Thema Garagen und die Frage: Steckt Aufräumen an?

Lange Zeit war ich felsenfest der Überzeugung, dass eine Garage ein Raum sei, in dem ein fürsorglicher, liebevoller Autobesitzer sein Fahrzeug, meist des Nachts, abstellt. Damit es sicher ist, ihm nichts passiert, es im Sommer nicht zu warm wird, des Winters nicht zu kalt und selbstverständlich auch, um es vor Dreck zu schützen und sich selbst das Eiskratzen mit steifen Fingern  an einem frostigen Wintermorgen zu ersparen. Das Heim des Autos, bestenfalls zusätzlich noch der Winterreifen, oder die Unterbringungsmöglichkeit für Fahrräder.
Dort, wo ich wohne, sind die Häuser nicht gleich mit Garagen gebaut worden, sondern sie entstanden etwas später, wurden in einer langen Reihe nebeneinander errichtet, gehörten dem Architekten eben dieser Häuser und wurden von ihm – bzw. mittlerweile seinen Nachkommen – an die umliegenden Anwohner vermietet. 13 Häuser, 13 Garagen.
Zunächst waren wohl gar nicht so viele Autobesitzer vorhanden, denn es war etwa Anfang der 60er Jahre, als man stolz die Garagen einweihte. Um Leerstand zu vermeiden, durften auch Menschen aus etwas weiter entfernt gelegenen Häusern hier ihre Wagenbleibe anmieten. Bis zu den 80er Jahren hatte sich das Blatt jedoch gewendet. Inzwischen gab es eine Warteliste, auf die man sich eintragen lassen konnte, und offiziell hatten natürlich die am dichtesten Wohnenden – wie ursprünglich geplant – das Vorrecht, sobald etwas frei wurde.
Als wir hinzogen, landeten  wir auf dieser Liste und irgendwann erfuhren wir, dass eine sehr alte Dame der Nachbarschaft ihr Auto abschaffen wollte. Wir setzten uns mit dem Vermieter in Verbindung, um ihre Garage übernehmen zu können. Er reagierte sehr verblüfft. Diese Dame hatte überhaupt keine bei ihm gemietet! Alle Garagen haben eine Nummer. Wir nannten ihm die, um die es ging. Uns wurde erklärt, offiziell wäre eine völlig andere Mieterin bei ihm verzeichnet.
Am Abend sprachen wir diese Dame an, denn komischerweise hatte sie selbst überhaupt kein Fahrzeug mehr. Sie erklärte uns, sie hätte sie untervermietet, um sich den Platz sicher zu halten. Ihre Tochter würde vielleicht hierherziehen, und dann hätte diese…
So begehrt waren also besagte Garagen! Zwei Jahre vergingen noch, bevor auch wir eine als unsere bezeichnen konnten. Seitdem stehen dort Auto und ein bis mehrere Fahrräder.

Seit ungefähr zehn Jahren ist die Situation die, dass seitens des  Vermieters die Mieten immer mal wieder, z. T. recht heftig, erhöht werden. Nun bekommen diejenigen den Zuschlag, die bereit sind, diese Mieten zu zahlen. Von den Anwohnern sind mittlerweile ein paar abgesprungen. Es gab ja auch immer alternativ die Möglichkeit, sein Auto draußen abzustellen. Ein Wendeplatz am Ende einer Sackgasse steht zur Verfügung.
Die neuen Mieter kamen von irgendwoher. Man kannte sich nicht. Gut, mit einigen habe ich mich im Laufe der Zeit auch kurz unterhalten. Die sind jedoch fast alle schon wieder weg. Oft nach einer weiteren Mieterhöhung oder auch nach Zoff mit dem sturen Vermieter, der sich seiner exzellenten Position immer voll bewusst ist.
Der Wendeplatz füllte sich mehr und mehr. Völlig Fremde entdeckten ihn als ideale, kostenlose Parkmöglichkeit,  Garagenmieter parkten ihre Wohnwagenanhänger oder Zweitwagen plötzlich dort und die Folge war und ist, dass die eigentlich dort Lebenden Schwierigkeiten haben, überhaupt noch einen Platz zu ergattern.
Irgendwann fiel mir auf, dass von den von auswärts kommenden Mietern, eigentlich keiner dort sein Auto verwahrt. Die Garagen sind zu Lagerräumen geworden. Zu vollgepfropften Rumpel-Remisen, vor denen gelegentlich LKW großer Speditionen halten, um immer neue Dinge abzuladen. Reger Verkehr mit Kombis oder Transportern ist entstanden, die quer in der Landschaft parken, um Sachen abzuholen oder neu zu verstauen.

