Freigeister, Malstifte und Torten

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Blick auf Oxford vom Carfaxtower ...

Blick auf Oxford vom Carfaxtower …

Es gibt Orte, an denen man sich sofort wohl fühlt. Das sind spezielle Plätze, die auf irgendeine geheimnisvolle Art auf Anhieb vermitteln, dass hierhin ALLE kommen dürfen, dass Anders(geartet)sein nicht nur mühsam toleriert, sondern vergnügt gelebt wird.
Oftmals sind es relativ unauffällige Fleckchen dieser Welt, die wirklich  nichts Besonderes haben. Weder hinsichtlich ihrer geografischen Lage  noch ihres Klimas (rein wetterbezogen), weder mit Hinblick auf ihr Umfeld noch ihre Ausstattung.
Nichts ist  kostbar oder besonders abweichend, auf irgendeine Weise extrem augenfällig und hervorstechend. Man könnte auf den ersten Blick vorbeilaufen (was viele auch tun!).
Wenn nicht …
Ja, wären da nicht die Kleinigkeiten, die den dort lebenden Freigeist verraten.  Einen Menschen, der von Schranken und Schubladen nichts hält.
Diese Art Menschen …
Ich nenne sie gern „bunte“ Lebewesen und stelle mir Folgendes vor:
Es gibt Wesen, die in ihrem Leben nur noch mit dem Bleistift malen. Schwarz.
Oder Stellen komplett leer lassen. Weiß.
So ist konsequenterweise auch ihr Sehen und Denken. Schwarz und Weiß.
Irgendwann hat man ihnen die Buntstifte weggenommen. Oder sie haben sie unbedacht weggeschmissen.
Manche vermissen sie nie und beharren stur auf ihrem Bleistift. Anderen kann man die Farbe wieder näherbringen.
Und noch wieder andere haben immer ein paar bunte Stifte hinter ihren Ohren klemmen, damit sie gleich das Triste und Engstirnige übermalen können.

Die Plätze, die ich so gerne finde, sind solche „bunten“ Orte. Bunt zwar auch – nur nicht zwangsläufig – im Sinne von Dekoration, sondern hauptsächlich in Bezug auf Meinungsvielfalt, Toleranz, Vorstellungsgabe, Akzeptanz, Offenheit.
An diesen Orten – wenn sie denn mal entdeckt  werden – treffen sich  plötzlich Menschen aller Altersgruppen, Menschen verschiedener Nationalitäten, verschiedenen Geschlechts, verschiedener Religionen, etc.  Immer wieder! Um dort zu klönen, zu staunen, zu lachen. Manchmal auch, um zu vergessen.
Oder sie treffen sich dort zum Torte kaufen.
Torte?
Genau, Torte!
Hergestellt aus  Sahne, Zucker, Mehl, Butter, Früchten … und Fantasie, viel Fantasie.
