Brunch(upper) in der Mellingburger Schleuse

Mellingburger Schleuse Eingang
Ich folgte gestern einer Einladung aus der Verwandtschaft und fuhr ins nördliche Hamburg, nach Lemsahl-Mellingstedt, um an einer Geburtstagsfeier teilzunehmen.
Kommt um 11 Uhr, es gibt Brunch.
So hatte es in der Einladung gestanden. Graupelschauer am Sonntagmorgen waren zwar nicht das ideale Wetter zum 75. Geburtstag einer netten Tante, doch ansonsten stand einem schönen Tag überhaupt nichts im Wege. Auf der Fahrt wanderten die Gedanken …
Brunch. Das ist doch dieses Kombifuttern. Frühstück und Mittag. Breakfast and Lunch in einem. Wie lange mag das gehen? Bis 14.00 Uhr vielleicht? Na, sagen wir bis 14.30 Uhr, eine Tasse Kaffee am Ende mit eingerechnet …
Wir würden eine große Runde sein. Etwa 30 Personen, die sich zum Teil nicht weiter kennen, denn die Jubilarin ist eine relativ spät angeheiratete und inzwischen leider verwitwete Tante, deren eigene Verwandtschaft ich sehr selten treffe und daher nur flüchtig kenne. Doch sie erzählt häufig von ihren Nichten, Großnichten und Patenkindern. Namentlich und auch geschichtlich bin ich somit voll im Bilde, ich muss es nur schaffen, die Namen gleich den richtigen Personen zuzuordnen. Mal schauen, ob es klappt.
Einige geladene Gäste sah ich das letzte Mal vor fünf Jahren, anlässlich des 70. Geburtstages. Es werden auch Kinder darunter sein, und bei denen wird es schwieriger, denn ihre Entwicklung und äußerliche Veränderung vollzieht sich immer besonders rasant und gravierend.

Mellingburger Schleuse Eingang, linker Flügel

Mellingburger Schleuse, linker Flügel

Es geht zur Mellingburger Schleuse am Alster-Wanderweg. Heute trägt diesen Namen ein daneben gelegenes Hotel-Restaurant. Das ursprüngliche Gebäude am Wasser entstand bereits 1717 und war ein Gasthaus für Treidelschiffer. Als Treidelschiffe wiederum bezeichnete man Boote, die stromaufwärts gezogen wurden, während sie stromabwärts meist von Wind und Strömung getrieben wurden. In den letzten 45 oder mehr Jahren, wurde viel an dem alten reetgedeckten Haus um- und angebaut, und so entstand ein ziemlich komfortables Hotel-Restaurant, das in einer Senke im Naturschutzgebiet liegt und im Sommer einen herrlichen Platz auf der Garten-Terrasse mit Blick auf die Alster bietet.

Heute hingegen kann man froh sein, dass einen keiner auf diese Terrasse schickt! Es ist trüb, kalt, grau, nass. Trotz allem hat die Gegend auch im Winter etwas Anziehendes. Der Flusslauf, ansteigend das Gelände, der Wanderweg am Wasser, viel Laubbaumbestand, die Reste der alten Schleuse, eine Art Rutsche für die Kanus, die im Sommer hier zu Wasser gelassen oder wieder herausgezogen werden. Idyllisch. Und es rauscht. Laut. Das Wasser bildet an der Schleuse einen kleinen Wasserfall und brodelt beim Herunterrauschen. Schon bei der Ankunft am Restaurant kann man es hören.

Es stellt sich ziemlich schnell heraus, dass mein Zeitplan wohl nicht hinkommen wird. Ehe alle eingetroffen sind, ist es bereits halb zwölf, und offenbar ist auch erst ab 12 Uhr überhaupt Brunch geplant. Ich wollte morgens aufgrund der Brunch-Einladung nur Tee trinken und nicht frühstücken, doch mein werter Gatte riet mir zu fester Nahrung.
„Wer weiß, wann wir was kriegen …“
Recht hat er gehabt, und ich bin froh, dass ich nicht mit völlig leerem Magen aus dem Haus ging.
Dann allerdings steht große Auswahl zur Verfügung, und es sieht sehr appetitlich aus.

