Schwedenhappen – Teil 2: Lumpen, Lachse und auch ein paar Lügen

Tag 2 des Stockholmbesuchs.
Die Wettervorhersage für diesen Sonnabend ist gut – noch! Ab Sonntag soll es merklich kühler und auch regnerisch werden.
Was macht man schlauerweise unter solchen Umständen?
Genau, der mitdenkende Tourist sieht zu, dass er die sommerlichen Temperaturen und den strahlenden Sonnenschein bestmöglich nutzt. Museumsbesuche können auch bei trübem Wetter stattfinden. Es sieht also leider so aus, als müsste der Gatte noch ein bisschen länger fiebern, bis er die „Vasa“ (die vermeintliche Kogge) zu sehen bekommt.
Als Alternative erwartet ihn heute sein zweitliebstes Vergnügen: eine Bootsfahrt. Ehrlicherweise füge ich hinzu, die Sightseeing-Tour per Schiff dauert ca. zwei Stunden, den Rest des Tages wird er doch mehr oder weniger laufend ertragen müssen.
Es soll Männer geben, die laufen … von Steckdose zu Steckdose – ihrer Smartphones wegen. Und es gibt welche, die laufen von Sitzbank zu Sitzbank.^^
Nach dem Frühstück führt der Weg Richtung Altstadt, der Gamla Stan, die auf einer separaten, kleinen Insel liegt. Ein wenig wollen wir sie heute entdecken, und erst gegen Mittag – zum Füße ausruhen – den Ausflug auf dem Wasser starten.
Aus der City kommend, überquert der Stockholm-Besucher zuerst die Brücke zur vorgelagerten kleinen Insel, auf der sich das Reichstagsgebäude befindet. Direkt davor wiederum, an der Ecke Drottningsgatan/Strömgatan, hockt etwas Seltsames an der Straßenecke. Eine Art tierischer Lumpensammler mit um die Schulter geschlungener Decke. Ein Fuchsgesicht schaut heraus. (Ich poste ein Bild dazu, beschreibe es jedoch zusätzlich für die blinden Blogbesucher)

Stockholm, City, Sculpture, Rag and Bone with Blanket, Laura Ford

Rag and Bone with Blanket (2009), by Laura Ford

Diese Bronzeskulptur stammt von der aus Großbritannien stammenden Künstlerin Laura Ford (Jahrgang 1961) und ihr Werk steht seit 2009 an dieser Ecke.
Im Laufe der Tage, in denen ich Stockholm ‚erwanderte’, fielen mir die zahlreichen Büsten und Skulpturen auf, die in der schwedischen Metropole zu finden sind. Die typischen alten Statuen, die einen der, ach so vielen, Könige mit dem immer wiederkehrenden Namen Gustav darstellten – mal zu Fuß, mal zu Pferd, aber auch völlig andere, modernere und vor allem unheimlich ausdrucksstarke Figuren, von denen ich Ihnen gern noch einige zeigen werde.
Entdeckt man eine Stadt nur per Bus oder hüpft mit dem Plan wirklich ausschließlich von Sightseeing-Attraktion zu Sightseeing-Attraktion, verpasst man häufig die vielen unerwähnten Dinge. Ich für mich habe festgestellt, dass sie mir oft mehr erzählen, als manch groß hervorgehobenes Denkmal. Bei diesen unvermutet auftauchenden Dingen, passiert gelegentlich Unerwartetes! Besucher, die begeistert loslachen, die erschrocken zurückfahren, die irritiert schauen, was denn die anderen davon halten, die plötzlich mit Wildfremden ins Gespräch kommen und  untereinander ein bisschen ihr Wissen austauschen.
Oder ein alter Schwede tritt hinzu und verkündet abgeklärt schmunzelnd, was es mit allem auf sich hat.
Nach dieser Fuchsskulptur betritt man unmittelbar die Brücke, die hinüber zum Reichstag führt.

