Den Bad Boys sehr zugetan…

Gestern verausgabten sich einige wohlgebaute Jungs in meiner greifbaren Nähe. Übrigens unermüdlich und sehr gekonnt. Das alles keine fünf Meter entfernt vor mir –  auf der Bühne des Hamburger St.-Pauli-Theaters an der Reeperbahn.
Korrekterweise muss es jetzt heißen: „St.-Pauli-Theater (ehemals Ernst-Drucker-Theater)“. Es wurde anlässlich seines 170. Geburtstages umbenannt. Der erwähnte Herr Drucker war hier in früheren Zeiten Inhaber und Intendant gewesen, daher trug das Theater von 1895-1941 schon einmal seinen Namen. Wie vieles in der Zeit wurde es umbenannt …(Ernst Drucker war jüdischer Abstammung).
Seit der feierlichen Enthüllung der Fassade mit dem neuen kompletten Namenszug, haben wir also beides in einem.
Nur, das wollte ich ursprünglich gar nicht erzählen …
Kommen wir auf die wohlgeformten Männer zurück.
Mit meiner Gruppe Stepptanzmädels (plus einem Mann – für die Quote), besuchten ich die Vorstellung von Rasta Thomas’ Bad Boys of Dance.
Die Produktion nennt sich TAP STARS – A Dance Revolution.
Die Bad Boys, das sind stepptanzende Kerle aus Amerika. Akrobaten. Springer. Beinschmeißer. Hackenknaller. Pirouettendreher. Ballenzauberer. Kantenbalancierer. Tempomacher. Das sind alles keine Stepp-Fachbegriffe, aber um Bilder im Kopf zu erzeugen, müssen es auch keine sein.  Es sagt manch einem, der nicht selbst Stepptanz zu seinen Hobbys zählt, mehr, als die Erwähnung von rasend schnellen paddle rolls, monstermäßiger body percussion, buffaloes, time-steps, crossovers, air-turns oder finishing breaks.

Vergessen sollte jeder auch die Vorstellung von Stepptanz à la Fred Astaire, Gene Kelly oder gar Riverdance bzw. Lord of the Dance.
Tapdance an sich ist eine Fusion aus englischen, irischen und afrikanischen Tänzen. Die Einwanderungswellen brachten diese Art des Tanzens, die Musik im Fuß, nach Amerika.
Die irische Variante des „Klopftanzes“ (jig) ist, wie der englische Step Dance, rhythmisch vollkommen regelmäßig, und vom Stepptänzer werden bis zu 16 gleichmäßige Sounds in der Sekunde erzeugt.
Der andere Part, der hinzukam, war der „Klopftanz“ der sudanesischen Sklaven, die nach Amerika gelangten. Sie selbst nannten ihn  Juba, Buck oder auch Hoofing. Die Weißen bezeichneten es als die „Negro Jig“.
Sie war „synkopiert“, streute eine Menge von Offbeats vor oder hinter die regelmäßigen Beats bzw. Sounds ein. Die ursprüngliche Negro Jig wurde flach und bodennah nur mit den Unterschenkeln getanzt, erst später kamen Wings (senkrechte Sprünge, bei denen das Spielbein zur Seite in der Luft gestreckt wird) dazu.

So wie damals in den USA die Tanzstile verschmolzen und sich Straßenwettbewerbe etablierten, in denen konkurriert oder auch imitiert und parodiert wurde, in denen sich gern gegenseitig überboten wurde, als ein solches Verschmelzen stellen es heute auch die Bad Boys of Dance dar.

Eine Ausdrucksform, ein Wettkampf, eine Mischung aus traditionellen Schritten und einem hohen Anteil des vormals afrikanischen Stils , angereichert mit enormer Akrobatik, moderner Musik, einigen Choreographien, bei denen synchron gemeinsam gesteppt wird, aber auch einem großer Part mit  Soli (auch Improvisationen) sowie einer guten Portion Schauspiel, um zusätzlich das nötige Feeling herüberzubringen.
Viel Blickkontakt, Einbeziehen des Publikums und anstelle von zahllosen (im Weg herumstehenden) Requisiten eine Videoleinwand im Hintergrund.
Als Zuschauer sind Sie mittendrin.
Der Bodenbelag der Theaterbühne wurde zusätzlich mit einem richtigen (nachgebenden) Tanzboden versehen, Bodenmikrofone übertragen die „Kanonenschläge“ oder „Spechtattacken“ der Schuhe. Schon beim Zuhören wird einem ganz anders!
Was für eine Energie, Power, Ausdauer!
Hinsehen erzeugt maßloses Staunen, wie beweglich und mit welcher Geschwindigkeit ein Fuß schlackern kann ohne abzufallen, oder Beine sich offenbar gewollt verheddern, ohne dass der Tänzer zu Fall kommt. Die Kondition ist erstaunlich. Knapp eine Stunde bis zur viertelstündigen Pause, danach eine weitere knappe Stunde Höchstleistung non-stop. Und zwar von allen! Die Soli wechseln im maximal halbminütigen Abstand, da bleibt zwischendurch (bei sechs bzw. sieben ‚schlimmen Jungs’, die auch nicht immer exakt wieder der Reihe nach dran sind) wahrlich nicht viel Zeit zum Durchatmen!
Das Wechseln der Kleidung in der Pause nenne ich einfach mal ‚bitter nötig’.
Nach der Pause  bricht im zweiten Teil ein absolutes Stepp-Feuerwerk los, so dass die nächste Garnitur schon nach zehn Minuten komplett ausgewrungen werden kann. Zwei der Herren verabschieden sich ganz von ihren Oberteilen und bei „eingesprungenen Sitzpirouetten“, die irgendwo an Ballett und Eistanz beschleunigt erinnern, fliegen die Schweißtropfen im Scheinwerferlicht meterweit durch die Gegend. (Ich weiß schon, warum ich generell erst ab Reihe 4 wähle!).

Es ist grandios anzusehen, anzuhören. Irgendwann kommt fraglos der Moment, an dem man sich als Stepper fragt, ob es jetzt nicht an der Zeit ist, einen kleinen Minderwertigkeitskomplex zu entwickeln.  Doch nein –  wozu? Die Jungs machen es fantastisch!
Also – einfach nur genießen und neidlos anerkennen…

Tipp:
Falls Sie in Hamburg ansässig sind oder gerade hier weilen:  die Bad Boys of Dance gastieren noch bis zum 10. Juli in der Hansestadt (plus zwei weitere Termine im August). Ansonsten touren sie auch noch durch andere Städte.
(Dies ist übrigens eine Veranstaltung, die altersmäßig ein unheimlich bunt gemischtes Publikum anlockt. Von Kind bis Greis war alles dabei und im Gegensatz zu vielleicht „Riverdance“ Auftritten auch ein recht großer Anteil männlicher Besucher).

©Juni 2011 by Michèle Legrand

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