Hotel-Restaurant Mellingburger Schleuse, Foyer, Eingangshalle

Eingangshalle/Foyer

Nach den Gesprächen der letzten Stunde im weitläufigen Empfangsbereich des Hotels, weiß ich, dass wir heute hier die Altersstufe 4-86 Jahre repräsentieren. Während das Buffet freigegeben wird, bleiben der Jüngste und die Älteste sitzen. Die Älteste, weil sie nicht ganz so sicher auf den Beinen ist und sich das Essen an den Platz bringen lässt, der Jüngste, weil er dringend weiter mit seinen Ritterfiguren spielen muss. Er nickt nur auf die Frage, ob auch er die Klare Suppe mit Eistich haben möchte. Ansonsten ist er schwer beschäftigt: sein einer Ritter schmeißt gerade den anderen vom Pferd.
Die Suppe kommt, er vernachlässigt seine Figuren für einen Moment und beginnt mit skeptischem Blick zu löffeln. Argwöhnisch schiebt er ihm verdächtigen Inhalt in der Suppenschüssel von links nach rechts und zurück.
„Mama, … was sind das für Stöpsel?“
Was er als Stöpsel bezeichnet, entpuppt sich als Spargelstückchen. Er sagt, er möchte die Stöpsel lieber aussortieren …
Dadurch ausgelöst entsteht ein Gespräch darüber, dass man manche Dinge eben nicht mag. Die umsitzenden Erwachsenen beteiligen sich rege am Austausch von Beispielen:
„Rosenkohl!“
„Schwarzsauer!“ (Anm. Gericht aus Blut)
„Rosinen!“
„Leber!“
„Warme Milch!“
„Rohe Zwiebeln!“
Nach fünf Minuten wurde das Thema einvernehmlich beendet. Grund: wir waren alle noch beim Essen und mittlerweile wurden Lebensmittel erwähnt, die am Buffet auch bereitstanden. Es sollte doch keinem der Appetit verdorben werden durch ein voller Abscheu herausgeschleudertes:
„Blutiges Roastbeef!“
Beliebte Gesprächsthemen unter den Älteren: Medikamentenvergleiche, Arztreporte, kleinere und größere gesundheitliche Wehwehchen und – quasi zur Erholung davon – Urlaub. Vom Urlaub war der Schwenk zur Kreuzfahrt nicht weit, und sofort stieg die Zahl der Gesprächsteilnehmer. Die nächsten 15 Minuten wurde über den Kapitän der havarierten Costa Concordia vor der toskanischen Küste diskutiert. Ich glaube, Capitano Schettino kann froh sein, dass er nicht zum Brunch eingeladen war …
Die Zeit verging schnell. Als ich das nächste Mal auf die Uhr sah, war es halb drei. Das Buffet bot weiterhin Reste, doch nun trug man zusätzlich den bisher ausstehenden Nachtisch auf.
Der Vierjährige hatte bis jetzt erstaunlich friedlich durchgehalten. Es waren noch vier weitere Kinder und Jugendliche im Alter von 8-16 Jahren anwesend, die sich gelegentlich zusammenschlossen und ganz vergnügt wirkten. Ich habe eine kleine Unterhaltung mit einer sehr hübschen jungen Dame, einem 16-jährigen Teenager. Beinahe hätte ich sie nicht wiedererkannt. Beim letzten Mal war sie 11 Jahre alt gewesen. Was für ein Unterschied! Eines der Mädchen schleppte damals einen Teddybären fest an sich gedrückt mit sich herum und hatte verkündet, er litte unter Halsschmerzen. Diesmal dreht sich alles um das Thema Pferde, Reiten und Schule. Beim nächsten Mal (in fünf Jahren?), bringt sie vielleicht ihren Freund mit und erzählt von Ausbildung/Studium oder Beruf.
Danach sitze ich bei einer Mittsechzigerin. Sie ist gebürtige Österreicherin und eine Freundin der Tante, die heute hier feiert. Wir landen beim Thema Container-Terminal im Hamburger Hafen. DAS typische Frauenthema … Ich mag solche Frauen.
Ein männlicher Gast spricht mit mir über Höhenangst und die Zubereitung der perfekten Bratkartoffeln, die Älteste der Runde will meinen Verwandtschaftsgrad zur Jubilarin näher erläutert haben. Angefangen hatte es harmlos. Wir hatten uns zusammengesetzt und sie fragte:
„Und wie gehören Sie hier dazu? Sind Sie die aus Flensburg?“
„Nein, ich komme aus Hamburg …“
„Hamburg, dann sind Sie sicher eine der Nichten?“
„Nein, ich bin im Grunde gar nicht richtig verwandt.“ Und dann wollte sie natürlich genauer wissen, wie es sich verhält.
„Mein Mann ist der Neffe des verstorbenen Mannes unseres Geburtstagskindes. Also ist sie als zweite Frau des Onkels im Grunde seine Stieftante. Ich als Frau des Stiefneffen bin höchstwahrscheinlich gar nichts – außer freundschaftlich verbunden. Es gibt doch keine Schwiegerstieftante, oder?“
Wir grübeln ein bisschen. Die Gäste sitzen in bunt gemischter Reihe nebeneinander. Sie weist auf den Mann links von mir.
„Und das ist Ihr Mann?“
„Nein, der Herr ist aus Flensburg! Der Ehemann einer der Nichten …“
„Ach, der ist aus Flensburg? Ich dachte, das sei der aus Eutin …?“
Sie scheint verdutzt. Obwohl das Thema Verwandtschaftsgrad-/beziehung sehr ergiebig ist, ist es plötzlich ausgereizt, und wir widmen uns wieder dem Essen.
Es geht abwechslungsreich und locker zu, was überaus anregend und interessant ist. Die Sitznachbarn wechseln gelegentlich, wenn durch abwesende Raucher etwas frei wird. Neue Themen sind der schlechte Handy-Empfang in der Mellingburger Schleuse, der Zustand der Autobahnen und das Musical Sister Act.
Ich habe gerade nicht ganz verstanden, was mir jemand über die Atomuhr und Cäsium und Synchronisation erzählte, aber – hey – nobody is perfect!

