„Christoph, das ist mir so etwas von schnuppe …!“

"Christoph, das ist mir so etwas von schnuppe ...!"  Blogbeitrag michelelegrand.wordpress.com

Manchmal läuft alles zwanglos. Sie kommen, schauen kurz nach links, rechts, und einer beschließt ganz einfach. Dort!
Oder schaut leicht fragend, und die Entscheidung erfolgt durch eine kaum wahrnehmbare Kopfbewegung. Kinn auf halb acht bedeutet:
Wir nehmen die Plätze links vorne, die am Fenster.
Hingehen. Hinsetzen. Fertig.

Gestern war es anders. Umständlicher. Ich spreche von Christoph und Ramona, die zu den Menschen gehören, die es gelegentlich kompliziert mögen.
Sie sind ein Pärchen, erkennbar am Verhalten und letztendlich auch am identischen Ringmodell am Finger.
Wie lange sie bereits zusammen sind?
Das ist nicht mit allerletzter Sicherheit zu sagen. So wie sie miteinander umgehen, schon länger, so wie sie die Vorlieben des anderen allerdings ganz offensichtlich nicht kennen, jedoch eher kürzer. Wiederum – betrachtet man genauer ihrer beider Figur, den Bauch … Die Ähnlichkeit ist frappierend, was für ein Zusammenleben und gemeinsame, womöglich identische Essgewohnheiten bzw. Mahlzeitenzufuhr spricht.

Wie dem auch sei, sie kamen mit der Rolltreppe ins erste Obergeschoss gefahren, bogen nach rechts und steuerten auf mich zu – bzw. das Eiscafé. Die Richtung war dieselbe.
Bis dahin war alles klar. Fast alles. Es gab lediglich ein leichtes Kuddelmuddel oben am Rolltreppenauslauf, denn die unübersichtliche Anzahl von zwei Tüten musste neu sortiert werden. Es ging darum, ob er sie weiter trägt, ob sie eine nimmt, welche er behält, welche schwerer ist, welche welchen Inhalt hat und ob sie überhaupt noch alles dabei haben.
Sie sollten nachzählen, kann ja nicht so lange dauern …
Drei Minuten später. Die Einigung wurde erzielt. Er trägt wieder beide, und es ist wundersamerweise noch alles da. Sie geht voraus, steuert Fensterplätze an, setzt sich … und schaut ihn an. Blickt zu ihm hoch, denn er bleibt stehen und sagt nichts.
„Was ist denn?“
„Willst du wirklich hier sitzen?“, fragt er.
„Wieso?“
„Das ist ungemütlich hier.“
„Also, ich sitze bequem“, meint Ramona und räkelt sich auf der Lederimitatbank mit Lederimitatkissen.
„Du hast gut reden!“ Verständnisloses Schnauben und seine Hand weist auf die komfortable Bank. „Und ich soll hier auf dem niedrigen Hocker sitzen?“
Wieder das altbekannte Thema – oder eher Problem in dem Eiscafé. Unterschiedliche Sitzmöbel am selben Tisch. Was spielten sich hier nicht schon für Dramen und Kämpfe ab …
„Dann setz dich auf den Platz daneben! Dann hast du auch eine Bank“, kontert sie.
„Und wir essen an zwei verschiedenen Tischen? Das ist doch blöd!“
Sie schaut etwas pikiert. „Wo willst du denn dann sitzen?“
„Da drüben“, meint Christoph und weist tütenschwenkend auf das entgegengesetzte Ende des Cafés.
Sie verdreht gut sichtbar die Augen, seufzt, steht umständlich auf und sagt:
„Geh vor!“
„Warum?“ Christoph ist irritiert.
„Ich weiß nicht, welchen Platz du meinst“, und ergänzt: „Hoffentlich nicht den genau an der Rolltreppe.“
Seine Kinnlade fällt herunter. Es muss sein auserwähltes Ziel gewesen sein. Dennoch schaltet er schnell und wendet damit neues Unheil vorerst ab:
„Wir können auch den Vierertisch da am Gang nehmen.“
Ein Kompromissvorschlag. Es entsteht eine Pause.
„Ach, … so mittendrin …?“ Ramona wirkt unzufrieden, bis sie entdeckt:
„Du, guck mal, da wird gerade ein Tisch frei …!“
An diesem Tag sind in dem Café schätzungsweise 15 % der Tische belegt … Jaha! Welch ein Glück, dass jetzt etwas frei wird!
„Na gut, dann gehen wir eben da hin!!“ Christoph hat langsam keine Lust mehr. „Da steht aber noch das gebrauchte Geschirr!“
„Na und?“
Sie setzen sich tatsächlich an besagten Tisch und werfen einen Blick in die Karte.
„Es gibt Latte Macchiato auch mit Karamell“, erzählt er seiner Holden.
„Christoph, das ist mir so etwas von schnuppe!“
Eine verbale Ohrfeige.
Und dann wird es ernst. Es entbrennt eine hitzige Diskussion darüber, wer eigentlich die blöde Idee hatte, überhaupt ins Eiscafé zu gehen, gefolgt von Klagen, wer denn immer alles so fürchterlich schwierig mache. Darüber herrschen erwartungsgemäß unterschiedliche Ansichten. Es hagelt Beschuldigungen, man ist Meister im Hervorholen uralter Kamellen, und letztendlich beschließen sie recht aufgebracht, dass sie gehen.
In diesem Moment erscheint ein weiteres Pärchen im Café, schaut sich um und entdeckt die beiden Streithähne.
„Hallo, Ramona, Christoph! Ihr hier! Na, so ein Zufall! – Seid ihr fertig, oder habt ihr noch gar nicht bestellt?“
Kurzes Schweigen.
Ein blitzender Blick von ihr. Eine Warnung an ihn. Untersteh’ dich …!
Dann die oscarreife Darstellung überschwänglichlicher Freude über das Wiedersehen.
„Nein, wie toll! Wir sind auch eben erst gekommen! Haben uns gerade hingesetzt“, flötet Ramona.
… was irgendwie sogar stimmt.
Die beiden anderen, Jonas und Bille, hocken sich kurzerhand dazu, und im Nu sind alle am ordern.
Bille nimmt Latte Macchiato mit Karamell.
„Oh, das probiere ich auch!“, ruft Ramona begeistert, „Latte Macchiato mit Karamell!“
Christoph scheint einen Einwand loswerden zu wollen und erntet einen Knuff, dessen Härte Ramona etwas zu mildern versucht, indem sie Jonas und Bille strahlend erzählt, dass sie mit Karamell schon IMMER MAL probieren wollte …
Wahrscheinlich ist ihr Fuß direkt neben seinem, um beim ersten Mucks seinerseits mit dem Absatz eingreifen zu können.
Christoph schweigt und bestellt Eiskaffee.
„DU willst Eiskaffee?“ Ramona ist perplex. Eiskaffee scheint undenkbar. Mein Gott, Eiskaffee! Unfassbar!
„Ich wollte das schon IMMER MAL probieren …“, lautet seine Erwiderung und so dermaßen trotzig, wie er dreinschaut, dürfte der Gedanke folgender sein: … kann dir doch schnuppe sein!

