… wenn du in keine Sta(r)tistik passt

Den Inhalt von gut sieben gefüllten Paletten, nämlich 212 Eier, isst – statistisch gesehen – der deutsche Bundesbürger pro Jahr. Dazu, danach oder davor im Jahr im Durchschnitt 7,7 kg Eis (2009). Rein gewichtsmäßig mehr Eis als Nudeln, denn dort sagt die Auswertung, es wären 7 kg mit steigender Tendenz.
Es geht mir hier nicht um die Ermittlung, ob dieser Verzehr gesund ist, wie er sich möglicherweise auf den Cholesterinspiegel auswirkt o. ä. Mir geht es schlichtweg um Statistik.
Sie ist keine Erfindung der Neuzeit. Sie ist eine Wissenschaft für sich. Sie ist ein Marketinginstrument. Ja? Oder was ist das genau …
Eine kurze Hintergrundinformation vorweg, bevor es lockerer zugeht. Statistik ist:
Eine wissenschaftliche Disziplin, deren Gegenstand die Entwicklung und Anwendung formaler Methoden zur Gewinnung, Beschreibung und Analyse sowie zur Beurteilung quantitativer Beobachtungen (Daten) ist.
(F. Vogel: Beschreibende und Schließende Statistik; Oldenbourg; München, Wien, 6. Aufl; 1997)
Eine Wissenschaft zur quantitativen Erfassung und überschaubaren Aufbereitung von massenhaft auftretenden Einzelerscheinungen.
(K. Wehrt: Beschreibende Statistik: Eine Einführung; Campus-Verlag; Frankfurt; 1985)
Eine Zusammenfassung von Methoden, die uns erlauben, vernünftige, optimale Entscheidungen im Falle von Ungewissheit zu treffen.
(A. Wald)
Prima.
Und was bedeutet dies im Alltag? Wo wird es wirklich angewandt? Wie hieß es gleich noch: Quantitative Erfassung? Ungewissheits-Bekämpfung? Wo möchte man sich denn die Wahrscheinlichkeit erfassen/errechnen (oder ausdenken?) lassen? Wo sollen die erfassten Einzelbeobachtungen zu Prognosen umgewandelt werden? Für wen? Welches sind die Anwendungsgebiete?

Es wird in der Medizin/Pharmazie genutzt z. B. bei experimentellen Untersuchungen neuer Stoffe vor der Anwendung, bei der Prüfung von Verträglichkeit, Wirkung, etc.
Die Technik nutzt es. Hier geht es um Zuverlässigkeit und eine Lebensdaueranalyse von Systemen, Maschinen, usw.
Ein weiteres Gebiet ist die Wirtschaft mit vielen Anwendungsmöglichkeiten, von der Marktforschung, wenn es um die Einführung eines neuen Produkts geht, bis zur Erhebung und Analyse verschiedenster Maßzahlen, die als Basis für strategische Entscheidungen in Unternehmen dienen.
Und natürlich wird es in der Naturwissenschaft genutzt.
Nun genug des trockenen Stoffes. Zum einen, weil ich kein Statistiker bin, mir also das tiefergehende Wissen fehlt, zum anderen möchte ich gleich gern noch auf einen ganz anderen Punkt hinaus …

