Jochen Ahlmann oder Das Wiedersehen im Bus

Bus, HamburgDie Woche hat uns wieder.
Nachdem es gestern thematisch ein bisschen ernster zuging und dies auf keinen Fall ein Dauerzustand werden soll, poste ich heute eine Geschichte, die zuerst auf Raoul Haagens Seite „Goodnewstoday.de“ erschien und die ein Teil meiner sehr frühen Twitter-Follower vielleicht kennt.
Sollten Sie sie noch nicht kennen oder aber noch einmal lesen möchten, dann haben Sie heute und  hier die Gelegenheit dazu! Es handelt sich um eine leicht geänderte Variante – nur als Hinweis für die Kenner.

Als kleinen Nachtrag kann ich Ihnen heute ergänzen, dass mir Jochen Ahlmann inzwischen ein weiteres Mal über den Weg lief. Und es gibt Neuigkeiten! Er ist Opa geworden! Im Alter von 51 Jahren! Vielleicht liest seine Enkelin irgendwann den Blogpost und erfährt so, wie ihr Großpapa früher einmal „drauf war“… ^^

Jochen Ahlmann oder Das Wiedersehen im Bus

Vor ein paar Tagen begegnete ich einem Menschen wieder, den ich sehr lange nicht gesehen hatte.
Das wäre in Kürze eigentlich schon die Geschichte, nur Jochen Ahlmann (der in Wirklichkeit anders heißt) ist ein Fall für sich, und es lohnt sich,  darüber etwas ausführlicher zu berichten.
Vor zig Jahren war dieser besagte Herr einer meiner Kollegen. Fachlich ein Ass, ansonsten ein Aas.
Manchmal.
Häufig.
Ziemlich oft!
Ein Mensch, der nicht bösartig war, aber der einen dennoch zur Verzweiflung bringen konnte, denn er hatte Phantasie.
Phantasie?
Ich höre Sie fragen: Ja, ist denn das nicht gut?
Ja, … aber – lautet meine Antwort  Es fängt doch bereits an anders zu klingen, nicht mehr so positiv,  wenn Sie beispielsweise jemandem eine blühende Phantasie bescheinigen.
Nun, Jochen Ahlmann hatte nicht nur die, er hatte einen ziemlichen Spleen, eine Macke der ganz besonderen Art.
Er brachte seine Mitmenschen dadurch in Verlegenheit und letztendlich bis zur Raserei, dass er anderen Sachen über seine werten Kollegen erzählte, die haarsträubend waren. Es war kein Mobbing – oh, nein! Er dachte sich „nur“ Märchen aus, machte gern aus uns harmlosen Mitstreitern Prominente. Er spielte vor wildfremden Menschen auf der Straße Theater, indem er ihnen das Blaue vom Himmel erzählte, vor-phantasierte.
Haben Sie noch immer keine genaue Vorstellung?
Ich gebe Ihnen Beispiele, was er z. B. mit mir oder aus mir machte:
Ich habe, dank französischer Vorfahren einen französischen  Vor- und auch Familiennamen (bzw. Mädchennamen). Er ist rein vom Klang her identisch mit dem Namen eines berühmten französichen Komponisten. Er komponierte Filmmusik für z. B. Thomas Crown ist nicht zu fassen oder Die Regenschirme von Cherbourg.
Jochen Ahlmann erzählte anfangs allen Leuten, ich sei die Komponistin. Viele Deutsche kannten nicht den Unterschied zwischen der männlichen und der weiblichen Form des Namens. Als die ersten dennoch stutzten, wandelte er es kurzerhand ab und behauptete in leicht abgeschwächter Form, ich sei eben die Tochter. Die Leute erfuhren, dass ich vor kurzem einen César gewonnen hatte und die Filmindustrie sich um mich riss.
Es ist schwer, andere von so etwas wieder abzubringen, wenn sie es einmal glauben!
Auf der Straße  lief er in der Pause hinter mir her und rief verzückt:
„Nein! Sie – hier? Ein Foto bitte!“
An der Bushaltestelle verriet er Leuten, die ebenfalls in der Schlange warteten, wie klasse er es fände, dass ich trotz des Ruhms so bodenständig geblieben wäre und immer noch den Bus nähme, mit dem auch die kleinen Leute führen.
Für einen algerischen Kunden meiner Firma hatte ich einmal ein Effektgerät für sein privates Hobby – das E-Gitarre spielen – besorgt. Eines, das er überall gesucht und nirgends gefunden hatte. Der Mann spielte in einer kleinen Band in Oran/Algerien. Als Musiker war er sehr happy gewesen und rief ab und zu auch außer der Reihe an.
Was machte Jochen Ahlmann daraus?
„Es gibt da eine Superband in Nordafrika, die steht kurz vor dem Durchbruch zur Weltkarriere, und sie (ich) hat ihnen dazu verholfen! Sie hat intensiven Kontakt. Wahrscheinlich wird sie  jetzt als Managerin engagiert.“
Ein anderer Kunde aus Tunesien hatte sich angewöhnt, mir immer kurz vor Weihnachten eine Kiste Datteln als Dank für eine Gefälligkeit zu senden. Die Frau des Kunden war einst mit auf Geschäftsbesuch in Deutschland  gewesen und hatte erbärmlich gefroren in ihren dünnen Sachen. Ich gab ihr damals meine Strickjacke, schnappte sie mir und ging anschließend mit ihr shoppen.
Jochen Ahlmann:
„Sie hat diplomatische Beziehungen zum nordafrikanischen Lager, geht im Präsidentenpalast ein und aus und bekommt ständig  extrem wertvolle Präsente per Kurier.“
Wenn ich mittags in einem Tchibo-Depot einen Kaffee trank, tauchte er mit Vorliebe dort auf und bat um ein Autogramm oder fragte lautstark: „Wann ist denn ihr nächstes Konzert?
Oder säuselte auch gern:
„Ach, wie ich Sie beneide, dass Sie mit Pierce Brosnan einen Film drehen!“

