Wir haben jetzt einen Dicken ….

Aurora-Falter
Wir_haben_jetzt_einen_Dicken_….MP3
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Mal eine indiskrete Frage so zwischen uns: Wie laufen eigentlich tendenziell die Gespräche zwischen euch und euren Müttern ab?
Entspricht es der allgemeinen, landläufigen, ordinären Vorstellung? (Was immer das auch ist …!)
Ich muss immer lachen, wenn in Fernsehfilmen diese Schiene gefahren wird:
Besorgte Mutter nervt schon erwachsene Kinder  leicht mit übertriebener Fürsorge, großer Anhänglichkeit, Kontrollwunsch und Besser-Wisser-Allüren. Oft gepaart mit der Eigenart, immer ein bisschen wehzuklagen  („Ich höre ja gar nichts von dir…!“)  oder sich leicht entrüstet zu zeigen. („Nein, das hätte es zu meiner Zeit nicht gegeben …!“)
Der Altersunterschied ist superdeutlich, fast so, als wären mindestens zwei Generationen dazwischen, und was die Interessen angeht? … Nun, es liegen Welten dazwischen. Mutter ist etwas unausgelastet, hat nicht so recht Ideen und die Gespräche drehen sich um Haushalt, Essen kochen, Erziehung und verpasste Gelegenheiten. Die leichte Unzufriedenheit kommt ständig durch, genauso wie in jedem zweiten Satz ein leicht vorwurfsvoller Unterton aufhorchen lässt.
Das andere Extrem – auch eine sehr gern genommene Variante heutzutage – ist, die Mutter als  hippe, superbeste Freundin darzustellen, super jugendlich, kleidungsmäßig kaum vom Nachwuchs zu unterscheiden, cool und gesprächsmäßig läuft es eher so ab:
„Du kannst mir  echt alles sagen, ich verstehe dich total. Wir sind doch wie Zwillinge. Wollen wir nicht am Wochenende gemeinsam etwas unternehmen?“
Gleiche Sprache, gleicher Friseur, gleiche Ansichten. Je nach Film kommt das bei Töchtern oder Söhnen supergut oder grottenschlecht an.

So, und nun ich. Ich war gestern meine Mutter besuchen. Die, die Ostern mal eben ‚weg’ war. Die, die sich modische Klamotten selbst näht, aber nicht meint, sie müsse wie eine 30jährige aussehen. Auch die, die trotz aller Nähe immer auch ein bisschen Distanz, Misstrauen und Vorsicht zeigt. Gebranntes Kind.
Wir haben unseren Kaffeeklatsch nachgeholt und nach kurzem, offiziellem Teil mit Begrüßung und Blumen austauschen, ging das eigentliche Mutter-Tochter-Gespräch los.
„Hab’ ich dir das schon erzählt? Wir haben jetzt einen ganz Dicken. Die anderen sahen ja viel trainierter aus.“
Auch das ist meine Mutter. Sie fängt gern mittendrin an und ist felsenfest überzeugt, dass ich sowieso weiß, wovon sie gerade spricht. Gelegentlich gebe ich mir ja die Blöße und frage ganz dumm nach. Gestern wusste ich nur, dass sie wahrscheinlich etwas vom Garten erzählt. Ich hake also geschickt nach:

„Tja, im Garten ist immer was los, nicht wahr? Seit wann ist ER denn da (DER Dicke, habe ja schließlich zugehört)?“
„Seit letzter Woche. Ein halbes Jahr war kein einziger da, davor hatten wir ja die beiden Wasserscheuen …“
Treffer! Ich weiß jetzt, wovon sie redet. Sie hatten immer zwei kleine Frösche auf dem Grundstück. Das Erstaunliche ist, das gar kein Teich da ist! Aber seit Jahren kommen zwei Quaker und hausen im Schuppen. Durch irgendwelche Ritzen schummeln sie sich herein und scheinen sich dort extrem wohl zu fühlen.
Meine Mutter musste sich erst daran gewöhnen. Aber das erste  Hilfegeschrei verstummte, der Auftrag an meinen Stiefpapa, die Untermieter umzuquartieren, wurde zurückgenommen und langsam freundete sie sich regelrecht mit den Lümmeln an. Wenn sie mal nicht da waren, kehrte meine Mutter mit leicht sorgenvollem Gesicht aus dem Garten zurück:
„Wo die wohl sind? Ob denen etwas passiert ist?“
Als sie wieder auftauchten beging meine es gutmeinende Mama den Fehler, den Gesellen vor Freude und Dankbarkeit ein flaches Schälchen mit Wasser hinzustellen, direkt im Türeingangsbereich.
„So, hier habt ihr was. Ist ja kein Wunder, wenn ihr abhaut. Keine Wasser …“
Es kam ganz anders. Der eine, etwas größere, drahtige Frosch schlug einen großen Bogen um das Nass, der kleinere, unerfahrenere,  grünere Wicht latschte durchs Wassergefäß, verschreckte sich furchtbar, hüpfte mit großen Sprüngen weg, und beide ließen sich geschlagene drei Wochen nicht mehr blicken. Der Kommentar meiner Mutter:
„Frösche und Wasser passt anscheinend nicht zusammen. Aber Katzen gehen schwimmen, oder?“
Kopfschüttelnd widmete sie sich anderen Dingen.

