Wenn Erwin quakt – oder: Der Besuch beim Augenarzt

Es war lange nicht mehr vorgekommen. Ich saß in einem Wartezimmer, und in diesem Fall verbrachte ich eine gewisse Zeit im Wartezimmer meines Augenarztes. Es gibt Tage, an denen alles ruhig bleibt und wirklich keiner auch nur einen Pieps von sich gibt – obwohl es brechend voll ist. An anderen Tagen wiederum sitzen nur fünf Menschen dort, und gerade deshalb „passieren Dinge“, oder es entstehen Konversationen.

Die Praxis hatte gerade erst wieder zur Nachmittagssprechstunde geöffnet, als ich nach dem Büro zu meinem Termin dort eintraf. Mit mir zusammen betreten ein älteres Ehepaar und eine Mutter mit einem etwa fünfjährigen Sohn die Räume. Wir nehmen alle Platz, die älteren Herrschaften sind zur Kontrolle. Das heißt ER ist zur Kontrolle, sie begleitet ihn. Die Sprechstundenhilfe nähert sich mit einem Fläschchen Augentropfen.
„Muss das sein?“
„Sie kennen das doch schon, die Pupille muss weitgestellt werden. Wenn Sie jetzt bitte einmal nach oben schauen würden.“
„Aber tropfen Sie in das richtige Auge, Fräulein!“
„Das rechte Auge, Herr Lademann, ich weiß Bescheid.“
„Ich sag’s ja nur, weil hier mal eine junge Dame gedacht hat, rechts von ihr aus…“
Nun meldet sich Frau Lademann zu Wort:
„Erwin, dafür kann doch das Fräulein nichts …!“
„Gertrud, ich habe nur keine Lust, wieder auf beiden Augen blind zu sein!“
Die Sprechstundenhilfe nimmt einen neuen Anlauf zum Tropfen.
„Herr Lademann, bitte etwas weiter öffnen, und schauen sie einfach nach oben an die Decke.“
Augentropfen zu bekommen, scheint für diesen Herrn wirklich eine schwierige und ungeliebte Angelegenheit zu sein. In dem Moment, als die patente junge Dame tropft, klappt sein Lid runter, und der Tropfen kullert die Wange hinab.
„Herr Lademann, bitte lassen Sie das Auge länger offen! Es ist nicht genügend Flüssigkeit hineingekommen. Ich werde noch einmal tropfen müssen…“
„Sie haben das wohl noch nicht so oft gemacht?“
Das ist jetzt der Hammer. Er stellt sich an, aber zweifelt an ihrer Fähigkeit. Das Einzige, was sie vielleicht machen könnte, wäre, ihr Auftreten gegenüber solchen kleinen Zauderern und Angsthasen nicht nur höflich und geduldig, sondern auch ein bisschen resoluter zu gestalten.
Ich bin gespannt, wie sie reagiert. Sie sagt erst einmal gar nichts und wartet nur. Gertrud redet ihrem Gatten gut zu:
„Erwin, hast du gehört? Du musst das Auge noch einmal aufmachen!“
„Hab’ ich gehört. Bin ja nicht taub,“  brummelt er zurück, und beugt sich nun angespannt seinem Schicksal. Der Tropfen landet tatsächlich im Bindesack.
„Fräulein, das brennt!“
„Das ist gleich vorbei, Herr Lademann!“
„Ist das normal?“
„Es kann anfangs leicht brennen. Lassen Sie das Auge einfach eine Minute geschlossen.“