In der letzten Woche machte ich die Entdeckung, dass den Mieter der Nummer 5 die Aufräumwut gepackt hatte. Ich wollte schon hingehen und fragen, ob er vielleicht sein Auto nicht wiederfände. Er hätte es aber vielleicht nicht verstanden….

Aufräumwut in Garage 5 ...

Aufräumwut in Garage 5 …

Mehr und mehr Kartons und Kisten landeten vor der Garage draußen, wurden wenig kunstvoll zwischengestapelt. Ein wildes Rumoren, Stöhnen und Herumasten erscholl aus dem finsteren Loch. Der Strom, der die in der Mitte der Garagen hängenden Glühbirnen speisen soll, schien mal wieder nicht zu funktionieren. Es zog sich über  Stunden, bis endlich der Startschuss zum Wiedereinräumen fiel. Offensichtlich fanden eine Grundreinigung der Garage, das Aufstellen eines Regals und das grundsätzliche Durchgucken, erstaunte Wiederfinden, Ausmisten und Neusortieren der Kisten statt. Aus Spaß knipste ich ein Bild von dem Plunder, während er draußen stand.
Ich hätte es fast vergessen, wäre nicht heute Folgendes gewesen: Ich komme nach Hause, stoppe, staune und grinse, denn – siehe da: Der Nachbar rechts mit Garage 6 ist angesteckt worden! Nun hat ihn die Aufräumwut gepackt, und seine „Schätze“ wurden ebenfalls kurzzeitig ausgelagert. Sehr viele Ähnlichkeiten im Verhalten. Es herrschte auch ungefähr das gleiche Gestöhne während der Aktion.
Wie Sie feststellen, befindet sich auch in dieser Garage kein Auto. Sein Fahrzeug stellt er nämlich stattdessen auf dem Wendeplatz ab oder verbaut damit vorzugsweise die zwischen Hecken liegenden Zugänge zu den Häusern, so dass ich häufig, mit Einkaufstüten bepackt, gehörige Umwege laufen muss. Einmal darauf freundlich hingewiesen, gelobte er Besserung, was aber nur klappt, solange er einen anderen Platz findet. Ansonsten habe ich seinen Kotflügel wieder vor meinem Durchgang.
Was habe ich jetzt alles gelernt?
In wenigen Garagen stehen Autos, „missbrauchte“ Garagen sehen aus, als hätte sich dort ein Messie ausgetobt, aus Platzgründen sollte man aufblasbare Autos erfinden, bei denen zum Parken einfach die Luft herausgelassen wird und ja, Vorsicht ist geboten hinsichtlich der Ansteckung mit Aufräumeritis.

Ich habe – natürlich! ^^  – auch vom Garageninhalt der Nummer 6 ein Foto gemacht und lasse Sie nun an dem Tohuwabohu ein wenig teilhaben. Sie dürfen bitte nur nicht zu lange hinschauen  – das mit der Aufräumwut könnte auch übers Netz ansteckend wirken …

Aufräumwut in Garage 6

Aufräumwut in Garage 6

©Juli 2011 by Michèle Legrand

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  1. #1 von Sven Tetzel am 25/07/2011 - 19:11

    So geht es mir manchmal wenn ich die Sendung „Frauentausch“ sehe und sehe wie dreckig es im manchen Wohnungen ist. Dann würde ich ab liebsten gleich loslegen mit putzen und die Gefahr schon in Keim zu ersticken. ;) Was natürlich nicht heißt das es hier dreckig ist aber es gibt ja immer ein paar Ecken wo man nicht täglich putzt.

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  2. #2 von ladyfromhamburg am 25/07/2011 - 19:31

    Hallo Sven,

    danke schön für deinen Kommentar. Es sieht wirklich recht wüst aus. Zum Glück wohnt keiner inmitten der Kisten, und immerhin wurde nun aufgeräumt.
    Ich kann mir gut vorstellen, dass du und auch andere sich in solch einer Umgebung nicht wohl fühlen würden. Und ich habe es – glaube ich ;) – auch richtig verstanden, wie das Aufräumen, Putzen und die Sauberkeit von dir/bei dir gemeint war.
    Nochmals danke und lieben Gruß
    Michèle

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