Die Wahl zwischen Anstellerei und Antonio Banderas im Reitstall

Die_Wahl_zwischen_Anstellerei_und_Antonio_Banderas_im_Reitstall.MP3
Listen on Posterous

Ich habe keine große Lust. Muss das jetzt wirklich sein? Ist das unbedingt nötig?
Seit ein paar Tagen kam es immer wieder hoch, dieses Gegrummel… Irgendwann musst du dich dann entscheiden: weiter wehklagen oder ein ernstes Wort mit dir selbst reden.
Mittwoch war es soweit. Auslöser für das Unbehagen: die näher rückende Pflichtveranstaltung „Weihnachtsessen der Firma“. Warum bloß jedes Mal vorher dieses Aufgestöhne?
Wahrscheinlich, weil immer im November sowie Dezember besonders viel los und die Zeit knapp ist, weil dementsprechend im Büro Hektik angesagt ist und Reibereien zwischen den Kollegen und zwischen der Chefetage und dem Fußvolk an der Tagesordnung sind. Für mich oft verbunden mit Schlichten, Besänftigen und Kitten neben der eigentlichen Arbeit. Manchmal auch deshalb Mehrarbeit, weil die Unstimmigkeiten Einfluss haben auf die Leistungsfähigkeit der (durchaus netten) Kollegen. Ich mag sie, aber mir reicht das während der Bürozeit! Es muss nicht auch noch während  meiner kostbaren Freizeit sein…. Es kann doch auch niemand allen Ernstes glauben, dass sich auf einmal alle lieben und harmonieren, nur weil im Terminkalender Weihnachtsfeier steht.

Dieses schwer zu definierende Unbehagen. Es ist irgendwie vergleichbar mit dem bevorstehenden Besuch beim Zahnarzt. Nötig, nicht so dramatisch und trotzdem keinen Bock drauf. Was könnte ich in der Zeit nicht alles schreiben…. Die ganze Woche ist es nichts geworden. So langsam zeigen sich Entzugserscheinungen.
Nun reiß’ dich mal am Riemen! Das ist EINMAL im Jahr! Setz’ dich halt frühzeitig wieder ab und gut …!
So redete ich mir also selbst beschwichtigend zu und schalt mich eine sich anstellende Kuh.
Ich beschloss relativ spät – aber noch pünktlich – zu kommen, um einen Platz am Rande der Tafel zu ergattern. Vielleicht nicht gerade bei den Kollegen, die mich so gern ewig in Beschlag nehmen und mich dabei ungewollt ‚auslaugen’. Die, denen zudem der Alkoholkonsum extrem die Zunge löst und sie merkwürdige Dinge sagen lässt… Nüchtern sind sie mir lieber.
Kaum mit dem Auto in die erste Hauptstraße eingebogen, stand ich im Stau. Eine Ampel war ausgefallen, der Feierabendverkehr wurde jetzt durch Polizisten geregelt. Ein Unfall kurze Zeit später sorgte für stop and go auf weiteren vier Kilometern. Durchatmen danach entpuppte sich als arg verfrüht. Die Bramfelder Chaussee stadtauswärts war genauso verstopft, und zwar bis zu dem Punkt, an dem ich sowieso abbiegen musste. Unmittelbar vor der Kreuzung standen rot-weiße Baken auf der einen Fahrspur und sperrten ein nur etwa 15 m langes Stück Fahrbahn ab. Diese Verengung auf einen Fahrstreifen hatte schon ausgereicht, kilometerlange Rückstaus zu verursachen.
Anfangs hatte ich immer wieder auf die Uhr geschaut. Sehr ärgerlich, ich würde zu spät kommen, aber es ließ sich nicht ändern.
Nun bleib ganz cool, trichterte ich mir ein, die halbe Stunde brauchst du schon nicht bei der Feierei mitzumachen.  Das war zwar logisch und treffend, doch half es nur bedingt.
Das restliche Stückchen Anfahrt führte durch ein Wohngebiet mit kleinen zugeparkten Straßen. Ich bog um die letzte Ecke, die Häuserbebauung endete, und die Straße führte an einem Feld oder einer Wiese vorbei. So genau ließ sich das in der Dunkelheit nicht sagen.
Dann sah ich das Ziel, und schlagartig fühlte ich mich wohler!

