Wieder auf Entdeckungstour: Teil 3 – Zwischen Hauptbahnhof und Binnenalster! Von Spinnen, Zyklopen und Nackten …

Im dritten und letzten Teil dieser kleinen Blogserie geht es um etwas, was ich ganz zu Beginn meines Ausflugs mit Ziel Alster erspäht habe. Ach, was sage ich denn! Weswegen ich auch dort hingefahren bin und weshalb ich genau diesen Weg einschlug. Den Weg hinaus aus dem Hamburger Hauptbahnhof  in den Glockengießerwall und von dort aus nach rechts Richtung Alster. Nicht weit entfernt befindet sich die Kunsthalle. Wer daran denkt, sich hier umzudrehen und zurückzuschauen, sieht den schönen Bahnhof im Ganzen (und wer schon beim Verlassen des Gebäudes zurücksah, bemerkte auch die Uhr am Ausgang der Halle).

Hauptbahnhof Hamburg (vom Glockengießerwall aus gesehen)

Hauptbahnhof Hamburg (vom Glockengießerwall aus gesehen)

Hamburg, Eingang Hauptbahnhof (vom Glockengießerwall) mit Uhr

Eingang Hauptbahnhof (vom Glockengießerwall) mit Uhr

Die Kunsthalle ist natürlich immer einen separaten, eigenen Besuch wert! Doch heute ist zu schönes Wetter, um sich gerade jetzt drinnen aufzuhalten. Die Kunsthalle besteht aus einem alten Teil (Backsteinbau), dem rechts davon liegenden Kuppelanbau („Rotunde“ – Richtung Hbf) und dem links vom Altbau errichteten weißen Kubus (eröffnet 1997) – der Galerie der Gegenwart. Zwischen dem alten Teil und dieser Galerie entstand ein Außenplateau, und dort befindet sich zurzeit ein sehr ungewöhnlicher Gast! Dazu gleich mehr.

Der Kuppelanbau wiederum besitzt einen kleinen Vorplatz. Dort gibt es bereits zwei Skulpturen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, und die ich hier kurz vorstellen möchte:

Hamburg Kunsthalle (Vorplatz) - Bernhard Luginbühl, 1929, "Kleiner Zyklop"

Bernhard Luginbühl (1929) – „Kleiner Zyklop“

Dies ist der Kleine Zyklop.  Zyklop? Da steht man vor diesem Werk und überlegt geraume Zeit:
Wo ist denn nun eigentlich vorne und hinten?
Ist das der vorläufige Rostschutzanstrich?
Ja, das ist respektlos. Doch je länger man ihn betrachtet, desto sympathischer erscheint der Zyklop (sein kleiner Elefantenrüssel …), und vor allem möchte ich nun wissen, wer ihn eigentlich „gebaut“ hat.
Das Werk stammt vom dem Schweizer Bildhauer und Eisenplastiker Hans Bernhard Luginbühl, und wie es schon bei Herrn Ruwoldt war, der an dem Tag meines Auftauchens bei seiner Windsbraut (siehe Teil 1 der Serie) Geburtstag gehabt hätte, so ist es hier fast genauso. Luginbühls Geburtstag ist der 16. Februar. Er wäre 83 Jahre geworden (starb allerdings voriges Jahr am 19.02.2011).
Seinen Kleinen Zyklopen schuf er 1967. Einen weiterer Großer Zyklop entstand im gleichen Jahr. Er steht vor der Kunsthalle von Bern, dem Geburtsort des Künstlers. Das Material für seine Werke fand er sehr oft auf dem Schrottplatz.
Interessant finde ich, dass Herr Luginbühl auch Holzgebilde herstellte und im Jahr 1976 damit begann, diese gewollt – als Kunstakt! – in Flammen aufgehen zu lassen. Große Konstruktionen mit eingebauten Zündern und Feuerwerkskörpern schrieben nach einem kalkulierten Szenario Zeichen in den Himmel. So verrät es einem das Historische Lexikon der Schweiz (siehe Link unten) Unter anderem brannte am Milleniumssilvester eine 24 Meter lange und zehn Meter hohe Plastik mit dem treffenden Namen „Silvester“ auf dem Gurten (Berg bei Bern). Ein Werk, an dem immerhin zehn Personen ein Jahr gearbeitet hatten. Er veließ den Brandort übrigens, indem er mit einem Ballon entschwebte.
Der Kleine Zyklop vor der Hamburger Kunsthalle scheint mir indes robust und nicht brandgefährdet zu sein …

Ziemlich dicht daneben – man könnte ihn durchaus als Nachbarn bezeichnen – steht der Junge Reiter von Hermann Hahn (Jahrgang 1868).

