Pessiptimistin unterwegs

Pessiptimistin_unterwegs.MP3
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Erinnert sich von Ihnen noch jemand an den Freitags-Boo der letzten Woche?
Ich entdecke einige Personen, die trocken sagen: Nein, hab’ ich gar nicht gehört!
Macht nichts. Sie können immer noch einsteigen.
Und ich sehe andere, die anfangen zu grübeln …  Mensch, was war da gleich noch gewesen …?
Kleine Hilfestellung: Lampenfieber. Steppen. Ha! Sehen Sie? Schon wissen Sie wieder Bescheid!

Nun, wie ging es weiter am Freitag? Ich bereitete mich vor, und das beinhaltete sowohl ein Zusammensuchen und Herrichten der Kleidung für den Auftritt, als auch einen Aufenthalt im Keller. Dort liegt nämlich kein Teppichboden, so dass die Metallplatten der Stepptanzschuhe recht gut zu hören sind. Es ist somit ein passender und recht passabler Ort für eine letzte Generalprobe.

Kaum begonnen, fangen die Schwierigkeiten auch prompt an.
Aussetzer!
Die Armhaltung ist vorbildlich, der Hut befindet sich in der richtigen Hand, aber – ich stehe definitiv auf dem falschen Bein!
Neuer Versuch.
Die Schrittkombination klappt bis fast zum Ende. Hut ab, Arm hoch, Drehung – falscher Fuß!
Herrschaftszeiten, gibt es denn so was!
Ganz langsam. Bis zum waltz clock stimmt es, flap heel gedreht, body percussion, stamp links plus Triole und dann die Abschlussdrehung. Und – falsches Bein …!
Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber wenn Sie bisher etwas konnten, und auf einmal klappt nur noch die Tür … Nun, ich bin dann recht unerbittlich mit mir. Bald darauf entdeckte ich den Fehler und von da an lief alles wieder.

Es löste sich nur plötzlich  die eine Metallplatte ein wenig. Wer es nicht kennt: diese Metallplatten am Absatz und unter dem Fußballen sind angeschraubt. Es ist nicht gleich ein Drama, wenn sich etwas lockert, denn bis zum Verlieren dauert es schon ein Weilchen. Nur eine herausragende Schraube hinterlässt einerseits Schrammen auf dem Fußboden und verursacht andererseits ein „Wabbern“ der Platte.
Mit anderen Worten: der klare Sound ist im Eimer.
Für einen Auftritt ist das auch nicht so erstrebenswert. Also wurde der Schraubenzieher hervorgeholt, alles wieder akkurat befestigt, sämtlicher Auftritts-Klimbim eingesteckt, die Selbstrestauration vorangetrieben, Haare in Form gebracht, etc.
Ja, und dann saß ich da und hatte noch acht Minuten Zeit. Zeit, die einfach für nichts zu gebrauchen ist, die einen Menschen jedoch nervös macht und das Lampenfieber hochkrabbeln lässt. Wenn ich rauchen würde, hätte ich mir höchstwahrscheinlich eine Zigarette angesteckt, wenn ich trinken würde, einen Brandy eingeschenkt …
Meine Güte, da sitzt man nervös Däumchen drehend auf dem Couchrand und erwartet das Schlimmste!
Um 19.00 Uhr wollte ich aufbrechen. Die Kirchenuhr schlug, als ich die Tür von außen abschloss. Ich hatte beschlossen, die U-Bahn zu nehmen. Bei 400 geladenen Gästen und einem nicht übermäßig großen Parkplatz, hatte ich keine Lust mit dem Auto diesen Parkplatz-Suchstress auf mich zu nehmen. Ich huschte zum Bahnhof, die Bahn kam zwei Minuten später. Wie geplant. Ich suchte mir einen Platz, und dann … war alles vorbei.
Die Nervosität, das Lampenfieber, der Pessimismus.
Ja, Pessimismus!
Es gibt immer eine Phase, in der ich felsenfest überzeugt bin, dass es garantiert nicht läuft. Das alles nicht klappt. Das alles nervig wird. Und weil ich weiß, dass ich jedes Mal so ticke, bereite ich mich vor.
Ich kann nicht alle Eventualitäten abdecken, aber bestimmte Dinge gehe ich durch. Den Fall A, die Alternative B und die Alternative der Alternative, den Plan C. Ich bin schon zu diesem frühen  Zeitpunkt überzeugt, dass ich Plan C nie brauchen werde, aber ihn zu haben beruhigt kolossal!
Wird es dann wirklich ernst, geht es los, kommt die Zeit, und alle anderen fangen an zu flattern, dann bin ich die Ruhe selbst. Was soll schon groß passieren? Ich bin vorbereitet und habe ja Möglichkeit A, B und C. Selbst auf die Gruppe bezogen,  lässt sich das umsetzen.

