Der Schenkelklopfer

Michele Legrand  @Wordpress.comHatten Sie auch schon einmal einen wiehernden Schenkelklopfer drei Meter von sich entfernt? Erlebt … oder überstanden? Ich brauchte ihn heute auch nur von hinten und halb seitlich zu ertragen, denn er hat sich nicht umgedreht.
Dunkel gekleidet, hager, einen Elbsegler auf dem Kopf, auf die 70 zugehend und Radfahrer. Vermute ich – obwohl er drinnen sein Rad natürlich nicht dabeihatte! Ich schließe es lediglich aus dem hochgekrempelten rechten Hosenbein.
Herrschaftszeiten! Das war ein …
Stopp! Sie waren ja nicht dabei! Also von Anfang an:

Es ist beruhigend, dass der Mensch einige Begebenheiten, deren unfreiwilliger Zeuge er im Laufe seines Lebens wird, einfach nur aus relativ sicherer Entfernung miterlebt. Merkwürdige Szenen, seltsame Zusammentreffen – was auch immer.
Er braucht sich in diesem Moment nur still zu wundern, kann als Unbeteiligter vielleicht sogar darüber schmunzeln und vor allem – das ist sehr vorteilhaft und der krasse Gegensatz zu der prekären Lage der direkt beteiligten Personen – er muss sich überhaupt keine Gedanken darüber machen, wie er aus der Situation herauskommt!
Aufstehen und gehen reichte völlig aus – keiner würde ihn daran hindern.

Allerdings – vielleicht haben Sie das auch schon bemerkt, das Gefühl, dies jederzeit zu können – verhindert im Endeffekt, dass wir es auch tun. Weggehen.
Es läuft immer so. Können wir einfach verschwinden, ist alles in Butter und wir bleiben. Jetzt gerade!
Doch sobald direkter Druck da ist, sobald eine unmittelbare Einengung vorliegt, wir in etwas hineingezwungen sind, uns eingefangenen fühlen in einem unsichtbaren, jedoch äußerst stabilen Netz oder auch dem berühmten goldenen Käfig (der keinen Deut besser ist) – in diesem Moment wollen wir nichts als weg, zerren an den Seilen, rütteln am Gitter. Wir müssen unbedingt Ketten sprengen, haben Fluchtgedanken, empfinden Genervtheit, Unwohlsein bis hin zu Stress oder Panik. Es kommt darauf an, welche Geschütze das Gegenüber gerade beliebt aufzufahren …

Ich bin nur Zuschauer. Genüsslich einen Cappuccino trinkend und Zeitung lesend. Tisch am Gang, der nächste Tisch ist dadurch etwa drei Meter entfernt. Ein älteres Ehepaar hat dort Platz genommen. Ich habe ausgelesen, mache Anstalten, die Zeitung, die im Café zum Ausleihen ausliegt, zurückzutragen. Doch der Herr hätte sie jetzt gern und hält mich an. Wir kommen ins Gespräch. Alle drei, denn seine Frau beteiligt sich auch daran, allerdings zurückhaltend. Im Moment ist eindeutig er der Wortführer und durchaus redselig.
Nach zwei Minuten ist unter Fremden alles gesagt und Schweigen kehrt wieder ein. Nun lesen sie und ich schreibe. Friedlich.
Bis plötzlich besagter Radfahrer (s. oben) die Bühne betritt. Er kommt mit der Rolltreppe, die an diesem Tisch quasi endet, hochgefahren, schaut, stutzt und los geht es:

„NEIN! Das gibt es doch nicht! Sie! Also wirklich!“
Seine Stimme dröhnt Richtung Ehepaar, er bricht in lautes, stakkatoartiges, sehr gekünstelt wirkendes Gelächter aus (HA-HA-Ha-ha-ha-ha-haaa!) und schlägt sich beim letzten Haaa! krachend auf den Schenkel.
Himmel! Hab ich mich erschrocken!
Das Ehepaar auch. Der lesende Herr schaut perplex auf. Er wirkt ratlos, weiß nicht, wer sich vor ihm aufgebaut hat. Sie hingegen meint, den Schenkelklopfer eventuell zu erkennen und reagiert zögerlich:
„Ach, das ist ja ein Zufall …“
Hinter ihrer Stirn rattern die Gedanken:
Woher kenne ich den bloß? Ist das vielleicht …? Mensch, wie hieß der noch …? Was will der jetzt …?
Er legt schon nach:
„Ich denk’, das sind sie doch! Und sach zu mir: Georg, sach ich, das sind sie, geh hin und wünsch ´nen Guten Tag.“ HA-HA-Ha-ha-ha-ha-haaa! Leicht nach vorne übergebeugt erfolgt der schallende Schenkelklopfer.
Sie zuckt zusammen und fragt etwas verschüchtert:
„Wohnen Sie noch immer da?“

Ich finde diese neutralen Fragen sehr gekonnt. Das kann man jeden fragen, auch wenn man noch keinen blassen Schimmer hat, wer der andere ist.

„Ja, fast. Ein Stück um die Ecke, weil, die haben da paar Häuser abgerissen. Und die Haspa haben sie auch dicht gemacht.“ HA-HA-Ha-ha-ha-haaa!
Und richtig: Krawumm! Der obligate Klopfer auf das Oberbein.
Sie hat offenbar eine Ahnung und will jetzt Nägel mit Köpfen machen:
„Wie lange ist das jetzt her? Elf Jahre?“
„Also Joschi ist 2002 gestorben, da waren Sie schon weg.“ HA-HA-Ha-ha-ha-haa! Rumms!

Auffällig ist, dass die bessere Hälfte der Dame sich hinter die Zeitung zurückgezogen hat und im Gegensatz zu vorhin kein Interesse an Konversation zeigt. Er gibt vor, intensiv zu lesen und bemüht sich, beim Klatscher nicht zu zucken.
Sie ahnt nun halbwegs, wer der Tischgast ist, antwortet auch höflich, doch möchte ihn eindeutig loswerden.

„Nun, das ist ja nett, dass wir uns hier quasi über den Weg gelaufen sind. Wir wollen auch gleich weiter … Nicht wahr, Jens? JENS?“
Jens brummelt zustimmend.
Der Radfahrer ist allerdings noch nicht fertig. Es folgen geschlagene zehn Minuten, in denen  er lauthals  Infomationen zu seinem Privatleben (ja, auch die Krankengeschichte) preisgibt und von besonderen Geschehnissen der vergangenen elf Jahre berichtet.
Alle halbe Minute kracht es und – Sie ahnen es – alles wird begleitet von : HA-HA-Ha-ha-ha-haaa!
Sein rechter Oberschenkel müsste blaue Flecken aufweisen.
Georg ist in seinem Element.
„Wie hieß eigentlich die Bedienung dort?“ HA-HA-Ha-ha-ha-ha-haaa! ……… Rums!
„Die Praxis hat jetzt der Dr. … übernommen. Finde ich schon schade, dass der Dr … nicht mehr da ist!“ HA-HA-Ha-ha-ha-ha-haaa! … Wusch!
(Sie merken, man lacht auch, wenn man etwas nicht mag. Schreiben Sie sich das bitte auf!)
„Nein, 1958 gab es so etwas noch nicht. Wir hatten ja später einen Opel Rekord.“ HA-HA- … (Und noch eins auf den Schenkel …)
„Ne, der ist doch schon lange unter der Erde!“ HA-HA-Ha-ha-ha-ha-haaa!Klatsch!
Irgendwann fällt ihm auf, dass seitens des Ehepaars doch relativ wenig zurückkommt.
„Na, ich muss auch mal wieder los, aber wissen Sie …“
Und weiter geht es, denn irgendwie war er doch noch nicht fertig.
HA-HA-Ha-ha-ha-ha-haaa! Zack!

