Der Stoff, aus dem die Daily Soaps gemacht werden?

Einkaufen am Vormittag des 8. Januars.
Es ist Sonnabend, und der Ort des Geschehens ein ganz gewöhnliches Einkaufszentrum im östlichen Teil der Stadt Hamburg. Es spielen sich interessante Szenen ab an diesem Tag und seitdem glaube ich: Dies ist der Platz, an dem im Kopf irgendeines Machers eine neue Daily Soap entstehen könnte.
Kann ich das einfach so behaupten? So ohne Daily Soap Erfahrung?
Vielleicht vermessen, dennoch,  ich bin felsenfest überzeugt:
Hier ist das Urmaterial, aus dem die Fortsetzungsgeschichten im Fernsehen gemacht werden!
Hier wartet der Grundstoff, der danach allerdings noch genüsslich aufbereitet wird mit „Drama, Baby, Drama …
Genau, den Bruce habe sogar ich gesehen – als meine Tochter noch zu Hause wohnte.
Ich habe genau EINE Staffel von diesem Top-Model-Gesuche mitbekommen, nicht vollständig, aber dass „das Handetasche auch leben musse“, ist selbst mir jetzt sonnenklar – unauslöschlich!
Tja, diese Sendung ist noch nicht einmal eine Daily Soap … Ich kam auch nur durch den Darnell’schen Drama-Klassiker darauf.

Daily Soaps oder Seifenopern.
Das sind meist werktägliche, melodramatische und kommerzielle Endlosserien. Es ist eine Inszenierung des Alltags, ein Einsetzen stereotyper Charaktere und der unvermeidbare Einbau eines Cliffhangers, der den Zuschauer bei der Stange hält, ihn süchtig macht! Süchtig danach weiterzuschauen, zu erfahren, wie alles ausgeht.
Nur gibt es nie ein Ende!
Dieses scheinbar so geniale Konzept, verfängt sich bei mir leider nur sehr unzufriedenstellend. Der Inhalt dieser Geschichten fesselt mich nicht sonderlich, und mir ist einfach die Zeit zu schade! Es gibt so viel anderes, was Vorrang hat. Ich lebe nicht ewig.
Wenn ich bisher Gespräche über diese Art Fernsehprogramm mitbekam, fragte ich mich ein ums andere Mal, aus welchem schier unerschöpflichen Reservoir die Drehbuchschreiber bloß ihren ganzen Stoff nehmen, und wie sie überhaupt darauf kommen!

Es ist nun nicht so, dass ich gar keine Fantasie habe, aber auf teilweise – so schien es mir – sehr absurde Sachen zu kommen, verlangt schon ein arg schräges Vorstellungsvermögen. Bis heute ist es mir auch ein absolutes Rätsel, wie es möglich ist, mit hundertmal durchgekauten Sachen und einem Einheitsblick der Darsteller, immer noch ein Massenpublikum zu fesseln.
Das war alles vor heute.
Heute war ich nur Besorgungen machen.
Einkäufe erledigen. Mehr nicht.
Einzige Besonderheit: es war sehr mild geworden. Die Temperatur stieg im Laufe des Tages auf +10° Celsius. Das hiesige Einkaufszentrum hatte jedoch allem Anschein nach die Heizung noch auf sibirischen Frost eingestellt. Die Folge war verheerend. Die Menschen schlurften in sich zusammengesunken durch die Gänge, die Blicke erschöpft bis genervt, die Wangen eingefallen.
Die Erinnerung an Nomaden der Wüste kam in mir hoch. Nein, Nomaden ist nicht richtig! Eher Beduinen, die sind es, glaube ich, die dunkle Gewänder tragen. Hellhäutige, schwarzbemantelte Beduinen bei Karstadt, mit ausgezehrten, durstigen, starren Augen.
Menschen, die sich statt auf das Kamel auf die nächste Rolltreppe hieven.
Menschen, die – so einer Situation ganz brutal ausgesetzt – höchst unterschiedlich reagieren.
Sie meckern oder sie schweigen, sie werden hektisch, oder sie werden apathisch. Sie rennen los, oder sie bleiben abrupt stehen. Die Geduldsspanne ist reduziert. Statt ausführlicher Sätze folgt ein Stakkato abgehackter Wortaneinanderreihungen.
Reduzierte Merkfähigkeit, verlangsamte Reaktion, unberechenbares Handeln.
Streitsucht! Je nach Veranlagung und Charakter.
Das Klügste, was sie (diese Menschen und ich in diesem Moment) oder möglicherweise auch Sie  tun können, ist, in dieser wirklich unerträglich heißen Umgebung auf die Suche nach einer Oase zu gehen.
Zunächst ein Plätzchen im Schatten, dazu eine Erfrischung,  dann ein Lockern der Kleidung und endlich die Erholung und Wiederbelebung.

