Wespenstich zum Zweiten: Man bleibt doch immer Mamas Kind!

Es ist komisch, aber auch sehr beruhigend, dass sich manches nie ändert. Ob nun Tochter oder Sohn, sie bleiben doch immer – unabhängig vom Alter –  das Kind für die Mutter. Ich meine im Moment gar nicht meine eigenen Kinder, sondern beziehe mich auf das, was ich mit meiner eigenen Mama gerade wieder erlebte.
Meine Mama hat inzwischen von meinem Date mit der Wespe erfahren. Ich muss ihr solche Sachen (leider) immer erzählen, denn wir wohnen relativ dicht zusammen, und wenn nicht ich es ihr erzähle, dann erfährt sie es einen Tag später von der Nachbarschaft. Und ist sauer.
„Du hättest mir das ruhig mal sagen können!“ Gern auch in der Variante:
„Frau E. hat mir eben gesagt, dass du humpelst. Wann wolltest du mir denn davon erzählen, hm?“
Wir leben zwar in der ach so anonymen Großstadt, doch in den direkt angrenzenden Straßen kennt man sich. Zumindest vom Sehen. Egal, wie ich mich z. B. jetzt nach der Wespenattacke verhalten hätte, es wäre herausgekommen. Wäre ich im Haus geblieben, wäre ich vermisst worden. Wenn mein Auto zu lange an der gleichen Stelle parkt, entsteht der Verdacht, ich sei verstorben. (Das ist generell so).  Gehe ich im Moment hinaus, bemerkt man das lädierte Aussehen. Setze ich bei Regen eine Sonnenbrille auf, erregt das noch mehr Verdacht.
Ja, mein Aussehen hat gelitten! Es hat sich noch leicht verändert seit meinem ersten Bericht. Die Schwellungen wandern munter am Kopf herum und rutschen tiefer ins Gesicht. Sie drücken mein Auge doch merklich zu. Wer früher Derrick gesehen hat, weiß mit dem Begriff Tränensack bildlich etwas anzufangen. Nun, genetisch könnte man mich momentan für seine Enkelin halten. Stopp, falls er spät Vater wurde, vielleicht auch für seine allerälteste Tochter.
Genug Erklärungen. Ich glaube, jeder kann jetzt nachvollziehen, warum und dass ich mich outen musste. Ich tat es gestern Abend am Telefon. Das war nicht ideal so kurz vor dem ins Bett gehen der Mama. Helle Aufregung!
„Wespenstiche?! Am Kopf?? Kind!“ Da war es: Kind.  „Kind, das ist ja so gefährlich am Kopf! Hat sie dich auch im Mund gestochen? Kriegst du Luft?“
„Mama, es ist alles gut. Wenn ich keine Luft kriegen würde, könnte ich nicht anrufen…!“
„Kind!“ Das kam etwas entrüstet und minimal eingeschnappt. „Erinnerst du dich noch, als dein Vater…?“
Dann haben wir die alte Geschichte hervorgeholt, als mein Vater unbedarft versucht hatte, ein Wespennest auszuheben. Die Wespen nahmen es ihm übel, bliesen zum Angriff, und er hatte elf Stiche am Kopf und im Gesicht. Kam ins Krankenhaus, war zäh wie Leder, erhielt Medikamente, durfte nach Hause, sah lange Zeit wie ein Alien aus und hat es überlebt. Darauf wies ich jetzt meine Mama hin.
„Mein Vater hat selbst die elf Stiche gut überstanden, und alles andere schiebe ich nicht auf die Wespen…“
Wir lassen das Thema gut sein. Sie kann schlafen. Ich habe meine Pflicht getan.

Heute klingelt es nachmittags an der Tür. Ich bin zu Hause, öffne, und meine Mama steht mit sorgenvollem Blick vor der Tür. Ich würde dem Besuch den Titel geben: Mal gucken, ob sie noch lebt.
„Nein, Kind! Dein Auge!“ Mama schnappt hörbar nach Luft.
„Halb so schlimm“, winke ich ab, „ist noch da.“
Wir setzen uns für ein Schwätzchen ins Wohnzimmer, und langsam kann ich sie überzeugen, dass es mir doch ziemlich gut geht. Ich finde alles nur etwas nervig. Inklusive der unnötigen Sorge um mich. Was ich aber nicht sage…
Mit fortschreitender Unterhaltung gerät mein Auge aus dem Fokus des Interesses, und wir landen bei dem Thema Enkel, Ehemann und Einkauf. Also ihre Enkel, ihr Ehemann … etc. Irgendwann fällt ihr plötzlich siedendheiß ein, dass sie eigentlich schleunigst wieder nach Hause müsste. Sie ist nun beruhigt, dass das Befinden ihres Kindes im Großen und Ganzen okay ist und drückt mir zum Abschied noch etwas in die Hand.
Medizin.
Unsere Geheimmedizin.
Streifenkuchen!
Manche sagen dazu auch Kalter Hund, Kekskuchen, o. a. Das hat mich sehr gerührt!
Sie ging, und nach fünf Minuten klingelte es erneut. Sie war noch einmal zurückgekehrt mit einem Kühlpad aus ihren eigenen  Beständen. Nun kann ich meinen Tränensack profimäßig wieder einebnen.
Ach, Kinder haben es doch manchmal gut.
Danke, Mama!

Wespenstichmedizin von Mama

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  1. #1 von Thomas Nolte am 22/10/2011 - 00:25

    Ich liebe kalten Hund. Den letzten richtig guten habe ich vor 30 Jahre gegessen…

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    • #2 von ladyfromhamburg am 22/10/2011 - 10:40

      Dann wird es aber lausig Zeit! ;) Ich bekomme ihn auch nur in sehr, sehr großen Abständen. Irgendwann erzählte mir jemand, es gäbe diesen Kuchen fertig abgepackt zu kaufen im Handel. Ich habe es einmal versucht (kam nicht daran vorbei), doch leider ist es überhaupt kein Vergleich zum Original. Vor meiner kürzlichen „Medizin“ von Mama waren es somit auch Jahre ohne den echten Kalten Hund….

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