Leipziger Allerlei – Teil 3: Wildnis und Regenwald sind viel näher als gedacht…

Leipzig hat enorm viel  zu bieten. Teil 1 und 2 der kleinen Blogserie beschäftigten sich mit dem Wesen der Stadt, ihren vielen Vorzügen und Besonderheiten. Nun sind wir im Grünen. Im letzten Teil vom Leipziger Allerlei führt der Weg zuerst in den Wildpark und danach ins Gondwanaland. Viel Vergnügen!

Die Wildnis ruft…

Nun schau sich einer diese junge Dame an! Man kommt gar nicht umhin zu gucken. Mit einem breiten Schmunzeln. Während Manfred und Klaus am Eingang lediglich ruhig herumgestanden hatten, eher bedächtig wirkten und beim Herumlungern nur mit unbeweglichem Blick sparsam kauende Bewegungen machten, ist Erika ein ganz anderes Kaliber. Sie streift umher, sucht Unterhaltung und hat sich eben leicht erschossen hingesetzt. Eigentlich ist sie mehr in sich eingesackt und scheint nun zudem aus dem Gleichgewicht zu kommen. Ihr Körper driftet nach links. Ganz offensichtlich ist es aber gewollt und nur die Einleitung, denn jetzt wird Schwung geholt und… sich auf die Seite geschmissen. Es staubt ein wenig. Ihre schlanken Beine klappen leicht nach oben. Eine attraktive linke Bauchseite bietet sich der Sonne zum Bescheinen dar. Zum Bräunen eher nicht, Erika hat starken Haarwuchs… Es ist eine friedliche Szene und die einzigen, die wohl unmutig aufstöhnen, sind der Klee, der unter der Wucht des Aufpralls aufs Heftigste plattgedrückt wird und die unter Garantie darunter lebenden Ameisen, die nun ein Erdbeben meistern müssen. Erika schubbert sich genüsslich.
Ich mag Trampeltiere. Sie kommen gar nicht so selten vor. Nicht immer ist es sofort eindeutig, dass sie zu dieser Gattung gehören. Es wird beispielsweise auf menschlicher Seite gern kaschiert, bis es nicht mehr zu verbergen ist. Erika ist jedoch ein echtes, tierisches Trampeltier. Mit zwei Höckern. Ein junges Tier, das in seinem Tierpass – neben Erika als Namen – den Wohnort Leipzig stehen hat. Manfred und Klaus ebenso, nur sind sie ausgewachsene Kamele…
Im Süden der Stadt gibt es ein großes Waldgebiet (Leipziger Ratsholz, Auenwald), ein wunderschön gelegenes Naherholungsgebiet und innerhalb dieses Gebiets einen weitläufigen und für die Öffentlichkeit frei und kostenlos zugänglichen Wildpark. Des Weiteren findet man dort unweit des Eingangs seit Weihnachten 1997 eine Haustierfarm. Auf 13.000 Quadratmetern leben mittlerweile 21 Tierarten, 44 Rassen und insgesamt 150 Tiere. Erika ist eines von ihnen. Warum sie als Haustier zählt? So etwas fragt man nicht! In Leipzig ist das halt so! Außerdem steht auch nirgends dran, dass es deutsche oder in Deutschland übliche und wohlbekannte Haustierarten sein müssen.

