Gefühlt wie …

Wann sind Sie das erste Mal darüber gestolpert, haben bewusst diesen Ausdruck wahrgenommen?

Gefühlt echt ... (Bronze Mann auf Giraffe von Stephan Balkenhol, 2000)

Gefühlt echt … (Bronze „Mann auf Giraffe“ von Stephan Balkenhol, 2000)

Gefühltes Etwas. Gefühlt wie …
War es in einem Zeitungsartikel, der die gefühlte Inflation erwähnte?
War es beim Wetterbericht, der Ihnen verkündete, die Temperatur läge am Morgen bei 0°C, aber gefühlten -4° Celsius?
Geschah es im Frühjahr nach der Umstellung von Winterzeit auf Sommerzeit? Als Sie morgens aufstehen mussten bei gefühlter noch Nacht?
Oder fiel es Ihnen eher kürzlich Ende Oktober auf, als Ihnen die Stunde zurückerstattet wurde? Wie war das?
Gefühlt wie geschenkt?
Vielleicht erlebten Sie die Bekanntschaft mit diesem Begriff nach unheimlich anstrengenden Tagen, wenn der Kopf gefühlt wie leer war.
Nein! Ich tippe auf eine ausgiebige Party mit durchzechter Nacht, nach der Sie sich vorkamen wie gefühlt 100.
Oder gefühlt tot.
Ein Gefühl, welches häufig in derartigen Situationen erwähnt wird, dessen genauen Zustand jedoch die wenigsten wirklich kennen dürften.

Merkwürdig, merkwürdig …

Derartiges ist relativ häufig im täglichen Sprachgebrauch zu finden. Warum, dazu kommen wir gleich.
Es gibt Unterschiede.
Sie finden  zum einen Weniges, was gefühlt vom tatsächlichen Zustand, Wert, o. a. abweicht und  sich  physikalisch oder auf andere Art erklären lässt – oder  sich gelegentlich zumindest den Anschein gibt, etwas zu sein, was auf irgendeine Weise wissenschaftlich fundiert und nachvollziehbar wäre.
Die schon erwähnte gefühlte Inflation gehört dazu. Sie ergibt sich aus der Tatsache, dass Dinge Ihres täglichen Gebrauchs im sogenannten Warenkorb, der zur Berechnung der Inflationsrate herangezogen wird, nicht verteten sind. Diese – dummerweise gerade Ihre speziellen Einkäufe – sind im Schnitt teurer geworden als das errechnete Mittel, was Ihnen das Gefühl beschert, die Inflationsrate sei viel höher. Es trifft Sie im Grunde aber nur (zufällig) stärker.
Sie kaufen aber auch seltsame Artikel!
Was die gefühlten Temperaturen angeht, gibt es tatsächlich eine Formel, nach der kalkuliert wird, wie exakt (wahrscheinlich) der Mensch die tatsächliche (=gemessene) Gradzahl empfindet.
Sie ahnen es vermutlich, es gibt einen Zusammenhang zwischen Ihrem Empfinden, Ihrem Körperbau, der realen Gradzahl und vor allem den ansonsten noch vorherrschenden anderen Witterungseinflüssen.
Bei feuchter Kälte (Luftfeuchtigkeit spielt eine große Rolle), ungemütlichem Dauerniederschlag und gleichzeitigem Wind (entscheidend ist die Windgeschwindigkeit) sowie entsprechend trostlosem, grauem Himmel (auch die optische Wahrnehmung beeinflusst), kühlt Ihr Körper enorm schnell aus. Prompt sackt die Gefühlt-wie-Gradzahl rasant in den Keller, und der Bibbereffekt tritt schon ein, obwohl Sie sonst gerade erst in sich gehen, ob Sie Ihre Daunenjacke nun bis oben schließen sollen oder nicht.
Umgekehrt bringen ein bisschen Sonnenschein, eine aufgelockerte Wolkendecke, Trockenheit und Windstille eine reguläre Temperatur von 0°C locker auf gefühlte +5°C. Also Daunenjacke wieder auf …
Wenn Sie zufällig an solch einem Tag obendrein noch über ein intensiv hüpfendes Herz und in Wallung geratene warme Gedanken verfügen, wird für Sie aus November im Nu gefühlt Frühling.

Gefühlt gefährlich ... (Warnung vor dem Pinguin)

Gefühlt gefährlich …!

