„Ach, nun sei doch mal ein bisschen spontan!“

Was haben folgende Begriffe gemeinsam?
Aufrichtig, freundlich, zuverlässig, nett, gepflegt, …
Richtig, sie sind durchweg positiv, d. h. ihre Bedeutung ist klar und sagt uns sofort: Das ist etwas Gutes.
Jetzt laut, nervig, verlogen, angeberisch, herrisch, geizig, selbstherrlich, …
Was stellen wir hier fest?
Genau, diese Eigenschaften werden als negativ empfunden. Eindeutig. Allesamt.
Aber nun: Achtung!
Strebsam, ehrenhaft, dynamisch, flexibel und ganz speziell spontan!
Nun, wie ist das Empfinden?  Genauso eindeutig? Uneingeschränkt positiv?
… Abwägen. Die Waagschale senkt sich anfangs meist zugunsten von positiv.
Doch Moment! Vielleicht eher doch nicht?
Strebsam könnte ebenso gut ein Synonym sein für enorm ehrgeizig. Zu ehrgeizig! Hat da jemand etwa nur die Karriere im Sinn? Geht derjenige gar über Leichen? Oder ist womöglich zu gewissenhaft. Pingelig? Anstrengend. Eine Spaßbremse … ja,  bestimmt ein Spielverderber. Einer, der, wenn in sechs Wochen eine Prüfung ansteht, schon jetzt alle privaten Treffen absagt und die Nase rümpft, wenn andere es nicht so handhaben.
Nächster Begriff: ehrenhaft. Wenn das bloß nicht die Umschreibung für zu genau, zu regeltreu, zu anständig, zu bieder, zu langweilig ist!
Weiter: dynamisch. Hört sich solange gut an, bis der Gedanke „immer“ auftaucht. So ein Dauertornado kann sehr stressen. Vielleicht ist er/sie auch noch unverhältnismäßig laut? Ganz schlimm auch die Pseudo-Dynamischen. Bewahre uns vor den aufgesetzt Energiegeladenen, denn die sind keinen Deut ruhiger! Ständig unter Strom. Und dieser Händedruck! Wirst gequetscht wie eine Zitrone beim Saft pressen …
Die Position der Waagschalen ändert sich.
Jetzt wird es spannend. Wir kommen zu flexibel und spontan. Flexibilität – vor allem im Beruf – wird überall als wunderbar betrachtet und auch gefordert.
Herr Müller, würden Sie sich als flexibel bezeichnen?
Argloses Kopfnicken und ein: Selbstverständlich!
Nun,  Sie sind zwar bei uns als Controller angestellt, aber wir wäre es, wenn Sie übergangsweise der Speditionsabteilung zur Verfügung stehen? Und wir dachten in diesem Zusammenhang auch an eine Nachtschicht. Sie wissen, die Verladungen nach China stehen an … Planen Sie bitte auch ein, dass wir Sie in drei Monaten nach München versetzen werden …
Macht ja alles nichts, die Familie kommt im Rucksack mit. Schulen gibt es dort schließlich auch. Ansonsten bleiben ja Wochenendbeziehung und Pendeln.
Wir sind doch flexibel!
Und spontan sollen wir bitte ebenfalls sein. Logisch, denn Spontaneität und Flexibilität gehören gefühlsmäßig unabdingbar zusammen.
Sind Sie spontan? – Einfache Frage, oder? Sie brauchen nicht zu überlegen.
Natürlich!
Sind Sie auch flexibel?
Aber ja doch!
Wirklich?  Beschreiben Sie doch bitte einmal. Wir äußert sich Ihre Spontaneität?
Sie schauen aus dem Fenster. Es ist Nachmittag. Die Sonne bricht gerade durch. Eigentlich wollten Sie sich hinlegen, doch entscheiden sich nun spontan für einen Spaziergang. Ganz kurzfristige Entscheidung: Sie lassen Ihr Auto gleich ganz in der Garage. Fahren mit der Bahn zu ihrem Wanderziel. Sie gehen nicht rechts herum um den See, sondern links herum. Unterwegs folgt ebenso spontan der Entschluss, einen Kaffee zu trinken. Die Bedienung kommt. Flexibel wie Sie sind, ändern Sie ihre Bestellung im letzten Moment um: Cafè Latte! Auf dem Rückweg wählen Sie einen komplett neuen Weg. Sie Spontanling, Sie! Unerwartet führt Sie der Weg an einem Kino vorbei. Sie passieren direkt den Eingang, und die Plakatwerbung spricht Sie an. Ach was, Sie springt Sie förmlich an! Spontane Eingebung: Ich gehe ins Kino! Rumms! Gott, was sind Sie flexibel!
Unter Umständen finden an Ihrem Abend noch weitere kurzfristige Umplanungen statt. Nächtlicher ausgedehnter Rückspaziergang durch den Park, erst nach Mitternacht daheim, heiße Gulaschsuppe aus der Dose um ein Uhr nachts.
Spontaneität ist doch was Tolles …
Nur  – mal ganz ehrlich – wann klappt das?
Genau, wenn Sie entweder als Single oder maximal als Pärchen unterwegs sind, sich also nur mit sich selbst oder höchstens einer weiteren Personen absprechen müssen. Wenn keine anderen Planungen zeitgleich laufen, keiner zu Hause darauf wartet, dass Sie so langsam wieder eintrudeln. Es klappt, wenn die Pläne nicht mit anderen Terminen – oder präziser gesagt: mit den Terminen anderer –  kollidieren. Je mehr Sie darauf achten müssen, und je mehr Leute Sie unter einen Hut bekommen wollen oder müssen, desto unmöglicher wird eine spontane Handlung.
Trotzdem herrscht weiterhin eine gewisse Ordnung, solange sie alles selbst im Griff haben. Solange es sich um Ihre eigene Spontaneität handelt und Sie die Oberaufsicht führen! Wehe, Ihnen funkt jetzt jemand dazwischen!
Sie werden merken: Spontaneität ist positiv bei Ihnen und negativ, wenn es sich um massive Fremd-Spontaneität handelt, deren Konsequenzen Sie ausbaden dürfen.
Am übelsten sind Sie dran, wenn solche Spontanaktionen im familiären Umfeld losbrechen, nicht von Ihnen stammen, Sie aber dazu auserkoren werden, als Mittelsmann oder Mittelsfrau für die Koordination zu fungieren. Innerhalb der Familie gelten gesonderte Regeln. Da überlegt man sich das Aufstampfen und Weigern doppelt.
Ich hatte so einen Fall am letzten Wochenende. Zuerst mangelnde Information bezüglich einer eventuellen Geburtstagsfeier. Als Mittelsfrau (s. o.) fragt man selbstverständlich nach. Es folgt eine strikte Ablehnung jeglichen Festes und eine unumstößliche Absage desselbigen. Man trägt diese Information pflichtgemäß weiter. Sie gilt – bis einen Tag vor dem Geburtstag. Dann entscheidet sich ‚spontan’, dass doch gefeiert wird. Aber nicht am Geburtstag (den sich alle wohlweislich freigehalten hatten), sondern am Tag drauf. Acht Leute am Sonntag spontan zusammenzutrommeln ist schwierig. Verpflichtungen, Arbeit, Termine, Freunde, Verabredungen. Ich bitte die betreffende Person, doch selbst Rücksprache zu halten und bekomme als Antwort:
Ich muss jetzt los. Kannst du das nicht machen? Sag mir nachher Bescheid, ja? Danke!
Telefonat Ende.
Es kostete Zeit und Nerven. Nicht jeder sitzt am Telefon, nicht jeder ist begeistert. Gefühlt zügig lag ein Resultat vor. Dennoch gab es später Klagen bezüglich der Schnelligkeit der Klärung, der Zuverlässigkeit (es ließ sich nicht 100% sagen, ob die achte Person kann oder nicht) und der später als erwarteten Zeit des Rückrufs. Ich verschone hier mit weiteren Einzelheiten, nur einen Satz, der später fiel, möchte ich noch erwähnen. Als ich mir erlaubte zu erwähnen, dass solch sehr kurzfristige Ideen nicht immer ideal und einfach umzusetzen sind, rief es Entrüstung hervor und dann kam sie, die missbilligende Anklage:
„Ach, nun sei doch mal ein bisschen spontan!“

