Leider stellte ich fest – er hat zugemacht!

Wissen Sie, was mir dabei auffiel?
Sämtliche Läden, in denen ich in den letzten Jahrzehnten hin und wieder mal eine Tasse Schwarzes trank, sind nach einer Weile geschlossen worden!
Ich fragte mich natürlich doch leicht verunsichert, ob ich mir tatsächlich eine neue Kaffeebleibe suchen sollte oder ob dann auch dort bald das letzte Stündlein geschlagen hätte …
Was soll ich Ihnen sagen, ich schob energisch jegliche Bedenken beiseite, fuhr mit der Rolltreppe eine Etage höher und besuchte dort ein Eiscafé.
Vor einiger Zeit wechselte der Inhaber, und man baute komplett um. Es wurde sich viel Mühe hinsichtlich der Dekoration gegeben, ist an einigen Stellen aber etwas overdone. Sehr viel Gold, Lederimitat und Glanz. Andererseits – ich glaube, man gewöhnt sich daran …

Eiscafé - Blogpost: Rentier mit Krokantbecher

Im Eiscafé …

Wie geht es Ihnen, wenn Sie zwangsweise, aus der Not heraus, irgendwo neu hinzustoßen? Fühlen Sie sich sofort heimisch?
Ich brauche immer ein bisschen, muss mich umschauen, horchen und mich an Gerüche gewöhnen.
Ich setzte mich also inmitten einer Kissenflut auf eine Eckbank an einen etwas größeren Tisch, denn die kleinen 2er-Tische waren besetzt. Versuchte abzuschalten, was mir auch gelang, bis sich neben mir im Gang eine lautstarke Diskussion zwischen der Bedienung und einem Pärchen mit Kinderwagen entwickelte. Wie sich herausstellte, hatte das Center-Management harte Auflagen erlassen, was das Freihalten der Fluchtwege, sprich Gänge, angeht. Ein Kinderwagen darf dort neben dem ausgewählten Tisch nicht in den Gang ragen. Es war zwar mindestens noch ein Weg von einem Meter Breite frei, aber Auflage ist Auflage!

Während ich meinen Blick in die Runde gleiten ließ, registrierte ich, dass mein Tisch perfekt sein würde, denn es gab hier eine Nische, in die das Gefährt ideal hineingepasst hätte. Also bot ich an, als Einzelperson mit meiner Kaffeetasse umzuziehen. Spontan, wie ich manchmal halt bin. Große Begeisterung, Dankesbekundungen, etc.
Soweit prima – nur, wohin sollte ich jetzt gehen?

Cafè Latte - Blogpost: Rentier mit Krokantbecher

Cafè Latte …

Überall saß schon mindestens eine Person am Tisch. Aufdrängen mochte ich mich nicht. Im Stehen Kaffee trinken hatte ich allerdings auch nicht geplant und so entschloss ich mich, einen älteren Herrn zu meiner Linken zu fragen, ob ihm meine Gesellschaft recht wäre. Es löste bei ihm einen überaus erstaunten Blick aus, doch nach drei Sekunden Bedenkzeit wurde mir die Genehmigung zum Platz nehmen erteilt.
Ich beschäftigte mich ein wenig mit meinem Stift und dem Notizblock und beobachte ihn unauffällig aus den Augenwinkeln.
Auch so eine Manie von mir, gerne wissen zu wollen, mit wem ich es zu tun habe. Wer mir so dicht auf die Pelle rückt, oder – wie in diesem Fall – wem ich nahe komme.

