Die Sache im Watt

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„Guten Tag, mein Name ist Hasenbank, ich rufe Sie an, weil …“
Mit diesen Worten  leitete heute ein Kunde das Telefongespräch ein, bevor er mir sein Anliegen schilderte.
Hasenbank …
Den Namen habe ich seit so vielen Jahren nicht mehr gehört.
Ob er wohl auch Detlef heißt?
Mir lag die Frage auf den Lippen. Sie ließ sich gerade noch unterdrücken. Während ich zuhörte, formten sich die nächsten Fragen:
Ob…?
Im Büro blieb mir keine Zeit für weitere Überlegungen, doch als ich in meinem Auto saß und mich auf der Heimfahrt befand, setzte das Gedankenkarussell wieder ein.

Er hatte immer mit seiner Hand über seinen weichen Vollbart gestrichen, um ihn in Form zu striegeln.
Er hatte vorzugsweise graue Jacketts getragen, dafür aber Hosen in abenteuerlichen Farben damit kombiniert.
Er nestelte häufig am silberfarbenen Gestell seiner eher unauffälligen Brille.
Er fuhr einen Uralt-Volvo, rauchte stark (also er selbst, nicht der Volvo), war Junggeselle, der trotz seines Alters von 42 Jahren noch bei Mama wohnte, und er hörte nur, wenn er etwas hören wollte.
Herr Hasenbank, Detlef Hasenbank, seinerseits Biologielehrer am Gymnasium, das ich besuchte, und in der siebten Klasse mein bzw. unser Klassenlehrer.
Er war nicht ganz einfach, doch er schien uns irgendwie zu mögen, was man nicht von allen Lehrern behaupten konnte. Nach Anfangs-, Gewöhnungs- und Verständnisproblemen lief es erstaunlich gut, und wir stellten irgendwann überrascht fest, dass wir ihn auch mochten.
Seine Einführung war polterig gewesen, seine Miene nicht so leicht zu durchschauen. Alles nur Maskerade, Show …
Er war doch anders.
Ihm war es dann vergönnt, mit uns auf Klassenreise zu fahren. Er stöhnte vorweg ziemlich herum, was aber gespielt war, wie wir inzwischen wussten. Er stieß absurde Drohungen aus, was passieren würde, wenn wir uns nicht ordentlich benähmen und musste dann sehen, dass er nicht selber darüber grinste. Sein Prinzip war höchstwahrscheinlich: wir starten mit schlimmsten Befürchtungen, erwarten nichts und lassen uns dann angenehm überraschen. Völlig in Ordnung und alles um Weltklassen besser, als den Herumsäuseler zu spielen, den tollen Kumpel, der sich dann später als unberechenbarer Drachen entpuppte.

Sommer. Es konnte losgehen. Zehn Tage Aufenthalt in einer Jugendherberge in Nieblum auf Föhr. Ich habe gar nicht mehr so viel davon in Erinnerung, nur dass wir immer hungrig vom Essen kamen und anschließend in der freien Zeit, der Mittagspause, eine Bäckerei aufsuchten, um den Magen noch etwas aufzufüllen.
Es lief ganz gut, für unseren Geschmack wurde zwar zuviel gewandert, aber ich schiebe das auf das typische Ungern-Wandern-Wollen-Alter.
Zwei 13jährige kloppten sich um ein Mädchen, der eine musste genäht werden, beide wurden abgeholt von ihren Eltern. Schluss mit Klassenreise.
Der Rest plante am vorletzten Tag eine Wattwanderung von Föhr nach Amrum, auf die Nachbarinsel. Während der Ebbe ist dies möglich. Es sind so um die acht Kilometer Strecke.
Gestartet wird ab Dunsum auf Föhr, und je nach persönlicher Kondition, dauert es laut Ankündigung ca.  2 ½ Stunden, bis man – an einem Schiffswrack vorbei, durch einen Priel watend – Amrum erreicht.
Ich konnte nie prüfen, ob die Dauer stimmt und sah auch nicht das Schiffswrack, denn es kam alles ein bisschen anders als gedacht …

