Schwedenhappen – Teil 6: Es fiel… Ich fiel… Er fiel… Beobachtungen, Irrtümer und eine Einsicht

Wie bitte? Wer fiel?
Gab es Massenstürze in Stockholm? Kamen alle mit Gips nach Hause?
Nein. Im letzten Teil der kleinen Stockholm-Blogserie gibt es eine Mélange. Es sind Dinge, die zu schade sind, um nicht erwähnt zu werden. Es handelt von einer  Situation, die ein bisschen blamabel war, und es geht um einen Irrtum, der letztendlich aber doch eine Art Ergebnis brachte  – oder besser gesagt –  eine Erkenntnis herbeiführte.

Es fiel …. mir in die Augen:
„May I have  your sunglasses, please?“ Die junge Amerikanerin dibbert herum und bekniet ihre Freundin, ihr doch die Sonnenbrille zu überlassen. Nicht, dass sie geblendet ist! Nein, wir haben einen eher bedeckten Himmel an diesem Vormittag. Kaum ist  ihr Wunsch erfüllt, stellt sie sich für ein Foto in Positur. Nicht allein. Sie legt den Arm um ihn und schaut bebrillt gen Himmel.
Es ist ein  Phänomen!
Ich stehe hier seit geraumer Zeit auf einem Platz auf der Insel Gamla Stan, der Altstadt von Stockholm. Er nennt sich Järntorget, was soviel wie Eisenmarkt bedeutet. Der zweitälteste Platz der Stadt (ca. 1300 taucht er in den Daten auf). Rundes Kopfsteinpflaster und alte Häuser geben einem schnell das Gefühl, dass die Zeit hier ein wenig stehengeblieben ist. Rund um diesen Platz haben sich viele Cafés, Konditoreien sowie ein kleines Lebensmittelgeschäft angesiedelt. Das Leben findet zu dieser Jahreszeit fast ausschließlich draußen statt. Tische, Bänke, Stühle bevölkern einen Großteil der Fläche, während wiederum Touristen  die Bänke und Stühle bevölkern.

Evert Taube

Etwas für sich steht ein Herr an einer Hauswand. Seit 1985. Sein Name: Evert Taube. Er steht dort in Form einer bronzenen Statue, die von Karl-Göte Bejemark erschaffen wurde. Der echte Herr Taube war ein sehr populärer schwedischer Dichter, Autor, Komponist und Sänger, der 1976 im Alter von 86 Jahren verstarb. Es verfasste vielbeachtete Anti-Kriegsgedichte, interpretierte u. a. Seemann- und Volkslieder, brachte aber auch in den 1920er Jahren den argentinischen Tango nach Schweden. Ein äußerst respektierter Herr und Musiker!
Das Phänomen ist, dass wirklich fast jeder Tourist, der dort vorbeikommt, möglichst mit dieser Statue zusammen fotografiert werden will UND dann haargenau die Haltung und die Gesten des Herrn Taube imitiert. Ich habe etwa 20 Leute gesehen, die – egal, welcher Nation, teils mit, teils ohne Brille – den Blick Richtung Himmel richteten, mit der Hand ein wenig an die Schläfe oder den Brillenbügel tippten und oftmals noch sehr vertraulich, den Arm um ihren neuen Freund legten.
Ich staune. Wie kommt das?
Ich kann mich nicht erinnern, bei Menschen nachempfundenen Skulpturen, je einen solchen Andrang und eine solche Vertrautheit erlebt zu haben. Eventuell bei Tieren. Löwen, auf denen geritten wurde, Pferdebeine, an denen Hände entlangglitten. Oder bei Dingen. Brunnen, auf deren Rand man saß, Wasserspeier, deren Strahl kühles Nass erhascht wurde. Aber so etwas? Ich schaue gründlicher.
Die Statue wirkt  überaus sympathisch, natürlich und lebensecht.
Sie ist nicht übermäßig groß, vielleicht 1,65 m, also ein In-den-Arm-nehm-Maß.
Und dann habe ich – glaube ich – den Hauptgrund gefunden: sie steht auf keinem Sockel! Sie steht auf dem Pflaster, wirkt harmlos,  so dass sich der Mensch unbedarft nähern und unverfänglich daneben postieren kann. Keine Barriere, keine Schranke, keine Hürde.
Letztendlich gibt es für viele Menschen noch einen weiteren, sehr wichtigen Aspekt bei der Entscheidung für oder gegen ein Foto und dafür oder dagegen, selbst fotografiert zu werden. Unweigerlich tauchen bei einem nicht unerheblichen Teil der aufzunehmenden Personen schlagartig äußerst schwerwiegende Fragen auf. Oh ja, die Gedanken rotieren:
Jetzt bin ich hier. Nur heute. Wahrscheinlich nie wieder! Es soll ein gutes Foto werden. Wie stelle ich mich hin? Wie sieht es zwar natürlich, aber selbstverständlich auch originell aus? Wie gucke ich (lächeln, Zähne zeigen, Mund zu)? Wo lasse ich bloß meine Hände?
Hier, bei Herrn Taube, sind alle Probleme sofort gelöst.
1) Er kommt selbst schon gut rüber
2) Gestik und Mimik sind praktischerweise vorweg geklärt, wir brauchen daran keine  Gedanken mehr verschwenden.
3) Wir sind nicht alleine! (Ja, auch Unterstützung ist häufig höchst willkommen ^^)
4) Wir sind in dem (Irr-)Glauben, uns was ganz Einzigartiges, Tolles ausgedacht zu haben. Das macht sonst bestimmt keiner …!