Wir konnten vorher noch einmal kurz zusammen proben. Es war ein aufgeregter Hühnerhaufen, der in einem Minivorraum auf Teppich fast übereinander fiel. Auch hier tauchten – diesmal bei den anderen –  die Aussetzer auf, die ich im Keller erlebt hatte. Nur, jetzt waren lediglich noch fünf Minuten Zeit bis zum Auftritt.
Die Kollegin ist erst hochrot, dann verzweifelt, dann fließen Tränen. Ich glaube, auch das ist ein Grund, weshalb ich diese Phase lieber vermeide. Ich kann das in dem Moment nicht gebrauchen, und ich könnte in der Situation auch keinem anderen helfen.
So gelingt es jedoch immer wieder, Ruhe auszustrahlen. Meist ist alles eine kleine Ursache mit großer Wirkung. Zusätzlich ein Bazillus, der hoch ansteckend ist. Schnell den kleinen Fehler zu finden und mit einem Lächeln zu beheben, erspart eine Epidemie. Oder so ähnlich.
Wir dürfen die Halle betreten, man erkennt uns als Stepper. Einladungen besitzen wir nicht, und wie Sie aus dem Boo wissen, sind wir auch nicht länger erwünscht als nötig und sollen bitte schön die Finger vom Büffet lassen.
Man hatte uns gesagt, die Halle wäre zu voll fürs Steppen, wir möchten es auf der kleinen Bühne machen. Nun stellt sich heraus, man hat auch die Bühne mit Tischen und Stühlen zugestellt. Vor der Bühne befinden sich einige Party-Stehtische, die sich ein wenig verschieben lassen. Wir greifen selbst zu und bauen uns danach demonstrativ auf der Freifläche auf, damit nicht irgendein Übereifriger sie gleich zurückholt und alles wieder zubaut.  Der Anfang der Party verschiebt sich, weil die Hauptakteure noch gar nicht da sind. Wir stehen.
Ich schaue mich um. Die Halle war vor zwei Jahren noch renovierungsbedürftig gewesen. Sie hatte dreckig ausgesehen an den Wänden, verfügte nur über eine ungemütliche, kalte Beleuchtung. Seinerzeit wurden Gelder für die Renovierung beantragt, was aufgrund der leeren Kassen aber sofort auf Ablehnung stieß. Nun plante man allerdings die Feier für ein sogenanntes Hohes Tier in dieser Halle und – schwupps – wurde die Halle umfangreich saniert. Ocker getönte Wände, zusätzliche Lampen, die warmes Licht liefern, wenn keine Sportveranstaltungen stattfinden. Selbst die Bühne ist neu verkleidet. Der Hintergrund ist jetzt in einem hellen, aber dennoch kräftigen Blau getüncht.
Welcher Sponsor hier wohl in sein Geldsäckchen gegriffen hat …?

Die Halle füllt sich weiter. Leute bleiben zwischen uns stehen und bemerken nicht, dass wir eine Gruppe sind. Ich schaue eine Dame an, die sehr nahe neben mir verharrt.
„Wären Sie so nett, an die Seite zu gehen?“
„Warum das denn? Ich kann hier genauso gut stehen!“
Sie ist gleich aggressiv. Ihre Antwort war auch schneller gekommen als mein Zusatz, warum ich sie eigentlich darum bitte.
„Es geht nur darum, dass wir hier gleich einen Auftritt haben und den Platz benötigen …“
Auch hier ist kein Ausreden möglich.
„Auftritt, wieso Auftritt?“
Mir ist irgendwie die Lust vergangen, ihr in Minihäppchen Informationen zu geben. Ich sage nur noch ernsthaft:
„Wenn Sie hier stehenbleiben, sind sie verpflichtet mitzusteppen!“
Da war sie weg. Sehr schnell. (Ja, böse Michèle! Und grins nicht so gemein, auch wenn es nur innerlich ist …)

