Leipziger Allerlei – Teil 6: Die Demo, die sich als Festakt entpuppte – 800 Jahre Thomaner

Leipzig, Thomaskirche, 800 Jahre Thomaner - Festakt - Begrüßung des Präsidenten

Thomaskirche Leipzig – Festakt 800 Jahre Thomaner – Begrüßung des Bundespräsidenten Joachim Gauck


Nein! Musste das jetzt gerade heute sein?

Es ist Dienstag, der 20. März 2012. Mein letzter Tag in Leipzig, und ich hatte mich auf den Weg zur Thomaskirche gemacht. Wieder einmal. Mehrmals war ich bereits in der Kirche gewesen oder hatte sie umwandert sowie den Kirchhof mit seiner Bach-Statue betrachtet. Heute wollte ich gern ein Foto von dem ganz neu eingetroffenen bronzenen Tastmodell der Kirche im Maßstab 1:100 aufnehmen. Erst am 17. März, dem Tag meiner Ankunft, war es aufgestellt und eingeweiht worden. Danach schwebte mir ein Besuch des Bach-Museums vor.
Und nun das! Ich näherte mich vom Alten Rathaus kommend, hatte den Marktplatz überquert und den Kirchturm schon im Visier, um dann doch sehr abrupt zu stoppen! Gegenüber dem goldverzierten Gebäude der Commerzbank bevölkerten Polizeibeamte den gepflasterten Kirchhof. Ein paar junge Leute in dunklen Jacken trieben sich herum. Sie wirkten harmlos, doch schleppten sie Plakate mit sich, deren Aufschrift ich allerdings noch nicht lesen konnte.
Toll! Demo! Das habe ich ja gut abgepasst!
Hier offenbart sich, was der Mensch im Urlaub  – oder generell fern von daheim – anders macht und was ihm zum Nachteil gerät: Er kauft auswärts selten eine Tageszeitung und ist so beschäftigt, dass auch die Nachrichten und das Fernsehen allgemein grob vernachlässigt werden. Hätte mich jemand gefragt: Wann hat denn Bach Geburtstag? Ich hätte ihm sagen können, dass es am 21. März ist, dem folgenden Tag. Hätte mich jemand gefragt, ob ich wüsste, welches Jubiläum der Thomanerchor feiert, wäre ich auch um keine Antwort verlegen gewesen. Doch in dem Moment hatte ich keinen Platz dafür, keine Idee, denn bei mir war nur Demo angesagt.
Punkt. Keine Diskussion.
Etwas zögerlich umrundete ich die Kirche, um zu der Seite zu gelangen, auf der die Bachstatue steht, sich der Thomas Shop befindet und somit auch das Bronzemodell.
Herrschaftszeiten! Noch mehr Absperrungen, Sicherheitskräfte en masse, eine Pressetribüne vor der Statue.
Pressetribüne?
Für eine Demo?

20.03.2012 - Festakt 800 Jahre Thomanerchor - Pressetribüne vor der Bach-Statue an der Thomaskirche

20.03.2012 – Festakt 800 Jahre Thomanerchor – Pressetribüne vor der Bach-Statue an der Thomaskirche

