Schwedenhappen – Teil 4: Die Feschen mit den kleidsamen Pickelhauben

Liebe Blog-Leser, man könnte sagen, sie haben von Tuten und Blasen echt Ahnung. Sie persönlich, groß geschrieben sicher auch, aber ich meine sie klein geschrieben. Den Plural und keine Anredeform.
Also, sie (klein) sehen zudem schnieke aus, haben einen sehr zackigen Gang, sind mehrheitlich blau, ohne getrunken zu haben, und können ihn schon im Schlaf: den Wachwechsel!

Stockholm, Innenstadt, Königspalast, Wachablösung

Wachwechsel im Innenhof des Schlosses

Um ihn geht es hier gleich und hauptsächlich im vierten Teil der Schwedenhappen. Täglich ungefähr gegen 12 Uhr mittags (sonntags gegen 13 Uhr) findet diese Zeremonie im Innenhof des schwedischen Königsschlosses statt. Das Slott ist die offizielle Residenz des Königs, während die private sich auf Schloss Drottningholm befindet.
Ich habe heute zudem völlig gratis ein paar scheppernde Audio-Sequenzen für unempfindliche Ohren mit eingebaut … ^^

Ich erwähnte schon zu Beginn des Stockholmberichts, dass dies hier kein Reiseführer wird. Schon Bericht ist das falsche Wort, wirkt viel zu förmlich!
Ich gebe einfach meine Beobachtungen und Empfindungen wieder. Dabei geht es häufig um Dinge, die in keinem Stadtführer erwähnt werden. Wo steht schon, an welchem Fleckchen das beste Mischmasch aus interessanten Geräuschen entsteht, wo wird erklärt, warum auffällig viele Menschen immer ziemlich schnell über den Kirchhof der Klara Kyrka flitzen. Ich mag solche Plätze gerne entdecken und herausfinden, warum es dort wie ist. Vielleicht mögen das außer mir auch noch andere … Einen Geräuschevielfalt-Platz habe ich Ihnen u. a.  in Teil 3 genannt (der an der Kaimauer beim Vasa-Museum).
Dieses Gedüse über einen eigentlich richtig idyllischen Kirchhof wiederum entsteht dadurch, dass dieser viele Ein- bzw. Ausgänge hat und sehr zentral in der Nähe des Hauptbahnhofes sowie einiger Buslinien liegt. Der Weg über den Innenhof wird aus allen Richtungen kommend als Abkürzung genommen, und wenn die Zeit bis zur Zug- oder Busabfahrt knapp wird (offenbar oft), fällt auch schon der ein oder andere in den Galopp.
Übrigens habe ich die Feststellung gemacht, dass ich irgendwie nicht dazu geschaffen bin, mit dem Touristenhandbuch oder auch nur dem Stadtplan stur durch die Gegend zu marschieren und Erledigtes abzuhaken. Nach einigen offiziellen Punkten, brauche ich immer ein bisschen Gegenprogramm. Nach Touristen-Magneten zieht es mich in Gegenden, in denen hauptsächlich die Anwohner zu finden sind. Parks, in die sich nur wenige Auswärtsbesucher verirren, und dann lausche ich statt spanischen, französischen, amerikanischen oder japanischen Stimmen, mehr dem für mich noch etwas ungewöhnlichen Klang der schwedischen Laute und speichere mir diesen besonderen „Singsang“ der Einheimischen in einem Eckchen des Gehirns ab.

Kommen wir jedoch zurück zum Wachwechsel.
Ist das nicht auch wieder so ein nettes Wort?
Natürlich sind die wach dabei!
Ist auch völlig logisch: die Wachen kommen, und die Müden werden ausgewechselt. Oder werden die Wachen auch müde? Das Gegenteil vom Wachwechsel ist der Schlafendwechsel. Hierbei werden die auszutauschenden Personen auf Bahren in den Innenhof getragen und
Quatsch, glauben Sie mir kein Wort
! ^^

Stockholm, Innenstadt, Militärkapelle auf dem Weg zum Königspalast

Militärkapelle, weißgekleidet (dahinter das Wachregiment für die Ablösung)

Am Sonnabend hatte ich vorab einen Minieindruck erhalten, wie fesch die Herrschaften sein können. Die Hauptstraße war plötzlich von der Polizei abgesperrt worden, und kurz danach drang aus einer Nebenstraße die Musik einer Militärkapelle.

