Treppenhausnutzung (Chattanooga Choo Choo …)

Zwei Dinge, die heute zusammentreffen:
1) Ich habe eben auf dem Nachhauseweg vom Step(p)tanz  im Autoradio ein bestimmtes Lied gehört.
2) Mir ging es diese Woche ziemlich gegen den Strich, dass es absolut keine Zeit blieb für das Schreiben eines neuen Blogposts.
Sie können/dürfen/haben die Möglichkeit – aber müssen auf keinen Fall! – nun auswählen, ob Sie hier und heute im Blog eine Geschichte, die ich bereits auf www.goodnewstoday.de veröffentlicht habe, nur lesen oder eventuell den dazugehörigen Podcast auch noch hören möchten.

Bei dem  Lied, das ich eben wippend im Auto mitpfiff,  handelt es sich um Chattanooga Choo Choo und die Originalstory samt Audioversion ist hier:
http://goodnewstoday.de/gute_nachrichten/2010/09/10/chattanooga-choo-choo-ode…
Wer nicht erst hinüberschalten möchte, findet nachstehend eine leicht überarbeite Textversion.
Viel Spaß!

Chattanooga Choo Choo oder Das Treppenhaus

Am vergangenen Dienstag hatte ich eine Einladung zu einem Vortrag angenommen, der im 4. OG eines Gebäudes stattfand, in dem es außer Büros, Praxen und Notarkanzleien keine normalen Mieter gibt. Und mit „normal“ meine ich Wohnungsmieter, die dem Haus auch in den Abend- und Nachtstunden Leben einhauchen, und die sich vielleicht durch Lärm gestört fühlen könnten.
Schon auf dem Hinweg nahm ich die Treppenstufen anstelle des Fahrstuhls, achtete aber nicht weiter auf Einzelheiten.
Wie es immer so ist:
Wenn irgendwo ein Termin ist, bist du auf das Ziel fixiert und möchtest möglichst pünktlich  da sein. Das Wahrnehmen des Weges ist dann zweitrangig. Dabei liebe ich Treppenhäuser! Jedenfalls relativ viele von ihnen. Daher nahm ich mir etwas vor:
Nach Ende der Veranstaltung, würde ich sehr gemächlich und gemütlich das Treppenhaus begutachten und ausprobieren.
Ich sehe schon bei manchen von Ihnen ein kleines Fragezeichen auf der Stirn.
Wieso ausprobieren? Was meint sie denn nun wieder damit? Den Fahrstuhl kann sie ausprobieren – meint sie das?
Nein!
Abwarten. Kommt alles noch.

Gut zwei Stunden dauerte die abendliche Sitzung. Im wahrsten Sinne des Wortes eine gesessene Sitzung. Alles ganz schön und gut und informativ, aber die Beine sind langsam pelzig und sehnen sich nach Bewegung.  Mittlerweile ist es 21 Uhr und draußen dunkel. Von  innen gesehen wirkt es aus dem beleuchteten Gebäude herausblickend sogar stockfinster. Wer draußen steht, wird es wahrscheinlich gar nicht als so duster empfinden.

Die Gesellschaft löst sich nach Ende des offiziellen Teils langsam auf. Es bröselt – so könnte man es nennen. Die ersten sind schon entschwebt (zumeist Raucher), einige plündern noch ein kleines kaltes Büffet oder unterhalten sich in Grüppchen. Ich beschließe, mich nach Verabschiedung und unter Mitnahme eines kleinen Hackklopses zu verziehen. Die Minifrikadelle ist schon im Magen gelandet, bevor ich den langen schmalen Gang zum Treppenhaus bewältigt habe.
Mir sagte jemand heute, jeder Bissen sollte 30x  gekaut werden …
Tja, habe ich nicht gemacht, kann ich nur dazu sagen.