So langsam kamen mir Zweifel. Kurz danach fiel der Groschen. Festakt. Thomaner. Doch gleich danach stieg die Frage auf: Warum denn so ein Trara? Bei einer Feier?
Irgendwo witterte ich, dass ich vielleicht Blogfutter finden würde und zückte meinen Block und den Stift. An dem Morgen hatte ich mich für dunkle, äußerst konservative Kleidung entschieden. Schwarze Hose, schwarze Jacke, Halstuch schwarz-weiß. Was passiert? Die Sicherheitskräfte halten mich offenbar für jemanden der erwarteten Gäste und nicken mir vielsagend zu. Ein Mann aus dem Pressebereich winkt herüber.
„Gehören Sie auch dazu? Die haben uns hier den Platz zugedacht. Kommen Sie doch rüber!“
Ich schaue noch einmal verstohlen hinter mich. Keiner da. Er scheint mich zu meinen. Kleines innerliches Zögern, dann nehme ich mir ein Herz und nähere mich ihm, etwas vor mich hinmurmelnd wie: „Bin nur inoffiziell da, nicht eingeladen …“ Es scheint keinen zu stören.
Halteverbotszonen werden neu eingerichtet, der Verkehr umgeleitet. Die ersten Menschen bleiben stehen. Einige sind Leipziger, die offenbar gezielt gekommen sind, andere Spaziergänger – Touristen –, die sich für das Treiben interessieren. Sie schließen sich neugierig an. Irgendwie habe ich immer noch keinen Durchblick. Ich kann aber schlecht meine „Pressekollegen“ fragen, für wen hier solch ein Aufwand betrieben wird. Hinterließe keinen professionellen Eindruck, oder…?
Daher entferne ich mich und suche Einheimische. Ein Ehepaar älteren Jahrgangs ist sehr zugänglich und erzählfreudig. An sie halte ich mich.
„Wer hier erwartet wird? Na, der Bräsident! Der war doch ooch een Thomaner und ooch Pfarrer!“
Ich stutze. Thomaner? Der Präsident war Thomaner? Der Bundespräsident?  Seit wann das? Also frage ich lieber nach:
„Sie meinen, der neue Bundespräsident kommt heute hierher?“
„Natürlisch! Der Herr Gauck!“
Jetzt ergibt das Polizeiaufgebot Sinn. Ich bleibe dort wo ich bin stehen, denn hier bekomme ich unauffällig Informationen. Geladene Gäste erscheinen, und ich erkenne leider die Lokalprominenz nicht wirklich. Die Namen sagen mir etwas,  aber das Gesicht dazu fehlt mir.

Die Lokalprominenz wartet, der Sicherheitsdienst passt auf, die Jugendlichen halten ihre Plakate (formen den Slogan: glauben - singen - lernen)

Die Lokalprominenz wartet, der Sicherheitsdienst passt auf, die Jugendlichen halten ihre Plakate (formen den Slogan: glauben – singen – lernen). Der Bürgermeister ist noch ohne Kette …

„Wer ist denn der große Herr, der gerade eingetroffen ist? Der dort mit dem hellen, dünnen Schal neben dem Herrn mit der Steppweste?“
„Nu, das ist unser Oberbürgermeister, der Herr Jung. Du“, fragt er seine Frau, „warum hat der denn die scheene Kette noch nüsch umgelescht?“
„Weeß’sch ooch nüsch …“, kommt als Antwort, doch sie erkennt gerade den Thomaskantor Georg Christoph Biller und den Pfarrer der Kirche, Herrn Christian Wolff (der etwas kleinere Herr im grauen Anzug und weißem Schal) und zeigt ganz ungeniert mit dem Zeigefinger auf die Herren. Eine WDR-Reporterin spürt, dass sie hier vielleicht etwas erfahren kann und kommt zu uns herüber.
„Hallo, guten Tag. Wie finden Sie das denn, dass der Herr Gauck Präsident geworden ist?“, fragt sie, an die Leipzigerin gewandt.
„Na, doll! Äscht subba!“  Die Leipzigerin reagiert verdutzt ob dieser Frage.
„Und was mögen Sie an ihm?“
„Das is mal Eener von uns. Aus’m Osten, nu?“
„Nur deshalb, oder…?“
„Wissen Sie, isch gloob, wir brauchen mal eenen, der ooch mal ja oder nein sacht. So eener mit Ecken und Kanten. Eener, der sisch nüsch immer nur durschschlängeln tut …“
Herr Jung, der Oberbürgermeister, inzwischen mit Goldkette, hat mittlerweile entdeckt, dass der WDR mit Mikrofon präsent ist und hält dies für eine gute Gelegenheit mitzumischen. Er eilt im Geschwindschritt herbei. In äußerst aufgeräumter Stimmung begrüßt er uns aufs Herzlichste persönlich, und ich gewinne nun den Eindruck, dass er die Reporterin wahrscheinlich schon kennt. Strahlend und gutgelaunt erzählt er, wie phantastisch es ist, dass Herr Gauck quasi als erste Amtshandlung nach seiner Wahl hier nach Leipzig kommt. Welche Ehre für die Stadt! Er verrät weiterhin, dass dieser nicht selbst sprechen wird, sondern nur als Gast komme. Grund: der Herr Bundespräsident ist zwar gewählt, aber noch nicht vereidigt.

