…, dass man da aber auch kein Mitspracherecht hat!

Ursprünglich von mir für die Seite http://goodnewstoday.de/ geschrieben, erscheint der Vollständigkeit halber auch hier diese Geschichte.

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https://www.sugarsync.com/pf/D6851760_7339928_378559

Es ist Freitag. Vorhin lief ich zwischendurch schnell los, um noch einige Lebensmittel einzukaufen. Ein Tag, an dem an den Kassen immer recht viel los ist, dementsprechend lang war auch die Schlange. Endlich hatten meine vom Steptanz muskelkatergeplagten Beine den Bereich der Quengelzone erreicht, also die Regale in Griffhöhe der Kinder, die mit so gesunden Sachen wie Kinderschokolade, Bonbons und Überraschungseiern gefüllt sind.
Nun, ein großes Kind wie mich, sprachen so ein bisschen die Mon Chérie an. Während ich noch hin und her überlegte und meine Hand langsam in Richtung der Kirschen bewegte, hörte ich hinter mir plötzlich eine recht energische Stimme sagen:
„Michèle, lass die Finger davon, wie oft soll ich dir das noch sagen. Komm jetzt her!“
Wow, das saß! Ich drehte mich doch etwas verdutzt um. Hinter mir in Hüfthöhe erblickte ich ein etwa fünfjähriges und beleidigt dreinschauendes Mädchen. Dahinter positioniert eine resolut wirkende Mama. Hm, offensichtlich war nicht ich gemeint, sondern meine blonde Namensvetterin. Klein-Michèle spurte nicht wunschgemäß und versuchte nochmals, etwas Proviant zu ergattern.
„Michèle!!! Kannst du nicht hören, ich rede mit dir, oder kennst du deinen Namen nicht mehr?!“
Die Kleine verschränkte die Arme vor der Brust, zog einen Schmollschmund und antwortete maulend, aber ziemlich bestimmt:
„Ich heiße nicht Michèle, ich heiße Lotta!!“
Inzwischen war ich an der Reihe mit dem Bezahlen, daher endete für mich hier auch das Gespräch zwischen Mama und Klein-Michèle-Lotta. Ach, ich konnte sie ja so gut verstehen! Nicht immer ist man glücklich mit der Namenswahl, mit dem, was einem die Eltern da aufgezwungen haben. Ich hätte mich gerne noch mit ihr unterhalten – auch, um ihr zu sagen: Pass auf, das wirst du später anders sehen, denn die Zeiten ändern sich und du dich mit.
Bei mir war die Entscheidung für einen französischen Rufnamen dadurch gefallen, dass ein Teil der Familie ursprünglich aus Frankreich stammte und der Familienname eben französisch war. Es sollte halt ‚passen’. Nur, mein Vater hatte bereits einen deutschen Vornamen, man sprach kein Französisch – wozu also das Ganze? Wahrscheinlich aus Protest nannte ich meine Puppe dann einfach Helga (Man beachte, dass es auch noch ein Name mit einem H vorne war)
In den 70ern, als ich zur Schule ging, hatte kein Mensch einen ausländischen Namen. Mädchen hießen Sabine und Petra, die Jungen Michael, Thomas oder etwas in der Art. Alles andere war irgendwie außerirdisch. Und dann noch diese Schreibweise – was sollte das denn? Keiner wusste, wie man es buchstabierte, keiner konnte es aussprechen, wenn er es las, und keiner wusste, ob es sich nun um ein Mädchen oder Jungen handelte, denn die Aussprache war gleich.
Heute, in den Zeiten der Kylies, Cindys, Viviennes, Penélopes, der Romeos, Apalatchis und Justin-Patricks, ist das kaum noch vorstellbar, doch ich habe damit zu kämpfen gehabt! Lehrer, die es einfach nicht lernten, den Namen richtig zu sagen, Zeugnisse, die dreimal geschrieben werden mussten, weil immer noch etwas falsch geschrieben war und reichlich Verballhornungen des Namens seitens einfallsreicher Mitschüler.