Übertragen auf das Einkaufszentrum schwebt mir eine kleine Pause plus Getränk vor, ein Stopp am Eiscafé, ein Hinsetzen auf einer der Bänke verbunden mit einer Kleidungsreduzierung, einem Wintermantel-Wegwurf.
Alternativ denke ich an einen Flashmob, bei dem alle „Probier’s mal mit Gemütlichkeit“ darbieten oder das Center-Management über die Lautsprecher statt Auto-Falschparker-Suchmeldungen Musiktitel à la „Eiszeit“ oder „Ich friere“ laufen lässt.

Was passiert stattdessen?
Beobachtungen eines Vormittags:
Am Stand der Bäckerei wartet eine lange Schlange. Dichtaufrücker schnaufen und pusten unangenehm feuchte und verbrauchte Atemluft von hinten. Selbst die Luft anzuhalten, nur vorsichtig einzuatmen ist meine Reaktion. Es geht gut, bis der Hintermann mich mahnt aufzurücken.
Nein, mein Guter, den  Luftraum  bis zum Vordermann, diese 20 cm,  brauche ich nun doch zum Überleben!
Ich schicke ein  strahlendes Lächeln nach hinten, rücke aber keinen Zentimeter vor. Das hilft im Moment. Mein Lächeln hat erfolgreich abgelenkt. Er ist noch damit beschäftigt, es zu verarbeiten.
Die Ruhe währt nur ein kurzes Weilchen, dann wird es vor mir kritisch. Der Kampf um den letzten Berliner mit Apfelfüllung hat eingesetzt. Zwei Damen älteren Jahrgangs kommen sich ins Gehege. Die junge Verkäuferin steht hilflos dazwischen und sieht so aus, als möchte sie am liebsten alles hinwerfen. Wie kleine Kinder zanken die Ladies um das Recht des letzten Apfelballens.
Diskussion, wer zuerst da war.
Punkt für Dame Nr. 1 in der Schlange.
Diskussion, wer den Berliner zuerst genannt hat.
Punkt für Dame Nr. 2 und Gleichstand.
Das kann noch eine Weile dauern.
Einem Herrn wird’s zu bunt. Er bemerkt treffend, aber uncharmant, dass beide eigentlich keinen mehr essen dürften (Übergewicht). Das sitzt. Die Folge, die eine kreischt, sie verbitte sich so etwas, kauft aber gar nichts mehr. Die andere ordert nun Mehrkornbrötchen.  Der Berliner liegt indes verwaist auf dem Tablett. Mein Nackenpuster hinter mir ist so fasziniert, dass er sogar Abstand zu mir einhält.
Ich finde, mit dem Resultat lässt es sich leben!

= Der Stoff für eine Daily Soap – Klappe 1 –  Ein Quantum Zoff

Am Tresen des Geflügelhändlers.
Die Schlange ist verhältnismäßig kurz heute.
Eine Auswirkung des jüngsten Dioxin-Futtermittel-Skandals?
Oh ja, sicher, man redet bereits darüber. Wie oft die Angestellten wohl an einem Tag diese Erklärungen abgeben müssen?
„Nein, wir beziehen unser Futter aus einer anderen Quelle. Unsere Eier und unser Fleisch sind nicht betroffen.“
Der nächste Kunde kommt.
„Ist Dioxin in ihren Eiern?“
„Nein, wir beziehen unsere …“
„Ist das sicher? Wer garantiert mir das?“
Das Personal weist auf einen Ausdruck im DIN A4 Format. Eine Erklärung eben dieser Umstände plus ein Verweis auf jüngste negative Testergebnisse.
„Und wer sagt mir, dass das stimmt?“

Ich glaube, dass kann hier heute noch etwas länger dauern …
Doch auch hier verkürzt eine Dame im Fellmantel die Plauderstunde. Sie ist größer als der unentschlossene Kunde vor ihr. Ihre Haltung hat etwas leicht Bedrohliches und in der Art, wie eine Schlange plötzlich die Zunge hervorschnellen lässt, kommt zischend die Frage:
„Wollen Sie den Einkauf jetzt riskieren oder nicht?“
Ein empörtes: „Sie …!“ folgt.  Danach versagt die Stimme.
Mit Schlangen legt man sich auch nicht an. Ein lahmer Zeigefinger weist nur noch in Richtung Eier, Größe M.
„Sollen es die jetzt sein?“ fragt die Verkäuferin hoffnungsfroh.
Es folgt die Andeutung eines Kopfnickens.