Hamburg Kunsthalle (Vorplatz) - Hermann Hahn "Junger Reiter" (1908)

Ebenfalls auf dem Vorplatz der Kunsthalle: Der „Junge Reiter“ von Hermann Hahn (1908)

Sein Reiterstandbild von 1908 gibt mir irgendwie Rätsel auf.
Warum, bitte schön, ist der Reiter nackt? Und nicht nur das! Warum ist er  nackt, trägt aber einen Hut?
Als Sonnenschutz? Da wären vielleicht andere Dinge schützenswerter …
Eine Reitkappe ist es wohl auch nicht. Oder eventuell eine Art Helm? Wofür, wogegen? Man weiß es nicht.
Und nun zum Pferd: Warum hat das Pferd keine Zähne?
Fragen über Fragen, die unbeantwortet bleiben. Ich erinnere mich, als ich vor Jahren dort vorbei kam und zu meiner Belustigung entdeckte, dass jemand dem Reiter um eine seiner nackten Zehen ein Pflaster gewickelt hatte. Vielleicht hatte er eine Abschürfung dort … Inzwischen ist es offensichtlich verheilt, denn das Pflaster ist weg.

Während ich noch über den Reiter nachdenke, schaue ich Richtung Straße. Der Glockengießerwall ist eine breite, mehrspurige Straße, die einen Mittelstreifen besitzt. Auch dort gibt es einen Hingucker, und es handelt sich ebenfalls um einen Nackedei.

Hamburg, Kunsthalle -  Glockengießerwall Mittelstreifen -  "Der Fluss" von  Aristide Maillol

Blick von der gegenüberliegenden Straßenseite auf die Kunsthalle und das auf dem Mittelstreifen des Glockengießerwalls aufgebaute Kunstwerk „Der Fluss“ von Aristide Maillol

Es handelt sich um den „Fluss“ (La Rivière) von Aristide Maillol. Der Bildhauer Maillol aus Banyuls-sur-Mer (geb. 1861) galt in seinem Land als wichtigster Antipode  Auguste Rodins, und da er der Plastik den Weg zur Abstraktion ebnete in einer Weise, wie der Grafik dies Cézanne ermöglichte, wurde Maillol oft auch als Cézanne der Bildhauerei bezeichnet. Abstrakt, so ist  sicher auch dieses Kunstwerk zu verstehen, trotz realistischer Darstellung der Frauenfigur.
Also der „Fluss“. Und was haben wir da? Einen Nackedei, der fast vom Sockel kippt!  Modell für dieses Werk stand ihm Dina Vierny, der er persönlich sehr zugetan war, die mit 15 Jahren zu Maillols Hauptmodell wurde und es bis zu seinem Tod 1944 blieb.

Hamburg,Glockengießerwall Mittelstreifen (bei der Kunsthalle) "Der Fluss" von  Aristide Maillol

„Der Fluss“ – ein bisschen dichter …

Lassen wir doch kurz  beiseite, was der Künstler uns mit diesem Werk alles sagen wollte. Nehmen wir uns doch stattdessen bitte einmal diesen grauseligen Standort vor.
Wer stellt denn ein Kunstwerk auf den Mittelstreifen einer vielbefahrenen Straße, hm? Da hatte vielleicht jemand eine ganz abstrakte Minute. Bis er kam. Ungebremst. Der Gedankenblitz: Verkehrsfluss! Das muss es sein! Schwupps, da war das Ding auf dem Glockengießerwall. Nun, es sieht aus, als schiene es die Dame nicht zu stören. Sie strahlt eine enorme Ruhe aus, obwohl sie recht kippelig dort oben liegt und sie der Verkehr umbraust.