Ich konnte diesen Satz drei Tage nicht mehr hören. Es löste notgedrungen diese Gedanken zur Spontaneität aus. Zur eigenen selbstverständlich auch.
Vorhanden? Ja? Nein?
Es kommt halt drauf an. In der mir frei zur Verfügung stehenden Zeit, bin ich durchaus spontan. Komme ich anderen hingegen damit in die Quere eher nicht. Vielleicht bezieht sich meine Spontaneität auch mehr auf weniger zeitbeanspruchende Dinge und kann einfach überall, an jedem Ort stattfinden:  Lachen, ins Gespräch kommen, stehen bleiben, staunen, …
Spontan bedeutet auch planlos, unbekümmert  bis hin zu unbedacht und vorschnell. Bei meiner Art von Spontaneität lässt sich das verkraften. Größere Pläne sollten  einfach besser durchdacht sein.
Manchmal entsteht für mich folgender Eindruck: Vielleicht sehnt sich nur der nach besonders viel Spontaneität, der sich selbst in hohem Maße verplant.

PS
Heute  lachte mich die Sonne an, so dass ich mich „spontan“ auf den Weg in die City und an die Alster machte. Davon werde ich in den nächsten Blogposts berichten. Ich habe viele Fotos im Gepäck, vielleicht haben Sie, Lust, mich in Hamburg erneut zu begleiten. Es ging nicht um Shoppen und Schuhe, sondern um Scherben und Spinnen …

Mehr in Kürze …

©Februar 2012 by Michèle Legrand

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