Hell erleuchtet ein großes Gebäude, weihnachtlich dekoriert, mit Lichterketten, eine angebaute Glasveranda vor dem Haus. Ein echter Reitstall, der angegliedert ein Restaurant und Café hat. Ich habe keine Ahnung, wie das Gebäude bei Tageslicht wirkt. Vielleicht trifft hier auch das Reeperbahn-Phänomen zu: Es sieht hauptsächlich nachts schön aus, wenn die Lichter strahlen.
Vom vereisten Parkplatz kommend betrat ich durch den gläsernen Vorraum das eigentliche Lokal. Wohlige Wärme umfing mich, ich schaute auf mehrere kleine Kunsttannen, die aussahen, als hätte sich feiner Pulverschnee auf ihren Zweigen niedergelassen. Inmitten dieser Tannen eine Weihnachtskrippe mit geschnitzten Figuren. Ich hoffe, ihr nehmt es mir nicht krumm , dass ich den einen Hirten mit dem Lamm auf dem Arm einfach ‚Schäfer Heinrich’ taufte …

Krippe, Weihnachtsdekoration 2010, Reitstall Kruse (Zum Hufschlag), Hamburg
Krippe im Reitstalle Kruse (Zum Hufschlag), Hamburg, Schäfer mit Lamm

Schäfer Heinrich mit Lamm Nelly

Bekannte Stimmen drangen an mein Ohr – die Kollegen. Ich musste nachher weiter schauen. Nach meiner Verspätung war jetzt erst einmal Anwesenheitspflicht. Ich war mir jedoch sicher, dass ich mich zwischendurch davonstehlen würde. Gucken gehen.
Großes Hallo, als man mein Kommen bemerkte. Glücklicherweise waren wir generell noch nicht komplett. Demnach war ich also nicht die Letzte der Runde. Mein Plan, am Rand zu sitzen, ging nicht ganz auf, denn man hatte mir einen mittendrin freigehalten. Es war aber okay und schließlich auch nett gemeint.
In den nächsten fünf Minuten wurde ich von vier Leuten mit alkoholischen Getränken versorgt und führte Gespräche in ebenso viele Richtungen. Ich verschob die Gläser zentimeterweise zu Nachbarn und in die Tischmitte, und hielt Ausschau nach dem Ober, um ihn um ein Glas für das Mineralwasser zu bitten. Noch war niemand vom Personal am Tisch vorbeigekommen.
Irgendwann fragte eine männliche Stimme schräg von der Seite, ob sie (die Stimme) bzw. natürlich er (der Mann) für mich noch etwas bringen könne.
Ich schaute auf: ANTONIO BANDERAS!, war mein erster Gedanke.
Ich fing mich, erbat mein Glas und schaute meine neben mir sitzende Kollegin an.
„Weißt du, an wen mich der stark erinnert?“
Sie grinst. „Antonio Banderas?“
Wir lachen beide. Wir lachen auch später ziemlich, weil sie ihrem Mann (sie ist seit vier Monaten verheiratet) eine SMS mit dem Hinweis geschickt hat, dass hier der scharfe Banderas herumläuft. Bei ihr zu Hause ist gerade für ein paar Tage Verwandtenbesuch. Er schreibt zurück: „Wenn die Verwandtschaft nicht hier wäre, könntest du ihn nachher mitbringen. Yummie!“
Sie seufzt und gesteht: „Ich glaube, deshalb habe ich ihn geheiratet. Mit irgend so einem eifersüchtigen Jüngling könnte ich überhaupt nichts anfangen …“
Es wurde einheitliches Essen für alle vorbestellt. Durch mein spätes Kommen geht es nun auch recht schnell zur Sache. Es gibt Salat vorweg, danach werden Schalen mit gemischtem Gemüse (Brokkoli, Rosenkohl, Bohnen, Karotten) und Bratkartoffeln aufgetischt. In der Mitte der langen Tafel, die eigentlich für so viele schon zu klein ist, baut Antonio B. längliche Warmhalteplatten auf. Dann kommen sie. Riesenplatten mit gegrilltem Fleisch vom Schwein bzw. von der Pute.  An der Seite dekoriert mit Früchten und rohen Gemüseschnitzen. In der Mitte der Platte eine kleine Cromargan-Schüssel, aus welcher Flammen emporsteigen. Der Ober nimmt mit einem Löffel Flüssigkeit und loderndes Feuer dort heraus und übergießt das gesamte Fleisch auf der Platte damit. Alles scheint zu brennen, jedenfalls für kurze Zeit. Eine enorme Hitze entsteht. Es ist absolut faszinierend zuzuschauen, aber unwillkürlich gehe ich vor diesen lodernden Flammen etwas in Deckung und werfe neugierig einen Blick auf das Fleisch, nachdem das Feuer erloschen ist. Ob es jetzt verkohlt ist? Nein, natürlich nicht, das kann sich kein Restaurant leisten.