Herr Taube wird nun in die Welt hinausgetragen. In Osaka wird das Bild beim Sushi-Essen an die staunenden Freunde weitergereicht. In Andalusien wird es Doña Sofia an einem heißen Sommertag im immerhin schattigen Innenhof ihres weißgetünchten Hauses von ihrem zu Besuch eintreffenden Sohn Javier gezeigt bekommen. In Milwaukee wird Kate, wenn sie mit Hannah zurück ist, ihren Eltern kichernd von Stockholm berichten und stolz das Taube-Foto vorweisen. Um die Welt. Und wenn Herr Taube nicht ausreichend auf diese Art herumkommt, dann auf die folgende:
Am 06. April dieses Jahres hat die schwedische Zentralbank bekanntgegeben, dass sie ein Portrait Evert Taubes für die 50-Kronen-Banknote verwenden wird. Noch nicht sofort, aber ab 2014-2015.
Ich frage mich, ob er dort auch mit Sonnenbrille in die Wolken schaut. Wäre schon cool …

Stockholm ist voll von Statuen. Vor jedem offiziellen Gebäude sind welche zu finden, die meist irgendeinen der ehemaligen Schwedenkönige darstellen. Hoch zu Ross!
Da ist nichts mit mal eben den Arm um die Schulter legen und komm, Gustav Adolf, ich guck mit dir in die Ferne!

König Karl XII. am Kungsträdgården mit Gastvogel auf dem Haupt

Ich habe allerdings jemanden gefunden, der sich trotzdem zu König Karl dem XII. am Kungsträdgården gesellte. Man kann nun darüber unterschiedlicher Auffassung  sein, ob es eine Respektlosigkeit war,  eher aus tiefer Zuneigung und dem Wunsch nach Nähe geschah oder einfach, weil  Karls Kopf so eine grandiose Aussichtsplattform darstellt …

Es gab weitere schöne Beispiele, besonders in Parks, doch es würde hier für mein Gefühl einfach zu lang werden, über alle in dieser Form zu berichten. Ich zeige noch ein paar Fotos mit kleinen Randbemerkungen dazu.

Kalle und Emma (Skansen, Haupteingang)

Kalle und Emma standen 30 Jahre lang  zusammen am Eingang von Skansen und sangen im Duett Lieder. Kalle starb 1934, Emma fünf Jahre darauf.

