Antikramsch

Information vorweg: Aufgrund der Länge habe ich die Audio-Version ein bisschen gesplittet und in drei separate Teile ‚gepackt‘. Dieser Artikel erschien zuerst in meinem Vorgängerblog bei Posterous, daher wird zum Podcast noch dorthin hinübergeleitet.

Antikramsch_Teil_1.MP3

Listen on Posterous

Kalt und nass ist es wieder geworden. Es lässt fast vergessen, dass am letzten Sonntag 11° C und Sonnenschein waren.
Diese Tatsache war es auch gewesen, die mich förmlich nach draußen gezogen hatte. Gut, ich hatte den Ruf des Gartens geflissentlich überhört.
„Pfleg’ mich!“
Leichtherzig murmelte ich:
„Jetzt nicht, mein Guter, die Zeit kommt noch. Bald.“
Ich ignorierte den groß gewordenen Haselnussstrauch, der dem einzigen wirklich anstrengenden Nachbarn deshalb schon wieder ein Dorn im Auge ist. Was allerdings nicht schwierig ist, denn alles, was bei ihm einen Meter Höhe überschreitet, wird gnadenlos herausgerissen. Er sollte nach Lilliput umziehen. Meckerpott. Dabei steht der Busch noch nicht einmal an seiner Grundstücksgrenze, sondern an einem öffentlichen Weg.

Ich sehe immer den Busch mit den Zweigen um sich schlagen und laut: „NEIN!“ schreien, wenn ich mit der Kettensäge komme, während der Nachbar da steht wie Larry Hagman in Dallas und ein „Doch!“ gepaart mit einem fiesen „Hähähä!“ von sich gibt.
Was war das Thema? Ach ja, nach draußen gehen. Ich beschloss also, am Sonntagnachmittag eine Runde durch die Nachbarstraßen zu spazieren – einmal um den Pudding sagt man hier auch. Mein Weg führte mich irgendwann in die Nähe des Einkaufszentrums, und verwundert registrierte ich Massen von Menschen, die Richtung Eingang strömten.  Vielleicht sollte ich es etwas relativieren: Massen für einen Sonntag, an dem die Geschäfte geschlossen haben. Etwas Nachdenken förderte die Erinnerung zu Tage, dass ein Antikmarkt stattfinden sollte.
Den gibt es bereits seit vielen Jahren, sogar mehrmals im Jahr. Früher kostete es immer Eintritt – und zwar happig. Zuletzt 6 €, die ich sogar einmal bezahlte, weil es mich reizte, die Dinge dort anzusehen. Es war ein wenig enttäuschend gewesen, denn das Angebot fiel einerseits wesentlich geringer aus und war andererseits auch nicht so interessant und vielseitig wie gedacht. Hinzu kam stickige, warme Luft in Verbindung mit lieblos in die Gänge gepfropften, viel zu eng stehenden Tischen. Ich beging den Fehler, einmal zum Luft schnappen vor die Glastür zu treten. Als ich wieder hinein wollte, versperrte mir so ein schrankförmiger Zerberus den Weg, der der Ansicht war, ich müsste erst noch einmal Eintritt löhnen.