Weitere acht bis zehn Minuten darauf. Alles geht einmal zu Ende.
Er verschwindet tatsächlich – mit einem letzten Krawumm.

Der Ehemann taucht hinter der Zeitung auf.
„Meine Güte, noch fünf Minuten, und ich hätte den gekillt! Wer war denn das nun eigentlich? Ich kenne den nicht …“
„Doch Jens, den kennst du!“, antwortet sie. „Das war der aus Rahlstedt, der über dem Bäcker wohnte. Der mit dem dicken Hund. Dem Joschi. Als wir Tessa hatten, haben wir den manchmal beim Ausführen gesehen.“
„War der nicht größer?“
„Na ja, wir schrumpfen doch alle …“, meint sie.
„Und wie heißt der sonst? Georg wie?“, will Jens wissen.
„Du, ich habe keine Ahnung!“, gesteht sie, „ich hoffe, ich ordne den jetzt überhaupt richtig zu.“
Er grinst.
„Ach, du hast im Grunde nur so einen Verdacht? Du unterhältst dich mit ihm auf bloßen VERDACHT?“
Er ahmt den anderen nach.
„HA-HA-Ha-ha-ha-haaa!“
Sie fährt zusammen.
„Hör bloß auf, du!“, entfährt es ihr erbost.
Er kann es nicht lassen. Er muss sich auch noch kräftig auf die Schenkel kloppen und erträgt mannhaft den folgenden Schmerz …

Und ich genieße. Das nur Zusehen. Das nicht involviert sein. Das enorm Lebendige.
Manchmal höre ich jetzt noch die enervierende Lache und zucke vor nachklingenden Klatschern zusammen.
Sie auch?

©November  2012 by Michèle Legrand

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  1. #1 von regenbogenlichter am 04/11/2012 - 21:51

    Jetzt war ich gerade mit im Café und habe es klatschen und ha, ha gehört. Du schreibst in Bildern, nein in lebendigen Szenen. Perfekt! :-)
    Also sowas in der Art habe ich ja auch schon erlebt, aber so krass noch nie. Hört sich schon fast an wie eine (nette) erfundene Geschichte. ;-) Hammer!
    Einen schönen Abend und liebe Grüße
    Ute

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    • #2 von ladyfromhamburg am 04/11/2012 - 22:46

      Danke schön für deinen Kommentar, Ute. Es war eine wirklich eine kurzweilige und interessante Beobachtung, die sich tatsächlich so zutrug. Vielleicht viel ein Satz nicht wortwörtlich so aus, doch für die Abfolge ist das unwesentlich.
      Ansonsten habe ich die generelle Regel, hier in der Kategorie „Geschichte“ nur Erlebtes zu bringen und Erdachtes/Vermischtes unter „Kurzgeschichte“. Sicheres Kennzeichen, woran man ist … ;)

      LG zurück,
      Michèle

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  2. #3 von Silberdistel am 05/11/2012 - 16:28

    Herrlich erzählt – ich war dabei :-D Danke! Ich hatte jetzt eben einige nette Minuten mit einem Lächeln im Gesicht.
    Liebe Grüße
    die Silberdistel

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  3. #5 von Ernst am 17/11/2012 - 18:02

    Deine Geschichte gefällt mir, aber ich finde den Dialog für mich zu überspitzt. Könnte es eine Mentalitätsfrage sein? Wäre möglich, ich glaub es sogar. Deine Definition „Geschichte und Kurzgeschichte“ finde ich sehr hilfreich. Ich werde darüber nachdenken.
    Dir eine gute Zeit. Mach’s guet. Ernst

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    • #6 von ladyfromhamburg am 17/11/2012 - 19:21

      Das ist sehr gut möglich, Ernst. zudem hat jeder seine eigene bevorzugte Wortwahl und seinen ihm sympathischen Stil. Die Situation in der Geschichte ist obendrein schrill grenzwertig.
      Ich danke dir für deinen Kommentar dazu!

      LG – M.

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