= Der Stoff für eine Daily Soap – Klappe 2 – Kleingekriegt

Am Fischstand steht nur ein Schlängchen, aber der Herr vor mir hat eine lange Einkaufsliste. Ich warte mit Blick auf den Bereich, in dem der Chinese (oder Vietnamese?) Essen ausgibt. Proppevoll ist es dort, frühes Mittagessen, die Hungrigen drängeln sich  auf den wenigen vorhandenen Barhockern.
Ein Pärchen speist. Er scheint sehr bewegungsfreudig, erzählt lebhaft und gestikuliert dabei wild mit Händen und Füßen. Joe Cocker auf dem Hocker.
DA! Jetzt ist es passiert!
Er rutscht seitlich vom hohen Ross. Sie lacht herzhaft. Er grinst verlegen …

= Der Stoff für eine Daily Soap – Klappe 3 – Ein Quantum Komik

Die nächsten zwei Halts verlaufen ohne weitere Vorkommnisse.

= Der Stoff für eine Daily Soap – Klappe 4 – Ein Quantum Normalität/Alltag

Ich setze meinen Weg fort und begebe mich per Rolltreppe ein Stockwerk hinauf. Je höher ich komme, desto lauter werden die Stimmen.
„ … das musst du gerade sagen, du brauchst doch immer so lange!“ erschallt eine männliche Stimme.
„Ich habe jetzt eine Viertelstunde hier auf dich gewartet, aber du kommst nicht! Der Herr hat ein Handy, aber nein, warum auch Bescheid sagen?? Ist ja nur die olle Freundin, die wartet! Was hat das damit zu tun, dass ich angeblich lange brauche? Ich war da!! Du nicht!“
Das war – unschwer an der Länge der Antwort zu erkennen – ein weibliches Wesen, die Freundin.
Der so zusammenfaltete Herr kontert:
„Wenn wir uns verabreden, kommst du immer später! Jetzt gehe ich einmal davon aus, um nicht immer rumzustehen, was machst du? Kommst pünktlich!“
Er ist entrüstet. Darüber, dass sie so unberechenbar ist. Darüber, dass sie ihm jetzt auch noch Vorhaltungen macht.
Ist doch ihre Schuld!!
Was kommt sie pünktlich …!

Es würde auffallen, wenn ich noch länger dort stehe und zuhöre. Mich entfernend, taucht ganz langsam und verschwommen wie aus dem Nebel der Gedanke auf, dass dies wohl die Themen sind, die Daily Soaps ausmachen…

= Der Stoff für eine Daily Soap  – Klappe 5 – Beziehungskrisen

Als nächstes passiere ich den Steffi-Moden Shop. Mode, etwas ausgefallener. Man versucht, sich ein bisschen von den anderen Bekleidungsgeschäften abzuheben.
Manchmal ist auch die Schaufensterdekoration auffällig. Einiges fand ich gut, einiges weniger. Neulich hatte ein Teil der Puppen goldenes Lametta anstelle einer Perücke auf dem Kopf.
Heute hingegen …
Nun, das kommentierten zwei etwa sechsjährige davorstehende Jungen, während ihre Mamas bei Tamaris gegenüber dem Schuhkauf nachgingen, so:
„Guck mal, die da …!“
„Was soll das denn?“
Erstaunen und Gekicher. Der eine Junge ruft quer über den Gang:
„Mama, warum ham die alle hier Papiertüten aufgekriegt?“
„Was ist?“ fragt irritiert die Angesprochene und schaut von den neuen Stiefeln hoch.
„Na, die Puppen! Die ham alle ne Tüte aufm Kopf! Das sieht doch doof aus!“

Stimmt, das sieht sehr … merkwürdig aus.

