Hamburg: Nazi-Aufmarsch in Wandsbek – aus unpolitischer Sicht

Es wird heftiger. Die Schallwellen der Sprechchöre tönen lauter in unser Wohngebiet. Fast ist es, als skandierten sie ihre Parolen. Zwischendurch aufgeregte, manchmal wütend klingende Stimmen, die ins Mikrofon brüllen. Anheizen. So hört es sich an …
Dies ist kein politischer Blog. Es gibt genügend, die sich des Themas Nazi-Aufmarsch in Hamburg (Wandsbek) ausführlich annehmen und auch die Gegendemonstrationen zahlreicher Gruppierungen hinreichend erwähnen und diskutieren werden.
Es ist heute nicht mein Thema. Keine Politik.
Was mich persönlich gerade irritiert, ist, welche Auswirkungen es auf die sonstige Bevölkerung hat, wie anders die Straßen wirken, wie merkwürdig die fremden Geräusche klingen. Wie misstrauisch Blicke sind. Wie verdreht in solch einer Ausnahmesituation alles abläuft …

Vorgeschichte:
Das Hamburger Verwaltungsgericht erlaubte einem Kläger aus dem rechtsextremen Spektrum eine Kundgebung in Wandsbek mit anschließendem Weiterzug durch diverse umliegende Straßen bis zur Rückkehr an den Ausgangsort.
Zeitpunkt: Sonnabend, 02. Juni 2012. Beginn 12.00 Uhr, Ende ca. 17.30 h.
Prognose bezüglich der Teilnehmeranzahl: ca. 1.000 plus angenommener 3.000 Menschen, die dagegen protestieren werden. Davon wiederum rechnet man 500 (bis 1.000) Personen zum harten Kern, der gewaltbereit ist.
Prognosen. Annahmen …
Das Polizeiaufgebot beträgt 4.000 Mann plus Wasserwerfer u. a.
Die Polizei selbst gestattete anfangs bei Anmeldung der Veranstaltung nur eine Kundgebung an einem festen Ort, doch … das Gericht entschied anders.

Wie wirkt sich ein angekündigter Nazi-Aufmarsch an einem Sonnabend in einem Gebiet aus, in dem sonst kaum einmal derartige Demonstrationen stattfinden?
In dem ein Einkaufszentrum in unmittelbarer Nähe ist, in dem eine vielbefahrene Ein- und Ausgangsstraße die Route der Demonstranten kreuzt, die zudem Einkaufsmeile in Wandsbek ist? (Das Verkehrsaufkommen ist generell hoch)
Wie funktioniert ein Busbahnhof, wie der Taxiverkehr?
„Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass es u. a. durch Absperrungen zu erheblichen Beeinträchtigungen kommen wird. In diesem Zusammenhang kann es in den abgesperrten Bereichen zu Personenüberprüfungen kommen. Wir empfehlen, ein Ausweisdokument mitzuführen“.
Soweit das Informationsblatt der Polizei, das an Anwohner im weiteren Umkreis verteilt wurde.
Was heißt das? Welche Bezirke werden im Endeffekt abgesperrt? Davon steht nichts dort. Es gibt allerdings eine Telefonnummer. Das Bürgertelefon, bei dem man sich über die (Verkehrs-)lage vor Ort informieren kann. Im Fall der Fälle.