Um halb vier war ich so weit, dass ich in einer Graupelschauerpause doch gern einmal an die frische Luft wollte. Es klappte, daher gibt es nachstehend sogar ein bisschen Fotomaterial von der Mellingburger Schleuse. Auf dem Wanderweg war ein Hundebesitzer mit seinem schwarzen Wirbelwind unterwegs. Das Tier ging bei diesen Temperaturen höchst freudig ins Alsterwasser, um Stöckchen herauszuholen! Mehrfach!

Mellingburger Schleuse (Alsterlauf bei Lemsahl-Mellingstedt)

Mellingburger Schleuse (Alsterlauf bei Lemsahl-Mellingstedt)

Bei der Rückkehr, empfingen mich am Eingang zum Restaurant zwei bibbernde Gäste. Süchtige. Raucher. Mir fiel ein, was ich bei @DBaezol (Twitter) gelesen hatte:
Raucher sterben nicht an Lungenkrebs sondern an Unterkühlung …

Drinnen hat der Vierjährige gerade damit begonnen, die Namenskärtchen von der Tafel zu entfernen. Er sammelt sie und verteilt sie – nach gründlichem Mischen – neu. Ich heiße jetzt Holger.
Nach einer Weile entwendet er sie erneut, richtet damit eine lange Reihe auf einem separaten Tisch an und beginnt zu zählen:
„Eins, zwei …, drei, vier …, Pause…, fünf ….“
Eine Dame fragt ihn: „Na, wie weit kannst du denn schon zählen?“
Er dreht sich zu ihr und erwidert ernsthaft: „Bis zum Himmel.“