Statistiken haben sicher ihre Berechtigung und ihren Nutzen, wenn es um Datenerfassung generell geht, erleichtern grundsätzlich eine Analyse und oft die Planung (z. B. in der Produktion, wenn statistische Werte über den Absatz in einer bestimmten Region oder in einem bestimmten wiederkehrenden Zeitraum/Rhythmus vorliegen). Es gibt mit Sicherheit sehr viele Argumente, die die Existenzberechtigung und den Sinn der Statistik belegen, gerade mit Hinblick auf die o. g Anwendungsgebiete.
Was mich sehr beschäftigt und regelmäßig stark verblüfft, sind statistische Werte, wie sie gelegentlich in den Zeitungen publiziert werden, und wie ich sie zu Beginn erwähnte. Zahlen zu Dingen und Gegenständen aus dem Alltag, Verbrauchsangaben und hier speziell die Umrechnung auf den pro Kopf Anteil. PRO KOPF!
Ich lasse mich gern eines Besseren belehren, aber ich frage ganz ernsthaft: Was oder wem nützt denn diese Angabe? Objektiv betrachtet zeigt sie uns zunächst einmal, dass derjenige, der diese Zahlen aufgelistet hat, offensichtlich des Dividierens mächtig ist. Er kann den Gesamtwert durch eine gewisse Anzahl von Personen teilen. Nur darüber hinaus … ?
Was bringt es zu wissen, dass die deutsche Frau ca. 1,4 Kinder bekommt? Die Statistik erfasst die Gesamtgeburtenzahl. Das ist hilfreich und sinnvoll für die weitere Planung. Es liefert Anhaltspunkte, wenn es um die Unterstützung von Familien geht oder um den Kinderhortplatzbedarf, den Schulanfängerandrang, die Lehrerplanung, um eine Kostenumfangsermittlung, etc. Aber 1,4 Kinder pro Frau! Hat wirklich jemals irgendwer 0,4 Kind gesehen?
Geld- und Sachvermögen hat jeder Deutsche im Durchschnitt in Höhe von 88.000 €. (Bericht DIW, Berlin – 18.01.2010). Pro Kopf gerechnet ist also jeder ziemlich reich.
Dazu ein Zitat von Franklin D. Roosevelt, weil es gerade so schön passt:
„Ich stehe Statistiken etwas skeptisch gegenüber. Denn laut Statistik haben ein Millionär und ein armer Kerl jeder eine halbe Million.”
Für mich heißt dieses Jonglieren mit Zahlen und Ermitteln von Durchschnitten oftmals ein Verschleiern, Vertuschen, Verfälschen der eigentlichen Wahrheit! Nie klaffte die Schere weiter auseinander als heute, aber wir haben im Durchschnitt 88.000 Euro … Wem ist mit dieser Angabe geholfen, gedient? Der Politik? Weil es sich beruhigend anhört, nett ausschaut – auf den ersten Blick?
Jeder Deutsche verbraucht im Jahr 0,8 Liter Olivenöl. Das ist schön und schon interessant, gerade wenn man sich die entsprechenden Statistiken von Spanien und Italien (11 Liter), Griechenland (20 l) und dann noch der Türkei (ebenfalls Produzent, aber nur 1 Liter!) dazu ansieht. Nur: warum pro Kopf ermitteln? Den Hersteller, Exporteur, Händler interessiert doch im Grunde lediglich der Bedarf am Markt. Er verkauft nicht einzeln an jeden Deutschen, ob der es will oder nicht, 0,8 Liter!
Unser Trinkgebaren. Sehr interessantes Gebiet, weil sich hier – wie oft – die Statistiken ein wenig widersprechen. Etwas, das wieder die Frage nach dem Sinn, der Zuverlässigkeit und der Seriosität von Statistiken aufkommen lässt. Beim Erstellen derselben kommt es sehr darauf an, keine Fehler einzubauen, keine Manipulation zu betreiben oder sie zuzulassen. Doch jede Statistik ist nur so gut wie derjenige, der sie anfertigt. Und sie fällt erstaunlich oft im Sinne des Auftraggebers aus! Zwei Inauftraggebende mit unterschiedlichen Interessen – schwupps, schon haben wir den Salat! Wir sehen uns plötzlich reichlich konträren Angaben über Verbrauch, Beurteilung, Nutzen, Aussichten, etc. gegenüber.
Die Lektüre einer Tabelle ergibt, wir trinken 145,5 l alkoholische Getränke pro Jahr. Eine andere erwähnt allein schon 110 l Bier. Kommen dazu noch Wein (14,14 l), Sekt (3,87) aber auch Alcopops und alle sonstigen Mischgetränke, Cocktails, Liköre, Verdauungsanreger und diverse hochprozentige Spirituosen, sind wir allerdings schnell über dem Wert von 145,5 Litern gesamt.
Ach was, wir ignorieren großzügig Unstimmigkeiten und nehmen ungeprüft und ungemein entgegenkommend nur den Wert des reinen getrunkenen Alkohols pro Nase: 9,9 l.
An dieser Stelle komme ich auf den Titel „ … wenn du in keine Sta(r)tistik passt“ zu sprechen.
Irgendjemand muss verdammt viel für mich mittrinken, damit dieser pro Kopf Verbrauch entstehen kann!
Vielleicht im Tausch mit Mineral- und Heilwasser, dessen Absatz pro Mensch bei 132,2 l liegt. Ich schätze, in diesem Fall trinke ich jemandes Anteil mit … Auf jeden Fall stimmt aber die Statistik für mindestens zwei Menschen gar nicht, und wir bleiben nicht die Einzigen, die ihren wirklichen Konsum nicht wiedererkennen.
Was uns bleibt?
Wie können uns wundern und hingerissen aufschauen, wie artistisch sie manchmal hingebogen wird.