Herr Hasenbank hatte als Biologie-Lehrer vorweg Kontakt aufgenommen zu einem Bekannten, der wiederum einen Wattführer auf Föhr wusste, der solche Touren leitete. Es wird immer darauf hingewiesen, diese Wanderungen nur mit Wattführer zu unternehmen.
Im letzten Moment war der Wattführer verhindert, und der ortsansässige Bekannte überredete wohl unseren Lehrer, die Tour trotzdem zu machen. Er hatte Kartenmaterial, hatte die Strecke schon oft belaufen und beschrieb sie als einfach und ungefährlich. Wie es so ist, auch er selbst hatte keine Zeit, und im Endeffekt liefen wir mit Herrn Hasenbank allein ins Watt.
Mir war später nie klar, ob er sich keine Gedanken gemacht hatte, ob er so blauäugig gewesen war, was ihn geritten haben mag …Vielleicht wollte er einfach nur nicht, dass diese Wattwanderung für uns ausfiel.
Wir marschierten los. Kühler Tag. Grauer Himmel. Er vorneweg mit Karte in der Hand. Selbst einen Kompass hatte er dabei!
Ich sehe ihn noch vor mir, wie er da stand mit seinen hochgekrempelten grünen Hosen und über seinen Bart strich. Der Seewind verwuschelte seine Haare, so dass sie über die Brillengläser fielen wie Gardinen und ihm die Sicht versperrten. Alle fünf Sekunden wischte er sie mit seiner Hand wieder zurück, starrte auf die Karte und murmelte etwas von:
„Genau, hier entlang …“
Wir waren eine Stunde unterwegs, als der Boden immer matschiger wurde. Wir sackten etwas ein. Aus dem etwas einsacken wurde ein immer mehr versinken. Den ersten, und ich gestehe auch mir, wurde unbehaglich.
„Herr Hasenbank, ich stecke fest!“, kam der klägliche Ruf von einer Mitschülerin zu meiner Rechten. Ihr wurde geholfen, aber uns alle beschlich ein mulmiges Gefühl. Bis zum Knie waren alle seit geraumer Zeit am Kämpfen, als Stefan aufschrie: „Ich sack‘ weg! Ich sack‘ weg!“
Nachdem er sich selbst aus dem saugenden Schlick freigemacht hatte, kämpfte sich unser Lehrer zu ihm durch, griff ihn unter den Schultern und zog wie ein Verrückter. Andere kamen zu Hilfe, verschwanden jedoch auch schon wieder gefährlich im Morast. Gemeinschaftlich schafften wir es, ihn frei zu bekommen.
Unser Lehrer wirkte  nicht panisch, aber er war weiß wie eine Wand. Er schaute sich um. Es sah so aus, als wäre das Watt weiter links von uns heller und trockener. Er drängte uns dorthin.
Danach folgte die Lagebesprechung. Er sagte klipp und klar, dass wir offensichtlich von dem üblichen Weg abgekommen wären. Wir sollten alle zusammen hier bleiben, wo es momentan sicherer wirkte. Er hatte in größerem Abstand von uns sich bewegende bunte Punkte im Watt entdeckt, die wohl eine weitere Wattwandergruppe bedeuteten. Er  sagte, wir würden uns an denen orientieren, und alle sollten  ordentlich Lärm machen und winken. Denn diese Gruppe hätte mit Sicherheit einen richtigen Wattführer, der Hilfe veranlassen würde.
Wir brüllten, was das Zeug hielt.
Keiner von uns wollte erleben, wollte hier noch stehen, wenn das Wasser zurückkäme …

Zuerst schien sich gar nichts so tun. Keine Reaktion.
Dann löste sich auf einmal ein gelber Punkt aus der anderen Gruppe und machte weit ausschwenkende Bewegungen mit den Armen. Von uns Schülern wusste keiner, was es zu bedeuten hatte, aber es war jemand aufmerksam geworden. Dann blinkte ein Licht. Egal, ob es von einer Taschenlampe war oder von einem Spiegel, der Sonne einfing – der gelbe Punkt versuchte, auf diese Art irgendeine Botschaft zu übermitteln.
Wir hatten ein Riesenglück, dass unser Lehrer diese Zeichen verstand. Es hieß soviel wie: Hilfe ist unterwegs, warten, zusammenbleiben …

Es hatte wohl keine halbe Stunde gedauert, als zwei Personen mit  merkwürdigen Fahrzeugen über den Wattboden fegten. Sie peilten zuerst die andere Gruppe an, und bewegten sich danach langsam auf uns zu. Wir wurden nach und nach eingesammelt und zur anderen Gruppe gebracht. Einige von uns, die vorher schon bis zu den Oberschenkeln im Schlamm festgesessen hatten, waren auf einmal am Zittern, die Kräfte verließen sie, und nach der Rettung strömten nicht nur bei einem die ersten Tränen der Erleichterung.
Wir bekamen alle eine kräftige Standpauke, und am heftigsten fiel natürlich das Zurechtweisen unseres Biologie-Lehrers aus.
Wie hatte er nur so etwas riskieren können…?

Da die Rückfahrt sowieso für den kommenden Tag geplant war, wurden die Eltern erst nach der Ankunft zu Hause von den Vorkommnissen informiert. Er schlug sehr hohe Wellen. Man forderte ein Disziplinarverfahren, zu dem es auch kam. Es war wohl notwendig, wenn man bedenkt, was hätte passieren können – nur damals sahen wir es anders…
Wir gaben irgendwie nicht ihm die Schuld. Er hatte für unsere Rettung alles getan, war hinterher eingeknickt und eine Zeitlang nur ein Schatten seiner selbst.
Uns hätte das gereicht.
Er blieb zwar an der Schule, bekam aber eine andere Klasse, durfte keine Klassenreisen und Ausflüge mehr leiten, wurde bei vielem übergangen.
Er war nie wieder der Alte.
Irgendwann hieß es, er wäre krank und würde länger fehlen …

In der Zwischenzeit endete meine Schulzeit, und erst sehr viele Jahre später erfuhr ich von einem ehemaligen Klassenkameraden, dass er zwei Jahre nach unserer Schulentlassung an Lungenkrebs starb.

Detlef Hasenbank, Sie waren trotz allem ein guter Lehrer.

©Januar 2011 by Michèle Legrand

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  1. #1 von Christiane Quenel am 17/01/2011 - 18:50

    ’nabend,diese Geschichte gefällt mir sehr gut. Und ich klicke jetzt sicherlich häufiger dieses Blog an. Alles erdenklich Gute, selbstverständlich auch beim Bloggen!Liebe GrüßeLeselöwin44 (Christiane)

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  2. #2 von theladyfromhamburg am 17/01/2011 - 19:19

    Liebe Christiane, ich freue mich, dich hier als Gast auf meiner Seite zu sehen und noch mehr, wenn es dir auch gefällt. Auch für dich alles Gute und dann hoffentlich bis bald. Lieben Gruß zurück.Michèle

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