Stockholm, Wachposten am Königspalast (Schloss)

Wachposten am Königspalast (Slott)

Die Wache des Palastes besteht hauptsächlich aus der Leibgarde, der Svea Livgarde. Sie ist ein aus Infanterie und Kavallerie bestehendes Regiment der schwedischen Armee und ist Teil der schwedischen Garde. Ihre Garnison liegt in Kungsängen bei Stockholm.

An diesem Mittag marschierte eine komplett schneeweiß gekleidete Kapelle vorweg. Ihr folgten die zur Ablösung marschierenden Wachen. Diese in weißen Hosen, dunklen Schuhen und schwarzen, sehr figurbetonten Uniformjacken mit in der Sonne leuchtenden Knöpfen und schwarzen Pickelhauben, deren silber- und goldfarbene Zierteile ebenfalls die Sonnenstrahlen reflektierten. Es kam unvermutet, und da zu diesem Zeitpunkt die Abfahrt unseres Sightseeing-Bootes schon sehr nahe gerückt war, konnte ich die Herren leider nicht mehr bis zum Schloss verfolgen und alles genauer betrachten. Schnell vergewisserte ich mich, dass auch am Montag eine Zeremonie stattfinden würde, und diese – ta-ta-tamm!- erlebte ich von vorne bis hinten. Bis ganz hinten, nämlich über das eigentliche Ende hinaus.
Vielleicht fragen Sie sich:„Das Gedöns ist doch sicher schon lang genug, warum hockt sie denn noch länger als nötig da?“
Ich verrate es Ihnen bald.

Am Montag sperrten etwa eine halbe Stunde vor der angekündigten Aktion Mitglieder der Garde einen Teil des Palastinnenhofes ab. Diesmal tragen sie eine schwedisch-blaue Uniform, die Jacken sind weiß abgesetzt und mit weißen Gürtel sowie weißen Knöpfen auf Figur gebracht. Sie tragen gold- und silberglänzende Pickelhauben. Diese Posten hatten mobile Ständer parat, durch die dicke Absperrbänder und –kordeln gezogen wurden. An den Seiten durften sich Touristen aufstellen, die kopfsteinpflasterne Zuwegung und der gesamte Innenhof bleiben frei.

Stockholm, Innenstadt, Wachablösung Königspalast, weibliche Soldaten

Wachablösung, auch weiblich ….

Der Andrang an Zuschauern nahm zu, und wer bei dem Gewusel und Gewimmel die Ständer mit den Tauen verschob und vordrückte, bekam Besuch. Mit zackigem Schritt näherte sich eine Wache und wies kühl mit der Hand nach hinten. Alles schuffelte  drei Schritte zurück, die Wache schlug die Hacken zusammen, machte eine kernige Drehung um 180° und marschierte wieder an den ursprünglichen Punkt zurück.
Ich war nun in Erwartung der bekannten Truppe vom Sonnabend.
Aber nein!
Es erklang zwar, wie erwartet, die Musik einer Militärkapelle, zusätzlich war jedoch noch etwas anderes zu hören – nämlich das Getrappel von Pferdehufen! Und dann kam sie.
Die Kavallerie!

Stockholm, Innenstadt, Königspalast, berittene Wachablösung, Musikkorps

Wachablösung: Kavallerie mit Instrumenten

Den ersten Block bildeten die Reiter mit ihren Instrumenten: Tuba, Trompeten, Pauken und Trommeln etc.
Mit kleinem Abstand folgte der zweite Block, die berittenen Wachposten, die ihre Kollegen ablösen sollten.
Im Innenhof standen sich alsbald wache und müde Kameraden gegenüber. Es wurde Unverständliches gebrüllt, es wurde von Zeit zu Zeit ordentlich auf die Pauke gehauen.
Alle wieder wach?
Danach ein flottes Liedchen von allen.
Trotzdem wieder einer müde?
Achtung! Gebrüll! Trommelwirbel! Augen auf und Fahne geschwenkt! Es folgte eine kleine Ansprache, die ich leider nicht verstand und erneut die Musik der Kapelle, deren Mitglieder immer auf dem Pferderücken musizierten, teilweise dabei noch kleine Formationen reitend. Die pralle Sonne (ja sie schien in Stockholm auch am Montag!) stach unerbittlich und unbarmherzig auf Ross und Reiter herab. Auf dem Metall der Pickelhauben hätte man sicher Spiegeleier braten können …Verstohlen wischte sich hin und wieder der ein oder andere Wachposten Schweißbäche von der Stirn, bevor diese herunterrannen und in Trompete oder Tuba verschwanden.