In Oxford entdeckte ich recht versteckt im September einen Laden, der eben diese herstellt. Spezielle, ausdrucksstarke Torten, so nenne ich sie für mich. Ohne, dass ich vorher davon gehört hätte und ohne spezielles Ziel vor Augen, hatte mich mein Weg direkt dorthin geführt. Fasziniert hatte ich nach kurzem Zögern die Tür zum Eintreten geöffnet. Die Atmosphäre war entspannt, und es hielten sich dort Kunden und  Angestellte unterschiedlichster Herkunft auf.
Ich war hineingegangen, weil es mich magisch angezogen hatte. Es interessierte mich brennend, wer oder was dahinter steckt. Hinter DIESEN Torten.
Weltverbesserer? Clowns? Freigeister?
Ich bat darum, Fotos von den Backwerken in der Auslage machen zu dürfen. Ich frage immer, wenn ich Werke anderer fotografieren will. Vielleicht nicht jedes Mal draußen, aber wenn sie sich im Raum oder auf Privatgrundstücken befinden schon. Manchmal zieht das einen Rüffel nach sich. Nicht von den Leuten, denen sie gehören. Sondern von denen, die mich begleiten.
„Nun mach’ schon! Was ist denn daran überhaupt besonders? Knips doch einfach. Wenn du fragst,  riskierst du doch nur ein Nein!“
Das Risiko gehe ich ein. Ein Grund ist der  Respekt vor dem Schaffen anderer. Der zweite Grund ist, dass es nie allein das Fotomotiv ist, was ich für mich und andere bewahren möchte. Mit meinem Fragen beginnt der Kontakt! Es gibt auch selten jemanden, der mir Aufnahmen verwehrt, wenn ich meinen Grund schildere: Bewunderung.
Der Chef des Ladens  hatte nichts dagegen. Ganz im Gegenteil, und automatisch plauderten wir auch ein bisschen. Das war inklusive. Er erzählte mir, dass es inzwischen zwei Geschäfte dieser Art gibt, eben hier in Oxford und des Weiteren in Banbury.  Das erste besteht schon seit 1986.  Ich fragte, ob er mir verraten würde, ob es eine spezielle Absicht sei, dass die Kunstwerke sozialkritisch seien bzw. unheimlich fortschrittlich was die gesellschaftliche Entwicklung angeht. (Sie werden vielleicht gleich bei den unten gezeigten Fotos merken, worauf ich hinauswollte)
Er lachte und sagte mir:
„Abgesehen davon, dass wir eben kreativ und originell sein möchten, ist der Hintergedanke und Leitsatz der Firma ganz einfach: Wir wollen mit unseren Torten nicht naserümpfend Missstände aufzeigen oder sie als Protestplakate benutzen. Es ist aber auch nicht einfach nur Ulk.  Abseits der Wunschmodelle der Kunden und des Standardangebots entwerfen wir Modelle, die für uns die Realität darstellen und von denen wir glauben – oder zumindest hoffen -, dass sie die  pure Selbstverständlichkeit wiedergeben. Wenn Sie es nicht tun, dann … ja,  dann sollen sie eine Anregung sein …!“