Das Treppenhaus. Es liegt zuerst völlig im Dunkeln. Das ist gut. Denn so kann das Ausprobieren starten.
Ich trete einen Schritt vor in die große – doch, Halle, kann man es fast schon nennen – und schließe die Augen.
Jetzt Luft einziehen und horchen.
Es riecht nach Toner von Druckern oder Multifunktionsgeräten, die ihre Abluft  am Tag wohl durch offene Türen Richtung Treppenhaus gepustet haben. Und es riecht ein bisschen nach SOFIX, einem Bodenreiniger. Ich merke trotz weiterhin geschlossener Augenlider, dass es hell wird, obwohl ich gar keinen Schalter betätigt habe. Nach dem Öffnen der Augen vermute ich, dass das An- u. Ausschalten des Lichtes wahrscheinlich über Bewegungsmelder funktioniert, oder irgendwo ganz unten im Haus hat soeben jemand auf einen Schalter gedrückt.
Der nächste Blick geht in die Runde. Das heißt, ich schaue mich um, während ich mich langsam um meine eigene Achse drehe.
Ein riesiges Treppenhaus, hohe Geschosse, flach ansteigende Stufen, die häufig durch Podeste unterbrochen werden.  Während ich alles betrachte, höre ich innerlich automatisch den Lärm, der in einer Schule herrscht, wenn nach dem Pausenendklingeln alle durcheinanderwuselnd und übereinanderfallend  wieder in ihre Klassenzimmer stürzen.
Ich schaue auf den Schriftzug an der Eingangstür gegenüber.
Aha, eine Physiotherapie-Praxis.
Vielleicht ist es doch ganz gut, dass es außer der Treppe auch einen Fahrstuhl gibt. Ich stelle mir nämlich ebenfalls bildlich vor, wie sich hier ein  körperlich beeinträchtigter Mensch ganz langsam, am Handlauf festhaltend und schnaufend von  Stufe zu Stufe emporhangelt. Dabei gewiss innerlich fluchend, dass eine Physiotherapie-Praxis nicht gefälligst im Erdgeschoss angesiedelt ist.

Als nächstes kommt der Blick aus den Fenstern.
Schön, aus dieser Höhe auf den beleuchteten Stadtteil zu blicken. Es fliegt irgendein dicker dunkler Schatten fliegt vorbei. Vom ersten Eindruck her eine Taube.
Doch fliegen Tauben so spät noch durch die Gegend?
Mir gefällt der Gedanke, dass es – hier mitten in der Stadt – ein kleiner Waldkauz gewesen sein könnte … Ach, Schmarren – aber denken  und hoffen darf man ja.
Nach zwei bis drei Verweilminuten, drehe ich mich Richtung Stufen und habe erneut ein Bild vor Augen.
Jahre zuvor.
Meine Kinder und ich in einem alten Kontorhaus in der Innenstadt. Die Treppenhäuser sind teilweise beeindruckend, haben holzgeschnitzte Geländer, breite ausladende Stufen und teilweise bunte Fenster, die geheimnisvolles Licht spenden. Es war dort so einladend, dass wir die Stufen nicht einfach nur von oben nach unten heruntergingen, sondern jede Stufenbreite auch  noch aus Spaß von ganz links bis ganz rechts, um dann eine Stufe tiefer zu hüpfen. Genau diese  Szene tauchte eben vor dem inneren Auge auf.