Einträchtig beim gemeinsamen Mahl…

Die Haustierfarm besteht aus einer Mischung von Stallungen, Volieren, Wiesen und Weiden, Kleintier-Freianlagen und einem Platz, auf dem pferdebegeisterte Kinder (meist Mädchen) auf den Ponys ihre Runden drehen können. Was leider – abgesehen von dem Eintritt, den die Farm ohnehin verlangt – noch einmal 2 € für zwei Runden kostet. Und die Runden haben einen sehr, sehr kleinen Durchmesser…
Erika kann es egal sein. Sie hat Auslauf auf einer großen Wiese, als Nachbarn am Wegesrand hausen Kaninchen (eine Rasse hat unglaublich lange Ohren!),  und direkt auf der Weide mit ihr, lebt als Kumpel und Spielgefährte ein Pony. Beide haben ungefähr die gleiche Größe, denn Erika ist noch relativ jung. Betrachtet man sie von der Seite, wenn sie nebeneinander stehen, verdeckt das Pony das Trampeltier. Bis auf die Höcker. Die ragen dahinter wie kleine Türme hervor.
Es ist eine Wonne, Erika zu beobachten, auch wenn sie den Besucher völlig ignoriert. Nichts mit herankommen oder Kontakt aufnehmen. Für sie sind andere Dinge viel, viel wichtiger – z. B. sich erneut hinzusetzen, Schwung zu holen, und das alles, um sich nun auf die andere Seite zu schmeißen…
Gut, ich habe mich also in ein Trampeltier verguckt. Warum denn auch nicht! Am Eingangsschild hatte zuvor etwas von Dromedaren gestanden, doch scheint dies nicht zu stimmen, denn die Bewohner hier haben zwei, nicht einen Höcker. Vielleicht gab es vor den Kamelen (Trampeltieren) einmal welche, und das Schild stammt aus der Zeit.
Heute bin ich mit Christian unterwegs, meinem in Leipzig wohnhaften, guten Twitterfreund (@ChScheinhardt). Er hat sich anderweitig auch ein wenig verguckt. In einen lustigen kleinen, schokobraunen Kerl mit Ponyfrisur. Einen Esel mit Ponyfransen! Genau das Richtige für meinen Begleiter, den Wortfigaro, den Wortspielakrobaten und Buchstabenjongleur. Der knuffige Kerl schien ihn auch zu mögen, jedenfalls kam er neugierig bis ans Gatter.

Esel mit Pony(frisur)

