Leipziger Allerlei – Die Neuauflage – Frühjahr 2012 Die Einführung

Leipzig, Johanna-Park, 20.März 2012

Frühlingssonne in Leipzig: Im Johanna-Park am 20. März 2012

Sie huschen wieder an mir vorbei. Die Birken und Kiefern. Wie vor ein paar Tagen auf dem Weg nach Leipzig. Irgendwann – etwa nach einer knappen Stunde ICE-Fahrt hinter Hamburg fällt es auf, wie sich der Baumbestand verändert hat und die auffälligen weiß-schwarzen Stämme der Birken das Bild prägen, ergänzt oder unterbrochen von den grünen Nadelpuscheln der Kiefern dazwischen.
Nun wieder Heimfahrt. Eben hat der Zug Wittenberg verlassen, den ersten Halt nach Leipzig in Richtung Norden. Mir bleiben die Bäume demnach noch eine ganze Weile erhalten. Ich überlege immer, wie das Wetter wohl ist …
Doch, natürlich, der Zug hat Fenster, allerdings so blind und durchzogen von schmierigen Rinnsalen, dass unwillkürlich eine andere Szene vor meinem inneren Auge entsteht. Eine durchzechte Nacht, eine heruntergekommene Frau, deren verschmiertes Make Up und zerlaufene Mascara-Spuren neue, etwas trostlose Bilder auf ihre müde Haut zeichnen. Der Zug sieht von außen insgesamt so aus – es sind nicht nur die Scheiben. Er befand sich in Leipzig schon auf dem Abfahrtgleis, als ich eintraf. Ich nahm an, es sei fahrplanmäßig der Vorgängerzug, denn es war noch eine Viertelstunde vor meinem Termin. Eine angekoppelte, rote Lok stand am Kopfende des Bahnhofs. ICE-untypisch. Die Waggons? Sie waren aufgrund des Drecks kaum als ICE-Wagen zu erkennen.
Doch, es sei der Zug nach Hamburg, erklärte mir das Bahnpersonal auf Anfrage, nur der Wagen 3 fehle heute. Ich hatte glücklicherweise eine Platzreservierung in Waggon 5. Als ich ihn betrat, fühlte ich mich sofort zeitlich zurückversetzt. Vorherrschend braune Farbtöne. Sitze mit buchefarbenen Holzlehnen, eine farblich ähnliche Deckenverkleidung, die auf den ersten Blick wie eine recht grobmustrige Textilverspannung aussah, sich aber danach als eher filigrane Metallverkleidung entpuppte. Hölzerne Ablageflächen wie die Roste in einer Sauna und für mich zuerst gänzlich unauffindbar: die Sitznummern. Die Reservierungsschildchen werden in an den Scheiben befindliche Plexiglashalterungen eingesteckt, aber dort sind keine Sitznummern. Nach längerem Suchen entdeckte ich sie in dezentem Schwarz auf ein Aluminium-Abschlussrohr der Gepäckablage geklebt. Nun, dann ist wohl alles okay…