Nun, es war keine Disco, insofern fehlte mir der Stempel auf dem Handrücken als Nachweis. Beim Bezahlen hatte ich  noch nicht einmal eine Eintrittskarte erhalten.  Er war also der Meinung, ich wolle ihn behumpsen, und ich selbst hatte nicht die Absicht, ein zweites Mal ins Portemonnaie zu greifen.Wenn ihr nicht wollt… ich will auch nicht mehr! Sprach’s und ging heim. Kam auch  nie wieder – bis heute.
Der Markt ist mittlerweile eintrittsfrei, ich hatte Lust, die Gelegenheit war günstig, und somit betrat ich das Center.
Wer schon mal einen Antikmarkt besucht hat weiß, dass das Angebot meist aus Geschirr, Gläsern, Besteck, Büchern, Fotos, Spielsachen, Schmuck, Uhren, Kleidung, Kleinmöbeln, etc. besteht. Ein großer Teil der Stände wird regelmäßig von Fachleuten gestellt und betreut, von ebensolchen besucht, die ihre jeweiligen Sammlungen erweitern wollen oder von Laien, die sich dort fachlichen Rat holen, bevor sie einer neuen Sammelleidenschaft frönen.
Sich dort in die Nähe zu stellen und den Gesprächen unauffällig zu lauschen, ist äußerst lehrreich, spannend und auch kurzweilig. Warum? Die Leute sind einfach kreativ!
Man hört z. B. folgende Unterhaltung zwischen einem distinguiertem Verkäufer und einer Dame im besten Alter, die sich für ein Medaillon mit Edelsteinbesatz interessiert. Das gute Stück ist relativ groß, die Farben auffällig, denn große Rubine, kombiniert mit kleinen Achatsplittern –  das Ganze eingefasst in wulstigem Gold – sind mächtig, selbst im Dekolleté einer etwas üppigeren Dame. Entsprechend unsicher ist sie bezüglich Kauf- und Trageentscheidung – trotz ihrer Fachkenntnisse und ihres doch vorhandenen Mutes zum Schmuck XXL, was sich in großen, tropfenförmigen Massivohrringen äußert,  die ihre Läppchen dramatisch Richtung Schulter ziehen.
Sie, sich etwas zierend: „Ach, ich bin so unsicher, wirkt es nicht etwas überladen oder vielleicht protzig?“
Was soll ein Mensch, der verkaufen möchte, darauf antworten?
Klar, Sie haben vollkommen recht, das Teil erschlägt sie ja förmlich …? Nein, so kommt ja niemand auf den grünen Zweig.
Er also antwortet charmant säuselnd: „Ach, ich bitte Sie! Doch nicht bei Ihnen!“
Und dann kommt’s: „Allerdings müssen Sie  da natürlich  sehr reduziert gehen …!“
Bitte? Wie war das gerade?  REDUZIERT gehen? Stopp! Halt! Nicht! … Zu spät! Das Kopfkino ist bereits angesprungen. Ich sehe die Dame schrumpfen und als kleines Menschlein (reduziert) durch das Foyer der Oper rauschen.
Ich sehe sie im Schneckentempo, in Zeitlupe (reduziert) ein Restaurant durchqueren.
Ich sehe sie nur noch einmal pro Jahr (reduziert) das Haus verlassen …
Gewaltsam reiße ich mich los, höre aber noch den erklärenden Nachsatz des Standbetreibers, der in etwa aussagte: Tragen Sie ein schlichtes Kleid mit entsprechendem Ausschnitt, keinen weiteren Schmuck, Medaillon in die Mitte, Spot an … Tatarataaaa!