Was stellen wir fest?
Handelt es sich um Themen wie Zeit, Alter, Temperatur, Geschwindigkeit, Gewicht, Geschmack, Lautstärke, Geruch, etc., begegnet uns überall dieses gefühlt wie – allerdings dort in vergleichender und beschreibender Form.
Ohne jeglichen Anspruch auf wissenschaftlich korrekte Auslegung, Berechnungen oder Ergebnisse.
Es ist schlicht und einfach unsere Art der bildhaften Darstellung dessen, was wir empfinden. Ursprünglich unser Bedürfnis, dieses ganz persönliche Empfinden anderen mitzuteilen und vor allem verdeutlichen zu wollen. Plastisch darstellen. Und diese zweite Variante des Gefühlt wie-Ausdrucks, kommt ständig vor. Die meisten Menschen nutzen sie täglich im Gespräch mit anderen.

Diese Ansichten!
Gefühlt wie im Mittelalter!
Die Ausstattung ist ziemlich rückständig.
Gefühlt 60er Jahre.
Sind Sie bereits zur Tagesschau müde?
Ja, gefühlt wie um 23.00 Uhr.
Es ist so heiß und stickig hier!
Gefühlt wie in der Sauna.

Hamburg: Gefühlt asiatisch ...

Hamburg: Gefühlt asiatisch …

Wie benimmt sich denn der?
Gefühlt wie ein Fünfjähriger.
In dem Kleid komme ich mir steinalt/unscheinbar vor.
Gefühlt wie Uroma/Aschenputtel.
Brr, ist das kalt hier!
Gefühlter Kühlschrank.
Es geht überhaupt nicht voran mit der Schlange.
Gefühltes Schneckentempo.
So kriege ich das nicht hoch! Zu schwer!
Gefühlt wie Blei.
Die Haut ist spröde und rau.
Gefühlt wie Sandpapier.
Es schmeckt extrem sauer.
Gefühlt wie Essig.
Den Lärm hält doch keiner aus!
Gefühlte 100 Dezibel.
Mensch, das dauerte wieder!
Gefühlt ewig.
Zu der Vernissage kam kaum jemand.
Gefühlt allein.
Das kriege ich nicht auf die Reihe/Ich weiß es nicht.
Gefühlt doof.
u.s.w.

Es liefert uns eine Vorstellung. Eine nicht allgemeingültige, objektive Einschätzung, sondern ausschließlich die Wahrnehmung des Menschen, der sie verkündet.
Sie kann mit unserer übereinstimmen, muss es aber nicht automatisch! Sie muss überhaupt nicht stimmen!
Gefühlt wie ist nicht Tatsache, gefühlt wie ist es kommt mir so vor.

Alles, was wir mit den Sinnen wahrnehmen – und wie sollte man es auch sonst tun – ist immer und überall eine sehr subjektive Empfindung. Wir hören unterschiedlich, unser Geruchssinn arbeitet verschieden, uns fallen andere Dinge ins Auge, unser Reaktionsvermögen weicht kolossal voneinander ab!
Die logische Folge ist, so verschieden, wie Menschen auf alles und jedes reagieren, so unterschiedlich fällt selbstredend auch das Gefühlt wie aus.
Daher bringt es uns überhaupt nichts, auf dieses Gefühlt wie eines anderen zu pochen, darauf zu verweisen, es gar auf uns zu übertragen! Es muss sich bei uns überhaupt nicht so äußern, es kann für uns das pure Gegenteil bedeuten!

Kräftige Menschen werden lange brauchen, ehe sie etwas gefühlt als schwer wie Blei empfinden.
Wer nicht leicht friert, wundert sich über den Kühlschrankvergleich und würde an gleicher Stelle vielleicht von wie erfrischend – gefühlt wie Abendluft reden.
Ob etwas als lange andauernd empfunden wird, ist immer auch eine Frage des Mögens. Wenn kein Interesse vorhanden ist oder geweckt wird, zieht sich die Zeit endlos in die Länge. Für den einen gefühlt ewig, für den, der sich dafür begeistert, scheint sie zu rasen – gefühlt wie ein Lidschlag.
Krachresistente, lärmgewöhnte Menschen erleben die 100 Dezibel möglicherweise wie gefühltes Gemurmel, genauso wie diejenigen, die Enge und Menschenmassen um sich herum gewöhnt sind, eher von gefühlt belebt, aber kaum jemals gleich von gefühlt wie in der Sardinenbüchse oder wie fast totgetrampelt sprechen würden.