Flambieren von Fleisch, Zum Hufschlag, Reitstalle Kruse, Hamburg

Auf kleiner Flamme

Flambieren von Fleisch, Zum Hufschlag, Reitstalle Kruse, Hamburg

Die Gruppe wird leiser. Essen UND reden geht, nur eben jetzt in einem – was mich angeht – angenehmeren Maß. Ich verfolge weiterhin den Plan, mir dieses Lokal noch näher anzusehen und warte nur darauf, dass die ersten Raucher vom Tisch aufstehen, um sich im kalten Glasvorbau eine anzustecken. Das wäre meine Chance für ein Absetzen in die entgegengesetzte Richtung.
Es ist soweit. Angetäuscht wird der Weg zu den WCs … WOW! Am anderen Ende des Lokals, kann man durch eine Riesenglaswand direkt in die Reithalle schauen! Es wird auch um 20.00 Uhr noch geritten. Schöne Pferde. Von dort aus, wo ich stehe, kann ich die Reithalle überblicken, aber auch den Antonio-Klon im Auge behalten, der momentan genau unter einem an der Decke befestigten Adventskranz steht.
Mein Kopfkino setzt ein. Die Reithalle wird zur Arena. Der Adventskranz zum Lorbeerkranz auf dem Haupt des edlen Römers Marcus Aurelius Antonius, der in Gestalt des Reitstall-Antonio-Banderas  gerade Fleischplatten heranschleppt, um die Löwen in Schach zu halten …
Ich reiße mich los. Weiter geht’s. In einer kleinen Nische finde ich ein Stillleben bestehend aus einer Uralt-Schreibmaschine, einer Geige, einer Gitarre und einer weiteren antiken Maschine mit Tasten.

Dekoration im Reitstall Kruse (Zum Hufschlag), Hamburg, Schreibmaschine, Gitarre

Dazwischen liegt ein relativ moderner Handschuh. Was hat denn der dort verloren? Lässt  da jemand beim Schreibmaschine schreiben Handschuhe an? Oder spielt Gitarre damit? – Sehr unwahrscheinlich. Hat ihn jemand beim Saubermachen vergessen? Trägt Antonio gelb-pink-rot-orange Modelle an seinen bezaubernden Händen? Ich grinse. Sähe bestimmt peppig aus …
„JA, WAS MACHEN SIE DENN HIER?“
Gott, habe ich mich erschrocken!! Mein einer Chef ist aufgetaucht, und erklärt mir leicht vorwurfsvoll, dass er mich seit ewigen Zeiten sucht! (Ich bin höchstens fünf Minuten weggewesen!)
Ich weise ihn auf Instrumente und Handschuh hin. Er schaut erstaunt, kann dem aber nicht so viel abgewinnen. Ehe er noch groß weiterfragt, halte ich ihn mit Smalltalk auf, und wir kehren zum Tisch zurück.