Der Sonnabend beginnt ruhig, doch die Situation ändert sich bereits am frühen Vormittag. Um 10.30 Uhr überlege ich, ob ich mich tatsächlich auf den Weg zum Einkaufszentrum und Wochenmarkt begebe, welche beide nicht unmittelbar am Demonstrationsort sind. Nur wird dieses Areal sicher auch von ankommenden Teilnehmern angesteuert, da sich dort der ZOB und eine U-Bahn-Station befinden.
Pausenlos kreisen Hubschrauber. Sirenen von Einsatzfahrzeugen ertönen …
Ich starte dennoch. Ich habe kaum meine kleine Seitenstraße verlassen, als schon Blaulicht blinkt. Ein Polizeifahrzeug sperrt die Straße zur einen Seite ab, der Bahnübergang kann aus südlicher Richtung nicht angesteuert werden. Als Fußgänger betrifft es mich natürlich nicht. Ein kurzes Stück weiter, an der folgenden Straßenkreuzung, steht das nächste blinkende Fahrzeug, die nächsten Hütchen blockieren die Fahrbahn. Auch von dieser Seite gibt es keine Zufahrt zur Zugstrecke Hamburg-Lübeck. Es bleibt nur die Möglichkeit umzukehren oder mit Glück in eine Straße abbiegen zu können, die sich vom Demonstrationsort entfernt.
Ich nehme mein Handy aus der Tasche, um meinen Mann vorzuwarnen. Er will am Mittag mit dem Auto zu einem Treffen. Ich erzähle ihm von den Sperrungen direkt vor der Tür und rate nur, sehr frühzeitig zu starten. Misstrauisch beäugt mich ein Mann in Zivil auf dem Fahrrad, der am Beginn der Bärenallee „herumsteht“. Notizblock in der Hand, gelegentlich wirkt es, als spräche er mit sich selbst. Es scheint eher ein Beobachtungsposten. An zwei anderen Punkten sah ich ähnlich ‚unauffällige’ Radfahrer. Ich werde nicht angehalten, offenbar wirke ich doch nicht wie der Informant der Demonstranten, der per Handy durchgibt, wo sich was im Umkreis tut.
Ein Hubschrauber ist direkt über uns. Ein Feuerwehrwagen in Sichtweite. Wenn ich die lange Bärenallee hinunterschaue, sehe ich bis zu dem Punkt, an dem die Kundgebung starten soll. Dunkle Punkte, zuckendes Blaulicht. Ob es Demonstranten sind, die dort stehen oder Einsatzkräfte, Presse etc. lässt sich aus der Entfernung nicht erkennen.

Am Wandsbeker Marktplatz angekommen, ist die Lage unwirklich. Die Hauptverkehrsader wurde komplett gesperrt. Es ist zeitweise gespenstisch ruhig. Vielleicht ein Viertel der Menschen, die sich dort sonst an einem Sonnabend aufhalten, sind zu sehen. Die mehrspurigen Straßen liegen leer vor mir, und ich überlege ernsthaft, ob ich auf das Grün der Fußgängerampel warten muss oder so die Straße überquere. Nur steht in Sichtweite Polizei …
Es wirkt merkwürdig, drei nebeneinander fahrende, über die gesamte Fahrbahnbreite verteilte Radfahrer auf der ansonsten leeren Bundesstraße zu sehen. Ein junger Mann auf Inlineskates hat die Piste auch schon für sich entdeckt.

Am Eingang des Quarrées stehen zwei der hauseigenen Sicherheitsleute. Auch sie behalten die Situation im Blick und sollen verhindern, dass sich die falsche Klientel ins Einkaufszentrum verirrt.
Eine ältere Dame mit Gehstock tritt dort heraus. Sie kauft am Sonnabend gewohnheitsmäßig ein und lässt sich offenbar danach immer von einem Taxi nach Hause chauffieren.
Die Sicherheitsleute des Quarrées erklären ihr, dass heute keine Taxis fahren. Der gegenüberliegende Taxi-Stand liegt verwaist …
„Und ich kriege kein Taxi …?“ Ihr Blick ist völlig ungläubig. „Wie soll ich denn nach Hause kommen?“ Ratlosigkeit. Sie ist den Tränen nahe. „Und die Busse?“
Der Busbahnhof sieht zu diesem Zeitpunkt leer aus. Es wirkt, als sei keine Zufahrt dorthin möglich. Die Sicherheitsleute unterhalten sich weiterhin mit der Dame. Vielleicht habe sie eine Lösung gefunden.