Die zusätzlich aufgebauten Gerüste mit Strahlern heizen ziemlich ein. Etwas zu trinken wäre nicht schlecht, doch wir sollen ja nichts bekommen. Inzwischen habe ich auch erkannt, wie hier die Regeln sind. Jeder geladene Gast meldet sich beim Empfangskomitee und bekommt daraufhin eine Art Pflasterstreifen mit seinem Namen zum Aufkleben aufs Jackett oder die sonstige Kleidung. Nur damit erhält man Getränke und darf später an das Büffet. Während ich mich damit abgefunden habe plasterlos und getränkelos zu bleiben und einfach nur freundlich in die Runde schaue, passiert etwas sehr Verblüffendes:
Es nähern sich innerhalb einer Viertelstunde dreimal junge Leute, die dort Service leisten und fragen mich, ob ich etwas trinken möchte. Sie sehen genau, dass ich KEIN Namensschild habe. Ich weise sogar noch daraufhin! Trotzdem holen sie mir Wasser und sagen, sie nähmen es auf ihre Kappe. Ich kann sogar Getränke weitergeben an meine Mitstreiterinnen, da ich viel zu viele bekomme …

Es gibt eine Sache, die ich überhaupt nicht mag. Ich mag es nicht, wenn Männer in Begleitung ihrer Ehefrau kommen, sich bemüßigt fühlen, Smalltalk anzufangen und es dann auch noch in ihrem Beisein ausweiten auf hemmungsloses, schmieriges Flirten. Ein Herr im Rentenalter zieht den Bauch ein, während er jovial vermeldet:
„So ganz alleine? Und so einer hübschen Frau sollte man doch nicht nur Wasser geben …!“
Oh, Gott! Seine Frau schaut nicht sehr glücklich drein. Ich drehe den Spieß dann gerne um und sage:
„Stimmt, sie sollten Ihrer hübschen Frau wirklich was Besseres besorgen.“
Danach verwickle ich sie in ein Gespräch …
Die beiden sind verschwunden. Unser Auftritt war immer noch nicht. Inzwischen haben wir schon über eine halbe Stunde Verspätung. Ein weiterer Herr nähert sich, vermisst das Namensschild bei mir und fragt:
„Zu wem gehören Sie denn?“
Das sind Fragen, die ich liebe und bei denen ich immer bedaure, dass ich zu ehrlich bin, um die Antworten zu geben, die mir mein Kopfkino vorgibt.
Zu wem ich gehöre?
1) Zu den Guten …
2) Ich bin die persönliche Assistentin von Frau Schroeder-Piller (das ist unsere Bezirksamtleiterin, die regionale Bürgermeisterin)
3) Psst! Security. Und nicht so laut! Meine Deckung fliegt sonst auf!
4) Zum wem ich gehöre? Dazu ein Blick so von unten nach oben, die Augenbrauen hochziehend. Ungläubig, erstaunt, entrüstet: ZU WEM ICH GEHÖRE? Ja, kennen Sie mich nicht? Entschuldigung … Darf ich bitte mal ihren Namen haben? Das hat Konsequenzen!
5) Zum engsten Kreis. Es wäre nett, wenn Sie sich jetzt endlich um mein Namensschild kümmern würden!

So geht das lustig weiter in meinem eigenmächtigen Schädel, doch glücklicherweise bekommen wir jetzt das Startzeichen für unseren Auftritt.
Es läuft gut. Alles klappt, und die Gäste finden es offensichtlich applauswürdig. Herr Hilbert, der Herr, der in den Ruhestand geht, kommt selbst herbeigeeilt und bedankt sich freudig. Diese Geste gefällt mir, denn wir kennen ihn persönlich. Selbst Ortwin Runde, ein weiterer Gast und ehemaliger Bürgermeister von Hamburg, kommt näher. Meine Theorie ist ja, diese Herren riechen, wo Fotos gemacht werden … Ich hätte nur lieber ein Foto vom Auftritt mit meinen Mädels als eines davon, dass mich ein Politiker an seine Brust zieht. Ungefragt.

Ich werde eingeladen, länger zu bleiben. Vorher diese Knauserei und jetzt auf einmal Kuschelkurs. Was soll ich denn davon halten? Ich strahle und sage, dass meine U-Bahn leider nicht wartet.
Geschafft! Der Abend war alles in allem schön. Und nach Abklingen des Pessimismus setzte der Optimismus ja auch rechtzeitig in der U-Bahn ein.
Pessimisten, Optimisten. Kennt ihr die Mischungen dazwischen?
Ich z. B. bin  Pessiptimist. Diese Mischung fängt zweifelnd an und steigert sich.
Andere sind Optessimist. Sie starten grandios, alles ist easy. Das Verheddern kommt dann etwas später …

Was Sie sind eigentlich?

Buffet vor der Sprossenwand, Feier Sporthalle, Verabschiedung Ruhestand

Buffet vor der Sprossenwand

©Januar 2011 by Michèle Legrand

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