Nachdem ich so viel gesessen habe und mein Bewegungsdrang sich plötzlich mit Macht meldet, starte ich das Stufen-Quergeh-Revival-Abenteuer. Gut, dass keiner dabei ist!
Weder von den noch verbliebenen Gästen im Büro, noch irgendein Begleiter, der nur stirnrunzelnd oder – noch schlimmer – mitleidig schaut und einfach nur schnell nach Hause will.
Ich habe sehr gute Laune, denn jetzt kommt etwas, was immer viel Spaß bereitet! Nun wird auch klar, warum es ideal ist, wenn ein Gebäude dieser Größenordnung mit Treppenhaus keine Wohnungen  mit geräuschempfindlichen Mietern hat.
Denn, das, was mir Spaß macht, ist das Pfeifen bei so einer Akustik!
Für solche Fälle eignen sich  sowohl getragenere Stücke  als auch ein Lied aus dem Repertoire meiner Kinder. Es kommt mir eines in den Sinn, das irgendwann einmal in einer Folge von ‚Hallo Spencer’ gesungen wurde:
Nepomuk ritt in die Stadt / hoch auf seinem Pony / er steckt ne Feder an den Hut / und nennt sie Makkaroni. (Der Podcast beinhaltet einen Pfeifversuch ) Es geht gut mit dem Hüpfen, erstaunlicherweise sogar in Pumps. Was bin ich froh, dass ich die Gehstützen, die ich im Juli/August für gut vier Wochen brauchte, inzwischen los bin.
Meine von Links-nach-Rechts-alle-Stufen-ablaufen-Methode hat mich erst ein einziges Stockwerk tiefer gebracht. Es ist sonnenklar: Ich brauche doch ein anderes Lied und vor allem einen neuen Laufstil, wenn ich vor Mitternacht daheim sein will. Mir kommt blitzartig Chattanooga Choo-Choo in den Sinn. Es klingt fantastisch im leicht hallenden Umfeld, und bei den schnellen Passagen fliegt man förmlich die Treppen herab! Ich flitze, halte dennoch bei jedem Podest kurz inne und horche, ob oben weitere Personen aufgebrochen  und mir auf den Fersen sind.  Es scheint nicht der Fall zu sein.

Umso größer ist mein Schreck, als– nunmehr unten angelangt – plötzlich aus Richtung der Ausgangstür,  eine Stimme streng zu mir spricht:
„Mädchen, die pfeifen und Hähnen, die kräh’n,
den soll man beizeiten die Hälse umdrehen!“
Das Gesicht dazu sieht allerdings eher amüsiert aus.
Also sage ich nur:
„Haben Sie es schon ausprobiert? Pfeifen Sie mal, die Akustik ist umwerfend!“
„Ich weiß nicht …“,  kommt es zögernd,  aber er hat angebissen, „was soll ich denn pfeifen?“
„Was Ihnen gefällt, was Ihnen gerade in den Sinn kommt! Dies ist das perfekte Chattanooga Choo-Choo-Treppenhaus!“
Er grinst unbeholfen.
Ich merke, solange ich da bin, wird nichts passieren. Ich grüße verabschiedend, wünsche ihm einen schönen Abend und verlasse das Haus durch die gläserne Tür.  Draußen stoppe ich nochmals, um mein Handy von lautlos wieder auf hörbar zu stellen und kann es mir nicht verkneifen, doch einen Blick zurückzuwerfen.  Der Herr scheint ja offenbar noch auf jemanden zu warten.
Er steht da.
Ein Fuß wippt.
Und ich könnte schwören, er hatte einen gespitzten Mund – wie beim Pfeifen.

©Januar 2011 by Michèle Legrand

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  1. #1 von stargazer am 18/04/2013 - 12:39

    Das Lied „Nepomuk ritt in die Stadt / hoch auf seinem Pony / er steckt ne Feder an den Hut / und nennt sie Makkaroni.“ ist nicht in Hallo Spencer gesungen wurden, sondern in der Sesamstraße von don Schnulze. :)

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    • #2 von ladyfromhamburg am 18/04/2013 - 13:16

      Das stimmt tatsächlich! Ich wollte es erst nicht glauben, weil ich felsenfest vom anderen überzeugt war. Gerade habe ich es mir via YouTube aufgerufen und stelle fest, dass es das bewusste Lied ist und ich es mit der Zuordnung ganz eindeutig falsch in Erinnerung gehabt habe.
      Vielleicht, weil es einen Nepomuk bei Hallo Spencer gab und beide Sendungen bei uns eine Zeitlang hochaktuell waren.
      Also, vielen Dank für den Hinweis und die Richtigstellung! (Sehr gut aufgepasst, das gibt auch einen Extrapunkt! :-D )

      LG Michèle

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