Ich träume von Klatschmohnwiesen …

Türkischer Mohn (Papaver orientale)

Türkischer Mohn (Papaver orientale)

Er hatte immer Ende Mai Geburtstag, und ich kann mich tatsächlich nicht entsinnen, dass meine Kollegen und ich an diesem Tag jemals gefroren hätten!
Mein früherer Chef pflegte uns an seinem Ehrentag nachmittags etwas auszugeben, und jedes Mal war er wirklich lange am überlegen, ob er Kuchen oder Eis wählen sollte.
Er selbst war eindeutig und auch ganz offen ein Kuchenbevorzuger, der bei warmen, ofenfrischen Butterkuchen in Verzückung geriet und genüsslich Sahnetorte verzehrte. Nur angesichts der meist herrschenden Hitze, eishungriger Mitarbeiter und einer exzellenten Eisdiele in der Nähe, lief es doch mehrheitlich auf Gefrorenes hinaus.
Es ist leider zu früh verstorben, aber was würde er nur von dieser Veränderung halten, davon, dass man heutzutage an seinem Geburtstag eine völlig andere Wahl treffen muss.
Hühnersuppe oder Grog?
Winterjacke oder Daunenweste?
Schirm oder Regencape?
Ach, Leute, wer war das wieder? Wer hat den Teller nicht leergegessen? Wer war so miesepampig, dass die Sonne aus Protest nicht durchdringt? Wer hat sich wieder mit Petrus angelegt oder Wetten abgeschlossen, dass es kalt bleibt?
Die Eisheiligen sind schon vorbei. Der Winterschlaf der Tiere auch. Die Sommerreifen sind drauf. Die Gartenstühle stehen parat. Die Sommerkleidung liegt vorne an. Ich habe Sonnenschutzcreme im Schrank.
Die wird noch vergammeln!

Ich mag keine sich ewig hinziehenden Kälteperioden. Keine wiederkehrenden Sturzbäche von oben. Ich bin gegen Frühlingsgänsehaut. Ich kann im Mai keine Schals mehr sehen. Ich möchte Stiefeletten erst wieder im Herbst tragen. Selbst Kerzen können nicht ewig fehlendes, echtes Licht ausgleichen!
Stattdessen habe ich Lust auf das Aufblitzen der Sonne zwischen den Zweigen einer blühenden Hecke und Verlangen nach lauer Luft. Verspüre Sehnsucht nach dünnen, leichten Stoffen, die einen umhüllen. Ich möchte mit nackten Füßen über Gras laufen und die Sonne auf meiner Haut fühlen!
Regen ist gelegentlich schön, doch nicht ununterbrochen und dazu in Verbindung mit Kälte!

Manchmal schafft es ein Sonnenstrahl zwischen zwei Schauern, sich einen Weg durch die Wolkendecke zu bahnen. Von ihm lasse ich mich treffen. Am Terrassenfenster. Ich stehe drinnen wohlgemerkt! Dort ist es entschieden wärmer …
Diese Wärme dringt durch den Stoff, sie windet sich um dich herum, sie kitzelt freundlich. Das Schließen der Augen bewirkt das Wecken der (Wunsch-)Träume. Dann riecht es auf einmal nach Maiglöckchen und Waldmeister. Oder von weit her nach Damaszener Rose. Manchmal erscheinen strahlend weiße und tief purpur-blaue, manchmal bunte Blüten.
Und manchmal  träume ich … von Klatschmohnwiesen.

Mai. Los! Komm jetzt! Bitte! Der Mohn hat schon Verspätung!!

Klatschmohn (Papaver rhoeas)

Klatschmohn (Papaver rhoeas)

©Mai 2012 by Michèle Legrand

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  1. #1 von Pyrolim am 17/05/2012 - 23:22

    Ach Michèle, Du sprichst mir ja so aus der Seele. Ich bin ein wechselwarmes Tier, falle bei unter 20 Grad in Winterstarre und leide fürchterlich unter Kälte. Und nun muss ich dieses schreckliche Bibbern und Frieren schon bald neun Monate im Jahr aushalten. Und das perfide daran ist, dass uns die Wärme mal für eineinhalb Tage vergönnt war und dann war es wieder vorbei damit. Nur mal dran Schnuppern und bloß nicht dran gewöhnen. Es ist einfach gemein und schrecklich.
    Wünsche uns allen bald Wärme.
    LG, Susanne

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    • #2 von ladyfromhamburg am 18/05/2012 - 09:43

      Du kannst es also sehr gut nachempfinden. Eine verwandte Seele mehr. ;) Hoffen wir beide für uns und alle auf sonnigere Tage und auf jeden Fall mindestens 20°! Winterstarre bei dir können wir nicht zulassen.
      Danke für den Kommentar, Susanne.
      LG, Michèle

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  2. #3 von Wolf am 18/05/2012 - 00:42

    Der Mohn
    Wie dort, gewiegt von Westen,
    Des Mohnes Blüte glänzt!
    Die Blume, die am besten
    Des Traumgotts Schläfe kränzt;
    Bald purpurhell, als spiele
    Der Abendröte Schein,
    Bald weiß und bleich, als fiele
    Des Mondes Schimmer ein.

    Zur Warnung hört ich sagen,
    Daß, der im Mohne schlief,
    Hinunter ward getragen
    In Träume, schwer und tief;
    Dem Wachen selbst geblieben
    Sei irren Wahnes Spur,
    Die Nahen und die Lieben
    Halt‘ er für Schemen nur.

    In meiner Tage Morgen,
    Da lag auch ich einmal,
    Von Blumen ganz verborgen,
    In einem schönen Tal.
    Sie dufteten so milde!
    Da ward, ich fühlt es kaum,
    Das Leben mir zum Bilde,
    Das Wirkliche zum Traum.

    Seitdem ist mir beständig,
    Als w’r es so nur recht,
    Mein Bild der Welt lebendig,
    Mein Traum nur wahr und echt;
    Die Schatten, die ich sehe,
    Sie sind wie Sterne klar.
    O Mohn der Dichtung! wehe
    Ums Haupt mir immerdar!

    Ludwig Uhland

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