Stockholm, Blick auf den Reichstag

Der Reichstag

An dieser Stelle hänge ich über dem Geländer und versuche, etwas im Wasser ausfindig zu machen. Zuerst sehe ich wild prustende, weil gerade gekenterte Paddler. Eine Schule hat dort ihr „Strudel-Übungsgebiet“.
Nein, eigentlich schaue ich nach etwas anderem aus …
Ein Follower auf Twitter (@querged8) hatte mich am Vortag per Tweet gefragt, ob ich denn schon Lachse gesehen hätte und postete außerdem einen YouTube-Link. Ein Filmchen zeigte mir die putzmunteren Fische. Die  Bildunterschrift gab lediglich die Auskunft:
Lachse unterhalb des Reichtags, Stockholm.
Jetzt erkläre mir doch bitte einmal jemand (ich habe in dieser Hinsicht keine so große Vorstellungsgabe), wo beim Reichstag unterhalb ist!
Eine kleine, fast runde Insel. Eine Brücke, die hinaufführt, eine die wieder herunterleitet Richtung Gamla Stan (Altstadt). Unterhalb gesehen, wenn man die Karte vor der Nase hat?  Unterhalb, wo es vom Landschaftsniveau her etwas tiefer gelegen ausschaut?
Das Video hatte relativ bewegtes Wasser gezeigt, das ich ausschließlich an den Brücken vorfinde. Dort herrscht leichtes Gefälle. Ich umrunde (ein bisschen zum Leidwesen meines Gatten) die gesamte Insel, entdecke aber keinen einzigen Fisch. Es gibt an den Brückenpfeilern an zwei Stellen auffällig aufsteigende Luftblasen. Vielleicht sitzt da unten einer der Kollegen und blubbert. Am Wegrand finde ich ein in einen Glaskasten eingelegtes Info-Plakat, auf dem zwei verschiedene Arten von Lachsen abgebildet sind. Offensichtlich gibt es sie hier wirklich.

Lachse in der City

Ein junges, asiatisches Ehepaar lehnt mit Angeln über der Mauerbrüstung. Ich spreche die Frau an.
„Angeln Sie nach Lachsen? Gibt es die um diese Zeit hier?“
Natürlich hatte ich schon ein bisschen am Vorabend geforscht. Lachse der Ostsee kennen nicht diese Wanderungen, die die Lachse vor Kanada beispielsweise vornehmen. Dort wandern sie jedes Jahr im Herbst in die süßwasserhaltigen Flüsse zum Laichen. Bezüglich Skandinavien und Lachsen in Flüssen, hatte irgendwo etwas vom vermehrten Auftreten im Mai/Juni gestanden. Die offizielle Angelsaison für diese Fischart geht vom 01. Mai bis zum 30. September. Übrigens ist Angeln in Stockholm frei, und das Wasser ist so sauber, dass man die Fische auch essen kann. Und Baden ist erlaubt (für Menschen, die Lachse tun es ja ständig und würden sich eh nicht an ein Verbot halten ^^).
Die Asiatin lacht ein wenig auf meine Frage. Offensichtlich hält sie ihre Fangchancen auch nicht für wahnsinnig ausgeprägt.
„Wir versuchen’s halt, man kann ja nie wissen …!“
An Montag, als ich ein weiteres Mal dort vorbeikomme, steht ein einsamer Angler auf der Brücke. Er wirft unablässig seine Angelschnur ins Wasser, und seine Bewegungen wirken sehr  eigenwillig. Ich wundere mich, dass er die Schnur offenbar nicht über eine Rolle abspult, sondern zusätzliche Länge in Schlaufen locker um die Hand gewickelt hat. Er lässt mehr nach, je weiter der Wurf gehen soll.
Ich habe Zeit an diesem Tag und schaue eine Weile zu. Natürlich wird es bemerkt. Ein Hej wird mir herübergeworfen. Für uns Deutsche gut zu wissen, dass es eben ein Hallo ist und kein He! (Was guckst du so!). An diesem Tag lerne ich, dass der Herr Fliegenfischen betreibt. Ich hatte aus der Entfernung den Köder nicht sehen können. Natürlich darf ich gucken kommen. Sieht schon toll aus, was dort zusammengebastelt wird, um Beutetiere der Fische zu imitieren. Sehr phantasievolle Insekten (Land- oder Wasserbewohner) entstehen und Material wie Federn, Fell oder auch Tierhaare und –flusen, wird mit (Kunststoff-)Fäden um einen Bindestock gewickelt. Eine Kunst für sich …
Viel erfahren, aber auch er hatte noch nichts gefangen.
Ich verlasse Stockholm an Ende, ohne einen lebenden Lachs gesehen zu haben.