Sein Alter war schwer zu schätzen. Rentier, also Rentner, auf jeden Fall. Wenn ich ihn beschreiben sollte, würde ich sagen: Denken Sie an den Film mit Robert Redford, den, in dem er einen Fliegenfischer spielt. Addieren Sie Jahre und Falten hinzu, und Sie haben meinen Tischnachbarn. Eine allgemein große Ähnlichkeit der Gesichtszüge,  aber auch ansonsten der Typ einsam im Fluss stehender Angler mit wettergegerbtem Gesicht.
Wortkarg.
Ruhe ausstrahlend.
Und vor ihm stand sein Espresso.
Nachdem meine Erkundung abgeschlossen war, stellte ich fest, ich saß genau am richtigen Tisch. Der Herr übertrug diese ihm eigene Ruhe, und das tat enorm gut! Außerdem schien er keinerlei Bedürfnis zu haben, unbedingt eine Unterhaltung zu führen.
Nichts Ablehnendes in der Haltung, im Gegenteil!
Es war ein sehr einvernehmliches und friedliches Schweigen.
Sein rechter Arm bereitete ihm momentan offensichtlich Probleme, denn er trug ihn in einer schwarzen Schlinge.
Ich trank weiter meinen Kaffee, während das Pärchen das kleine Kind aus dem Kinderwagen gehoben hatte und es, nun auf der Sitzbank hockend, mit einem prallen Luftballon spielen ließ.
Die Bedienung trat an den Tisch und setzte einen Krokantbecher für den Fliegenfischer ab. Er freute sich sichtlich und begann, den Löffel in der linken Hand, sein Eis zu vertilgen.
Er musste definitiv Rechtshänder sein, denn er tat sich jetzt schwer. Kleine harte Krokantstückchen auf Sahne verschwanden etwas ungelenk hinter seinen Lippen. Wenn er mit links nicht genau die Mundöffnung traf, blieben Sahnereste an der Oberlippe hängen.
Plötzlich ein ohrenbetäubender Knall!
Ich fuhr zusammen. Mein Kaffee geriet ins Schwappen. Ihm fiel der Löffel aus der Hand, gefolgt von seinem erschrockenen Einziehen des Atems.
Dem Kleinkind war der Luftballon geplatzt!
Während ich mich schon wieder etwas beruhigt hatte, wurde er plötzlich knallrot und fing an zu husten. Es wirkte recht bedrohlich, doch er winkte ab, es schien nur immens im Hals zu kratzen.
Wirklich alles okay?
Er wurde immer dunkler und japste. Krokant ist nicht ohne …
Ich fragte die Bedienung, die sich leicht besorgt in sicherer Entfernung bemühte wegzuschauen, nach einem Glas Wasser. Als sie zögerte, wiederholte ich die Bitte und erwähnte, dass es nett wäre, wenn sie es jetzt gleich bringen würde, so lange der Gast noch lebte …
(Ja, wundern Sie sich ruhig. Sie kennen mich sonst sehr friedlich, nur als  in einer solchen Situation keinerlei Reaktion erfolgte …)
Ihr Verhalten war höchst seltsam, sie holte zwar das Wasser, schien sich damit aber nicht heranzutrauen. Also stand ich auf, ging zu ihr, nahm es ihr ab und reichte es weiter an Herrn Redford.
Er trank vorsichtig kleine Schlucke, das Husten ebbte langsam ab, und seine Gesichtsfarbe wechselte wieder in den Normalbereich.
Die Bedienung erwachte nun auch aus ihrer Starre und verhielt sich von da an wieder formvollendet.

Ein finales Räuspern, dann war er soweit, dass er grinsen konnte und trocken verkündete, er hätte nicht den Krieg überlebt und einen Fahrradunfall (daher der Arm in der Schlinge), um letztendlich in der Eisdiele an Krokant zu ersticken.

Rentier Robert Redford und ich  haben danach noch eine Viertelstunde höchst angelegentlich miteinander geplaudert und sehr vergnügliche Minuten miteinander verlebt.

Die 15-Uhr-Regel hatte sich an diesem Tag, der so unruhig und nervig begonnen hatte, wieder einmal bewahrheitet. Das Elend hatte sich verzogen, aufgelöst.
Und bei Ihnen? Nicht?
Seien Sie guten Mutes! Es klappt auch bei Ihnen!
Manchmal müssen Sie nur etwas genauer schauen. Oder ein bisschen mehr mit daran herumbasteln.
Dann wird’s …

Hier noch der Link zum „Rolltreppen-Voyeurismus“:
https://michelelegrand.wordpress.com/2012/06/27/bloglesernachfrage-was-ist-bitte-rtv-heute-die-ganze-geschichte-dazu/
Oder auch der Link zu „Zerstört mir nicht die Kaffeehausatmosphäre!“:
https://michelelegrand.wordpress.com/2010/12/04/umstellungen-kaffeehausatmosphare-nervtoter/

PS In dem Eiscafé ist es 2012 übrigens sehr nett und auch nicht mehr so streng hinsichtlich der Gangfreihaltevorschriften.