Gefühlt schlafend ...

Gefühlt schlafend …

Und was sagen Sie hierzu?
Ist der Zustand auf dem Schreibtisch ihres Chefs oder Kollegen eher  gefühlt kreativ oder gefühlt chaotisch?
Welches Gefühl überkommt jemanden, der ausnahmsweise einmal den Lift sausen lässt und die Treppe hochstiefelt?
Gefühlt sportlich? Gefühlt berstende Lunge?
Wie ist das, wenn man zum ersten Mal diese merkwürdigen Muscheln vertilgt?
Gefühlt mutig?
Und das Resultat?
Gefühlt wie Glitsche
?
Wie Ihr Beschluss danach?
Gefühlt nie wieder?
Was bewirkt eine Schönheits-OP?
Gefühlt wie neu? Gefühlt sexy? Gefühlt nun arm? Oder gefühlt künstlich?
Was noch?
Ach ja, die Einschätzung des Regenwetters:
Gefühlt leicht feucht oder eher gefühlter Weltuntergang?

Womit wir den Kreis schließen und wieder zum Anfang kommen. Nämlich zum Wetter und den Temperaturen!

Gestern am Morgen war es neblig und kalt.
Gefühlte Minusgrade!
Gefühlt Winter!
Genau das Gefühl suche ich gerade händeringend, denn ich beabsichtige, ein bisschen über den diesjährigen Wandsbeker Winterzauber zu schreiben. Vor einer Woche, am 09. November, war die Eröffnung, aufgebaut wurde alles schon Ende Oktober –  beginnend so um den Dreh, als gerade der wärmste Oktobertag seit Aufzeichnung der Daten seinen Auftritt hatte!
Gefühlt im Sommer!

Gefühlt Sommer ... (19. Oktober 2012 - Wärmster Oktobertag überhaupt)

Gefühlt Sommer … (19. Oktober 2012 – Wärmster Oktobertag überhaupt)

Es tut mir leid, aber da konnte ich einfach noch nicht über Eisbahn, Weihnachtsmann und Grog schreiben!
Gefühlt unfähig.
Aber jetzt könnte es klappen.
Gutes Gefühl.
Vielleicht lesen wir uns dann wieder?
Gefühlt möglich

Bis dahin Ihnen allen ein schönes Wochenende!
Ja, heute ist erst Freitag!
Gefühlt ist es aber schon so weit!

©November 2012 by Michèle Legrand

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  1. #1 von regenbogenlichter am 16/11/2012 - 23:06

    Das ist wieder nicht nur gefühlt, sondern auch in echt (für mich) ein sehr kurzweiliger Beitrag. Für andere ja vielleicht gefühlt langweilig… ;-)
    Und gefühlt, kaufe ich wohl auch das Falsche ein…technische Geräte schmecken eben nicht so gut… ;-)
    Ich wünsche auch ein ganz schönes Wochenende
    Ute

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    • #2 von ladyfromhamburg am 17/11/2012 - 10:47

      Liebe Ute,
      ich sehe, du hast gedanklich schon mitgemacht und ausgebaut ;-) Du kaufst gefühlt das Falsche ein, sprich nicht die Sachen aus dem glorreichen Warenkorb? Das Komische ist, dass es verdammt vielen Leuten so geht …
      Auch dir ein schönes Wochenende!

      LG Michèle

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  2. #3 von Silberdistel am 18/11/2012 - 12:53

    Dieser Ausflug in die Welt der Gefühle hat mir wieder viel Spaß gemacht – nicht nur gefühlt, auch wirklich und wahrhaftig. Mir lief dieses „Gefühlt“ das erste Mal bei den Temperaturen über den Weg – in irgendeinem Winter, den ich aber nicht mehr genau benennen kann – gefühlt vor 5 Jahren vielleicht. Wie gesagt – gefühlt eben nur.
    Danke für den interessanten Exkurs, liebe Grüße und einen schönen Sonntag – das Wetter ist hier gefühlt hässlich – aber auch sonst
    die Silberdistel

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    • #4 von ladyfromhamburg am 18/11/2012 - 15:10

      Danke für deinen Kommentar zu „Gefühlt wie …“, dir ebenfalls einen schönen Sonntag und vielleicht bis demnächst!

      LG – Michèle

      Gefällt mir

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