Antikramsch_Teil_2.MP3

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Gut, wir waren bei den Profiständen, nur –  jeder Markt wird sozusagen aufgestockt mit Ständen von Leuten, die anderes im Schilde führen. Menschen aus der Umgebung, die die Ankündigung vom Stattfinden des Marktes vernehmen, sich bei den  Organisatoren nach der Standmiete erkundigen, „och – jaaa…“ murmeln, dann ihren Dachboden entrümpeln und mit dem ganzen Ramsch dort auftauchen, um ihn als antik zu verkaufen. Ihnen schwebt zusätzlich vor, möglichst viel bare Münze dabei herausspringen zu lassen. Daher wird notfalls – zwecks Kundenüberzeugung zum Kauf –  auch ungeniert die Geschichte vom Pferd erzählt.
Zugute kommt ihnen nicht zuletzt die Tatsache, dass der Begriff ‚antik’ nicht so wirklich definiert ist – in Jahren. Bei Antiquitäten ist immer von einem Alter von mindestens 100 Jahren die Rede, bei Münzen, die als antik bezeichnet werden, ist es naturgemäß natürlich noch viel, viel länger. Aber so schlichtweg antik? Da gehen die Meinungen auseinander. Nun, diese Ausbeute bei der Dachbodenentrümpelung ist es in den seltensten Fällen, daher ist es für mich antiker Ramsch, kurz Antikramsch, falls ihr noch beim Titeldeuten gewesen seid… Manche sagen vielleicht auch Kramsch, wenn sie ihn nicht abkönnen auch Anti-Kramsch … ;)
Wenn ich solche Plätze besuche, richte ich mein Augenmerk daher nicht nur auf die Gegenstände, sondern auch auf die ‚Verkaufsgespräche’ solcher Händler.
Nehmen wir den Stand des Herrn, der auf einem edlen schwarzen Samttuch silberfarbene Besteckteile ausgebreitet hat. Suppenkellen, besondere Löffel, aber auch aus verschiedenen Besteckserien einfach Gabeln und Messer. Ein potentieller Kunde nähert sich. Sein Interesse konzentriert sich auf die Messer. Seine Frage an den Standbesitzer:
„Sagen Sie, diese Messer dort sind sicher aus massivem Silber? Bei dem Preis nehme ich das doch an …“
Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen:
„Ja, ja, klar doch, massiv Silber, natürlich …“
Auf Nachfrage wird dem Kunden erlaubt, die Teile auch in die Hand zu nehmen. Besagter Kunde dreht und wendet, fragt dann verwundert, wo sich denn der Stempel, die Prägung, befände. Der Verkäufer stutzt kurz und sucht eifrig mit. Seine Miene sagt: Mist, der hat Ahnung! Wie komme ich da wieder raus …?
„Oh, ich glaube, ich habe mich mit dem Stapel vertan. Das war der dahinter, oder warten Sie, nein, die habe ich vorhin schon verkauft …“
Hm, wirkt ja super überzeugend. Der Käufer bleibt ruhig, und im Endeffekt erhält er die Messer. Nur zahlt er jetzt nicht 19,50 € pro Stück, sondern 3,50 € mit Feilschen wie auf einem arabischen Basar und Mengenrabatt. Das Thema Massivsilber ist vom Tisch. Von wegen 925 Sterling Silber, das war mal gerade hauchdünn ‚silver plated’ …
Zwei seriöse Stände folgen, dann ein Schmuckverkäufer, der ausschließlich Silberringe anbietet. Antik, versteht sich. Die Ringe sind hübsch, wenn man den Stil mag und sucht, doch sind sie auch alt? Heutzutage kann man viel auf alt trimmen, das Silber anlaufen lassen, ein bisschen zusätzlich schwärzen, den Stil einer bestimmten Epoche imitieren. Alles gut, solange es als Replikat kenntlich gemacht wird und der Preis angemessen ist. Ich habe hier ganz massive Zweifel.
Unser ‚Antik’-Händler hat nämlich neben seinem Klappstuhl einen etwas größer aussehenden Aktenkoffer aus Aluminium, den er hin und wieder verstohlen öffnet. Er holt gelegentlich neue Ringe, um die Auslage wieder aufzufüllen. Eine Menge antike Ringe … Als er den Koffer weiter öffnet, vermutlich der Meinung unbeobachtet zu sein, sehe ich, dass die eine Seite eine komplette Werkzeugausrüstung enthält. Zangen in verschiedenen Größen, Metalldorne,  einen Mini-Schraubstock, Silberdraht, Lötpaste und einen Lötkolben. Nun frage ich euch: Wozu braucht das ein Mensch, der mit fertigen, antiken Ringen handelt?

Antikramsch_Teil_3.MP3

Listen on Posterous

Hierunter seht ihr ein Foto von verschiedenen Wandkaffeemühlen aus Keramik. Es ist gar nicht besonders umwerfend. Im Original sahen sie nach mehr aus. Doch die Geschichte um die Entstehung des Fotos ist folgende:

Wandkaffeemühlen auf dem Antik-Markt

Wandkaffemühlen

Ich komme an den besagten Tisch und frage – auch hier einen Herren – ob ich die Mühlen fotografieren darf. Er sagt ja. Daneben ist ein Stand mit Kruschtelkram. Spitzendecken, Spielzeug, Vasen. Offensichtlich wird dieser von seiner Frau oder Partnerin betreut. Sie bekommt die Unterhaltung mit. Ihre Antwort bezüglich des Fotos:
„Nein!“
Sie funkeln sich beide wütend an, ein Machtkampf beginnt. Ich biete an, später noch einmal vorbeizuschauen. Ich sage es nicht so deutlich, gemeint war, dass sie sich in der Zwischenzeit ja einigen können. Ein Blick zurück sagt mir, dass es offensichtlich sie ist, die sich durchgesetzt hat. Zehn Minuten später bin ich wieder in der Nähe, der Mann winkt mich heran. Ich könne jetzt schnell knipsen. Schnell? Oh, ich verstehe, sie ist gerade nicht da…. So hat auch er noch sein Erfolgserlebnis.
Und ihr habt das Bild.
Langsam reicht es mir auch mit Antikramsch, doch an einem Stand komme ich nicht ohne Stoppen vorbei. Ich sehe einen Garderobenständer, an dem Bügel mit Pelzmänteln, Echtfell, aufgehängt sind. Gepflegt, bestimmt auch gereinigt, trotzdem sichtbar älteren Datums.  Ich dachte ja, die wären glücklicherweise aus der Mode und verpönt. In Zeiten wirklich toller, luftiger, trotzdem wärmender und pflegeleichter Webpelze, kann man es sich doch wohl verkneifen, zwischen 20 und 28 Nerze zu killen, nur damit irgendjemand die Überreste der Leichen in Form eines Nerzmantels durch die Gegend trägt…  Sei nicht so streng, denke ich mir, diese existieren nun einmal und wollen schließlich nur den Besitzer wechseln.
Doch dann sehe ich den zweiten Ständer dahinter. Ausschließlich schokoladenbraune Fellwesten, auch echt und eindeutig neu. Man behauptet auch gar nicht sie wären antik. Am unteren Abschlusssaum haben sie rundherum „Troddeln“ hängen. So sieht es auf den ersten Blick aus.  Etwas dichter halte ich es für Mini-Fuchsschwänze und noch dichter wirkt es wie die Pfoten und Klauen, die manche Frauen früher an ihrem Fuchsfellkragen baumeln hatten.
Gräulich! Also im Sinn von gruselig, abstoßend, unterirdisch. Nicht im Sinn von grau-ähnlich. (Ich habe gerade gesehen, der Duden erlaubt auch die Schreibform ‚greulich’, was in diesem Fall eindeutiger wäre). Dass Geschmäcker verschieden sind, erkenne ich daran, dass eine Dame meines Alters entzückt ist und gerne eine der Westen anprobieren möchte. Ihr wird es gestattet, und sie zieht die Weste erfreut vom Bügel. Dann kommt ganz entsetzt:
„Die sind ja gar nicht gefüttert!“
Stimmt, innen ist nur gegerbtes Leder, die normale ‚Rückseite’ eben. Wutentbrannt will sie den Bügel wieder an den Ständer hängen.
„Moment“, stoppt sie daraufhin die sorgfältig zurechtgestylte, gut gebräunte, etwa 60jährige Dame vom Stand, „das ist doch jetzt Mode! Das ist in!!“
Dann erfahre ich zu meiner größten Verblüffung, dass dieser Trend von Ibiza kommt, mittlerweile nach Mallorca überschwappte und das Nichtfüttern folgenden Hintergrund hat: Aufgepasst! Zitat: „Man füttert diese Westen nicht, weil die Inselbewohner sie dort im Sommer tragen!“
Aha, Fell im Sommer. Und es ist nicht das Fell, das wärmt, sondern es ist selbstverständlich der hauchdünne Satin-Futterstoff, der einen vor Schwitzen umkommen lässt! Kopfkino an: Strandpromenade. Eine Badenixe mit männerfreundlichen Maßen. Barfüßig, bestenfalls ein Kettchen um den Fuß und eine kleine Tätowierung über dem Knöchel, dann lange Beine, einen Stringtanga und dazu – ja, was denn auch sonst! – eine Fellweste mit Troddeln.
Oh, mich schafft so ein Antikmarkt! Mehr als ein- bis zweimal pro Jahr überlebe ich das nicht. Noch schnell ein Foto zur Beruhigung:

Silberschmuck auf dem Antikmarkt

Silberschmuck

Liebe Leser, es hat mich trotzdem verfolgt! Es hätte nicht viel gefehlt, und die Fellweste wäre in meine Träume eingezogen. Seid so gut und stellt bitte meinen Seelenfrieden wieder her: Kann das sein?
Irgendjemand von euch war doch bestimmt auf Ibiza oder zumindest auf Mallorca. Seid ihr im Sommer einem fellbekleideten Mallorquiner begegnet?  Klärt mich bitte auf!
Zum Abschluss noch schnell das Fazit meines Besuchs: Manche Standbetreiber waren entschieden antiker als ihre Ware …

PS: An der Ampel auf dem Nachhauseweg warte ich mit einem Pärchen auf die Grünphase. Sie zu ihm:
„Also, weißt du, auf so einem Antikmarkt ist aber auch überhaupt nichts los!“
An dieser Stelle bekam die Verfasserin dieses Berichts leichte Schnappatmung …

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