Frettchen-Alarm

„Katze?“
Ihr Kopf legte sich schräg, während sie meinen Transportkäfig fixierte. Da für sie der Inhalt nicht zu erkennen war, richteten sich ihre fragenden Augen nun auf mich.
Die ältere Dame trug interessante Kleidung. Keinem bestimmten Stil zuzuordnen, bunt gemischt. Eine gewagte, etwas herausfordernde Farbauswahl. Strahlend türkis die weite, kurzärmelige Bluse, darunter ein orangefarbenes Langarmshirt. Weiterhin ein Halstuch – rot-weiß gepunktet sowie eine lindgrüne Bermudahose. Schwarze Söckchen mit einer aufgenähten silbernen Muschel. Ausgetretene Birkenlatschen komplettierten das Ensemble.
Sie saß vorgebeugt, die Arme verschränkt auf ihren Knien. Zu ihren Füßen ein Mischlingshund. Halbgroß, schwarz, kringeliges Fell, spitze Ohren, freundliches Wesen mit einer gewissen Furcht vor den Räumlichkeiten der Tierärztin. Oder vor der Tierärztin selbst.
Zu dick und humpelnd.
Der Hund.
Nicht die Tierärztin.

Das Wartezimmer war gut gefüllt. Sie war zuletzt erschienen, und seit ihrer Ankunft gab es zumindest Unterhaltung. Den Inhalt der weiteren im Raum vorhandenen Transportkäfige und -taschen hatte sie bereits eigenständig erkundet. Nur mein Patient lag relativ flach auf dem Bodenpolster und war von außen nicht zu erkennen.
„Nein, keine Katze, ein Zwergkaninchen.“
„Hatte ich auch mal“, lautete ihre prompte Antwort, „und ein Frettchen!“
„Besaßen Sie Ihren Hund zu der Zeit auch schon?“, fragte ich nach. Höfliche Konversation. Small Talk beim Tierarzt.
„Ja, Katzen, Hunde, Kaninchen und ein Frettchen. Alles zugleich. Die haben sich auch vertragen. Frei in der Wohnung!“
„Selbst mit dem Frettchen?“ Ich war verblüfft.
„Doch, doch“, beteuerte sie eilig, „das war ganz zahm! Das habe ich sogar mit nach draußen genommen. In die Mönckebergstraße!“

Wer mit den Hamburger Verhältnissen nicht ganz so vertraut ist: die Mönckebergstraße ist eine der Haupteinkaufsstraßen im Stadtzentrum. Bevölkerungsmassen strömen dort täglich entlang.

„Wie haben Sie Ihr Frettchen denn „ausgeführt“? In einer Tasche oder irgendwie am Halsband und mit Leine?“
Sie hatte mich neugierig gemacht. Frettchen können zwar, wenn sie als Haustier gehalten werden, ziemlich zutraulich werden, doch andererseits sagt man, sie stammen vom Iltis ab, sind durchaus bissig veranlagt und können aggressiv reagieren (insbesondere männliche Frettchen).

„Ich habe mein Frettchen immer so mit gehabt. Ohne Schnöselkram. Ich habe es mir um den Hals gelegt“, erklärte sie und fügte nach einer sehr kleinen Pause hinzu:
„Ich habe mal Ärger bekommen …“
Nun horchten alle auf.
„Ist ihr Frettchen eigene Wege gegangen?“, bohrte ich ein wenig, wobei ich gar nicht hätte nachhaken müssen, sie hätte es sowieso erzählt.
„Ich ging mit meinem Tier um den Hals die Mönckebergstraße entlang. Eine Frau starrte auf meinen „Kragen“. Meinte, dass er sehr echt aussehe … Ehe ich was sagen konnte, kam sie noch dichter heran. Mein Frettchen war müde und hat in dem Moment gegähnt. Das Maul ganz weit aufgerissen.“
„Und?“
Jetzt spitzten mehrere Tierarztbesucher äußerst gespannt die Ohren, um mitzubekommen, wie es weiterging.
„Sie wurde hysterisch! Hat gebrüllt und sich nicht wieder eingekriegt! Mein Frettchen hat gar nichts gemacht! Überhaupt nichts! – Sie hat weiter geschrien und ich dachte: Was kommst du auch so dicht …? Ich habe sie dann etwas geschüttelt, damit sie wieder normal wird.“
„Hat es geholfen?“, erkundigte sich ein jüngerer Mann, der mit seinem Kater wartete.
„Nun, Passanten dachten, wir kloppen uns und haben die Polizei gerufen. Die war gleich da, hat Personalien aufgenommen. Aber als die merkten, dass nichts passiert ist, habe ich nur eine mündliche Verwarnung bekommen. Sie haben gemeint, dass ich das Frettchen nicht frei herumtragen soll.“
„Das ging ja noch einmal gut aus“, bemerkte eine weitere Dame aus der hinteren Ecke des Wartezimmers.
„Na ja. Nicht ganz …“
„Wieso?“
Die Frettchendame erzählte das Ende ihrer Geschichte.
„Ein paar Tage später bekam ich doch noch eine Anzeige. Von der schreienden Frau. Die Polizei hatte ja dummerweise die Namen aufgenommen. Hat Sie sich wohl gemerkt oder nachgefragt … Eine Anzeige! Aber nicht wegen des Frettchens! Nein! Sie hat mich angezeigt, weil ich sie geschüttelt habe!“

In dem Moment kam mein Aufruf. Meine Nicht-Katze war an der Reihe.
Sachen gibt’s …

©Juli 2012 by Michèle Legrand

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