Und da war sie!
Die Frage, die mir durch den Kopf schoss und die der Grund dafür war, dass ich am Ende länger bleiben musste. Sie lautete:
Muss die Kapelle jetzt etwa so erschöpft und verschwitzt und mit all ihren riesigen, schweren Instrumenten gleich wieder zurück?
Ohne Pause, Erfrischung?
Müssen sie alles auch den ganzen Rückweg schleppen, obwohl sie gar nicht mehr musizieren?

Immerhin reitet es sich nicht sonderlich gut, wenn die Hände belegt sind. Man kann nicht davon ausgehen, dass die Wachposten alle eine Zusatz-Zirkusausbildung haben, und es ist ihnen bestimmt auch nicht gestattet, kurzerhand die Zügel zwischen die Zähne zu nehmen.
Sie merken, auch hier weichen meine Fragen und Überlegungen leicht von gängigen Stadtführern  ab.

Die Zeremonie näherte sich seinem Ende. Die wartenden frischen Pferde, die außerhalb des Innenhofs standen und von identisch uniformierten Damen und Herren gehalten wurden, fingen allmählich an, ihren Unmut durch verdrießliches, lautes Schnauben kundzutun.

Stockholm, Innenstadt, Königspalast, Wachablösung, Wechsel der Pferde

Wachwechsel: Die frischen Pferde warten (und langweilen sich)…

Letztendlich kamen ihre Reiter um aufzusitzen, ritten gesammelt in den Innenhof und bildeten diesmal die Vorhut. Angeführt durch einen einzelnen Reiter auf einem Schimmel, der offensichtlich einen hohen Rang bekleidete (der Mann, vielleicht aber auch das Pferd), nach ihm die abgelösten Wachen und zum Schluss die Kapelle. Diese noch ein paar kurze Takte blasend und trommelnd,  bis sie den Hof vollständig verlassen hatte.
Ende. Aus.
Die Menge verteilt sich. So, und nun?

Stockholm, Innenstadt, Königspalast, Wachablösung beritten, Ausritt aus dem Innenhof

Wachwechsel: Ausritt aus dem Innenhof – Zeremonie beendet

Sie sind noch nicht weit weg. Im Grunde stehen sie alle gerade einmal ums Eck. Dort herrscht ein wenig Schatten. Ich laufe unschuldig hinterher. Und nun wird auch meine Frage beantwortet:
Nein, sie müssen nicht darben und ja, ihnen naht Rettung!
Es werden Wasserflaschen an die Wachen verteilt, und auch die Pferde (zumindest bei einem Teil sehe ich es) bekommen zu trinken. Drei uniformierte junge Männer bewegen sich zwischen den Tieren hin und her, teilen aus und nehmen im Anschluss sämtliche Instrumente entgegen.

Stockholm, Innenstadt, Königspalast, Ende der Wachablösung, Einsammeln der Instrumente

Einsammeln der Instrumente

In einem Hauseingang entdecke ich säuberlich aufeinandergestapelte Musikkoffer, in die nun alles wieder ordentlich verstaut wird.
Dort kann es aber nicht stehenbleiben, oder? Im Koffer wieder aufs Pferd?
Das kann ich mir nun gar nicht vorstellen.

Und nun wieder in den richtigen Kasten….

Die Lösung ist ganz einfach. Es nähert sich – ebenfalls in schwedischem Blau gehalten – ein moderner kleiner Transporter mit Heck- bzw. seitlichen Schiebetüren.
Die drei verstauen alle Koffer fachgerecht und geübt, springen dann selbst ins Fahrzeug und entschwinden unerkannt.
Von draußen wirkt es sehr lustig. Ein modernes Auto, aus dem drei mit Pickelhauben bekleidete junge Männer herausschauen.
Das hat mir jetzt wieder sehr gefallen! ^^

Der blaue Transporter….

Und hier noch die:
Audiosequenzen für strapazierfähige Ohren ;)
https://www.sugarsync.com/pf/D6851760_7339928_012566

©September 2011 by Michèle Legrand

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