©Dezember 2012 by Michèle Legrand

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  1. #1 von regenbogenlichter am 11/12/2012 - 12:39

    Das ist wieder ein sehr unterhaltsamer Artikel… Rentier…ja lach… Ja und manche fallen regelrecht in eine „Schockstarre“ und sind nicht in der Lage anderen zu helfen. Das (der) Rentier hatte aber auch den Schelm im Nacken, von wegen den Krieg überlebt und dann an Krokant ersticken.
    Danke für die „Mittagslektüre“ und dir einen ganz schönen Tag, vielleicht ja bei einem Kaffee..sieht doch ganz nett aus da… ;-)
    Liebe Grüße
    Ute

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    • #2 von ladyfromhamburg am 11/12/2012 - 12:45

      Hallo, Ute,
      ja, der Herr Redford hat eine sehr still-humorvolle Art. Eine angenehme Mischung …
      Ich war übrigens gerade eben (während du hier warst) auf deinem Blog zu Besuch. Dein Schneebild mit dem Zaungucker ist einmalig!

      LG Michèle

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      • #3 von regenbogenlichter am 11/12/2012 - 12:46

        Dankeschön, das freut mich… :-)
        Hab schon gesehen, dass du da warst. ;-)

        LG
        Ute

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  2. #4 von Mathilda am 11/12/2012 - 13:54

    Eine sehr nette Geschichte, die mich schmunzeln ließ.
    Für mich muß ein Cafe einfach gemütlich sein, aber nicht in der Form von altem Tüddelkram, ich mag es auch gerne mit Gold und Schischi, aber nicht überladen und ja, auch gemütliche Ecken und nach Möglichkeit auch allein sitzen :-D
    Robert Redford…Rentier…alles klar, dann weiß ich, was auf mich irgenwann mal zukommt :lol:

    LG Mathilda :-)

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    • #5 von ladyfromhamburg am 11/12/2012 - 20:26

      Hallo, Mathilda, schön dass du vorbeigeschaut hast, und danke für deinen Kommentar zum Rentner/Rentier!
      Tja, so läuft es manchmal unterwegs beim einfachen Kaffeetrinken! Sei auf alles gefasst! ;)

      LG Michèle

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  3. #6 von Fotografikum am 11/12/2012 - 16:18

    ich dachte, dass es nur mir so geht mit den coffeeshops, die dichtmachen nachdem ich sie einige male aufgesucht habe.
    lge

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    • #7 von ladyfromhamburg am 11/12/2012 - 20:28

      Ach, sag bloß du hast auch ein paar auf dem Kerbholz? :-) Merkwürdig ist das schon, oder?

      LG Michèle

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  4. #8 von Ernst am 13/12/2012 - 12:30

    Du hast eine tolle und feinfühlige Kurzgeschichte geschrieben, sie gefällt mir, dem Rentier, sehr. Zwar war ich nie Fliegenfischer und kenne auch den Film mit RR nicht. Da aber Fliegenfischer eher auch unkonventionelle Typen sind, so bin ich dem Fliegenfischer wieder sehr ähnlich sein. Aber Du kannst unmöglich mich gemeint haben. Grüsse aus dem Aargau. Ernst

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    • #9 von ladyfromhamburg am 13/12/2012 - 18:14

      Wenn du dich ein wenig angesprochen fühltest, lieber Rentier Ernst, dann müssen definitiv Ähnlichkeiten (nicht unbedingt äußerlich) vorhanden sein. Doch da sich die Geschichte schon 2010 zutrug – als ich dich noch gar nicht kannte – kann ich dich tatsächlich nicht gemeint haben. ;-) Sollte ich den Herrn wiedertreffen, werde ich ihm berichten, dass ich einen Schweizer kenne, der wesensmäßig große Ähnlichkeiten aufweist…

      LG Michèle

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