Gehen wir zurück zum Mittag des Sonnabends. Wir bemühen uns inzwischen um die Tickets für die Bootsfahrt. Ein bisschen spät, wie sich herausstellt, denn die 12 Uhr Fahrt ist bereits ausverkauft. Wir lösen Biljetter für die Tour um 13 Uhr und stromern noch ein wenig herum. Kurzer Blick heute auf den Königspalast. Ein Teil der Front ist mit einem feinmaschigen Netz verhängt, offensichtlich aufgrund von Bauarbeiten an der Fassade. Reine Vorsicht, damit nicht einer der zahlreichen Touristen von oben beworfen wird.
Zahlreiche Besucher ist das Stichwort! Es sind Unmengen von Reisebussen, die eintreffen. Oft parken sie nur für ein paar Minuten, entleeren den Inhalt ihres Fahrzeugs und entlassen die Reisegruppen mit eben dem Hinweis: Come back in 15 minutes. Don’t be late! We can’t wait!“

Stockholm, Innenhof des Königspalastes

Königspalast (Innenhof)

Es ist gerammelt voll. Wochenende halt. Anfangs habe ich geduldig auf eine Lücke gewartet, doch als ich den gefühlt zwanzigsten Anlauf unternehme, ein Foto zu schießen und immer ein japanischer Tourist ins Bild springt, wird’s mir ein bisschen zu blöd; eine Art kleine Boshaftigkeit macht sich bemerkbar. Freunde, so geht das aber nicht!
Was tun, fragen Sie?
Ich bin nicht so der Mensch, der sich kloppt oder losbrüllt. Für mich gibt es jedoch diese drei Möglichkeiten, sich freie Bahn zu verschaffen:

1) Tippen Sie einen der Gruppe – in diesem Fall Japaner –  an und weisne ihn darauf hin, dass der Busfahrer schon dreimal nach der Gruppe gerufen hat…. (Nein, stimmt natürlich nicht, aber muss er ja nicht wissen!) Sobald der Trupp losgeeilt ist, knipsen Sie in Ruhe Ihr Bild.

2) Führen Sie gut hörbar für alle ein fingiertes Handygespräch auf Englisch, und wiederholen dabei mehrfach: „Wow!  Wirklich? Am Haupteingang? Und wann soll der König da erscheinen? Was? Jetzt gleich? Ich komme!“ Erstaunlich, wie viele sich plötzlich auch auf den Weg zum Haupteingang machen. Gehen Sie zurück an Ihren ursprünglichen Platz und knipsen Sie in aller Seelenruhe Ihr Foto.

3) Wenn Sie kein Handy zur Verfügung haben, stellen Sie sich alternativ in Hörweite. Weisen Sie völlig entrückt und verzückt auf ein weit entferntes Fenster des Palastes und rufen enthusiastisch: „Da! Das ist sie! Da ist Prinzessin Viktoria! VIC-TO-RI-A! VIC-TO-RI-A!

Alles stiefelt los, und schon haben Sie freie Sicht.
Bei mir reichte heute die langweiligere Methode Nr. 1 aus, und bis die ersten mit dem Busfahrer gesprochen hatten, war ich natürlich schon wieder verschwunden …

Wie es weitergeht mit dem Boot und über  die Eigentümlichkeiten eines Wachwechsels, erfahren Sie hier in einem der nächsten Schwedenhappen. Schauen Sie gern wieder herein! Bis bald!

©September 2011 by Michèle Legrand

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  1. #1 von Holger Klang am 02/09/2011 - 00:15

    Hach, bi

    Gefällt mir

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