Bleib sitzen! – Oder wollen wir tauschen?

„Gisela, bleib doch sitzen! Meine Liebe, das tut nicht not!“
„Nein, Emmi, kommt gar nicht in Frage! Wir tauschen! Du sitzt dort wirklich besser!“
Der Cappuccino wird mit einem Quietschen verschoben, ebenso das Eis ohne Sahne in der zierlichen Glasschale.
Dafür stehen an diesem Platz jetzt Milchkaffee und Eis mit Sahneberg
Es folgt Stühlerücken, bzw. ein Stuhl und eine Bank werden verrückt, um die Position zu wechseln. Emmi und Gisela wirken vital und äußerst unternehmungslustig. Energiegeladen könnte man es auch nennen, besonders bei der quirligen Emmi. Sie sind zudem zwei sehr gepflegt wirkende, weißhaarige Damen, die sich heute hier im Eiscafé Giovanni L. spontan zum Treff verabredet haben. Das entnehme ich ihrer Unterhaltung:
„Ach, Emmi, heute Morgen habe ich ja wirklich nicht geahnt, dass ich am Mittag mit dir in Wandsbek sitze …“
Manchmal hört man, dass ältere Herrschaften sich mit spontanen Aktionen schwertun. Es brauche alles eine Planungsphase, man stelle sich schließlich erst einmal darauf ein, man bereite sich hernach sorgfältig vor und nach zwei Wochen kann es dann passieren.
Ach, wo denkst du hin! Doch nicht bei allen … Allerdings ist ihre Platzwahl zeitraubend, doch ich schränke auch hier gleich wieder ein, dass sie damit nicht alleine dastehen oder es etwa ein Merkmal ihres Alters wäre!
Wie oft passiert Folgendes: Beim Hereinkommen in z. B. ein Café, bleiben die neuen Gäste kurz hinter der Eingangstür stehen und schauen sich prüfend um. Hier in Deutschland wird dem Besucher in den seltensten Fällen ein Platz zugewiesen. In gefragten Restaurants mit vorbestellten Plätzen ja, sonst nicht. Ein prüfender Blick in die Runde. . Bei einigen fällt die Entscheidung recht flott. Schauen, sich zunicken, zielstrebig hinmarschieren, Platz nehmen, Karte zücken, wählen, beim Ober bestellen.
Andere wiederum brauchen Jahre. Es gibt Pärchen, bei denen ist nach dem Eintreten noch völlig unklar, ob, und wenn ja wer, die Entscheidung bezüglich Platzwahl fällen soll. Unschlüssig verharren sie, bis irgendwann die Frage gestellt wird:
„Wo sollen wir hin?“
„Ach, ist mir egal.“
„Dann lass uns dort hin.“
„Findest du nicht, dass es da ziemlich dunkel ist?“
Nein, fand er wohl nicht, sonst hätte er es nicht vorgeschlagen. Nun ist sie am Zug:
„Lass uns doch da drüben sitzen.“
„Nein, da zieht’s.“
„Dann vielleicht hier?“
„Da laufen sie immer vorbei zur Küche!“
„Ich finde es auch bei der Palme schön …“
„Ach, nö …“
Sie gibt momentan auf und sagt leicht giftig:
„Dann entscheide du!“
„Wollen wir vielleicht dort ans Fenster?“ Er fragt jetzt besonders höflich.
„Ja, gut.“ Die Antwort fällt trotzdem knapp aus.
Man erreicht den Tisch einige Sekunden später. Er zieht sich den Stuhl zurecht und lässt ihr – seiner Meinung nach großzügig – den Platz auf der Bank.
„Ach, da wollte eigentlich ich sitzen!“ Sie zeigt auf seinen Stuhl und wirkt enttäuscht.
„Ich dachte, du magst es lieber gemütlich und willst nicht mit dem Rücken zum Geschehen sein.“ Er ist irritiert. Jetzt hatte er sich das gerade gemerkt …
„Ja, aber … ich wollte doch aus dem Fenster gucken!“
„Okay!“ Er schaut genervt. „Dann lass mich auf die Bank.“
„Nein, muss ja nicht sein…“ Sie seufzt.
„Ja, was denn nun!“, brodelt er los.
„Warum bist du denn gleich sauer?“ Sie ist eingeschnappt. „Jetzt lasse ich dir deinen Platz, und es ist auch wieder nicht recht.“
Sie lesen (angeblich) schweigend intensiv die Karte. Sie fragt:
„Wollen wir uns nicht doch lieber umsetzen? Dort drüben am Kuchentresen sieht es nett aus …“
„Umsetzen??“
„Ich dachte ja nur, falls dir dein Platz nicht gefällt.“
„Mir gefällt mein Platz! Du kamst doch auf der Bank nicht klar …!“
„Na ja, eigentlich hätte ich ja sowieso einen anderen Tisch genommen!“
Er platzt fast. „Und warum sagst du das nicht?“
„Habe ich doch!“ Sie schnaubt. „Das war dir doch zu dicht an der Küche!“
„Da wolltest du ernsthaft hin?“ Er kann es nicht fassen.
Und so geht das endlos!
Manchmal gibt es zusätzliche Probleme, wenn schon zwischendurch bestellt wurde, und nach einem Tischwechsel der Kellner den Gast nicht wiederfindet. Oder wenn vor der Bestellung neu hinzukommende Gäste schneller bedient werden.
„Hast du das gesehen? Die sind nach uns gekommen!“
„Ja, aber die saßen vor uns!“
Peng! Das saß.

Das Eiscafé ist in dieser Hinsicht besonders speziell und liefert daher nicht nur die optimale Voraussetzung für leckeres Eisschlecken, sondern schafft recht locker eine grandiose Ausgangssituation für mittlere Dramen. Es gibt dort nämlich zahlreiche sehr unterschiedliche Sitzmöglichkeiten, Tischgrößen-/formen-/varianten und Lichtverhältnisse.

Die Krokodillederimitatbank - ja, ohne Trennung schwer zu lesen ;) - bei Giovanni L.

Ein Vierertisch hat eine Zweierbank aus Korbmaterial mit weicher Kissenauflage und zwei separate Stühle gegenüber ohne jegliches Polster.
Zu den  Zweiertischen auf der anderen Seite vom Gang gehört eine Sitzbank, die entlang der gesamten Wand läuft und zur Auflockerung zusätzlich Eckkombinationen eingebaut hat. Die Bank ist komfortabel, hat aber eine relativ tiefe Sitzfläche. Tief im Sinne von weit nach hinten reichend, nicht im Sinne von niedrig. Sie ist mit schokobraunem Krokodillederimitat überzogen, dazu gibt es üppige Rückenkissen aus demselben Material. Da sie so voluminös sind, benötigen sie allein schon fast die Hälfte der Sitzfläche. Die großzügigen Maße nach hinten sind also bitter notwendig, sonst rutscht man vorne herunter. Die Tische stehen so, dass nur einer auf der Bank sitzen kann, der andere nimmt gegenüber Platz auf einem Einzelstuhl der Art, wie eben schon beschrieben: ohne Polster! Also, wer darf auf die Bank?  Wer kriegt ein Kissen? Und sitzen wir unter den Halogenstrahlern und nicht lieber drüben unter den Kronleuchtern?
Bisher habe ich ja nur die eckigen Tische erwähnt! Deren Tischplatten sehen aus wie rustikale Keramikplatten in mediterranen Farben, die ineinander verlaufen. Alles sehr warme Töne und passend auf das andere Mobiliar abgestimmt. Große Tische mit gelb/orange/brauner Platte, kleine mit einer Platte in warmen Rottönen. Beiden gleich ist der Eindruck, dass jemand dunkle Farbe daraufgetropft und dann mit einem Pinsel zu Streifen verwischt hat. Nun, welche Farbe liegt uns mehr? Ist der richtige Tisch an der bevorzugten Sitzgelegenheit?
Des Weiteren stehen runde, niedrige Glastische zur Auswahl. Man sitzt hier auf einem festeren, goldfarbenen Einzelpolsterplatz mit einer hochgezogenen Rückenlehne gleichen Materials. Ohne Kissen! Es ist also die Seite für den sachlichen, herben Typ.

Der Pygmäen-Hocker, aber Kinder finden ihn toll ...

Als Kombination dazu gibt es für die einem gegenüber Sitzenden den Mini-Sitzhocker auf kurzen Beinchen im Goldton mit einer nur angedeuteten Lehne, die ab Sitz max. 25 cm misst. Manche bezeichnen sie auch respektlos als Kinderstühle, bevor sie verkrampft das Café verlassen, das übrigens ganz tolles Eis hat. Weshalb alle wiederkommen.

Bei so vielen Wahlmöglichkeiten dauert es eben geraume Zeit, bis ankommende Besucher den endgültigen Tisch und ihre finale Sitzposition gefunden haben. Womit wir wieder bei Gisela und Emmi wären. Ich saß schon, als sie sich näherten.
„Emmi, wollen wir hier?“
„Du, der Tisch ist zu klein. Lass uns lieber einen Vierertisch nehmen.“
Die größeren Tische an den Polsterbänken sind belegt.
„Hier ist noch ein Tisch frei.“ Gisela hat die Kombination Rattanbank mit Polster, Korbsessel ohne Polster und Vierertisch in orange/gelb/braun entdeckt.
„Ich find ja die Glastische schöner. Die sind glatter. Da steht alles besser drauf.“ Emmi blickt suchend umher, doch es gibt davon keine große Variante.
„Du willst doch wohl nicht auf diesen kleinen Hockern sitzen? Kissen gibt es da auch nicht!“ Gisela zieht Emmi resolut Richtung Keramikplattenlook-Vierertisch.
„Lass uns hier hin. Wo willst du sitzen?“
Emmi deutet auf einen der Korbstühle mit Armlehnen. Gisela setzt sich auf die Bank. Sie, die Bank, ist ein Leichtgewicht und verrutscht nach hinten,  als Gisela Platz nimmt. Dahinter an einem der Glastische ist mein Revier. Sie schauen in die Karte und diskutieren über Eissorten und Getränkewünsche.
„Was nimmst du?“ Gisela schaut Emmi fragend an.
Bezüglich der Getränke gibt es keine großen Probleme, das Eis macht mehr Sorgen. Es gibt einfach zu viel Auswahl, und es gibt Sorten, die sie noch nicht kennen. Die sich verwegen anhören, abenteuerlich! Jetzt stellt sich heraus, wer mehr der Risikotyp ist, wer der Sicherheitsmensch.
„Also ich glaube, ich nehme Vanille und Stracciatella. Mit Sahne.“ Aha, ein Banker würde sagen, Gisela ist kein Aktientyp.
Emmi hingegen rückt beim Lesen schwungvoll ihre Brille zurecht und ist begeistert von den neuen Sorten, die hier angeboten werden.
„Hier, hör mal! Dulce de Leche!“ Sie spricht es mehr deutsch aus. „Da steht, das ist was mit argentinischem Caramel. Es gibt auch Walnuss mit Waldbeeren oder Rahm-Banane … Was ist das denn?“
Sie ist über Türkisch Mokka gestoßen.
„Ist das jetzt auch Eis oder was zu trinken? Wie das wohl schmeckt?“
Gisela guckt skeptisch.
„Nimm doch lieber was, was du kennst!“
„Das kann ich auch zu Hause essen!“, meint Emmi trocken.
„Und wenn es dir nicht schmeckt?“ Gisela versteht Emmis Risikobereitschaft nicht.
„Dann habe ich halt Pech gehabt!“
Der Kellner ist herangetreten. Emmi beginnt:
„Sagen Sie, was ist denn eigentlich das hier? Türkisch Mokka?“
„Nun, Mokka eben. Türkisch.“
Er ist grundsätzlich nicht so wortkarg. Er erklärt oft sehr bereitwillig alles, was Kunden ihn fragen. Doch offenbar kann er hier nichts erklären. Die Variante türkisch scheint eben auch nicht viel anders zu sein als normales Eis mit Mokkageschmack.
Emmi nimmt es auch nicht übel, löchert ihn aber weiter.
„Und was kann man dazu essen?“
Es klärt sich dann, dass sie wissen möchte, welche weitere Eissorte dazu schmeckt.
„Alles.“
Emmi wundert sich, als der Kellner ihr dies mitteilt, und er revidiert: alle Milchspeiseeissorten, Früchteeissorten würde er dazu nicht empfehlen. Also wählt Emmi Spanische Sahne, was eine Eissorte ist, keine Sahne. Und weil die Sorte schon so heißt, möchte sie bitte keine zusätzliche Sahne. Alles klar?
Der Kellner geht und Emmi rutscht auffällig auf ihrem Stuhl herum.
„Sitzt du nicht bequem?“ Gisela schaut besorgt.
„Na ja …“ Nach ein paar Minuten merkt Emmis Allerwertester, dass es ohne Polster halt etwas drückt.
„Komm, wir tauschen“, meint Gisela prompt und lässt sich nicht von ihrem Plan abbringen (siehe Anfang der Geschichte …).

Als alles umgestellt ist und Emmi auf der Bank Platz nimmt, stellt sich heraus, dass sie zu klein für die Korbbank ist, der Tisch folglich zu hoch, und Gisela und Emmi tauschen zurück.
Im Endeffekt arrangieren sie sich und akzeptieren alles so wie es ist, klönen entspannt über Volumen-Shampoo, die Gefahren von Fahrradfahren auf nassem Laub und bewundern dann den großen Eisbecher, den eine junge Dame am Nebentisch bekommt.
„Schau dir diesen Becher an! Ob die Deern das alles schafft?“
Emmi stellt die Frage tatsächlich auch an das junge Mädchen. Diese grinst und antwortet nur:
„Mal gucken.“
Sie sitzt auf der Krokoimitat-Bank.
„Sitzt man da bequem?“ Gisela kann es sich nicht verkneifen und fragt einfach mal nach …
„Ja, sehr!“
„Emmi, das nächste Mal setzen wir uns dort hin.“
Gisela hat gesprochen und Emmi stimmt ihr zu. Am liebsten hätten sie wohl gleich getauscht, denn ihr Blick ist sehnsüchtig, doch sie verkneifen es sich heldenhaft.

So ist das also mit der Qual der Wahl, der richtigen Entscheidung … Ich verrate mal mein kleines Geheimnis: Ich gestehen, ich habe auch alle Sitzpolstervarianten ausprobiert im Laufe der Zeit, aber… ich habe jetzt einen Stammplatz! ;)

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  1. #1 von Martin am 14/11/2011 - 19:08

    Hi Wo ist denn der Facebook Gefaellt mir Button? ;)

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    • #2 von ladyfromhamburg am 24/11/2011 - 23:27

      Martin, deinen Kommentar schalte ich leider erst so spät frei, weil er irrtümlich automatisch zum Spam sortiert wurde und ich ihn dort übersehen habe.
      Zu deiner Frage: Der Like-Button taucht immer dann auf, wenn der Artikel ganz gezielt (einzeln) aufgerufen wird – durch Anklicken der Überschrift. Dann befindet er sich unter dem Text oder dem Boo.
      Liebe Grüße
      Michèle

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