Bekomme einen freundlichen Blick von Herrn Burkhard Jung ... Rechts die WDR-Reporterin

Bekomme einen freundlichen Blick von Herrn Burkhard Jung … Rechts die WDR-Reporterin

„Och, schade, du“, wendet sich die Leipzigerin an ihren Gatten. Dann interviewt sie ihrerseits Herrn Jung.
„Herr Jung, nu verroten Sie mir mal: wenn Sie hier nüsch mehr Bürgermeister wär’n, würden Sie trotzdem in Leibzsch bleiben? Ist das nüsch eene scheene Stadt, Sie?“
Der Herr Bürgermeister kommt ursprünglich aus Siegen. Er reagiert völlig richtig und schwärmt in den höchsten Tönen von „seiner“ Stadt Leipzig. Nein, er wolle auf keinen Fall wieder weg. Wieder zurück. Wie hieß es doch so schön, als er gewählt wurde? Es tauchte der Spruch auf: Was ist schlimmer als Verlieren? Siegen …
Auf einmal herrscht Aufruhr im Volk. Herr Jung dreht auf dem Absatz. Limousinen fahren vor. Dunkle, schwergewichtige mit ernst blickenden Fahrern. Noch eine. Irgendwann kommt der Wagen mit dem Fähnchen. Dem Bundesadler.

Die Limousine des Bundespräsidenten ...

Die Limousine des Bundespräsidenten …

Jubel und Beifall brandet auf. Die Wagentür wird geöffnet, und ein relativ kleiner Herr Gauck steigt aus. Er wird außerordentlich herzlich empfangen, winkt in die Menge,  ruft: „Guten Tag, Leipzig!“, erhält dafür tosenden Applaus sowie einen der weißen Schals mit Thomaner-Logo umgelegt. Nach der Begrüßung anderer Gäste, findet ein Fotoshooting vor der Bach-Statue und vor der versammelten Presse statt.

Ankunft von Herrn Gauck

Ankunft von Herrn Gauck (siehe auch Foto zu Beginn des Artikels)

Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) kümmert sich um den Präsidenten. Daneben die Lebensgefährtin von Herrn Gauck, Daniela Schadt.

Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) kümmert sich um den Präsidenten. Daneben die Lebensgefährtin von Herrn Gauck, Daniela Schadt.

Irgendwann verschwinden alle in der Kirche. Der Festakt wird via Lautsprecher nach draußen übertragen, doch allmählich löst sich die Zuschauermenge vor der Thomaskirche auf. Das Leipziger Ehepaar ist bereits gegangen. Sie haben mir zum Schluss gesagt, ich soll doch unbedingt noch „Lerschen“ essen. Lerchen? Bloß gut, dass mir Christian schon beim allerersten Besuch erklärt hat, dass es sich heutzutage nicht mehr um die Vögel handelt, sondern um eine Gebäckspezialität …

Resümee des Vormittags:
Um die Demo herumgekommen, mit dem Oberbürgermeister auf Tuchfühlung gewesen, Herrn Gauck in Greifweite (etwas verlängerter Arm) gehabt, für Pressetante gehalten worden, nettes Gespräch gehabt, Orgelmusik gehört und letztendlich auch das Foto vom Modell gemacht.

Leipzig, Thomaskirche als Tastmodell (1:100)  - Bild 1

Leipzig, Thomaskirche als Tastmodell (1:100) – Bild 1

Leipzig, Thomaskirche als Tastmodell (1:100)  - Bild 2

Leipzig, Thomaskirche als Tastmodell (1:100) – Bild 2

Thomaskirche (Leipzig) vom Felix Mendelssohn Bartholdy Denkmal aus gesehen

Thomaskirche (Leipzig) vom Felix Mendelssohn Bartholdy Denkmal aus gesehen

Thomaskirche - Mittelgang mit Blick auf die Orgel

Thomaskirche – Mittelgang mit Blick auf die Orgel

Thomaskirche - Seitenfenster

Thomaskirche – Seitenfenster

Thomaskirche - Blick in den Altarraum

Thomaskirche – Blick in den Altarraum

(Die Innenfotos stammen vom Vortag, denn zum Festakt war der Zugang natürlich nur geladenen Gästen möglich.)

Den Nachmittag werde ich im Grünen verbringen. Auch wenn es noch nicht wirklich grün ist. Auf jeden Fall in Parks und überall dort, wo Natur und Tiere sind. Und „Einheimische“.
Davon mehr in Kürze im siebten und letzten Teil des Leipziger Allerleis.

Wieder dabei?

©März 2012 by Michèle Legrand

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