Gustav II. Adolf (vor der Oper)

Das zarte Persönchen

Rosenbad/Strömgatan
Minianlage mit kleinem, hübsch umpflanzten Rondell und mittendrin eine sehr zarte Frauenfigur

Naturforscher Carl von Linné – Humlegarden (Park)

Königliche Bibliothek

I

Im 19. Jahrhundert wurden im Humlegarden die königliche Bibliothek eingeweiht, diese Statue enthüllt und des Königs Lustgarten (in dem sogar Hopfen für die Bierbrauerei angebaut wurde) in einen Park umgewandelt, so dass die Öffentlichkeit Zugang bekam. Wie ich sehen konnte, wird die Parkanlage heute von Anwohnern für Picknicks und Treffen genutzt, und ich entdecke dort, als ich seltsamen, zuerst undefinierbaren Geräuschen nachging, einen gut besuchten Skater-Übungsplatz mit Halfpipe.

Halfpipe

Parkanlage am Nybrohamnen

Molin-Brunnen (Johan P. Molin, 1873 – hat auch die Statue von Karl XII. erschaffen!

Ich fiel …. auf manches herein:
Es kommt fast nie vor, dass ich in ein Land fahre, dessen Sprache ich nicht beherrsche. Es hat sich bisher so ergeben.
Entweder, ich lernte eine Sprache und wollte daraufhin natürlich auch das Land selbst kennenlernen.
Oder ich musste irgendwo hin und erlernte schnell noch so viel, dass ich mich ganz grob verständigen konnte.
Mir ist nur ein Urlaub in Erinnerung, in dem ich „sprachlos“ war. Das war übel. Ganz übel! Mich störte nicht so sehr das Stillsein, mehr die Verständnislosigkeit. Die Unfähigkeit, auf etwas reagieren zu können. Nie wieder, schwor ich mir!
Schweden ist etwas anderes. Ich kann zwar kaum schwedisch, aber die Schweden sind unheimlich firm im Englischen. Im Fernsehen laufen  auch englische Sender und die schwedischen Programmen strahlen viele Film grundsätzlich im Originalton mit schwedischen Untertiteln aus.
Ich finde das optimal!
Man hört die fremde Sprache und speichert unbewusst Aussprache, Tonmelodie und Begriffe ab, trainiert aber auch seine Lesegeschwindigkeit sowie die Auffassungsgabe in der eigenen Sprache und kombiniert beides perfekt. Ich würde es mir hier auch so wünschen. Wir haben oftmals bei Dokumentationen oder Interviews fürchterlich schlechte, mit ziemlichem Zeitversatz und in Deutsch hereingesprochene und über die englische Originalversion gelegte Begleittexte. Der Lerneffekt ist Null und die Aversion steigt, je öfter man feststellt, wie vage oft am Originaltext geblieben wird, bzw. wie viel einfach weggelassen wird.
Kommen wir jedoch zurück auf den Kernpunkt. Der war, dass in Schweden – außer der eigenen Sprache – eben auch Englisch absolut üblich ist. Damit komme ich dort gut durch und muss nicht sprachlich während eines Aufenthaltes verkümmern.
Keine Kommunikation ist einfach tödlich …
Es gibt allerdings ein ganz großes Aber.
Aber die schreiben so anders.
Aber die Schilder sind nur auf Schwedisch.
Aber
manches (im Alltag, nicht nur schriftbezogen) sieht dort ganz anders aus als bei uns…
Gut, es sind mehrere Abers.