Schad drum. Mir fiel dazu nur ein, dass es den beiden bislang wohl auch völlig schnuppe war, was dem anderen behagt und was nicht. Desinteresse? Kommunikationsschwierigkeiten? Oder vielleicht ein Hörproblem?

Apropos Hörproblem und sich verhören: Wissen Sie, was mir dort noch geboten wurde?
Nettes!
Ein Vater saß mit seinen beiden Kindern ebenfalls dort, nur zwei Tische weiter. Ein Junge und ein Mädchen, die gleichaltrig wirkten. Etwa fünf, vielleicht Zwillinge. Sie hatten das Hickhack auch mitbekommen.
Der Junge kommentierte es mit einem leisen: „Die ist aber zickig.“
Seine Schwester verstand „pieksig“.
Daraufhin tuschelten sie beide und sangen dann zusammen „Mein kleiner, grüner Kaktus.“ Textsicher! Die Kleine wippte mit den Füßen, die im Sitzen gar nicht auf den Boden reichten, ihr Bruder zog Grimassen mit einem Gesicht, das ich als unbegrenzt knautschfähig bezeichnen würde.
Ich schrieb es schon auf Facebook: Einfach unbezahlbar! ^^

©August 2012 by Michèle Legrand

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  1. #1 von regenbogenlichter am 16/08/2012 - 11:53

    Bessere Unterhaltung kann man wohl nicht kostenlos geboten bekommen. ;-) Und eigentlich genug Stoff für eine Kurzgeschichte…
    Liebe Grüße
    Ute

    Gefällt mir

    • #2 von ladyfromhamburg am 16/08/2012 - 15:35

      Hallo Ute,
      danke für deine Anmerkung – ich gebe dir recht in Bezug auf Stoff. Nur habe ich für mich etwas entschieden: Wenn das Erlebnis für sich genug erzählt, dann bleibt es dabei und wird nicht eine Mischung aus Realem und Fiktion. (Im Blog in der Kategorie „Geschichte“ – egal wie lang). Finde ich bei einem Erlebnis nur eine Anregung und schreibe davon ausgehend eine fiktive Story, dann ist sie hier unter „Kurzgeschichte“ zu finden.

      Lieben Gruß zurück
      Michèle

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