Als Ausgleich: Der Antrag

Ausgleich_und_Antrag.MP3
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Aufgetankt. Nicht das Auto – mich selbst. Es hat Dank des letzten Boos nicht so lange gedauert. Das Gebrabbel darin half schon sehr.
Es verriet euch, dass mich ein sehr einseitig verlaufendes Telefongespräch, Zeit und Kraft gekostet hatte.
Nachdem ich mal wieder erlebt hatte – bei immer derselben (nicht zu vermeidenden) Person – dass ich plattgeredet werde, dass sich keinerlei Mühe gegeben wird, aufeinander einzugehen, dass überhaupt kein Interesse an Dialog besteht, dass meine Person überhaupt keine Rolle spielt und dass ich seit 30 Jahren umgemodelt werden soll – nun, nach diesem Gespräch brauchte ich Ausgleich.
Ich erinnerte mich an Menschen, die wenig sagten, aber damit wesentlich mehr, als die besagte Person es jemals in ihrem Leben fähig war oder sein wird zu tun. Ich entsann mich an Menschen, die manchmal nur guckten, und es waren mehr Worte in diesem Blick  als in der halben Stunde, die mit monotonem, sturem, jammerndem, selbstgerechtem Getöse gefüllt war, abgegeben von einem Menschen, dessen zusätzlicher Wunsch nach Dominanz manchmal einfach nicht zu ertragen ist.
Mein Ausgleich heute ist auch gleichzeitig meine Geschichte für euch. Ich erzähle euch von einem Antrag.

Ende September. An jenem Tag hatte ich einen ziemlich grünen, einen Kermit-grünen Strickpullover an. Einen eng anliegenden, hüftlangen Pulli mit Rollkragen und Längsrippenmuster. Das war modern. Eine schmale lange Hose und um die Taille locker einen metallenen Gürtel, der aussah, als hätte man alte bronzene Münzen lose aneinandergekettet. Soeben hatten wir das alte Gebäude verlassen. Es war offiziell Pause. Ein schöner Tag, vorherbstlich, noch so, dass die Jacke nicht nötig war. Meine Freundin stand neben mir, und wir waren in irgendein Gespräch vertieft, als Carola mich plötzlich anstupste.
„Schau mal, die kommen hierher.“
Mein Blick wanderte in die gezeigte Richtung. Vorweg ging Michael, ein bisschen versetzt dahinter folgten Jens und Klaus. Die beiden schienen ihren Freund, der etwas unruhig wirkte, fast ein wenig anzuschieben. Was hatten die denn vor? Vielleicht ging es wieder um die Mappe, die ich Michael ausgeliehen hatte. Als sie bei Caro und mir angekommen waren, herrschte zuerst tiefstes Schweigen. Eine gewisse Unschlüssigkeit, ein kleines Zaudern. Mutverlust? Oder hatten sie etwa plötzlich vergessen, was sie wollten? Was auch immer… Wir warteten.
„Nun mach!“
Das kam von Jens. Michael schluckte, sein Adamsapfel hüpfte dabei ein bisschen auf und ab.
„Ähm, ich … ich wollte dir was geben.“
Ich kann mich noch genau an den Blick erinnern, den er mir zuwarf – so als wäre es gestern gewesen. Aufgeregt, nervös, grundehrlich. Dann kam plötzlich Entschlossenheit dazu. Michael kramte aus seiner Hosentasche einen kleinen Gegenstand hervor. Er entpuppte sich als sorgfältig beklebte und bunt verzierte Streichholzschachtel.
„Hier!“
Damit reichte er mir das kleine, in der Hosentasche schon angewärmte Ding. Ich schaute ihn fragend an.
„Für mich?“
„Ja.“
„Darf ich hineinschauen?“
„Ja.“
Ich öffnete vorsichtig die kleine Schachtel, und mit mir beugte sich Carola neugierig  vor, um zu sehen, was das Schatzkästchen beinhaltete. Ich war perplex.
„Oh, ein Ring!??“
„Ja.“
„Für mich?“
„Ja doch!!“
Seine Wortkargheit und mein dümmliches Gefrage waren auch nicht gerade wahnsinnig hilfreich, um Dinge schnell zu klären. Wobei, tief im Innern ahnte ich natürlich, was damit vielleicht gemeint sein könnte …
Nun übernahm Carola die Initiative:
„Hol’ ihn mal raus aus der Schachtel!“
Mein fragender Blick ging zu Michael. Er schien jetzt die Faxen dicke zu haben, grabschte nach der Schachtel, holte selbst den Ring aus der kleinen geöffneten Box, hielt ihn mir vor die Nase und sagte laut und deutlich:
„Willst du mich heiraten?“
Huch!
„Ich?“
„Ja doch!“
„Wirklich ich?“
Seine Augenbraue ging hoch. Ich beeilte mich, eine Antwort zu finden.
„Ich… weiß nicht, das… das muss ich mir überlegen.“
„Gut, mach’ das. Kannst mir ja dann Bescheid sagen …“
Und damit drehte sich Michael um und ging von Jens und Klaus begleitet einfach weg. Über den Schulhof. Es war ja vorerst alles geklärt …
Das Läuten zur Stunde ertönte über den Platz. Ich starrte auf den Ring und die Schachtel, legte ihn zurück, schob die kleine Schublade vorsichtig zu und steckte alles sorgfältig in meine Hosentasche. Wir kehrten in den Klassenraum zurück. Das vierte Schuljahr hatte vor kurzem begonnen. Wir waren neun Jahre alt.
Ich habe ihn nicht geheiratet …
Es war ein Ring aus dem Kaugummi-Automaten. Das war aber nicht der Grund. Der wirkliche Grund war, dass wir nach der vierten Klasse auf verschiedene Schulen kamen und es schlichtweg vergessen haben …

Um jetzt doch noch einmal auf den Anfang der Beitrages zurückzukommen: der Mann war wortkarg. Aber es war ein Dialog, und der junge Herr Heine hatte Interesse an meiner Person. Ich hatte Entscheidungsfreiheit. Mit einem Wort: es war eine unheimlich schöne Unterhaltung.
Ihr seht das doch auch so, oder?

Der RIng (Heiratsantrag)

Der Ring ...

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