Der erste Irrtum passierte, als ich loszog, um Thunfischpaste zu kaufen. Es fing ganz harmlos an. Über Twitter tauschte ich mich mit einem Follower aus (@dansker78). Über Stockholm, Schweden, Dänemark und irgendwann, erst halb im Scherz, kam die Frage:
Bringst du mir Thunfischpaste mit? Die schmeckt so wahnsinnig gut!
Es folgte eine längere Tweet-Diskussion, ob Lebensmittel im Flugzeug mitgenommen werden dürfen, darüber, wie sie verpackt sind und hundert andere Dinge, wie z. B.:
Wie heißt die Paste denn im Original,  und von welcher Firma kommt sie?
Es fallen plötzlich auch noch die Begriffe Krabbenfrischkäse sowie als Markenname Reg oder Rek Ost.
Na, das müsste doch was werden …
Frischkäse ist mir zu riskant. Der wird schnell schlecht. Ich suche via Internet-Wörterbuch das schwedische Wort für Thunfisch. Ansonsten sehe ich im Laden ziemlich alt aus. Gefunden. Tonfisk. Prima, lässt sich auch gut merken! Tonfiskkräm vielleicht oder Tonfisksmet (für Paste).
Der letzte Tag in Stockholm.
Die Suche nach einem Supermarkt oder Lebensmittelgeschäft kleineren Formats startet. Bald habe ich den Verdacht: die werden versteckt! Ich laufe Straße um Straße ab und finde … nichts. Irgendwann lese ich einen Begriff, der mit –hallen endet. Es führen lange Rolltreppen ins Tiefgeschoss, und ich bilde mir ein, es kommen Essensgerüche aus der Richtung. Tatsächlich, nur sind es alles frische Lebensmittel! Frisches Fleisch, frischer Fisch, frischer Käse aus unterschiedlichen Herkunftsländern. Keine Tubenpaste.
Es geht weiter.
Geraume Zeit später laufe ich an einem Schaufenster vorbei, vor dem ich abrupt stoppe.  Da sind Regale! Vorne stehen Einkaufskörbe. Ein paar Kartons kann ich sehen, ein paar Flaschen. Das ist ein Supermarkt. Ich betrete beschwingt das Geschäft und schnappe mir einen Korb. Im ersten Gang bin ich offenbar falsch. Dort sind Spirituosen. Der nächste Gang … hat auch Alkohol! Ich biege um die Ecke. Schnaps. Wein. Likör. Bier. Verdammte Kiste!
Ich bin im Systembolaget gelandet, einem der Läden, die eine Lizenz haben und Alkohol verkaufen dürfen. Ausschließlich. Demnach keine Thunfischpaste, denn die ist ja alkoholfrei.
Ich will mich unbemerkt wieder hinausschleichen. Doch man kommt nur zum Ausgang, wenn man direkt an der Kassiererin vorbeigeht. Sie fragt mich, ob ich nicht gefunden hätte, was ich suchte. Zuerst auf Schwedisch, dann auf Englisch.
Ich sage ihr: „Leider nicht!“
Sie bietet Hilfe an. „Was genau suchen Sie denn?“
Schließlich gebe ich kleinlaut zu, dass es die (olle) Paste ist und muss über meine dämliche Ladenverwechslung lachen. Sie grient auch und nimmt mir netterweise den Korb ab.
So weit, so gut. Blamage verarbeitet. Nur  – immer noch keine Paste. Ich sage dem @dansker78 an dieser Stelle, er soll jetzt bloß kein Mitleid aufkommen lassen! Sitz jetzt bitte nicht bedrückt in der Ecke und denke, ich wäre ausschließlich deswegen Kilometer gelaufen! Es war andersherum. Ich lief sowieso und suchte halt dabei. Freiwillig! ^^

An dem Platz, an dem die Taube-Statue steht, erwähnte ich bereits vorhin die Existenz eines Lebensmittelgeschäfts, das ich aber (von der Zeitabfolge her)  jetzt erst entdeckte. Ein kleiner co-op Laden. Nichts wie hinein.
Es gibt Kaviarcreme. Es gibt Bücklingspaste. Aber halt, was ist das? Es gibt Räk Ost! Ich habe es tatsächlich gefunden! Zumindest etwas aus der Liste der Möglichkeiten. Ein schönes Gefühl.  Na bitte, geht doch! Vor dem Laden verstaue ich alles in meiner geräumigen Handtasche, lehne mich mit dem Rücken an eine Hauswand in der Sonne und freue mich. Beobachte nun die 20 Menschen, die sich mit der Statue knipsen lassen (siehe Text oben).
Absätze klappern über das Pflaster, ein Hund wird herangepfiffen. Die Räder einer Kinderkarre quietschen, ein wildes Durcheinander von Sprachen dringt an mein Ohr. Als Wortfetzen. Spatzen buhlen um heruntergefallene Kuchenkrümel und Eiswaffelreste und über allem liegt Kaffeeduft, der vom Tisch der benachbarten Konditorei herüberzieht.