Hochzeitstorte - für Homosexuelle kreiert

Hochzeitstorte – für Homosexuelle kreiert

Diese Hochzeitstorte für schwule Paare beispielsweise. Homosexualität – in unserer Gesellschaft leider immer noch ein Reizthema, auch wenn sich vieles gebessert hat. Die Figuren oben auf der Torte: nicht nur homosexuelle, sondern auch noch Partner unterschiedlicher  Hautfarbe! Für den einen glücklicherweise völlig normal, für viele immer noch der Aufreger. Nur, es ist weder als Gag noch als Provokation gedacht! Eben Realität, hier in der Auslage des Schaufensters vor Augen gehalten.

Halloween-Torte - Motiv Mumie ...

Halloween-Torte – Motiv Mumie …

Oder Halloween. Ein leichtes sich Amüsieren über den Hype  Die Torte spricht Bände. Dem Kundenwunsch wird nachgekommen, doch darf man sich schon ein klein wenig lustig machen …

Hochzeitstorte - ... auf der Skipiste (Motiv für Ski- und Snowboardfahrer)

Hochzeitstorte – … auf der Skipiste (Motiv für Ski- und Snowboardfahrer)

Ganz wunschgemäß die Torte mit dem Ski- und  Snowboard fahrendem Paar. Piste aus Zuckerguss inklusive. Auch Kitsch hat eben seine Berechtigung. Würde niemand es wollen, gäbe es dies nicht. So ist Toleranz gefragt.
Von beiden Seiten!
Ich habe leider nicht alle Torten  als Bild, denn es ließ sich oft nur durch die Scheiben, die stark reflektierten, fotografieren. Es gab auch noch zwei Damen auf einer Hochzeitstorte, einen Löwen im Käfig, der die Gitterstäbe auseinanderbog, ein uraltes Pärchen, das sich innig küsste und ganz andere Dinge, die so viel über die Einstellung des ‚Erdenkers’ und/oder Konditors verrieten.
Wissen Sie, was mir noch auffiel?
Der Bereich, in dem dieses Geschäft angesiedelt ist, war in früheren Zeiten eine große freie Marktfläche in Oxford. Die Bewohner damals beschwerten sich über die merkwürdigen Gerüche, die dort wohl beim Essen kochen aufstiegen, wenn Wolle eingefärbt wurde, Tiere mitgebracht wurden,  o. ä.
Es hatte zur Folge, dass die Stadtherren beschlossen, diesen gesamten Bereich komplett niedrig überdachen zu lassen.  Abzudichten. So geschah es, und so blieb es bis heute. Ein versteckter, etwas vernachlässigter, leicht schäbiger Fleck inmitten Oxfords. Vieles war den Herren und Damen damals nicht gut genug gewesen und wurde mit gerümpfter Nase betrachtet.
Weggesperrt.
Aus den Augen, aus der Nase, aus dem Sinn.
Heute würden sie vielleicht andere Dinge noch mit darunter verstecken wollen.  Die Nase darüber rümpfen. Oder nicht ansprechen. In Vergessenheit geraten lassen. Alte Zöpfe huldigen. Entwicklungen der Gesellschaft am liebsten ignorieren.
Das hat ja schon immer so bombastisch geholfen….
Doch dann kommt irgendwann jemand daher, ein durchaus ernsthafter Mensch, der aber  gleichzeitig Humor und einen wachen Blick besitzt und mit diesem in dieser Enge, dieser Abgeschlossenheit, an diesem von vielen Blicken abgeschotteten Ort, ein Stückchen Offenheit lebt und frei anbietet, sie mit anderen zu teilen. Der sie verbreitet und es mit seiner entwaffnenden Selbstverständlichkeit geschafft hat, diesen leicht miefigen Standort in einen Platz zu verwandeln, von dem der frischeste Wind herausgetragen wird, den man sich nur denken kann. Hier ist nicht nur der Duft des Gebackenen verlockend!
Er hat es auf seine sehr eigene Art geschafft.
Mit Torten.
Finde ich toll!

Es war jedenfalls mehr als nur ein simples Vergnügen, in diesem Laden Gast gewesen zu sein.

 (Beitrag erscheint vorab bei www.goodnewstoday.de)

©November 2010 by Michèle Legrand

Nachtrag im Oktober 2012:
Zwei Jahre sind seitdem vergangen. Inzwischen ist es gar nicht mehr so selten, dass Lebensmittel (Gebäck wie Kekse, Muffins, Kuchen und Torten, aber auch Bonbons oder sogar die Dekoration auf einer Pizza) eine deutliche Aussage tragen können.
Oder sollen.
Oder dürfen.
Alles ist möglich.
Heute werden sie für alles „benutzt“.
Heute ist das Ziel dieser Kreation nicht mehr vorwiegend aufrütteln, aufzeigen oder protestieren. Es geht  mehr um das Abheben, um den Gag und die Erhöhung des Absatzes durch originelle Motivwahl und Andersartigkeit gegenüber der Konkurrenz.
Wird noch etwas durch die Blume gesagt?  Werden sich über den eigentlichen Hintergrund oder Sinn noch Gedanken gemacht?
Das Nachdenken darüber scheint nachgelassen zu haben …
Allerdings prägen sich auch auf diese etwas unreflektierte Art der Verbreitung früher ungewohnte Bilder und Anblicke ein. Werden selbstverständlich.
Und erreichen so letztendlich auch das Ziel.

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  1. #1 von finbarsgift am 25/06/2013 - 16:09

    Ein Blog voller Schätze!

    Gefällt mir

    • #2 von ladyfromhamburg am 01/07/2013 - 22:00

      Danke schön! Ich freue mich über einen neuen Gast hier unter meinen Bloglesern, sage auch vielen Dank für das Folgen und bitte um Entschuldigung für die verspätete Reaktion. Ich war einige Tage unterwegs und ohne Internetverbindung.

      LG Michèle

      Gefällt mir

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