Zuletzt etwas sehr Spezielles, wie eingangs bereits erwähnt. Der spannende Gast auf dem Außenplateau! Ist jemand hier mit Spinnenphobie? Ganz ruhig, diese tut nichts.  Sie ist zwar über neun Meter groß und 12 Tonnen schwer, doch harmlos. Sie ist aus Marmor, Stahl und Bronze. Ihr werter Name ist „Maman“, ihre Schöpferin Louise Bourgeois. Die Dame starb 2010 im Alter von 99 Jahren und wird zurzeit in der Kunsthalle mit einer umfangreichen Ausstellung gewürdigt.

Hamburg - Außenplateau Kunsthalle - Spinne "Maman" von Louise Bourgeois

„Maman“ von Louise Bourgeois auf dem Außenplateau der Kunsthalle Hamburg

Zur Spinne und der Namensgebung sagte Louise Bourgeois sinngemäß, dass es eine Art Hommage an ihre Mutter sei. Sie beschrieb sie als ihre beste Freundin, als klug, geduldig, tröstend, feinfühlig und fleißig (In einem Interview von „Kulturzeit“). Diese hat als Restauratorin von Tapisserien gearbeitet. Dabei wird ständig Gewebe wiederhergestellt und restauriert – eine Tätigkeit, die auch Spinnen ständig ausführen. Es gilt zugleich als das Symbol für das unendliche, sich wiederholende und erneuernde Leben im Allgemeinen. Darum also wurde „Maman“ zum Namen für das Kunstwerk erwählt, und darum wurde es 1999  eine Spinne. Zu diesem Zeitpunkt war Louise Bourgeois bereits 88 Jahre!

Hamburg - Außenplateau Kunsthalle - Spinne "Maman" (Rumpf) von Louise Bourgeois

Außenplateau – „Maman“ – Hier ein Blick auf den Rumpf der Spinne. In dem „Drahtgeflecht“ sind Eier.

Nun steht sie seit Ende Januar hier. In Containern angeliefert, wurden vor Ort die Beine von Profis wieder zusammengebaut sowie der Rumpf befestigt. Ich fragte mich beim Hochschauen immer, was sich denn eigentlich in ihrem Rumpf befindet. In einer Schweizer Tageszeitung entdeckte ich die Information, dass es Keramikeier sein sollen. Vielleicht sind sie aber auch aus  Marmor, denn nur dieses Material konnte ich sonst in Beschreibungen entdecken.
„Maman“ war auch schon in London, Buenos Aires, Bilbao, Tokio, Bern/Zürich/Genf oder auch St. Petersburg. Unmittelbar vor Hamburg stand sie in Paris im Jardin des Tuileries. Bis Juni bleibt sie der Hansestadt erhalten. Wem die Fotos nicht ausreichen, der hat somit die Chance, sich „Maman“ in Natur anzusehen. Es lohnt sich, denn sie ist beeindruckend. Man kommt sich sehr klein daneben vor. Und erstaunlich ist, dass sie aus verschiedenen Richtungen mit unterschiedlichem Hintergrund auch entweder beinahe bedrohlich oder aber eher harmlos wirkt.

Hamburg: Außenplateau der Kunsthalle: Spinne "Maman" von Louise Bourgeois

Noch einmal aus einer anderen Richtung. Vom Backsteinbau aus Richtung Binnenalster gesehen.

Soviel für dieses Mal. Hier endet die Entdeckungstour.  Vorerst – bis irgendwann wieder eine neue kleine Tour startet!  Vielleicht ist wieder jemand mit dabei. Es würde mich sehr freuen.

Vielen Dank fürs Lesen!