Die schwarzen (Kunst-)Ledersitze sind sogar recht bequem. Wenige Fahrgäste sind unterwegs an diesem Mittwochmorgen, ich kann mich ausbreiten. Nach ein paar Minuten der Fahrt, gelingt es mir sogar mir vorzustellen, dass der Zug irgendwann ICE Geschwindigkeit erreicht. Und tatsächlich: das Aussehen täuschte. Allerdings erspare mir diesmal das weitere Hinausschauen. Wie gesagt, es wirkt immer gleichbleibend stark bewölkt und leicht regnerisch und komischerweise setzte dieser „Wetterwechsel“ abrupt im Zug ein! Am Leipziger Hauptbahnhof schien jedenfalls strahlend die Sonne.
Als ich meinen Koffer noch einmal von der Ablage nehme, um den Laptop herauszuholen, stehen sie auf einmal hinter mir. Drei große Typen, ganz in schwarze Overalls gekleidet. Waffen dabei. Zum Glück dreht sich der eine, erst dann entdecke ich den Aufdruck POLIZEI auf seinem Rücken. Angeschlichen sind sie, erschreckt haben sie mich, wollen aber offenbar nichts von mir. Lediglich ein ernster, prüfender Blick. Gerade hatte ich überlegt, ob ich einen gehetzten Eindruck aufsetzen und ein entmutigtes: „Ja, ich gebe alles zu!“ stöhnen sollte, die Hände wie zum Handschellen anlegen nach vorne gestreckt. Doch nachher nimmt man mich noch ernst … Sie trollen sich und inspizieren sorgfältig den gesamten Zug.
Es scheint heute insgesamt eine interessante, weil etwas andere Bahnfahrt zu werden. Doch die ganzen Tage, die ich unterwegs war, waren schon interessant gewesen …
Die Fahrt am Sonnabend ging zügig und ließ mich kurz vor Leipzig über die Tasche von Gayle Tufts stolpern. Die Entertainerin stieg auch dort aus, und wir wechselten ein paar Worte. Wir saßen wahrscheinlich schon ab Hamburg im Waggon 21 Rücken an Rücken. Irgendwann hatte ich bei der Stimme hinter mir aufgehorcht, und es hatte sich zu dem deutsch-amerikanischen Kauderwelsch ihr Gesicht geformt. Ich stand jedoch nicht auf, um es zu prüfen. In dem Moment, als ich am Zielbahnhof Leipzig mit meinem Trolley an ihr vorbei Richtung Ausgang wollte, rückte sie ihr Gepäck Richtung Gang, um sich ebenfalls zu richten. Karambolage, Verhakeln und Erkennen. Ich sie. Nicht sie mich. Woher auch … Ich hatte sie aus dem Fernsehen als größer, auffälliger, bunter, lauter in Erinnerung. Doch sie ist eher klein, war relativ ruhig, auch ihre Bewegungen. Unauffällig konservativ gekleidet, flache Schuhe, kaum Make Up. Nur ihre Lippen zog sie noch schnell mit einem kirschroten Lippenstift frisch nach. Sie reiste für eine Show in Leipzig an, war in Begleitung eines jüngeren Mannes, der offenbar dabei mitwirkte, denn er erzählte von seinem weißen (Bühnen-)Anzug. Sie war außerordentlich freundlich und ausgeglichen. Gayle Tufts ist offenbar auch so ein Mensch, der auf der Bühne einen inneren Schalter umlegt und für die Zeit dort zur Entertainerin, zur Person Gayle Tufts Nr. 2 wird.
Ich lief im Laufe der Tage noch mehr Menschen über den Weg, die ich wirklich nicht erwartet hatte und kam mit manchen von ihnen ins Gespräch.
Diesmal ging ich noch mehr unter die Leipziger, und ich fürchte, noch ein oder zwei Tage länger und ich hätte dauerhaft einen sächsischen Einschlag beim Sprechen behalten. Es wurde also höchste Zeit, wieder in den Norden zurückzukehren.
Ach, mein Hamburg, ein bisschen habe ich dich tatsächlich schon vermisst …

Ich habe dies die Einführung genannt. Die Einführung zur Neuauflage des Leipziger Allerleis, das ich im letzten Jahr bei meinem mittlerweile dritten Besuch im September startete. Diesen Begriff „Leipziger Allerlei“ ins Suchfeld des Blogs eingegeben, führt Interessierte zu den Teilen 1-3 aus jener Zeit.
Worum wird es diesmal gehen? Die Planung sieht in etwa so aus:
Leipziger Allerlei:
Teil 4 –
Ein Eindruck von der Leipziger Buchmesse, eine abendliche Lesung und ein alter Bekannter
Teil 5 –
Leipzigs schöne Ecken (Kirchen, Plätze, Cafés, Gebäude, Besonderheiten schlechthin, die ich in den vorherigen Artikeln noch nicht so ausführlich besprach)
Teil 6 –
Hineingeraten – Festakt 800 Jahre Thomaner – … und ich dachte, ich gerate in eine Demo!
Teil 7 –
Leipzigs grüne Ecken (Rosental, Zooschaufenster, Johanna-Parka, Clara-Zetkin-Park, Elster). Wo man weniger Touristen und mehr die echten Leipziger antrifft.

(Änderungen vorbehalten)

Viele Fotos werden das zu Berichtende begleiten – wer also Lust hat, dabei zu sein, der achte in den kommenden Tagen/Wochen bitte auf den Hinweis „Blog“ und „Leipziger Allerlei“.
Es wird Fragen zu klären geben wie z. B.:
– Wer kleidet sich wie auf der Leipziger Buchmesse? Gibt es da ein Muster, eine Regel?
– Was kann einen im Hotel vom Schlaf abhalten, wenn es nicht das Bett ist?
– Wie ist das, nach fast 30 Jahren unvermutet einem Menschen wieder gegenüber zu stehen? – Was macht man, wenn man in eine Polizeiabsperrung gerät? Ist Herr Gauck eigentlich so groß wie im Fernsehen?
– Warum das Zooschaufenster jetzt Breitwandformat hat. Hat Leipzig auch Neozoen?
– Was ist eigentlich superspezifisch für Leipzig?
Und mehr …

Ich freue mich wieder auf zahlreiche Gäste und heiße alle recht herzlich willkommen!

©März 2012 by Michèle Legrand

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