Meine Gedanken driften ab. Heute ist der letzte Tag. Die letzte Chance, in Sachen Großvater-Forschung ein wenig weiter zu kommen. Ich bin vorerst noch allein unterwegs. Der Gatte ist auf Skeppsholmen, einer weiteren Insel und schaut sich dort Boote an, die restauriert werden. Ich wandere weitere Kilometer, bis ich mich etwas pausensehnsüchtig nach einem Plätzchen zum Rasten umsehe. Und schaue direkt auf ein Schild. Vor mir an der Wand.

Författarnas Hus

Hier unterläuft mir nun der zweite Irrtum an diesem Tag. Mangels schwedischer Sprachkenntnisse, nehme ich für eine Weile an, författar könnte etwas mit Vorvätern, also mit Ahnen zu tun haben. Schon häufiger in meinem Leben stolperte ich unvermutet über etwas, wonach ich suchte. Manche würden sagen zufällig. Nur –  es gibt keine Zufälle…
Ich bin auf jeden Fall neugierig, und da dieses Schild an einem geöffneten, schmiedeeisernen Tor hängt, das in einen beschaulichen Hinterhof mit mehreren kleineren Gebäuden und einem hübsch angelegten Gartenteil mit Teich führt, betrete ich das Grundstück. Es ist öffentlich, es gibt auch ein Gartenlokal dort.

Skulptur im Garten des Författarnas Hus

Ich umrunde den kleinen Teich, betrachte eine Skulptur im Wasser und zücke meinen Apparat, um zu fotografieren. Ein Herr, der unter einem Vordach des Haupthauses stand, nähert sich. Er fragt, ob er für mich ein Foto mit mir knipsen soll. Ich bin immer so überrascht von diesen Angeboten, dass ich oft dankend ablehne, bevor ich richtig nachgedacht habe. Im Nachhinein hätte ich eigentlich doch ganz gern ein Foto gehabt…
Wo er nun schon da ist, frage ich ihn, was der Ausdruck Författarnas Hus bedeutet, ob es etwas mit Vorvätern oder genealogical research – also Ahnenforschung zu tun hat. Er schaut erstaunt und erklärt mir, dass es sich um Schriftsteller handelt. Warum es mich denn so interessiere. Ich entscheide mich, ihm von meinem Großvater zu erzählen (siehe auch Blogbeitrag  https://michelelegrand.wordpress.com/2011/08/26/fertig-gepackt-es-geht-nordwarts%E2%80%A6/ ). Ich gerate hier an einen Menschen, der sich sehr für das Thema erwärmt. Nicht nur das. Ich gerate an jemanden, der sehr bewandert ist und der mir wertvolle Informationen gibt. Die wenigen, so dürftigen Angaben, die ich zur Verfügung habe, versucht er nüchtern und sachlich zu bewerten. Der Name meines Großvaters ist ihm als schwedischer Nachname nicht geläufig. Natürlich kennt auch ein gebürtiger Schwede nicht jeden existierenden Familiennamen (bei uns ja auch nicht), aber gehört hat er ihn noch nie. Wenn überhaupt, würde er ihn im nördlichen Schweden ansiedeln. Er erklärt mir die Namensgebung und Namensbildung in seinem Land.
Bis vor 100 Jahren ging es oft nach dem patronymischen System. Es wurde der Rufname genommen (z. B. Johan, Sven), die Genitivform (+s)  und einfach ein –son angehängt (hier: Johansson, Svensson). Es handelte sich um eine sog. vereinfachte Form, denn es wurde auch kein Unterschied mehr zwischen Mann und Frau gemacht (davor stand bei Frauen die Endung –dotter). Er erzählt, dass dadurch um die Jahrhundertwende (1890/1910), aber auch noch lange danach, einfach zu viele Schweden den gleichen Namen hatten. Es gab zwar noch einige andere Namen, die sich aus Berufen ableiteten, wie es auch bei uns üblich war (Schneider, Müller, Metzger, Schuster), eine wirkliche Vielfalt entstand dadurch jedoch auch nicht.
Um diese Namensgleichheit zu vermeiden, ja, um ihr auch zu entkommen, wurde es den Schweden mit Allerweltsnamen sehr leicht gemacht, einfach einen neuen Namen anzunehmen. Das ist offenbar bis heute so.
Mein „Informant“ vermutet, dass mein Großvater entweder einen komplett neuen Namen angenommen hat oder ihn eingedeutscht hat. Wir unterhielten uns noch eine ganze Weile, er nahm sich lange Zeit, um mir so manches zu erklären, und am Ende verabschiedeten wir uns herzlich voneinander.