Ich glaube, Sie haben nun eine Vorstellung von Jochen. Dem Mann, der ein extra-haftendes, übergroßes Pflaster vor den Mund geklebt gebraucht hätte,  gesichert mit Paketband – einmal rund um den Kopf  und zusätzlich angetackert – nur für alle Fälle!

Kommen wir zurück zur eigentlichen Geschichte.
Vor ein paar Tagen fuhr ich mit dem Bus in die Innenstadt. Mit dem Auto macht das wenig Sinn – Sie haben nur Stress und Parkplatzsorgen.
Ich saß auf der rechten Seite allein auf einer Zweierbank –  etwa in der Mitte des Busses – und träumte so  vor mich hin. Irgendwann hörte ich eine Stimme, die mich aufblicken ließ. Beim Fahrer vorne stand ein Herr mit schütterem Haar und Brille. Er war nicht ganz schlank und heftig mit dem Fahrer in eine Diskussion über den Fahrpreis verwickelt.
Ich schaute wieder weg. Es war wohl doch keiner, den ich kannte …
Die Unterhaltung ging weiter, und auf einmal war ich völlig sicher: Egal, wie der Mann dort von der Seite aussehen mochte, es musste  Jochen Ahlmann sein. Diese Stimme hatte kein Zweiter!
HILFE!
Ich sank automatisch etwas tiefer in mein Sitzkissen.
Hatte ich eine Sonnenbrille dabei, eine Zeitung, eine Mütze? Irgendetwas zum Verstecken, Verkleiden, Verschwinden?
Nein, ich war ausgeliefert! Meine einzige Hoffnung war, dass er mich nicht wiedererkannte. Es war immerhin viel Zeit seit dem letzten Mal vergangen – auch ich sehe mittlerweile anders aus.
Der Bus fuhr an, und Jochen Ahlmann schob sich, auf der Suche nach einem freien Sitzplatz, durch das schwankende Fahrzeug.
Ich schaute mich um. Mist, nicht viel frei!
Meine Chancen, unerkannt zu bleiben, sanken. Er kam immer näher, den Blick irgendwann auch auf mich gerichtet. Er blieb stehen, stutzte und schaute mich prüfend an. Schaute weg, schaute wieder hin, und plötzlich überzog sein Gesicht ein einziges breites Grinsen. Er blickte erneut in die Runde und es schien, als schätze er sein Publikum ab. Dann stellte er sich vor mir auf und rief überschwänglich:
„Sie! Sie – hier? Ich glaube es nicht!“
Meine Augen schossen Blitze ab, ich wurde augenblicklich stocksteif,  alles in mir drückte  Abwehr aus!
Doch dann geschah etwas Unerwartetes. In diesem Moment wurde aus dem etwas durchtriebenem Grinsen ein einfach nur spitzbübisches Lächeln und Jochen Ahlmann sagte:
„Hi, Michèle, ich bin’s, Jochen, schön dich zu sehen. Du kennst mich doch noch? Ich bin übrigens geheilt jetzt. Ich musste mit all dem Zeugs aufhören, sonst hätte ich nie ’ne Frau gefunden!“

Ich gebe es zu, ich war am Anfang misstrauisch, ungläubig. Doch wir haben am Rathausmarkt noch einen Kaffee getrunken – es kam tatsächlich zu keinem Rückfall. Bravo, Jochen!

Und was lehrt uns das jetzt, liebe Leser?

Es ist nicht an uns, die Menschen zu verändern, das wäre vermessen. Aber es ist an uns, stets Hoffnung zu haben, dass sie es selbst tun!
Manche schaffen es, und das ist die positive Botschaft der ganzen Geschichte.

©November 2010 by Michèle Legrand

 

 

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