Wir verabschieden uns nach einer Weile von der Farm und durchstreifen den Wildpark. Ein großes Gebiet mit breiten Wegen und vielen Abzweigungen, die zu zahlreichen Gehegen führen. Es ist Wochenende, viele sind unterwegs. Zu Fuß, mit dem Fahrrad, allein, als Familie oder in Gruppen. Ein Spielplatz mit Seilbahn ist gut besucht. Ich bin immer noch ganz erstaunt, dass hier kein Eintritt zu zahlen ist. Ein vergleichbarer Park in Hamburgs Süden, der Wildpark Schwarze Berge, verlangt ihn und finanziert damit die Hege und Pflege. Wie macht man das hier? Leipzig muss es selbst fördern und zu einem großen Teil unterhalten. Es fällt nur auf, dass es zudem offensichtlich unheimlich viele private Sponsoren gibt. In Form von Tierpatenschaften übernehmen Einzelpersonen und auch Firmen hier einen wichtigen Part. Hin und wieder sieht man aufgestellte Tafeln mit den Namen der Spender. Eine feine Sache, dass sich Ortansässige mit ihrem Wildpark verbunden fühlen und ihn auf diese Art unterstützen.
Wir sind zufällig in dem Moment an einer Voliere mit zwei großen Krähenvögeln, als eine Tierpflegerin mit einem kleinen Wagen auftaucht. Große Aufregung im Käfig. Es gibt wohl Futter. Wildes Hin- und Hergeflattere, wobei nie beide Krähen auf dem gleichen Ast landen. Ein ständiger Wechsel des Sitzplatzes, während die Parkangestellte vorerst den Boden im Krähenheim fegt. Die Vorfreude der Vögel scheint zu steigen, mit ihr die Ungeduld. Ihren Kehlen entringen merkwürdige und fremde Laute, solche, die ich diesen Vögeln nie zugeordnet hätte. Manchmal klingt es wie künstlich am Synthesizer hergestellt, manchmal ist es ein Schnalzen oder auch ein Geräusch, das entfernt an einen sich lösenden Sektkorken erinnert. Irgendwann ist es soweit: Futter! Ich, in meiner Einfalt, hatte gedacht, in der kleinen, orangefarbenen Plastikschüssel befänden sich Körner. Weit gefehlt. Es sind zwei tote Mäuse… Wir gehen.
Die Lauferei macht etwas müde, auf jeden Fall aber durstig und so ein kleines Hungergelüst wäre da auch… Erst ein Halt beim Russenblockhaus, doch die Kellnerin dort scheint schon unser Hereingucken als Zumutung zu empfinden. Wir stehen ihr offensichtlich im Weg. Die Tische sind nicht abgeräumt, es riecht nicht besonders und an dem Platz, wo wir kurzzeitig stoppten, zieht es unangenehm kühl. Wir gehen wieder. Es erweist sich als gut, denn wir erinnern uns, auf unserem Weg ein Hinweisschild zu einem Lokal am See gesehen zu haben. Wiedergefunden, hinspaziert und sehr genossen. Das Lokal heißt Waldgaststätte, liegt sehr schön mit Blick aufs Wasser, hat eine gemütlichen Sonnenterrasse, eine nette Bedienung und richtig gutes Essen. Erst wollten wir nur etwas trinken. Eine Tafel wies jedoch auf Kürbiscremesuppe hin. Auch nicht schlecht… Im Grunde könnte man zumindest einmal einen Blick auf die Karte werfen. Aha, ab 14.00 Uhr gibt es diverse Toasts. Zeitlich kommt es hin. Widerstehen fällt schwer und letztendlich ist das Schwachwerden die richtige Entscheidung. Für 7,50 € gibt es ein vollwertiges, warmes Mahl! Während Christian sich für Rührei mit Pfifferlingen auf Toast erwärmt, habe ich Graubrot mit Hirschbraten und Pilzrahmsoße. Superlecker!! Wirklich empfehlenswert!
Frisch gestärkt kommt der Rückmarsch einem gleich viel kürzer vor. Mit der Straßenbahn geht es in nicht einmal 20 min. zurück Richtung Zentrum, und ich bin wieder einmal begeistert, wie viele schöne Ecken Leipzig doch hat. Heute war es ein wenig die Wildnis. Was mir jetzt noch fehlt ist der Regenwald…

… dem nächsten Ruf gefolgt: Gondwana!

Gondwana: Blick auf die Insel der Totenkopfäffchen

Mein Aufenthalt vor einem Jahr in dieser Stadt fand bei Dauerregen statt. Wäre ich damals zum Leipziger Ratsholz gefahren, hätte ich auf eine Art auch Regenwald gehabt. So einen wollte ich nur nicht. Auf den anderen musste ich allerdings noch ein wenig warten, denn erst seit Juli 2011 hat Leipzig seinen richtigen Urwald, hat Gondwana. Diese Nachempfindung des Urkontinents, bei dem davon ausgegangen wird, das Südamerika, Afrika und das südlichen Asien einmal miteinander verbunden waren.

Gondwana (von der Straße aus gesehen)

Die große, gläsern wirkende Halle auf dem Gebiet des Leipziger Zoos ist beeindruckend. Wer sich zum Bau, zur Technik, den Kosten etc. Einzelheiten beschaffen möchte, den verweise ich auf den umfangreichen Wikipedia Eintrag, die Homepage des Zoos und die Seite des MDR, der viel darüber berichtete. Ich erwähne hier nur einige Daten, die ich beachtlich finde, die bei mir hängenblieben oder schräge Gedanken auslösten.
Ich weiß nicht, wie es euch geht. Irgendwo neues zu entdecken ist auf mehrere Arten möglich. Man kann völlig unbeleckt und unvorbereitet losziehen und sich einfach überraschen lassen. Oder das krasse Gegenteil: super präpariert, vorher im Detail alles geplant, Zeitplan in der Hosentasche und Stoppuhr parat.
Ich bin für die Möglichkeit dazwischen. Ich finde es schön, bereits etwas darüber gelesen oder erzählt bekommen zu haben. Ich mag Fotos davon vor dem Besuch ansehen, auf das ein oder andere hingewiesen werden. Für mich sind es neugierig machende Appetizer, Appetitanreger. Es geht mir auch bei mir noch unbekannten Filmen so. Während viele es als Spiel- und Spaßverderben betrachten, wenn ihnen jemand Szenen vorab beschreibt oder Details verrät, macht es mir Freude, später genau darauf zu achten. Ich kann es ruhiger genießen. Die Menschen sind eben verschieden.
Ich möchte kein 300seitiges Lehrbuch studieren oder wissen, wie viele Fensterscheiben (bzw. Folienpolster) die Halle hat, deshalb ist die Vorbereitung gemäßigt. Andererseits habe ich begierig gelesen und angeschaut, was mir ein netter Follower (@blattella) auf Twitter zukommen ließ. Er nannte mir Links zu Filmen, die der MDR in der Bauphase gedreht hatte. Er war bereits relativ kurz nach der Eröffnung dort und kehrte begeistert und mit einer Menge Fotos zurück. Hängebrücken konnte ich sehen, exotische Pflanzen, über deren mögliche Namen wir dann debattierten. Es bestärkte mich in meinen Entschluss, bald selbst Gondwana zu besuchen.
Was ich empfand, möchte ich als einen Eindruck für Sie hier hinterlassen und Sie können gewiss sein, dass Sie es trotzdem als ganz eigene Erfahrung und völlig neu erleben werden, wenn Sie dort selbst hinreisen sollten. Man kann viel erzählen, doch die Wirkung eines Erlebnisses auf jeden ist immer einzigartig.
Ich wusste, die Halle ist groß. Doch groß ist relativ. Ich hatte gelesen, ihre Grundfläche beträgt 16.500 qm. Darunter kann ich mir ungefähr etwas vorstellen. Jedenfalls mehr als unter der Angabe Bruttoregistertonnen bei Schiffen. 16,5 ha sind in etwa so viel wie zwei Fußballfelder. Als Halle! Meine Herren!  Sie ist von der Form her wie ein abgerundetes Dreieck gebaut, mit zur Mitte hin ansteigender Höhe. An den Seiten/Ecken nur 10,1 m hoch, damit sie sich an die Umgebung noch anpasst. In der Mitte der Halle ist die Firsthöhe allerdings 36 m (lichte Höhe ca. 34 m), d. h. man könnte etwa 19 Menschen durchschnittlicher Größe aufeinanderstapeln, bis sich der oberste den Kopf stieße. Diese Zahlen sind bestimmt wieder etwas für die Statistiker. Wahrscheinlich wird jetzt gleich umgerechnet in Fläche pro Person oder Lebewesen. Klappt aber nicht. Wir können es zur Demonstration des Unmöglichen trotzdem tun.
16.500 qm Grundfläche für maximal 3.000 Besucher, die gleichzeitig hereingelassen werden. Für 300 Tiere (aus 40 Arten).  Für 17.000 Pflanzen (aus 500 Arten). Alles, was als Lebewesen zählt wird addiert und die Summe durch die Grundfläche dividiert. Macht etwa 0,8 qm pro Nase (und Pflanzenstiel). Theoretisch richtig, praktisch grundfalsch. Denn die Halle bietet mehr als die bloße Grundfläche. Es führt ein auf- und absteigender Rundgang hindurch, es gibt einen Vulkanstollen, der unterirdischen Charakter hat. Es gibt zur Sicht von oben auf den Regenwald den sogenannten Baumwipfelpfad. Zwei Hängebrücken verbinden Teile des Rundwegs mit riesigen künstlichen Bäumen in der Mitte der Halle. Wir haben also zusätzliche Fläche, müssen aber unterteilen in Fläche für die Tiere und Fläche für den Menschen. Wie berechnen wir zudem die Fläche des Flusslaufs? Wem schlagen wir die zu? Hm? Liebe Statistiker, es wird nichts. Es lässt sich kein Allgemeinwert errechnen. Stattdessen konzentrieren wir uns lieber auf das Regenwalderlebnis.
Wer Gondwana betritt, durchquert einen Stollen dessen Boden ein wenig wabbert und feurig aufleuchtet. Nicht die Gesamtfläche. Für Menschen, denen es nicht geheuer ist, besteht immer die Möglichkeit, außen herum zu gehen. Ich stand unerwartet auf dem brodelnden Bereich, und plötzlich wackelte es unter meinen Füßen. Schreck! Brodelnder Pudding! Teufelsmoor! Treibsand! …Auch wenn es sonst nicht meine Art ist, Männer zu begrabschen, in diesem Fall musste Christian, der sich auch heute beim Zoobesuch anschloss, dran glauben. Ich packte seinen Arm, es war zu überraschend gekommen. Wenn er sich auch erschrocken hat, so ließ er es sich jedenfalls nicht anmerken, sondern griente nur über meine Reaktion. Ja, Männer sind eben die Helden! ;)

Wasserschildkröte

Die Augen können sich in dem, wie in den Fels geklopften, Stollen allmählich an die Dunkelheit gewöhnen, und wir befinden uns nun in dem Bereich der nachtaktiven Tiere, die hier meist hinter Glas leben. Für die Besucher wurde der Tag- und Nachtrhythmus der Bewohner quasi um 12 Stunden verschoben, damit sie nun wach sind und ein bisschen aus ihren Höhlen hervorkommen. An manchen Gehegen wollen sie sich definitiv nicht zeigen, oder unsere Menschenaugen sind zu schwach, um ein unbewegliches Tier auszumachen.  Im Opossum-Bereich scheint etwas herumzuwuseln, doch bei genauem Hingucken kann es nicht Heidi sein. An einem der nächsten Tage erfährt man aus der Presse, dass es ihr sehr schlecht ging und sie eingeschläfert wurde.
Wir schauen uns noch Becken mit Fischen und schwimmenden Schildkröten an, und ich wundere mich über die Tatsache, dass Piranhas so harmlos aussehen.

Sehen harmlos aus, doch Vorsicht! PIRANHAS!

Es wird heller. Der Ausgang direkt in die gläserne Halle liegt vor uns. Gleich zu Beginn wird für das leibliche Wohl gesorgt, gibt es einen Shop, und der Weg leitet den Besucher sowohl zu den Booten, die hier den Gamanil-Fluß befahren, als auch zum eigentlichen Rundgang. Den Gamanil gab es nie wirklich. Sein Name ist erdacht und eine Zusammensetzung aus den Namen der Flüsse Ganges, Amazonas und Nil. Das Bootsvergnügen  kostet extra, erfolgt bei der schwindelerregenden Geschwindigkeit von 5 km/h und ist… fahrerlos! Ein seltsamer Anblick und natürlich interessiert es mich, woher das Boot denn weiß, wohin es zu fahren hat. Es laufen Ketten oder Stahlseile im Wasser, man sieht beim Blick von oben, dass sich im Wasser auch Winden befinden, um die die Ketten geführt werden. Einzelne Holzbalken markieren Punkte, an denen das Boot in den Kurven entlang geleitet wird. Scheint zu funktionieren, zumindest gibt es keine Zusammenstöße, Strandungen oder Auffahrunfälle während meines Aufenthaltes.

Bootsfahrt auf dem Gamanil / Gondwana

Wir beginnen den Rundgang zuerst falsch. Das erste Hinweisschild war nicht so eindeutig. Wir erwischen den Weg zum Notausgang und bemerken es nach einigen Metern, denn auf einmal geht keiner mehr mit uns. Komisch, die Halle war doch eben noch voll… Wir sind schnell zurück auf dem richtigen Pfad und tauchen ein in die Welt des Regenwaldes. Temperaturen von 24-26° C bei einer Luftfeuchtigkeit von 65-100% reichen aus, schnell auch die letzte dünne Stoffjacke von sich zu werfen. Ich lege meine über die Umhängetasche und achte hin und wieder darauf, ob sie noch an ihrem Platz ist. Je weiter man dem Rundgang folgt, desto interessanter wird es. Die Pflanzen kesseln einen ein, ragen mit ihren Blättern bis in den Weg hinein. Aus versteckten Lautsprechern ertönen Geräusche. Ein Mix aus Vogelgezwitscher, Regengeprassel, Lauten anderer Tiere. An einigen Stellen sind im Hintergrund Luftbefeuchter platziert, die zwischendurch immer wieder eine Wolke feinsten Regenstaubs herauspusten. Exotische Blüten und großblättrige Pflanzen wechseln sich ab mit speziell gestalteten Zonen, in denen Regenwaldtiere ihr Reich haben. Sehr schön, artgerecht und vielseitig angelegt. Wir entdecken Riesenotter, Fischkatzen, Ozelot und Serval, Schabrackentapire, Zwergotter, einen

Noch tut sich nichts…

Komodowaran, Leguane, Schildkröten, Hornvögel mit bunten Schnäbeln und mehr. Manchmal wippen wie verrückt  Äste der Bäume, die sich auf der Insel mitten im Fluss befindet. Dort haben die Totenkopfäffchen ihr Areal und scheinen kontinuierlich Sport zu betreiben. Possierlich, agil und, wie man mir vorher erzählte, manchmal auch etwas aufdringlich. Da sie die Geländer dort als ihr Terrain betrachten,  auf dem sie hin- und herflitzen wollen, behagt es ihnen absolut nicht, dass Besucher ihre Hände dort ablegen. Es kam anfangs sogar zu kleinen Beißattacken. Daraufhin überlegten die Zoomitarbeiter sich als Lösung des Problems, weiter oben eine Art zusätzlichen Geländerlauf zu ziehen – ausschließlich für die Affen. Seitdem sie diese Affenrennpiste haben, soll sich die Lage entspannt haben.
Mich beeindruckt jedoch auch die Flora sehr. Darüber hatte ich vorab mehr gelesen. Wie schon kurz erwähnt, sind 17.000 Pflanzen in unzähligen LKW-Ladungen herbeigeschafft worden. Bäume wurden importiert und über Rotterdam verschifft, wo sie zuerst an europäische Lichtverhältnisse gewöhnt wurden. Die Pflanzen mussten eine Quarantäne durchlaufen, um zu vermeiden, dass Schädlinge eingeschleppt wurden. Diese Pflanzen stammen aus ca. 500 unterschiedlichen Arten. 120 Gewächse sind zwischen sechs und 12 Metern groß, 415 Bäume und Pflanzen mittelgroß, d. h. zwischen drei und fünf Metern. Vielleicht kann man sich anhand dieser Höhenangaben vorstellen, wie vielfältig es dort aussieht. Die riesigen Kunstbaumstämme, die in der Mitte der Halle die Anlaufstelle für die Hängebrücken darstellen, haben noch eine ganz andere Funktion. Sie beherbergen ‚hässliche’ Technik. Der Zoo ist recht stolz darauf, dass er, wo immer es geht, natürliche Ressourcen wie die Sonneneinstrahlung, Regenwasser, Wärmerückgewinnung und Wärmespeicher nutzt.

Technik im Baum

Die Lüftungsanlagen beispielsweise verfügen über eine Wärmerückgewinnung, und dazu  werden diese als Baumriesen getarnten Säulen genutzt. Sie saugen die heiße Luft unter der Hallendecke ab und speisen sie über eine Wärmepumpe in einen 100 Kubikmeter großen Erdwärmespeicher. Meine Bewunderung steigt. Für das Konzept, die Umsetzung und letztendlich für das Regenwaldfeeling, dass tatsächlich (zumindest an vielen Stellen des Rundgangs) erzeugt wird. Besonders schön gelungen ist der Wasserfall. Schon zu Beginn des Rundgangs entdeckt man ihn am anderen Ende des Regenwaldes, wo er in großer Höhe über eine Felskante stürzt und einen Regenvorhang bildet. Hinter diesem Vorhang – mehr erahnt, als wirklich gesehen, verbirgt sich ein Loch in der Felswand, welches später seinen großen Auftritt hat. Auf dem weiteren Weg wird der Besucher in den Felsen, hinter den Wasservorhang geführt und kann ihn nun von innen heraus betrachten. Wunderschön! Das Prasseln des Wassers, Vogelstimmen, Lichtreflexe. Auch ein kleiner Knirps, der dort mit seinen Eltern entlang kam, fand es faszinierend. Er wurde vom Wasser magisch angezogen, zuckte aber bei jedem Spritzer, der ihn erhaschte, zusammen –  um drei Sekunden später zu lachen.

Wasserfall – Das Guckloch

Gondwanaland.  Es ist wirklich mit Liebe gemacht. Selbst die Toiletten sind stilgerecht! Die Türen der einzelnen Kabinen sehen aus, als wären sie aus Bambusrohr.
Es funktioniert alles ohne Stau und Dramen, aufgrund des limitierten Einlasses und weil sich jeder an den Rundgang zu halten hat. Es gibt keinen Gegenverkehr, kein Umdrehen. Es fällt kaum auf, dass sich Gondwana-Mitarbeiter um alles kümmern, nur im Fall der Fälle sind sie sofort da. Ich hatte bemerkt, dass meine Jacke verschwunden war, konnte sie aber wirklich gerade erst verloren haben. Demnach auf dem Weg über die Hängebrücken. Während Christian wartete und ggf. Personal ansprechen wollte, lief ich erneut über die Hängebrücke. Ich stand in der Mitte der zum Baumriesen hinführenden Brücke, als ich auf der gegenüberliegenden, wegführenden, eine junge Frau entdeckte, die meine rote T-Shirt-Jacke in der Hand hielt. Erster Reflex: umdrehen, um sie beim Verlassen der Brücke abzupassen. Nix da! Eine junge Dame von Gondwana hielt mich sofort davon ab, irgendwelchen Heckmeck auf dem schwankenden Weg zu veranstalten. Ich huschte also eilig hinter der Finderin her, die aber die Brücke bereits verlassen hatte, als ich dort ankam. Christian hatte sie wohl gesehen, war aber nicht sicher gewesen, dass sie nicht ihre eigene Jacke in der Hand hatte. Weiter hinterher. Sie konnte ja nur in eine Richtung gelaufen sein. Da vorne stand sie! Erwischt, bedankt, Jacke ans Herz gedrückt. Glück gehabt und ja, die Organisation in Gondwana ist tipptopp.
Die Zeit vergeht schnell dort. Zwei oder drei Stunden sind gar nichts. Es war den Besuch allemal wert, nur wir wollen den Restzoo ja auch noch ansehen…. Also hinaus!

Wasserfall – Der Vorhang

….Zoo Leipzig

Da der dritte Teil des Leipziger Allerleis schon sehr umfangreich ist, soll es hier nur um ein paar Fotoimpressionen gehen. Jedem allerdings die Empfehlung, sich diesen Tierpark  (inkl. Gondwana)  unbedingt einmal anzusehen. Eine schöne Mischung aus alt und neu. Tolle, großzügige Gehege und Landschaften (Themenwelten, z. B. das Pongoland der Affen).  Insgesamt auch hier eine große Vielfalt und sehr interessant  das Aquarium in der Nähe des Eingangs. Es hat im oberen Geschoss ein durchgehendes Rund- oder Ringbecken. Der Besucher steht in der Mitte, und wird von z. B. Haien kontinuierlich umrundet. Wer viel  Action erleben und mehr Information beim Rundgang möchte, sollte sich vorher nach den Zeiten erkundigen, in denen Tierpfleger kommentieren oder Fütterungen bei den Tieren abhalten.
Und nun nichts wie hin!

Für mich war es der vorerst letzte Tag meines Aufenthalts in Leipzig. Leider. Inzwischen habe ich vieles gesehen. Es gibt jedoch mittlerweile Orte, die ich wiedersehen möchte. Es gibt Jahreszeiten, zu denen ich noch nicht dort war, Veranstaltungen, die ich noch nicht besucht habe und immer auch – ganz wichtig – Menschen, die ich wiedersehen möchte! Es wird demnach auch dieses Mal nicht das letzte Mal gewesen sein. Leipziger, macht euch darauf gefasst, dass ich wiederkomme! ;)

Ich danke Ihnen herzlich für die bisher so zahlreichen Besuche im Blog, das Retweeten auf Twitter, Verbreiten via Facebook, Abonnieren des Blogs und – nicht zu vergessen – die Kommentare!

Zoo Leipzig – Impressionen

Flamingotruppe

Graue Eminenzen

Der Elefant schien lieber rein zu wollen…

Die Giraffe braucht keinen langen Hals zu machen und könnte locker über Zebrastreifen gehen….

Die Waldmenschen – Orang-Utans

Gedankenversunkener Gorilla

Schimpanse sehr menschlich: Siesta mit Kratzstängel…

Er ist heute der Wachposten bei den Erdmännchen…

…kein Blinzeln, keine Bewegung!

Tiger am Herumtigern

Ende – Fin – The End
…. vorerst ;-)

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  1. #1 von blattella am 06/10/2011 - 19:32

    Oh, man kann in Gondwana schon mal gegen die normale Laufrichtung unterwegs sein (auf den Hängebrücken sollte man das aber wegen der Enge wirklich lassen ;) ), darf sich dann aber auch nicht wundern wenn man blöd angeschaut wird (hatte ich bei meinem Besuch erlebt, aber da wars ja auch gerammelt voll).

    Vielen Dank für deinen Bericht, sehr schön geschrieben und sehr schöne Bilder & Beschreibungen auch vom „Rest“ des Leipziger Zoos. Deiner Empfehlung kann ich nur beipflichten: immer eine Reise wert.

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    • #2 von ladyfromhamburg am 06/10/2011 - 23:10

      Hallo, @blattella,
      ich freue mich über deinen Kommentar, gerade weil du schon dort warst! Danke schön ;)
      Dadurch, dass ich gleich daran gehindert wurde, mich entgegen der Laufrichtung zu bewegen und mir während der gesamten Zeit in der Halle nie jemand entgegen kam, habe ich wirklich angenommen, dass dies eine feste Regel sei. Nun scheint es gar nicht an dem zu sein.
      Du hattest mich auch auf die Tatsache hingewiesen, dass die Halle eigentlich nicht aus Glas ist. Ich werde hier im Kommentar einen kleinen Passus aus der Beschreibung des Zoos einfügen – für Interessierte und als Richtigstellung, denn du hattest völlig recht! Man kann es sich kaum vorstellen aber:

      “ Die Dachhaut bildet eine Folienkissenkonstruktion in dreilagiger Ausführung (2 Luftkammern). Die Folienkissen werden mittels Überdruck aufgeblasen und gewährleisten so eine hervorragende Wärmedämmung bei gleichzeitigem maximalen Durchlass von Sonnenlicht. “

      Also Folienkissen. Ich danke dir für den Hinweis!
      LG – Michèle

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