Die Sprechstundenhilfe geht zurück an ihren Platz hinter den Anmeldetresen. Innerlich macht sie bestimmt drei Kreuze. Nicht immer einfach mit diesen Patienten. Nur, Herr Lademann ist noch nicht ruhig. So, dass die Angestellte es hören kann, sagt er laut zu seiner Frau gewandt:
„Wahrscheinlich habe ich viel zu viel Tropfen bekommen, oder sie hat mich im Auge  getroffen!“
Einen kurzen Moment später jammert er: „Es läuft!“
Gertrud seufzt. Sie reicht ihm ein Papiertuch. Nun ist klar, warum sie dabei ist.
Während der ganzen Zeit habe nicht nur ich dieses Szenario beobachtet, sondern auch der kleine Junge. Er spricht den Herrn an:
„Ich habe auch schon Tropfen gekriegt.“
Herr Lademann stutzt einen Moment. Ein bisschen Herz scheint er zu haben, denn er antwortet dem jungen Mann freundlich:
„Tatsächlich? Ach, du Armer…“
Doch was kommt als Entgegnung?
„Och, bei mir ging das ganz schnell!“ Und seine Mama sagt lächelnd:
„Du hast das auch super mitgemacht. Macht ja so auch mehr Spaß, nicht wahr?“
Touché! Eine kleine Spitze in Richtung von Herrn Lademann. Sehr wohlgesetzt. Kein Säbelgeklapper, das war die Spitze eines Floretts, die da kurz piekste!
Herr und Frau Lademann entgegneten nichts. Ich meine aber ein leichtes Lächeln auf dem Gesicht von Gertrud und der Praxisangestellten erkannt zu haben. Irgendwie bin ich auch überzeugt, dass Erwin ab heute besser mit dem Tropfen klar kommen wird.
Denn wer lässt sich schon gern von einem Kind zeigen, dass er ein bisschen ein sich anstellender, weinerlicher Schisshase ist…

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  1. #1 von blattella am 17/01/2012 - 21:01

    Nun, vielleicht waren die tröpfenden Damen bei dem Buben nur einfühlsamer und beim Herrn etwas unaufmerksamer beim letzten Mal der Tröpfelei und hatten ihm zuviel ins Auge gehauen? Vielleicht beschwert er sich also nicht so ganz zu Unrecht? Mal ganz abgesehen davon dass sich die Stärke (und Wirksamkeit) der Medikamente bei Kindern oft von denen von Erwachsenen unterscheidet und somit wenig vergleichbar ist.

    Dies einfach nur auf „Weinerlichkeit“ zu schieben finde ich – verzeih bitte – doch etwas zu einfach.

    Ich hatte auch schon Krankenschwestern die mir Spritzen ins Bein jagten wovon ich hätte aufheulen können – und witzigerweise jüngere die das wesentlich schmerzfreier hinbekamen (wofür ich sie dann auch lobte).

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    • #2 von ladyfromhamburg am 17/01/2012 - 21:28

      Ganz sicher empfindet es jeder anders, @blattella. Es kann durchaus sein, dass er irgendwann einmal ’schlechtere‘ Erfahrungen gemacht hat. Nur – es war keine Spritze und jede Betäubung hat nun einmal etwas längere Auswirkungen (beim Auge eben Sehbeeinträchtigung). Es stach ihn also keiner, das vielleicht unangenehme Gefummel am Auge ist schnell erledigt. Eigentlich.
      Beim Tropfen kann ich also nichts Schlimmes entdecken, was diese Anstellerei nachvollziehbar machen würde. Sie macht daraus nur einen langen, unnötigen Krampf. Einem Kind geht es nicht besser dabei. Es geht grundsätzlich mit dem gleichen Unbehagen an die Sache und erhält insgesamt vielleicht eine geringere Dosis, aber im Verhältnis zum Auge (Größe, Körpergewicht) ist es im Grunde identisch.
      Es liegt ein wenig an jedem selbst, wie er mit so etwas umgeht.
      Bei Schmerzverursachung differenziere ich schon, denn das Schmerzempfinden der Menschen variiert tatsächlich enorm. Die Spritzen ins Bein, die du ebenfalls erwähnst, können da wesentlich unangenehmer sein. Auch meine Erfahrung ist, dass nicht jeder gleich „sanft“ spritzen kann. Es ist völlig in Ordnung, wenn ein Patient stöhnt oder Dampf ablässt. Nur künstlich ein Drama – das muss er nicht daraus machen. ;)

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