Dort erwartet mich eine Überraschung, die auch der Grund für die Suche nach mir war. Eine ältere, langjährige Mitarbeiterin hört im Januar auf, bei uns zu arbeiten. Sie ist mit Chefin und Chef befreundet, und diese haben etwas geplant: In Grüppchen werden wir hinaus in einen Nebenraum gebeten. Dort wird ein kleines Video gedreht. Spontan. Wir sollen uns vorstellen, das Ausscheiden der Kollegin wäre eine Ankündigung in den Tagesthemen. Idee ist nun die Aufnahme einer wilden Diskussion darüber, wie wir das finden.
„Ihr dürft ruhig derber, kesser sein! K. kann das ab!“
TOLL! Fünf von sieben Kollegen fangen jetzt an, sich Mario-Barth-mäßig in Szene zu setzen. Veräppelung hoch drei. Und noch eins drauf! Ich bin sicher, dass das viele witzig finden. Ich bin nur nicht sicher, ob das komplette Abschiedsvideo so sein muss. Ich könnte mir vorstellen, dass die ausscheidende Kollegin beim Ansehen ebenfalls einen Satz schätzen würde, der zeigt, dass sie durchaus auch vermisst wird. Irgendein Satz, der eine ihrer positiven Eigenschaften hervorhebt. Auch das kann humorvoll geschehen …
Egal, wir kriegen ein Video hin, Chef und Chefin sind zufrieden. Was will man mehr. Ich hoffe, das war es mit Pflichtprogramm für diesen Abend.
Die Runde fängt gegen halb zehn an, sich aufzulösen. Eine weitere halbe Stunde unterhalte ich mich noch sehr nett mit zwei Kolleginnen, die ich sonst aufgrund unterschiedlicher Arbeitszeiten nicht viel sehe. Antonio bringt uns dreien auf einmal Espresso, den wir gar nicht bestellt haben.  Einfach so. Das fand ich sehr nett. Fast hätte ich ihn gefragt, ob ich ein Foto von ihm machen darf …. Dann war er schon wieder weg. Ein Sekündchen zu lange gezögert.
Wer ihn also leibhaftig sehen möchte, der sollte zum Reitstall Kruse in Hamburg fahren. Das Restaurant/Café heißt „Zum Hufschlag“ (Fahrenkrön 56) und außer ihm ist auch das Essen gut.
Um 22 Uhr war alles vorbei und mein Fazit lautet:
Es war mal wieder gar nicht so schlimm, doch ausgelaugt bin ich trotzdem.
Ich kam zu spät, habe auf der Fleischplatte die Dekoration (Feigenstück, Apfelschnitz und Paprikaring) gemopst, alkoholische Getränke heimlich verschoben und mich ungefragt entfernt.
Andererseits habe ich im Arbeitgebersinn charmant parliert (urgh), relativ lange Anwesenheit demonstriert und sogar bei Zwangsvideos mitgemacht.
Richtig gut: Ich habe zwei  Kolleginnen besser kennengelernt, einen Superober gehabt, in schöner Umgebung gut gegessen und interessante Objekte entdeckt.

Trotzdem sage ich euch schon jetzt: Im nächsten Jahr wird vorher wieder genauso gejammert!

, , , , , , ,

  1. Hinterlasse einen Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

törichtes Weib --- das Leben geht weiter

PRIVATES Tagebuch /// Geschriebenes & Geknipseltes & mehr... so ein 365 Tage Dings von Follygirl

Joesrestandfood

Der Restaurant-Test und mehr. Hier werden Restaurants, Events und außergewöhliche Lokationen vorgestellt und bewertet.

Linsenfutter

Naturbeobachtungen aus Hamm und dem Rest der Welt ~~~~~~~~~~ mit über 1000 Beiträgen und unzähligen Fotos.

Deine Christine!

...mein altes, neues Leben mit MS...

%d Bloggern gefällt das: