Du sollst es lassen…!

Theoretisch – rein von der chronologischen Abfolge her – wären jetzt ein oder mehrere Blogposts über meinen kürzlichen Leipzig-Aufenthalt an der Reihe. Nur – wie es manchmal so passiert –  während ich gedanklich noch am Vorsortieren bin und passende Fotos auswähle, ereignete sich vorhin Folgendes:
Es begann harmlos. Mein freundlicher Schuster bot von sich aus an, mir die (in Leipzig) abgelaufenen Absätze an den Schuhen sofort zu reparieren. Sofort wäre gleich und gleich, bedeutete er mir, hieße, ich könne sie in einer halben Stunde bereits wieder abholen. Geschwind akzeptiert, denn das klang doch gut! Ich konnte in der Zeit schon Gemüse kaufen. Gesagt, getan und danach wiederum kam der Moment, in dem ich erstaunt bemerkte, dass gelegentlich eine halbe Stunde doch länger ist als gedacht. Es war immer noch Zeit und somit ging es gar nicht anders: ich musste eine Kaffeepause in der Eisdiele einlegen ;). Hätte ich allerdings vorher gewusst, was mich dort erwartet, hätte ich heute um sie einen weiten Bogen geschlagen…

Mein Milchkaffee ist schon gebracht, und ich löffle vergnügt so lange geschlagenen Milchschaum ab, bis an einer Stelle ockerfarbene Flüssigkeit freigelegt ist und ich trinken kann, ohne einen weißen Bart zu bekommen. Der größere Tisch neben mir mit der Zweisitzerbank und den beiden Stühlen ist noch unbelegt.
Sie nähern sich geräuschvoll. Oma, Tochter (Mama) und Kleinkind (Tochter/Enkelin, knapp zwei Jahre alt). Etwas unkoordiniert werden Stühle verrückt. Die Räder des Buggys schlagen an das Tischbein. An meins. Mein Kaffee schwappt. Sie merken nichts. Ich sage auch nichts, denn sie sind sowieso intensiv mit sich beschäftigt. Die Sitzplatzwahl dauert geraume Zeit. Oma möchte erst auf die Bank, stellt aber fest, dass sie später von dort wohl nicht mehr hoch kommt. Sie wechselt auf einen Stuhl. Die Tochter ihrerseits beabsichtigt hingegen, auf die Bank zu wechseln, kommt allerdings aus ihrem Stuhl nicht mehr heraus. Sie ist aufgrund fülliger Körpermasse zwischen den Armlehnen steckengeblieben. Es quillt seitlich heraus, und der Stuhl kommt mit beim Erheben. Sie kann sich schließlich befreien. Das kleine Mädchen möchte aus seinem Buggy, doch sowohl Oma als auch Mama sind dagegen.
„Leonie, du bleibst sitzen!“
Leonie quengelt. Es ist noch auf Stufe eins. Halblaut und halbernst. Mama antwortet schon auf Stufe sechs. Sehr laut und dreiviertelernst:
„Leonie, wir können auch gleich wieder gehen! Sitz still, und hör auf zu quaken!“
Leonie quakt lauter.
Oma vermittelt. „Leonie, die Tante bringt gleich Eis. Mhmm, Eis!“
Ich finde es immer merkwürdig, wenn fremde Menschen so bezeichnet werden. Die Tante bringt dies, der Onkel macht gleich einen Pieks… Sag dem Mann Guten Tag. Die Frau lässt dich gleich vor. Das eine ist so plump vertraulich. Eine Vertraulichkeit, die gar nicht existiert. Es besteht auch definitiv kein Verwandtenverhältnis. Es klingt nach Verschleierung.
Das neutralere Mann/Frau ist sehr gebräuchlich und im Grunde genommen akzeptabel, doch selbst hier klingt es häufig so, als mangle es an Respekt, oder dem Kind würde ein anderer Begriff nicht zugetraut. Die Dame, der Herr… ? Warum nicht so?
Gib der Dame den Zettel. Sag dem Herrn, dass du vorbei möchtest.
Doch wir gesellen uns wieder zu Leonie und ihrer Oma bzw. Mama, die jetzt die Karte studieren und Eis auswählen. Die Kleine hat in ihrem Buggy einen neuen, relativ großen Plastikball, der noch in seinem kleinmaschigen Netz ist. Da sie gerade überhaupt nicht beachtet wird, schmeißt sie den Ball aus der Karre.
„Leonie, lass das!“ Mama ist wütend.
Oma ergänzt: „Nu is er ab!“
Ich vermute, das ist Deutsch und soll heißen, dass der Ball weg ist. Da Großmama näher dran ist, hebt sie den Ball auf und legt ihn Leonie zurück auf den Schoß. Weiter geht die Diskussion der Erwachsenen bezüglich Malaga-Becher ja oder nein.
Leonie pfeffert erneut den Ball mit Schwung von sich. Mama ist sauer.
„Ich hab dir doch gesagt, du sollst das lassen! Du kriegst kein Eis, hörst du, du kriegst kein Eis!“
Geheul.
„Hör auf mit dem Gebrüll, ich kauf dir ja Eis!“
Das Gebrüll verstummt. Die Angestellte der Eisdiele tritt hinzu. Die Bestellung wird aufgegeben. Auch für Leonie. Sie darf kein Schokoladeneis, denn damit saue sie sich immer ein. Erklärt Oma der jungen Servicekraft.
Ich denke, bei einer knapp Zweijährigen muss man damit rechnen, es gehört zum Lernprozess dazu. Essen mit Löffel – und vor allem kleckerfreies Essen – ist nicht einfach. Sonst würden es mehr Erwachsene hinbekommen. Leonie darf immerhin Vanilleeis. Sie wird diese Sorte nicht besser essen, aber vermutlich sind die Flecken weniger auffällig.
Zwischen Bestellung und Eintreffen des Eises vergeht hier immer eine Weile. Leonie windet sich im Buggy wie ein Aal. Sie wird mehrfach zurechtgewiesen und ruppig zurechtgerückt. Die Unterhaltung findet wieder nur unter den Großen statt. Leonie entschließt sich, die erfolgreiche Masche mit dem Ball erneut aufzugreifen. Das runde Ding fliegt.
„ LEONIE!“ So! Nun, musst du ihn holen!“ keift die Mutter.
Ich bin sehr gespannt. Ob Leonie überhaupt laufen kann. Ob es ihr Trick ist, um aus dem Buggy zu kommen. Ob sie den Ball holen wird und letztendlich: Wie wird es weitergehen?
Zu meiner Überraschung steht die Mutter auf und holt den Ball erneut selbst. Was sollte dann diese Ankündigung? Du holst ihn selbst! Von wegen.
Das Netz des Balls hat einen Zipfel und ein Band. Mama versucht nun, dieses Band am Buggy zu befestigen. Leonie möchte das absolut nicht. Leonie brüllt. Mama lässt es sein.
Leonie hat den Ball. Der Ball fliegt.
„Leonie“, Mama ist rot angelaufen, „jetzt kriegst du den Ball nicht mehr!“
Das Mädchen heult wie ein Kojote. Gut, einmal bekommt sie ihn noch.
Leonie wirft.
Mama hat es noch nicht bemerkt, Mama wühlt gerade in der Einkaufstasche.
Oma holt den Ball und beschließt jetzt, es auf eine neue Tour zu probieren.
„Wenn du den Ball wegschmeißt, hat er Aua!“
Leonie hört auf zu heulen und guckt ungläubig.
„Aua?“ kommt es fragend.
„Ja, Aua“, bestätigt Oma.
„Ball weint?“ fragt Leonie.
„Ja, Ball weint“, bestätigt ihr die Großmutter.
„Haben!“ sagt Leonie und deutet auf ihr Spielzeug.
Oma gibt ihr den Ball zurück.
Leonie schmeißt.
Oma holt geräuschvoll Luft. „Leonie, also wirklich!“
Leonie stellt fest: „Ball nich Aua, Ball nich weint.“
Oma schaut grimmig. „Er will jetzt aber nicht mehr zu dir!“ sagt sie.
Kind schaut überrascht.
„Doch!“
„Nein!“
„Haben!“
„Nein!“
Gebrüll.
Zum Glück kommt jetzt das Eis.
Leonie möchte nicht ihre eine Kugel Vanilleeis, sondern den Malaga-Becher der Oma.
„Nein, Leonie, der ist für Oma.“
Gebrüll.
„Du darfst mal probieren.“
Ende des Gebrülls.
Am Ende teilen sich Oma und Enkelin reichlich Malagaeis mit Alkohol.
Leonie hat einen kleinen Plastiklöffel und will alleine essen.
„Leonie, iss ordentlich!“ Das ist Mama, die ermahnt. Und es geht weiter:
„Leonie, halt den Löffel gerade.“
„Leonie, pass auf!“
„Leonie, nicht so viel!“
„Leonie, iss langsam, sonst nehme ich das Eis weg!“
Daraufhin schlingt Leonie. Lieber schnell noch etwas reinzwängen, bevor sie die Ankündigung wahr macht… Die Sorge um ihr Eis war jedoch unbegründet. Selbstverständlich behält sie es weiterhin.
„Leonie, was habe ich gerade gesagt?“
Ehrlich gesagt – keine Ahnung! Es waren so viele Anweisungen und Drohungen, dass ich langsam den Überblick verloren habe.
Leonie ist bedient. Sie schmeißt den Löffel auf den Boden.
„So, Leonie, jetzt kriegst du nichts mehr! Hörst du? NICHTS! Und du brauchst gar nicht zu heulen“, erklärt Mama.
Leonie heult … und bekommt ein wenig Eis zur Beruhigung. Da der Plastiklöffel dreckig ist, hat sie jetzt den Löffel der Mama, der ist größer.
„Du sollst nicht so schlingen, sonst verschluckst du dich und musst husten!“
Leonie muss nicht husten, Mama hustet. Sie hat sich vor Erregung verschluckt.

So geht es munter weiter. Es folgen noch Rügen wegen verschmiertem Mund, Rüffel wegen Löffel in falscher Hand (gibt es eine ‚falsche’ Hand?) und Klagen von Oma sowie Mama, dass man ja nie seine Ruhe hätte, wenn „das Kind“ dabei wäre. Von irgendwo schleicht sich daraufhin bei mir der Gedanke ein, ob Leonie nicht vielleicht auch so von Oma und Mama denkt..
Irgendwann kehrt für eine Weile Stille ein. Das Eis hat seine beruhigende Wirkung entfaltet und besänftigt alle – kurzzeitig. Dann geht es ans Bezahlen, der Aufbruch naht.

Leonie will bleiben. Quaken auf Stufe sieben (recht durchdringend, langanhaltend, unnachgiebig, gepaart mit einer erheblichen Spur Bockigkeit).
„Dann gehen Oma und Mama ohne dich nach Hause, und du musst ganz alleine hier bleiben, hörst du, Leonie, ganz alleine!“ Mama macht dramatisch große Augen und zieht die Stirn in Falten.
Gebrüll aus Trotz und einer Spur Panik.
„Komm jetzt, Leonie. Wir gehen jetzt“, bestätigt auch Oma und zeigt auf Mama und sich. Sie bleiben dennoch beide stehen.
Heulen.
Mama ist am Ende der Geduld.
„Dann sieh doch zu, wie du nach Hause kommst!“
Langsam bekommt Leonie Angst.
„Und das war auch das letzte Mal, dass wir hier Eis essen gegangen sind…!“
„Eis haben will!“ brüllt die Kleine zurück.
Mama kehrt mit Sturmschritten zu Leonie zurück, schnappt sie und alle stiefeln mit der zappelnden Kleinen fort.

Ist das nicht traurig? Unglaublich unsinnig, und tieftraurig?? Was für eine Szene! Ob Oma und Mama auch so ‚erzogen’ wurden? Wäre es nicht so ernst, könnte man über die Situationskomik beinahe lachen. Doch die Kleine tut mir unwahrscheinlich leid. Wir werden alle geprägt. Wie eine Münze. Nahezu unauslöschlich entsteht der Eindruck auf ihrer Vorder- und ihrer Rückseite.  Eindruck machen, Eindruck hinterlassen. Dieser Ausdruck klingt im heutigen Sprachgebrauch meist so, als sei es grundsätzlich etwas Positives. Ist es definitiv nicht. Genauso wenig, wie Vorurteile immer negativer Art sein müssen.
Leonie nimmt alle Eindrücke um sich herum auf, auch die vom heutigen Nachmittag.
Sie hat gelernt, dass das, was gesagt wird, nicht dem entspricht, was getan wird.
Sie hat gelernt, dass sie stört.
Sie hat gelernt, dass man laut sein muss, um selbst Aufmerksamkeit geschenkt zu bekommen.
Sie hat den Eindruck erhalten, dass Menschen sich offenbar ankeifen, und Unzufriedenheit normal ist.
Einfach nur traurig.
Wie viel auf ihrer Münze ist schon endgültig geprägt?
Hoffentlich nur ein kleiner Teil der einen Seite…
Hoffentlich bleibt noch viel Platz für Eindrücke anderer Art.

©September 2011 by Michèle Legrand

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  1. #1 von blattella am 28/09/2011 - 18:38

    Ach, Leonie wird einfach nur eine neue Lady Gaga oder Lady Bitch Ray, also so rein feministisch alles im Lot. Inkompetenz der Erzieherinnen? Um Himmels Willen, wer würde jemals sowas anzweifeln, sind doch emanzipierte Frauen heutzutage.

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    • #2 von ladyfromhamburg am 28/09/2011 - 19:00

      Danke für deinen Kommentar @blattella. Ich glaube, dass hier grundlegend mehr Hilfe notwendig ist. Offenbar sind viele Menschen mit der Erziehung völlig überfordert und bringen einfach durch ihre persönliche Geschichte ein Fehlverhalten bzw. falsches Muster mit. Erzieherinnen können das auch nicht kitten. Ich klammere hier den Punkt aus, ob sie alle auch in der Lage dazu wären. Ich kann mir schwer vorstellen, dass dies einfach so in den Zusammenhang mit emanzipiert oder nicht-emazipiert gebracht werden kann. Meiner Ansicht nach können beide Arten Frauen gut oder schlecht (hilflos) bei der Erziehung sein.
      LG Michèle

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      • #3 von blattella am 28/09/2011 - 20:32

        Die Frage ist doch: wie sind sie in die Situation geschlittert überhaupt so hilflos ihren Kindern gegenüber zu stehen? Wenn ich mich an meine Mutter und Oma erinnere: da hat Oma schon gerügt das Tochter die Beine „unzüchtig“ auf einen Stuhl legte (das war so 1960). Und Oma war (da Opa im Krieg verstorben) Familienoberhaupt. Das heutige Frauenbild ist nur die logische Fortführung – ging aber blöderweise mit der „Emanzipation“ (nichts gegen wirkliche Emazipation) einher. Und da hat man Frauen eingetrichtert sie können alles (da sie insgeheim eh schon immer Oberhaupt waren und auch noch sind) – auch zuhause bleiben ohne Mann. Und Kinder sind gleichberechtigt anzusehen. Und DAS ist der Knackpunkt. Weder sind Kinder gleichberechtigte Partner, noch können Frauen alles (genausowenig wie Männer). Wenn aber _nirgendwo_ eine Richtschnur gelegt wird kommt am Ende genau das von dir beobachtete heraus.

        Es ist mE nach also nicht „mehr Hilfe“ nötig, sondern einfach eine ganz klare Aufteilung wer was in der Familie (so es sie noch gibt) zu sagen hat und schlussendlich einfach Stärkung der Familie anstatt Geschwurbel (nicht von dir ausgesprochen und beabsichtigt!) zur Alleinerzeihendenförderung wie das unser Staat seit Jahren propagiert.

        Wenn ich mir deine Schilderung so anschaue: besonders alt war die Oma vermutlich nicht, oder?

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      • #4 von ladyfromhamburg am 28/09/2011 - 22:18

        Die Mutter des Kinders war vielleicht Ende 20, somit die Großmutter etwa Ende 50 oder Anfang 60, ich kann es schwer schätzen. Deine Sichtweise kann ich nachvollziehen, inbesondere den Punkt mit den (nicht) gleichberechtigten Kindern und der nicht vorhandenen Richtschnur. Es spielt vieles eine Rolle. Was mir immer wieder auffällt, ist, dass oft völlig die Konsequenz fehlt und damit auch gleichzeitig völlig das Bewusstmachen, dass sich so verhalten wird!
        Dafür brauchen manche Hilfe (von der ich sprach) und Anleitung zum respektvollen Umgang. Dazu muss das Kind nicht notwendigerweise (oder fälschlicherweise) als Kumpel oder Gleichberechtigter (wie ein Erwachsener) angesehen werden. Respekt gilt jedem Lebewesen gegenüber (altersunabhängig, ob gleichberechtigt oder nicht, hilflos, arm oder reich, etc.)
        Ich denke, wir meinen letztendlich ähnliche Dinge, denn du sprichst von „klarer Aufteilung, wer was in der …“ Wenn nicht klare Strukturen vorhanden sind, verlässliche Grundregeln, etc., ergibt sich Unberechenbarkeit, Zweifel, Vertrauensverlust. Das Miteinander funktioniert nicht, die Nicht-Erziehung wird zur schieren Überforderung. Konsequenz und Verlässlichkeit hingegen sorgen für Beständigkeit, geben ein Sicherheitsgefühl, erzeugen Gelassenheit auf beiden Seiten. Diese ist durch dann erworbenes Vertrauen möglich. Zuversicht, eine positive Grundeinstellung, Selbstvertrauen haben die Chance, sich breit zu machen. Bei jedem Familienmitglied. Vorrangig natürlich beim den Jüngsten. Das, was dir wahrscheinlich bei dem Gedanken an die Stärkung der Familie irgendwo auch mit vorschwebt…
        Ein unerschöpfliches Thema. Danke daher noch einmal für den weiteren Kommentar von dir!

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  2. #5 von Uta am 28/09/2011 - 21:19

    Was für ein Theater … wenn es nicht so traurig wäre :o(
    Die beiden Frauen sind mit hoher Wahrscheinlichkeit mit einem angemessenen, konsequenten Verhalten (das Wort Erziehung kann ich nicht leiden) überfordert. Sei es, weil sie es selbst nicht besser erfahren haben oder weil sie so sehr mit sich selbst beschäftigt sind.
    Niemand macht alles richtig, Eltern natürlich auch nicht. Ich glaube, dass das auch gar nicht so wichtig ist. Die Hauptsache ist, den Kindern Liebe und Verlässlichkeit zu vermitteln. Aber auch die Erfahrung und Einhaltung von Grenzen, der elterlichen wie seiner eigenen.

    Klar ist, dass man kaum etwas vermitteln kann, was man nicht selbst erfahren hat. Das ist eine echte Herausforderung, der man sich als Eltern zu stellen hat. Das erfordert Konsequenz und Durchhaltevermögen. Das ist manchmal anstrengend und nervig. Vor allem in einer Umwelt, die den Fokus auf schnelle Erfüllung von Wünschen setzt, auf Bequemlichkeit und vordergründigen Spaß.

    Bei meiner Arbeit hatte ich viele Jahre die Gelegenheit, zu beobachten, wie Familien mit ihren Kindern umgingen. Der erste Eindruck war: Je niedriger das soziale Niveau, umso größer die Häufigkeit deiner beobachteten Verhaltensweisen. Aber das ist nur vordergründig so. In wohlhabenderen Kreisen spielt sich Ähnliches ab, meist nur etwas besser kaschiert vom materiellen Deckmäntelchen. Das allein ist es also nicht, denn ich habe auch arme Eltern kennengelernt, die sich sehr liebevoll und konsequent um ihre Kinder gekümmert haben.

    Für diese Lebensweise braucht es allerdings eine bewusste Entscheidung. Und die kann nur treffen, wer eine Vorstellung hat, von dem, was er erreichen/wie er leben möchte. Bleibt die Frage, woher wir heute unsere Vorstellungen, Wünsche und Werte beziehen …
    Schule? Fernsehen? Kirche? Jeder weiß um die Mängel dieser Institutionen, die wir mit Sicherheit überfordern, wenn wir sie allein für das Gelingen unseres Lebens verantwortlich machen. Es muss also noch etwas anderes geben.

    Was ist unsere Triebkraft für ein glückliches, zufriedenes Leben? Und woraus wird sie gespeist?
    Fragen, die sich jeder nur selbst beantworten kann. Und über die man wahrscheinlich immer wieder neu nachdenken muss.

    Beschenken wir uns selbst und die anderen also mit liebevoller Aufmerksamkeit :o)

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    • #6 von ladyfromhamburg am 28/09/2011 - 21:44

      Liebe Uta,

      vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar zu diesem Blogpost!
      Vieles, was du beschreibst, kann ich genau so bestätigen (Ursachen und Gründe, nicht nur innerhalb sozial schwächer gestellter Schichten, Bezug von Werten, etc.). Dein letzter Satz spricht mir aus der Seele. Natürlich kann ich allein (als einzelne Person) durch so ein Verhalten nicht auf einen Schlag alle retten und alles verbessern. Es wäre weltfremd, dies zu glauben (zumal manch einer gar nicht gerettet werden will), doch es ist ein Anfang, und die Art und Weise, wie ich mich gegenüber jemanden verhalte, hat Einfluss auf dessen weiteres Verhalten/die Wahrnehmung/den Erfahrungsschatz uvm. Es wirkt in die Zukunft.
      In solchen Momenten wie heute, stehe ich allerdings da und weiß nicht, ob es irgendetwas bringen würde, sich bei mir wildfremden Menschen in einer Eisdiele in diesem Moment einzumischen. Mit einem Satz wäre da nichts getan. In so einem Moment hoffe ich immer sehr, dass es im unmittelbaren Umfeld des Kindes noch weitere Personen gibt, die anders sind, dass später im Kindergarten/in der Schule andere Wege/anderes Verhalten gezeigt wird und dass am Ende ein Mehr an Positivem da ist. Hoffentlich.

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      • #7 von Uta am 28/09/2011 - 22:04

        Liebe Michèle,

        genau so, wie du es beschreibst, sehe ich es auch. Einmischung bringt in dem Moment nichts. Was bleibt, ist das eigene Vorbild. Allein dafür gibt es ja unendlich viele Möglichkeiten. Und dann die von dir beschriebene Hoffnung.
        In meinem Fall bin ich dankbar für eine schöne Kindheit. Und später für die Unterstützung durch die Oma, meine Mutti, die für einen großen Teil der Herzensbildung meiner Tochter gesorgt hat <3

        LG – Uta

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      • #8 von ladyfromhamburg am 30/09/2011 - 13:56

        Liebe Uta,
        ich habe deinen weiteren Kommentar leider nicht gleich wahrgenommen. Ich freue mich sehr, dass das Verhältnis zwischen dir, deiner Mama und deiner Tochter/ihrer Enkelin so liebevoll ist. Welch ein Unterschied und was für ein Gewinn (nicht materialistisch gedacht) es doch für alle ist.
        LG – Michèle

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  3. #9 von howlingwolf1953 am 30/09/2011 - 09:27

    Eine traurige und reale Geschichte, gut und realistisch von Dir erzählt, es entstehen bei mir unverzüglich Bilder und ( tonlose) Geräusche im Kopf und Gefühle klopfen an, die an die eigene Kindheit oder die eigene Elternschaft erinnern. Ein möglicher Ausweg: Liebevolles, freundliches aber konsequentes und folgerichtiges Verhalten der Eltern; Konsequenz bedeutet dabei nicht Strenge, sondern auch Einsicht in die eigene Inkonsequenz. Die Folgen sollten für das Kind von Wohlwollen geprägt sein und mit positiver Verstärkung einhergehen. Man schafft das nicht immer, aber kann jeden Tag nutzen, (eigne) Fehler zu reflektieren und zukünftig zu vermeiden. GvWolf

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  4. #10 von ladyfromhamburg am 30/09/2011 - 13:52

    Danke für deinen Kommentar howlingwolf1953! Es ging mir ähnlich, während sich diese Szene abspielte. Schon mal früher erlebt und gehört, Reaktionen der Kleinen irgendwie bekannt.
    Das von dir beschriebene Erziehungsverhalten würde ich mir für viele wünschen. Bezüglich der Konsequenz stimme ich dir zu, war auch schon ein wenig in der Antwort zu einem vorausgehenden Kommentar darauf eingegangen.
    Und ein klares Ja zum täglich neuen Versuch und Anlauf, sich und seine eigenen Unzulänglichkeiten zu reflektieren und den Mut zu Änderungen zu haben. Bei den Personen der Geschichte wäre es in erster Linie wichtig, Fehlverhalten sowie Auswirkungen überhaupt zu erkennen und ggf. Hilfe zuzulassen.
    LG Michèle

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