Er fiel…. aus dem Rahmen:
Nach reiflichem Überlegen bin ich für mich zu folgendem Schluss gekommen:
Gustav F. fiel aus dem Rahmen.
Er hat sein Leben lang über seine Jahre, seine Jugend, seine Eltern/Familie in Schweden geschwiegen.
Mein Großvater hat keine Unterlagen besessen und wenn er, als er nach Deutschland kam, Dokumente hatte, so hat er sie definitiv nicht behalten.
Es existieren keine Fotos aus der Zeit. Offenbar hat er gewollt, dass nichts mehr existierte.
Sein Name ist kein Anhaltspunkt und ich denke, das ist so, weil er keinen liefern sollte!
Wenn ich diese Aussagen als Ganzes betrachte, muss ich einfach akzeptieren, dass dies sein (Vor-)Leben war, und dass es einen triftigen Grund gegeben haben muss, dass er schwieg, sein Geheimnis wie seinen Augapfel hütete. Wer so sorgfältig Spuren verwischt, der möchte nicht, dass jemand herumbohrt, geschweige denn fündig wird. Darum werde ich von nun an nicht mehr bohren.
Gustav muss reichen.
Gustav aus Schweden und mein Opa. Min morfar…
Groß, schlank und wundervoll Klavier spielend.

Natürlich war ich  neugierig gewesen, wie Schweden auf mich wirken würde, ob mir die Schweden und ihre Mentalität vertraut vorkämen. In Frankreich, dem Land der Vorfahren (groß-)väterlicherseits, war es mir so ergangen, nur besaß ich in dem Fall wesentlich mehr und detailliertere Informationen, lernte den anderen Großvater wesentlich besser und länger kennen.
Auch hat mich die Sprachbarriere diesmal nicht so ganz vordringen lassen. Ich empfinde das, was ich kennenlernte oder sah, als sehr offen und positiv. Die Stadt Stockholm wirkt auf jemanden, der aus Hamburg kommt,  ungemein heimisch und vertraut. Die Gebäude, der Hafen, die Brücken, das viele Grün. Aber Wurzeln in Schweden?
Die Wurzeln, die mein Großvater in Schweden definitiv hatte, waren für ihn nicht stark gewesen, nicht lang, nicht verwurzelt mit dem Boden. Er hat sie nicht nur gekappt, er hat sich selbst komplett herausgerupft und verpflanzt. Vielleicht ist deshalb nichts übrig und nichts zu spüren außer generellem Gefallen an diesem freundlichen und landschaftlich schönen, nordischen Land. Trotzdem empfinde ich es so, dass diese Reise auf eine ganz spezielle Art etwas zum Abschluss gebracht hat.
Ich werde sicher noch einmal nach Schweden reisen. Irgendwann. Um noch mehr zu entdecken – das heutige Schweden,  Zeitgenössisches genau so wie Relikte aus alten Zeiten, Geschichte. Und immer wieder Menschen.
Familiäre Spurensuche wird es nicht mehr geben.

Das war der Abschluss der kleinen Blog-Serie über Stockholm. Ich danke allen für das Mitreisen im Geiste!

Auf Wiedersehen, Stockholm!

©September 2011 by Michèle Legrand

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