Im Herbst letzten Jahres, verzogen sich die Frösche, wie jedes Jahr. Keine Ahnung, welchen Platz sie sich zur Überwinterung suchten. Karfreitag öffnet meine Mama den Schuppen und findet in einer Ecke einen neuen Einwohner. Den Dicken. Auch ein Frosch, nur offenbar eine andere Gattung und „nicht so trainiert“ wirkend.

Wir tauschen daraufhin weitere Erlebnisse mit Gartenbewohnern aus. Ich erzähle ihr von Emily, meinem zutraulichen Rotkehlchen, vom dem Gimpelpaar, das bis auf den Terrassentisch kommt, von einer dusseligen Biene, die dreimal ins Haus flog und nie alleine herausfand und von dem Schmetterling am Ostersamstag, den ich jetzt dank Foto und Internet-Recherche offenbar identifiziert habe.
Sie will wissen, wie ich das mit Google gemacht habe. Was ich eingegeben habe. Ich erzähle ihr von meiner Stichwortwahl, die zuerst sehr allgemein war und mir als Suchergebnis  u. a. weiße Schmetterlings-Stringtangas auswarf.  Ich beschreibe ihr, wie ich Stück für Stück vorankomme, wann das Eingrenzen auf Weißlinge erfolgt  und von meiner Schwankerei zwischen ‚Reseda-Falter’ und ‚Aurora-Falter’.
„War bestimmt ein Aurora-Falter“, kommt es sehr überzeugt von meiner Mutter.
„Ach, weißt du, wie die aussehen?
„Nö, aber es klingt schöner …“
Soweit die Information einer Fachfrau. Inzwischen weiß ich, dass es tatsächlich ein Aurora-Falter war. Der männliche Schmetterling ist nicht nur oben auf den Flügeln weiß und darunter weiß mit grünen Tupfen, sondern er hat – im Gegensatz zum Weibchen – auch noch orange Flügelspitzen. So ein Exemplar erschien einen Tag später, und ich bin fest überzeugt, dass ein Pärchen zu Besuch war.

Die Mama erzählt nun wiederum von ihrem leichten Stress mit einer Taube und einer Amsel, die beide beschlossen hatten, in der Dachrinne ein Nest zu bauen. Großes Gekakel und  Gekeife, wildes Flügelgefuchtel und –geschlage.
Meine Mutter findet, dass die Taube zu korpulent ist, um dort zu nisten.
Mein Stiefpapa hat mehr die nicht unbegründete Angst, dass sie ihm von dort aus etwas auf sein Haupt fallen lässt. Direkt darunter befindet sich der Sitzplatz mit Tisch und Stühlen. Er holt einen Besenstiel und will sie mittels Drohgebärden vertreiben. Meine Mutter beschwichtigt ihn:
„Schatz, wart’s ab, die sind sich doch noch gar nicht einig.“
Eine halbe Stunde später ist der Streit vorbei, und beide Vögel haben das Interesse an der Rinne verloren.
„Kenn’ ich schon“, so die Mama, wir haben hier dauernd irgendwelche angefangenen Nester, und im Endeffekt ziehen die dann fünfmal um, bevor sie sich mal entschieden haben …“

So geht es weiter mit unserem Austausch. Keine Ahnung, ob das jetzt ein generell typisches Mutter-Tochter-Gespräch ist. Aber es ist eine typische Unterhaltung, wie wir sie führen.
Als ich aus der Haustür trete, hängt im Türrahmen eine Spinne.
„Iiieehh, mach die weg!“ kommt es von hinten.
Da habe ich brav meiner Mama gehorcht und habe dieses Ungeheuer mittels Besen in die Botanik befördert.
Verratet es nicht weiter, aber wäre ich nicht dagewesen, hätte sie sich wahrscheinlich gar nicht angestellt und selber zum Besen gegriffen, oder sie hätte mir ihr geplaudert …

 

Aurora-Falter

Aurora-Falter, weiblich


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  1. #1 von Christian Scheinhardt am 28/04/2011 - 18:44

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