Interaktive Grabsteine? Der QR-Code auf dem Friedhof …

Neuer Friedhof Niendorf (Hamburg)

Neuer Friedhof Niendorf

November naht und mit ihm wieder die Zeit, in der Menschen vermehrt zum Friedhof streben. Um zu gedenken, auch um Grabpflege zu betreiben. Der Winter naht.
Jemand mit diesem Ansinnen und diesem Ziel weiß genau, wo sich die angestrebte Grabstelle befindet, wer dort begraben liegt. Wen er besucht!
In neblig-grauen Gängen werden hier und dort in der Stille klamme Finger mit einer kleinen Harke das Erdreich lockern, Tannenzweige als Frostschutz ausbreiten, vielleicht ein Gesteck oder eine Kerze hinterlassen, um danach bei schon wieder einsetzender Dunkelheit nach Hause zu eilen.

Personen, auf die der Grabgänger trifft, verhalten sich ähnlich. Die wenigen, die herkommen, um diesen Ort der Ruhe lediglich für einen Spaziergang zu nutzen, die keinen „Bewohner“ kennen, sind in der Minderzahl. Sie verhalten sich unauffällig, zurückhaltend und bleiben meist auf den Hauptwegen.

Neuer Friedhof Niendorf (Hamburg), Engel

Engel auf dem Neuen Friedhof Niendorf (Hamburg)

So war es bisher.
Es könnte sich ändern.
Bald …

Vielleicht noch nicht hier – bei uns in Deutschland – doch eine bestimmte Szene könnte sich sehr wohl demnächst in England, genauer gesagt in Poole, Dorset abspielen.
Beim Aufsuchen des dortigen Friedhofs erwartet Sie unter Umständen folgendes Schauspiel:
Sie entdecken Menschen, die nicht für sich an einem Grab verharren und stumm Zwiesprache halten, sondern die von Stein zu Stein huschen. Sich manchmal etwas zurufen:
Hast du den schon?Mist, kein Empfang …!
Menschen, die sich lang strecken oder aber auch niederkauern, die sich verrenken, um mit der Kamera ihres Smartphones eine bestimmte Stelle am Grabstein zu erreichen.
Sie müssen dort einfach möglichst nah heran!
(Oh, auf die Blumen getreten …!)
Sie wollen etwas fotografieren.
Nein, keine besondere Skulptur, keine stilisierte Rose, keine besonders geschwungenen Namenszüge und auch nicht die glänzend polierte Granitplatte!

QR-Code_Blogadresse_michelelegrand.wordpress.com

So sieht z. B. meine Blogadresse (michelelegrand.wordpress.com) als QR-Code aus …

Diese Menschen möchten partout den im Stein eingelassenen QR-Code ablichten!
Diese kleine quadratische Matrix aus schwarzen und weißen Punkten, aus denen auf Anhieb keiner schlau wird, die aber kodierte Daten binär darstellen.
Das Ding, von dem Unwissende beim Anblick des gemusterten Quadrats denken, es sei ein neuartiges Online-Schachspiel.
(Endlich, das Foto ist im Kasten …)
Sobald der unvermeidliche Schnappschuss gelungen ist, dekodiert eine auf dem Handy installierte App diese merkwürdigen Zeichen, wandelt sie um in Daten und somit lesbare Informationen oder ruft gleich Web-Adressen auf, zeigt Texte an, Telefonnummern, etc.

Wozu?
Ja, nun!
Liebe, sehr verehrte Blogleser!
Man hat doch auf dem Friedhof bestimmt Fragen!
Welche? Ich bitte Sie!
Solche – beispielsweise – brennen einem mit Sicherheit förmlich unter den Nägeln:

Wer war das, der dort liegt? Was hat er gemacht?
Wie sah er aus? Wer war seine Familie?
Wo hat er gearbeitet?
Vermögend? Erben da, oder könnte man …?
Wie viele uneheliche Kinder gab es?
Mochte er Rollmops?
Spielte er Bratsche?
Lief die Bewährung noch?
usw.
Der schnelle und umkomplizierte Zugang zu einer Art Online-Biographie würde dieses dringende Bedürfnis nach Information natürlich stillen helfen …
Sehe ich in Ihren Augen eine gewisse Skepsis?
Bitte? Sie haben eine Frage?
Warum per Mobile-Tagging und QR-Code (QR= quick response)?
Ich gebe zu, auch für mich kam diese Neuigkeit, die der britische The Guardian am 05. Sept. 2012 verbreitete, doch leicht überraschend. Und auch ich stelle mir natürlich diese und andere Fragen:

Neuer Friedhof Niendorf (Hamburg)

Neuer Friedhof Niendorf (Hamburg)

Wie kommt jemand darauf?
Ist dieser QR-Code das Mittel der Wahl?
Wie dringend brauchen wir es? Besteht tatsächlich ein Bedürfnis?
Wäre es Segen oder Fluch? Was sind die Tücken?
Wie macht es sich dort, auf einem Grabstein?
Wird es sich durchsetzen?
Gibt es so etwas vielleicht schon andernorts?

Beginnen wir am Ende der Frageliste.
Doch, es gibt Ähnliches durchaus, dorther hat auch der im The Guardian-Artikel zitierte englische Bestattungsunternehmer seine Eingebung.
Er entdeckte während eines Besuchs in Moskau das Teilstück der Kremlmauer, welches direkt am Roten Platz steht und sich Nekropole an der Kremlmauer nennt. Eine Begräbnisstätte, der Sowjetunion als Ehrenfriedhof dienend. Offenbar gibt es dort bereits besagte QR-Codes für Informationssuchende, die mehr zu den dort geehrten Personen erfahren möchten.
Nur, ist dies (zumindest meinem Empfinden nach) eine etwas andere Situation.

Neuer Friedhof Niendorf (Hamburg), Engel

Ein weiterer Engel auf diesem Friedhof (Niendorf) …

Es geht nicht um den traditionellen Friedhof auf dem die Bürger des Ortes, einer Stadt oder Region ihren letzten Ruheplatz finden. Ruheplatz wohlgemerkt, mit einer gewissen Privatsphäre …
An Stellen, an denen berühmter und bekannter Persönlichkeiten gedacht wird, ist sicherlich häufiger der Wunsch nach mehr Information vorhanden, doch auch dort kann sie sich sicher vorweg oder notfalls im Anschluss an den Besuch der Gedenkstätte beschafft werden. Vielerorts werden  an diesen Orten des Gedenkens heutzutage Erklärungen mittels Audioführer angeboten. Wenn es sich denn um Berühmtheiten von allgemeinem Interesse handelt …
Auch das ist eine Möglichkeit, die zumindest nicht direkt das Grab „verschandelt“.
Es muss demnach nicht unbedingt auf der Grabplatte getagged – oder nennen wir es doch gleich „darauf getackert“ – werden.
Die Frage nach dem Bedürfnis oder auch dem wirklichen Brauchen ist schwer zu beantworten. Das eigene Bedürfnis ist nicht das Bedürfnis eines anderen, was der eine von sich weist, meint sein Gegenüber zu benötigen. Es ist wohl ein sehr subjektives Empfinden.

Aber es geht doch so schön schnell und einfach damit!
Ja, und?
Wozu?
Um Neugier zu befriedigen? Um sein Handy jetzt endlich auch auf dem Friedhof zu benutzen? Um das Einsatzgebiet und den Siegeszug des QR-Codes zu erweitern bzw. voranzutreiben?
Es wird betont, jeder hätte die Möglichkeit, nun mehr über den Verstorbenen zu erfahren.
Oder jemand könnte Details für einen Familienstammbaum in Erfahrung bringen.
Ist das überzeugend?
Vorher ging so etwas natürlich überhaupt nicht …
Ich bin bereit zuzugegeben, dass es schon Grabstellen gab, an denen ich vorbeikam, an denen ich stehenblieb, die Inschrift auf dem Stein las:
„Hier ruht Jette Hansen, geliebte Ehefrau von … geb. …. gest. …“. Dazu ein wunderschönes Bild in den Stein graviert.
Und die Jahreszahlen zeigten, dass sie jung starb.
Natürlich frage ich mich, was war Jette für eine Frau? Wie war ihr Mann? Hatten sie Kinder? Warum starb sie so jung? Und vieles mehr.
Es ist spontanes Interesse, Neugier, Mitgefühl. Nur – sie ist nicht meine Familie. Ich habe sie nie gekannt. Niemanden dieser Menschen.
Warum sollte ich hier ihre Ruhe stören, in dem ich auf ihrem Grab herumtrampele und versuche, Aufnahmen irgendwelcher Codes zu machen, die Dinge über sie preisgeben, die sie mir selbst vielleicht nie hätte erzählen wollen – einer Unbekannten …

Im Bericht des The Guardians erklärt der britische Unternehmer genauer, wie  – nun, äußerst geschmackvoll – alles gefertigt und montiert wird. Die QR-Codes werden auf Granit- oder Metallvierecke aufgebracht und dann entweder auf den Grabstein geklebt oder aber eingelassen.
Das ist der Plan. Die Theorie.
Ich habe leider immer zusätzliche Gedanken, die sich in meinem Kopf herumtreiben …
Jetzt stellen Sie sich doch bitte einmal vor, jemand treibt damit Schindluder und wechselt kurzerhand ein paar der Plaketten aus.
Mischt den Friedhof ein bisschen auf!
Aus Hubert Meier wird Ronald Bergmann, aus Henry Emil und aus Karola Achim, was plötzlich irgendwem auffällt …
Heute kann sich jeder kostenlos im Netz einen QR-Code erstellen (den Code oben habe ich mir so generiert).
Was, wenn Begeisterte auf die glorreiche Idee kommen, überall ungefragt die Grabsteine damit zu pflastern? Biographien zu kreieren und zu verbreiten? Weiß dann noch jemand, was stimmt und was nicht?
Falls die Codes hingegen stimmen sollten:
Wie ist es mit dem Datenschutz? Dürfen alle jeden fremden QR-Code fotografieren und decodieren? Erinnern wie uns: Wenn sonst jemand irgendwo Zugang zu Daten erhält, die nicht seine eigenen sind,  ist das Geschrei immer ziemlich groß …
Eine andere Frage:
Wollte der Verstorbene, dass jeder alles abrufen kann? Oder veranlassen Verwandte es quasi posthum gegen seinen Willen? Weil sie es klasse finden oder aus Rache (…das erzählen wir jetzt der Nachwelt!)?
Falls der Verblichene es tatsächlich selbst vor seinem Tod in Auftrag gab und so verfügte:
Hat er es ernst gemeint? Wollte er Wildfremden, die sich zu seinen Lebzeiten nicht für ihn interessierten, nach seinem Tod die Gelegenheit geben, das schleunigst nachzuholen?
Ist das wahrscheinlich?
Was veranlasst überhaupt jemanden, über seinen Tod hinaus vom Grab aus online präsent sein zu wollen?
Schwer zu beantworten.

Wir könnten es natürlich auch mit einem Spaßvogel zu tun haben, der in seinen QR-Code eine Schnitzeljagd nach seinem Testament integriert.
Jemanden, der einen Link zu seinem Blog hinterlässt mit dem Hinweis:
Leute, so schnell kommt hier nichts Neues! Aus Gründen …
(Dieser Nachsatz wird übrigens in Sozialen Netzwerken überaus gerne genutzt: Bin sauer! Aus Gründen …!Habe gerade mit einer Person telefoniert. Sage nicht mit wem. Aus Gründen …!)

Sie sehen, diese kleine Neuigkeit über interaktive Grabsteine in einer englischen Zeitung wirft Fragen über Fragen auf. Auch die, ob eine solche Idee in Zeiten der Globalisierung eine reelle Chance hat sich durchzusetzen, zu uns auf den Kontinent herüberzuschwappen.
Beobachten wir vorerst die Entwicklung in Dorset. Bisher gibt es wohl nur wenige Interessenten bzw. lediglich den ein oder anderen Grabstein, der mit QR-Code versehen wurde.

Ob es am derzeitigen Preis von £300 für den „QR-Code all inclusive“  liegt?

Ich fragte einen englischen  Twitter- und Facebookfreund, der selbst Pfarrer ist, nach seiner Reaktion auf die Grabstein-Innovation.
„What do you think about it?“
Und seine Antwort lautete:
„We have strict rules about the gravestones we are allowed to install in church grounds – will not allow this sort of thing.“

Neuer Friedhof Niendorf (Hamburg) - Auch bei den Kindern ein QR-Code ...?

Neuer Friedhof Niendorf (Hamburg) – Auch bei den Kindern ein QR-Code …?

Und Sie?
Was halten Sie denn davon?  Könnten Sie sich damit anfreunden, entfacht es gar Ihre Begeisterung?

Wenn Sie selbst im The Guardian nachlesen möchten, hier kommt der Link:
http://www.guardian.co.uk/lifeandstyle/2012/sep/05/interactive-gravestones-dead-live-online

Und wenn Sie sich auch einen QR-Code erstellen möchten, hier ist der Link zum QR-Code Generator , über den ich meinen obigen eigenen QR-Code mit der Blogadresse erstellt habe:
http://goqr.me/de/

©Oktober 2012 by Michèle Legrand

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  1. #1 von volkerhoff am 09/10/2012 - 14:01

    Hallo Michèle,
    ein sehr interessanter Blog-Eintrag! Ich kann mir allerdings nicht vorstellen, dass ein Verstorbener mit der Veröffentlichung seiner privaten Daten einverstanden wäre.
    Zu Internet-Zeiten hätte er dafür auch eine eigene Homepage erstellen können (die Hinterbliebenden könnten das natürlich auch noch machen).
    Allein aus Datenschutzgründen kann ich mir nicht vorstellen, dass sich dieser nachträgliche Eingriff in die Privatsphäre durchsetzen wird.
    Vielen Dank für den interessanten Link zur kostenlosen Erstellung eigener QR-Codes! Werde ich wohl jetzt auch mal verwenden.
    Liebe Grüße, dein Follower!

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    • #2 von ladyfromhamburg am 09/10/2012 - 17:10

      Hallo Volker,

      ich stimme deinen Einschätzungen zu. Danke für deinen Kommentar und das Rebloggen!
      Wie ich aus einem weiteren Kommentar entnehme, ist die Entwicklung nicht aufzuhalten, sondern hat auch schon bei uns Einzug gehalten oder nimmt zumindest konkrete Züge an.
      Gut, dass man nicht mitmachen muss …, nicht wahr? ;)

      LG Michèle

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  2. #3 von volkerhoff am 09/10/2012 - 14:03

    Reblogged this on Willkommen in meinem Blog.

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    • #5 von ladyfromhamburg am 09/10/2012 - 17:07

      Hallo Dieter,
      danke für den Kommentar, insbesondere aber für die Links zu den drei weiteren Artikeln. Auch hier wird sich also mit dem Grabstein 2.0 befasst.

      Mir kommt es vor, als hätten dich mein Blogpost bzw. darin enthaltene Gedankengänge etwas angestrengt … ;) Falls du hier kein Stammleser bist, was ich vermute, Dieter, lass dir nur schnell sagen, dass nicht immer alles völlig ernst zu nehmen ist! Nicht jeder Einwand muss und soll allem standhalten.
      Gedanken zu einem Thema können gelegentlich eben auch sprunghaft wirken, unwissenschaftlich oder eben sogar leicht satirisch sein.

      LG Michèle

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