Halt! Ein Foto habe ich noch. Wenn Sonnenschein ist, sind zwei Niedergänge zur U-Bahn (direkt am Hauptbahnhof) farblich eine Wucht! Sie leuchten in einem Türkis, dass ich jedesmal denke, wenn ich dort hinuntersteige, komme ich zum Swimming-Pool. Mit Palmen daneben. Und schwimmender Liegematte. Und Fruchtcocktail. Aber vielleicht denke nur ich das …

Hauptbahnhof Hamburg,  Niedergang zur U-Bahn am Glockengießerwall

Türkis! In Natur leuchtet es noch viel mehr … U-Bahn Abgang am Hamburger Hauptbahnhof

Weiterführende Links und Quellen:
Zu Hans Bernhard Luginbühl
http://www.luginbuehlstiftung.ch/  Der Link zur Stiftung. Dort gibt es eine Ausstellung der Werke von  Hans Bernhard Luginbühl. Wer auf „Park“ geht, kann einige kuriose Dinge erspähen.
http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D22082.php  Historisches Lexikon der Schweiz
Zu Louise Bourgeois:
http://www.hamburger-kunsthalle.de/index.php/Louise_Bourgeois/articles/Louise_Bourgeois.html
http://hamburgergeschichten.wordpress.com/2012/01/24/skulptur-riesenspinne-maman-kunsthalle-hamburg/

©Februar 2012 by Michèle Legrand

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  1. #1 von Marion Trost am 27/02/2012 - 22:07

    Liebe Michèle,

    deine Entdeckungstour habe ich sehr gerne verfolgt. Die Bilder sind ganz toll; vor allem die gigantische Spinne – wow! Danke für`s Teilen…:-)

    LG
    Marion

    Gefällt mir

    • #2 von ladyfromhamburg am 27/02/2012 - 23:29

      Danke für deinen Kommentar, Marion, und schön, wenn es dir gefallen hat. ;)
      Die Spinne fand ich selbst auch ziemlich beeindruckend!

      LG Michèle

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  2. #3 von Susanne Peyronnet am 09/03/2012 - 20:15

    Liebe Michèle,
    dieser Kommentar liegt mir schon lange auf der Zunge, nun muss ich ihn endlich loswerden: Das ist ein sehr schöner Spaziergang, und vor allem gefällt mir Deine Überlegung zum Reiterstandbild. Ich werte die ungewöhnliche Gestaltung als Zeiterscheinung, sozusagen als frühe Anklänge an Abstraktion und Jugendstil-Schlichtheit, vielleicht auch an damals aufkommende FFK-Bewegung und die Luftbad-Jünger. Die älteren Reiterstandbilder von Fürsten und Königen sind ja immer sehr reich ausgestaltet, hier setzt offenbar schon die Umkehrbewegung ein, die dann im 20. Jahrhundert ihren Fortgang nahm. Offenbar ist der Künstler ein Avantgardist gewesen.
    Avantgardistisch und sehr beeindruckend finde ich auch die Spinne.
    LG, Susanne

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    • #4 von ladyfromhamburg am 09/03/2012 - 21:25

      Liebe Susanne,
      vielen Dank für deinen Kommentar, speziell bezüglich des Reiterstandbildes. Ich hatte irgendwo gelesen, dass der Bildhauer sonst mehr für Büsten zeitgenössischer ‚Prominenter‘ Aufträge erhalten und ausgeführt hat, die ihm auch selbst sehr am Herzen lagen und dementsprechend detailliert und sehr realistisch ausfielen. Man vermutete, dass es sich bei diesem ‚Ausrutscher‘ um eine etwas ungeliebte, aber angenommene Aufgabe handelte, die er entsprechend zeitsparend und auch ungenau erledigte. Er soll zudem kein ausgesprochener Pferdefan oder Pferdekenner gewesen sein. Ich weiß allerdings auch, dass oft Pferde als Statue mehr wie auf einem Gemälde weitaus früherer Epochen dargestellt werden (z. b. Schweif, Beinhaltung), um zu zeigen, es ist ‚das Pferd‘ als solches schlechthin, nicht ein bestimmtes Ross eines bestimmten Menschen.
      Ich finde, deine Vermutungen klingen sehr logisch und plausibel. Das Schöne ist eben, man kann sich dazu seine ureigensten Gedanken machen …

      LG Michèle

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