Ach, irgendwie ist auch alles sehr tragisch. Man sagt, die deutsche Frau ist durchschnittlich 1,65 m groß, wiegt knapp 68 kg, hat BH-Größe 80C und trägt Schuhgröße 38/39. Sie liebt Handtaschen und hat durchschnittlich 13,1 Paar Schuhe im Schrank stehen. Prima, und wo bleibe ich? Kein Treffer. Ich vermute, deshalb passt mir auch nichts richtig …
Ich bin auch ziemlich skeptisch hinsichtlich meines angeblichen Verzehrs von 24 kg Tomaten, 22 kg Käse, 23 Fischstäbchen, 246 Äpfeln, 14 Pfund-Packungen Kaffee, 84,1 kg Brot und Kleingebäck sowie 39,3 kg Tiefkühlkost pro Jahr. Vielleicht ist das pingelig, aber ich finde mich nicht richtig wieder …
Umgekehrt könnte ich es mir allerdings durchaus so auslegen, dass ich eben keine deutsche Durchschnittsfrau bin. Ist das negativ oder positiv? Für mein Alter/Geschlecht habe ich statistisch gesehen auch zu wenig Frisör- und Arztbesuche, habe generell die falsche Frisur, trage die falschen Farben, die falsche Kleidergröße, gucke die falschen Sendungen, lese fatalerweise keine Klatschzeitungen, telefoniere zu kurz, mag die falschen Lieder und Künstler … Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.
Zu den Handtaschen von weiter oben noch der Hinweis, dass es zwar keine relevante Statistik darüber gibt, wie viele Frauen besitzen, aber statistisch gesehen verbringt jedes weibliche Wesen 76 Tage seines Lebens damit, in eben der Handtasche zu kramen …
13,1 Paar Schuhe. Die Schuhanzahl sagt m. E. überhaupt nichts über die Vorliebe zur oder Häufigkeit der Neuanschaffung aus.
Allein diese krumme Anzahl der Schuhpaare! 0,1 Paar Schuhe …
Was soll das sein? Ein Absatz?
Die Gesamtschuhanzahl als Hinweis auf die Kauflust zu deuten, ist unter Umständen eine heikle Sache, denn:
Wer die Anzahl von 13 Paaren im Schrank hat, könnte sie alle über Jahrzehnte gehortet haben. Wer nicht mehr herauswächst, schmeißt womöglich auch nichts weg (13 Paar, aber Wenigkäufer).
Es kann aber auch eine junge Person sein, die am Anfang einer Riesensammlung steht( 13 Paar in zwei Monaten) oder
Es ist eine Schuhsüchtige, die aber konsequent ihren Bestand nach drei Mal tragen auslichtet und die ‚uralten’ Dinger ausmistet (somit also nie über 13 Paar im Schrank hinauskommt)…
Im Durchschnitt (heißt es) kauft jede Frau (ab 14 J.) im Jahr sieben Paar neue Schuhe und gibt dafür bis zu ihrem Lebensende ca. 20.000 € aus. (Für mich heißt es wiederum, ich muss noch irgendwo ein nicht unerkleckliches Guthaben liegen haben …)
Es weiß übrigens niemand, ob bei solchen Umfragen für die Statistik überhaupt wahrheitsgemäße Angaben gemacht werden! Ich verweise nur darauf, dass britische Frauen 24 Paar Schuhe ihr Eigen nennen …!
Deutsche Männer sollen 4,3 Paare besitzen. Vielleicht sollten wir uns an dieser Stelle die Zeit für eine kleine Runde Mitleid nehmen.

Eine letzte Anmerkung noch zu der Art, wie statistische Werte veröffentlicht werden. Beispiel: Rauchen. Soll es sich nach einem hohen Tabakkonsum anhören, lesen wir:
Jeder Raucher raucht täglich 16,6 Zigaretten.
Brauchen wir andere Zahlen, heißt es hingegen:
Die Menge der gerauchten Zigaretten pro Kopf (!) beträgt 2,89 Stück.
Hier wird wirklich jeder vom Baby bis zum Greis mit eingerechnet, und das Ergebnis hört sich so relativ harmlos an.
Oder nehmen wir Süßwaren.Der Konsum stiegt nur um 0,6% im Vergleich zum Vorjahr
hört sich wesentlich besser an als die Aussage, dass wir alle pro Kopf die ungesunde Menge von 30,93 kg verteilt auf Eis, Schokolade, süßen Knabberkram, feine Backwaren, Zuckerwaren und kakaohaltige Lebensmittelzubereitungen vertilgen!
Die Angabe, dass „schon jeder 10. Bundesbürger die Aktion unterstützt“ (Thema beliebig), heißt im Umkehrschluss nichts anderes, als dass 90 % der Bürger dies nicht tun!
Sta(r)tistik: Information. Segen. Wundermittel. Fluch. Tütelkram. Gefahr.
Keiner passt irgendwo richtig hin. Keiner findet sich wieder.
Vielleicht, weil eben keiner einfach Durchschnitt ist?

Eigentlich dürfte keiner sie mögen, diese merkwürdige (pro-Kopf-)Statistik. Dennoch kramt der Mensch sie bei passender Gelegenheit gern selbst hervor. Andrew Lang, ein schottischer Schriftsteller, Journalist, Poet, Geschichtskenner, etc. (1844-1912) sagte einst warum:
“Wir benutzen die Statistik wie ein Betrunkener einen Laternenpfahl: Vor allem zur Stütze unseres Standpunktes und weniger zum Beleuchten eines Sachverhalts.”
Ein kluger Mann, der es bereits damals richtig erkannt hat. Solange sie uns in den Kram passt, finden wir auch die Statistik gut. Dann sind wir die Zahlenjongleure und Sta(r)tistiker.

Bild_statistik

(Bild der philosophisch-naturwissenschaftlichen Fakultät, Univ. Bern)

©Dezember 2010 by Michèle Legrand

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