Das Quarrée selbst scheint fast leer. Beim Bäcker steht sonst am Wochenende immer eine Riesenschlange an, heute habe ich eine einzige Dame vor mir, und der Angestellte scheint sich über Kundschaft geradezu zu freuen.
Die Mitarbeiter vom Gemüse- und Obststand dürfen teilweise eher gehen – es ist nichts los.
Genauso sieht es beim Eiscafé aus. Dort, wo es an jedem anderen Sonnabend nur so quillt, mehrere Bedienungen von Tisch zu Tisch eilen – gähnende Leere. Auch hier wird die Belegschaft reduziert.
Die junge Dame bei Zero erzählt mir, dass die Straßensperrung bis 16 Uhr laufen soll – man erhofft danach noch einmal Andrang, denn das Zentrum hat bis 20 Uhr geöffnet.
Zwei junge Männer mit Sportreisetaschen haben vergeblich versucht, heute zu ihrem Trainingsort zu kommen. Sie berichten, dass sie die Polizei 20m vor Fitness First zum Umdrehen gezwungen hat. Keine Chance.
Heute, beginnend am frühen Abend, wollte ich die Teilnehmer des Model Contests QUARREE GESICHTER 2013 erneut bei ihrem Workshop besuchen, der ebenfalls bei Fitness First stattfindet. Wettbewerbsausrichter Alexander Strauß ist bereits seit gestern am rotieren, um seine jungen Teilnehmer nicht in Gefahr zu bringen. Ersatztermine sind im Gespräch. Wie und ob alles stattfindet, wird sich wohl erst in letzter Minute zeigen.

Beim Wiederverlassen des Zentrums ist die Lage eindeutig ernster, bedrohlicher. Ein aus der Richtung der Aktionen kommender Passant erzählt, dass nun ‚mehrere hundert’ dunkel gekleidete Neo-Nazis eingetroffen seien, und er es vorzog zu verschwinden. Und ansonsten? Sitzblockaden, angespannte Situation.
Gebrüll aus der Entfernung. Tröten, Trommeln. Der Hubschrauber kommt nicht zur Ruhe. Die Einsatzkräfte tauschen sich ständig aus.
„Wollen wir mal gucken gehen?“, höre ich eine Stimme. Zwei junge Männer stehen hinter mir an der Ampel, bei der ich wieder nicht weiß, ob ich gehen oder warten soll.
„Nee, lass mal“, sagt der eine. „Mich krallen sie immer raus. Ich hab’ keinen Bock auf Ärger.“
Ich werde auch nicht „gucken“ gehen.

Wieder zu Hause angelangt, erfüllt mich eine gewisse Erleichterung. Die eigenen Wände vermitteln ein Sicherheitsgefühl. Bisher sind es Auswirkungen, die sich im Rahmen halten. Man darf nicht daran denken, was es kostet. Ich spreche nur von den tatsächlichen Belästigungen. Verkehrsbeeinträchtigung, Geschäftsrückgange, unbehagliches Gefühl …
Mir ist jedoch höchst unwohl bei dem Gedanken, was dort heute vielleicht noch alles abläuft, wer sich trifft oder aufeinandertrifft.
Ich hoffe, es geht friedlich ab.
Ich hoffe, es gibt keine schweren Verletzungen. Auf keiner Seite.
Keine Zerstörung, Verwüstung, brachiale Gewalt o. a.
Ich wünsche mir … im Grunde wünschte ich mir, dass es  Demonstrationen solcher Art (!)  überhaupt nicht gäbe, dass einfach keiner sie (Anlass, Art und Weise) für nötig erachtete!
Dass sie …
Nein!  Dieser Blog ist nicht politisch …

Nachtrag am 02.06.2012 – 22.00 Uhr
Die Hoffnung war leider vergeblich. Angezündete Barrikaden, 19 (durch linke Demonstranten) verletzte Polizisten (mit Steinen, Flaschen und Böllern beworfen), 12 Verhaftungen, 63 Menschen, die vorübergehend in Gewahrsam genommen wurden, Hunderte, die nach Veranstaltungsende festgehalten wurden. Straßenzüge, die stellenweise einem Katastrophengebiet ähneln …  So meldeten es eben die Nachrichten.
Ich kommentiere dies nicht.

©Juni 2012 by Michèle Legrand

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