16 Uhr und noch immer kein Ende. Jetzt gibt es neue Tassen, und auf einmal wird Kuchen aufgetragen. Käsesahnetorte, Sachertorte, Apfelkuchen, Butterkuchen. Der Ober meint es besonders gut und gibt mir ein extragroßes Stück. Ich kämpfe damit bis halb fünf und auf einmal startet – ganz plötzlich – allgemeines Aufbrechen. Jeder hat offensichtlich nur auf den Ersten gewartet. Innerhalb von wenigen Minuten ist der Raum leer, insgesamt Hunderte von Händen haben sich geschüttelt, zwischen 90 und 180 Luft- und/oder Feuchtküsse wurden vergeben, es wurde sich geherzt, bedankt – und dann ist Schluss.
Fast sechs Stunden gemeinsam beim Brunch. Das ist kein Brunch, das ist Longbrunch! Oder Brunchtea. Nein, nach dem Kuchen holte sich der ein oder andere noch deftige Buffetreste als Frühabendbrot. Es war Brunchupper. Brunch plus Supper.

Würde ich es empfehlen? Brunch für eine Feier?
Ja!
So locker kann wirklich jeder mit jedem reden und sitzt nicht festgenagelt nur auf einem Platz.
Würde ich die Mellingburger Schleuse empfehlen? Für eine Feier, Zusammenkunft? Die Location, die Atmosphäre, den Service (das Personal), das Anrichten, die Umgebung?
Ja!
Für das Essen selbst (auf Brunch bezogen), würde ich lieber etwas anderes auswählen …

* * *

Mellingburger Schleuse, Wasserseite, Weg hinten zur Gartenterrasse

Die zum Wasser gelegene Seite des Restaurants mit dem Außenweg, der zur Gartenterrasse führt.

Mellingburger Schleuse - Blick von der Schleuse zum Restaurant

Blick von der Schleuse zum Restaurant (Gartenterrasse)

Mehr über die „Mellingburger Schleuse“:
Die Inneneinrichtung ist stilvoll-gediegen. Altes Mobiliar, lederbezogene Sitzmöbel und auch Polsterstühle in der geräumigen Empfangshalle, trotz relativ niedriger Decken sehr hell und freundlich. Es gibt einige Nebenräume für geschlossene Gesellschaften oder andere Veranstaltungen, die sehr gemütlich wirken.
In einem Flügel sind vorwiegend die Hotelzimmer (Hotel Dependance steht am Gebäude) untergebracht. In einem anderen Part fühlt der Gast sich in der Zeit zurückversetzt. Es gibt noch uralten Pflasterboden, eine Sattel-, Futter- und eine Räucherkammer.

Mellingburger Schleuse, Flügel mit Sattelkammer etc.

Flügel mit Sattelkammer, Futterkammer, altem Inventar … Das „Frohe Weihnachten“ Schild hängt auch am 21. Januar noch dort.

Mellingburger Schleuse, Flügel mit Futterkammer, Sattelkammer und altem Inventar

… dort befinden sich auch die Futter- und Sattelkammer nebst altem Inventar.

Mellingburger Schleuse, Flügel mit altem Inventar, Mangel

Eine alte Mangel steht ebenfalls dort …

Am Beginn des Gebäudekomplexes befindet sich die historische, restaurierte (Fest-)Scheune, in der ebenfalls Gruppen von 50-250 Personen feiern können.

Mellingburger Schleuse, historische (Fest-)Scheune (restauriert)

Die restaurierte Scheune …(auch noch mit Weihnachtsschmuck an der Wand ;)

Ausreichend Parkplätze stehen zur Verfügung.
Weiterführender Link:
http://www.mellingburgerschleuse.de/site/index.php

.

©Januar 2012 by Michèle Legrand

Hinweis und Update Mai 2016!

Die Mellingburger Schleuse wurde 2014 geschlossen. Das Restaurant eröffnet nun aber nach Umbau unter neuer Führung und neuer Küche im Mai 2016 wieder seine Pforten! Es lohnt sich sicher, dort einmal vorbeizuschauen …!

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