= Der Stoff für eine Daily Soap – Klappe 6 – Kindermund

Ich bin auf dem Weg zum Eiscafé. Meine Besorgungen sind so weit erledigt, mein Bedürfnis nach etwas Rast und Erquickung enorm. Schnell noch  Görtz 17 passieren. Dort hat man heute einen DJ engagiert, feiert irgendetwas. Der Bass wummert, dass mir die Knochen vibrieren.
Ihr Lieben, damit vertreibt ihr mich eher …

= Der Stoff für eine Daily Soap – Klappe 7 – Ein Quantum „Wir sind yeah!“

Mein Stammplatz ist frei, aber unbekannt die Bedienung. Es sind gleich mehrere neue Gesichter da, wie ich bemerke. Schade, ich hätte gern Anna Hallo gesagt. Meines Mantels habe ich mich entledigt, der Schal folgt. Der Caffè Latte wird serviert, mein Notizblock liegt neben mir, doch mich überkommt für einen Moment der Wunsch, einfach nur die Augen zu schließen und Luft zu holen.
Gefühlt, getan.
Dieses Gewusel, die Wärme heute, latent diese Aggressivität in der Luft. Anstrengend, obwohl man selbst gar nicht viel tut oder körperlich astet!
Irgendetwas berührt meinen linken Fuß. Ich öffne die Augen. Ein langhaariger Hund mittlerer Größe steht vor mir. An der Leine zwar, doch ich kann noch nicht sehen, wohin sie führt. Es scheint eine dieser ausfahrbaren Hundeleinen zu sein. Das Tier schaut mich abwartend an, so als wollte es sagen:
Na du, habe ich dich wach bekommen? Du wolltest doch wohl hier nicht etwa einschlafen …!
Ich erzähle ihm: „Nicht schlafen, mein Freund, aber Ruhe haben. Du siehst aus, als könntest du sie auch vertragen.“
Sein Schwanz ist eingekniffen, die Zunge hängt hechelnd heraus. Vielleicht wäre er über Wasser froh, zumal er seine Kleidung nicht ablegen kann. Inzwischen hat ein jüngerer Mann, der sich als sein Herrchen entpuppt, bemerkt, dass sich sein tierischer Partner nicht mehr bei ihm befindet.
„Rolf, komm wieder her!“
Er zieht etwas an der Leine. Rolf dreht sich genervt zu ihm um. Wenn Tiere doch reden könnten.
Siehst du nicht, dass ich mich gerade unterhalte? wäre jetzt von ihm gekommen.
Genauso hat er geguckt!
„Ihr Hund stört mich nicht. Er hat sich bisher sehr gut benommen.“
Als hätte er es verstanden, legt er sich hin, die Schnauze teils zwischen, teils auf die Pfoten gebettet.
Irgendwie beruhigend. Er bleibt, bis der junge Mann sich zum Gehen rüstet. Rolf erhebt sich seufzend, schüttelt sich durch, wedelt mir noch einmal freundlich zu und zieht von dannen.

= Der Stoff für eine Daily Soap – Klappe 8 – Das unvermeidbare Quantum Tier

Auch ich trete den Heimweg an. Doch, jetzt kann ich mir besser vorstellern, wie derartiger Stoff zusammenkommt. Ein routinierter Daily Soap Schreiber würde aus diesem Material die Drehbücher für mindestens eine Woche machen.
Und für die Woche drauf das Ganze vermutlich noch einmal durchkauen …

Der Cliffhanger wäre das Paar an der Rolltreppe, das sich theatralisch vorwirft, dass alles doch so keinen Sinn hat. Er würde sie stehenlassen, die Rolltreppe betreten und nicht bemerken, dass sich sein langer Schal in einer der Stufen verfängt. Man sähe noch, wie der Wollstrang straffer und straffer werden würde. Kurz vor der Strangulation käme die Stimme aus dem Off:
Wird Uwe es überleben?
Wird Petra sich von ihm trennen?
Schalten Sie wieder ein, wenn es heißt:

                   „Das Center am Rande der Stadt“

Täglich nur bei uns (hier folgt der Sender). Kleine und große Dramen – und du mittendrin!
Nicht verpassen! Schalt ein, immer um 18.10 h
(die Musik schwillt an)

Nein, ohne mich!  Oder, einen Moment … Sollte es einen Gastauftritt von Dr. House  geben, könnte man in diesem einen Ausnahmefall  doch mit mir rechnen.
Ich sehe ihn schon mit zum Wandsbeker Krankenhaus fahren – und zwar nachdem er im Einkaufszentrum eine attraktive Douglas-Parfümerie-Verkäuferin mit einer zweckentfremdeten Wimpernformzange notbehandelt hat.
Er wird sagen: „Sie lügt.“
(Das ist nicht weiter schlimm, weil jeder Mensch lügt …)
„Untersucht ihre Wohnung. Bringt sie in die Klinik und macht ein MRT. Wahrscheinlich ist es Lupus.“ Es ist irgendwie immer Lupus …

©Januar 2011 by Michèle Legrand

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