Als ich in das Alter des Siezens kam, dachte ich, das Schlimmste sei überstanden. Den Nachnamen konnten sie ruhig alle deutsch aussprechen. Doch dann bekam ich hochoffizielle Post. Die Bundeswehr bat mich zur Musterung. Die Post hatte für die Zustellung des Bescheids lange gebraucht. Ich bekam die ‚Einladung’ an einem Freitag und sollte am Montag in Elmshorn antreten. Naiv wie ich war, dachte ich, ein Anruf zur Klärung würde genügen. Man glaubte es nicht. Kann ja jeder seine Schwester zum Anrufen abkommandieren und sich Märchen ausdenken. Man wünschte eine beglaubigte Geburtsurkunde, und zwar pronto. Das zuständige Amt hatte an dem Freitag natürlich schon geschlossen, und das Amt für Wehrerfassung drohte mir mit rechtlichen Mitteln, wenn ich Montag nicht selbst vorbeikäme. Was blieb mir anderes übrig.
Ich packte mir die Unterlagen, die ich hatte, ein und ebenfalls ein paar Dinge, die alle zur Musterung mitbringen sollten. Leichte sportliche Kleidung, etc. Das ziehe ich jetzt durch, ihr werdet schon sehen!
Montagmorgen: ein unscheinbares Gebäude in Elmshorn. Am gläsernen Empfang sitzt ein müde dreinschauender, desinteressiert wirkender Herr.
„Name?“
Ich nenne meinen Nachnamen.
„Was möchten Sie?“
„Ich habe einen Termin zur Musterung!“
Fünf Sekunden Schweigen.
„Wollen Sie mich verarschen?“
Ich zeige ihm meine persönliche Einladung.
„Ausweis!“
Ja, auch am Empfang herrschte schon so etwas wie Kasernenton. Mit zuckersüßem Lächeln reiche ich meinen Ausweis.
„Moment.“ Ein Anruf folgt.„Warten Sie hier!“
Ja, aber klar doch.
Nach drei Minuten kommt ein Mitarbeiter aus einem der oberen Stockwerke die Treppe heruntergeseilt. Weitere zehn Minuten vergehen , bis meine Identität soweit zufriedenstellend geklärt ist, dass ich mit hoch darf. Eine weitere halbe Stunde später ist die Bürokratie abgeschlossen, meine Akte auch, ich brauchte nicht einmal meinen mitgebrachten Bikini. Hätte ich auch nicht angezogen, aber ich hätte gerne mal die Gesichter gesehen, wenn ich im Herrenumkleideraum aufgetaucht wäre.
Nun, also keine Bundeswehr. Das ging ja noch mal gut.
Als nächstes, etwa vier Wochen später, kam das Schreiben des Bundesgrenzschutzes mit einem Angebot, dort einzusteigen. Ich rief an, und man entschied sich, auf mich zu verzichten.

Als ich mich für den diplomatischen Dienst bewarb (nur erst einmal die erste Stufe des Bewerbungsmarathons!), bekam ich ein Schreiben, dass erstens keine Männer gesucht werden (wieder jemand, der es nicht vermochte, Michèle und Michel auseinanderzuhalten) und dass zweitens nur Bürger deutscher Herkunft hierfür in Frage kämen!“ Hallo? Ich bin weiblich, deutsch und willig (zu arbeiten)! Was dabei herauskam? Ich durfte ein Praktikum in einer Botschaft machen (Französisch notwendig). Kompromiss sozusagen.
Als ich heiratete, wurde ich von der Firma meines Mannes durchgecheckt, ob ich nicht ein Sicherheitsrisiko darstellte. Acht Seiten Fragebogen!
Wie ihr es aus der Geschichte mit Jochen Ahlmann kennt, hat auch dieser meinen Namen aufs Schändlichste missbraucht …  :-)
https://michelelegrand.wordpress.com/2010/11/22/wiedersehen-im-bus/
Aber es gab auch Vorteile dadurch. Während ich auf der damaligen Hannover-Messe arbeitete, bekam ich echt interessante Aufträge, weil die Leute mich für eine Französin hielten.
Nebenher versuchte ich, mir ein bisschen Geld dazuzuverdienen, indem ich mich um einen Job als Synchronsprecherin für französische Werbespots bewarb. Die suchten eigentlich Franzosen dafür, und es sollte von deutsch nach französisch und umgekehrt eingesprochen werden. Man lobte mein gutes Deutsch! Ich warb hemmungslos für Orangensaft und Duschgel, gab den Job allerdings ziemlich bald wieder auf, denn die Firma bekam auf einmal keine Spots mehr zum Synchronisieren, sondern Pornos. Und das ist nun nicht so mein Ding.
Ich kann also sagen, mein Name hat sich irgendwann als erträglich entpuppt, und es gibt ein paar Menschen, die ihn sehr nett aussprechen können.
Es hat nur etwas gedauert und die Zeiten mussten sich ändern, um nicht Alltägliches alltäglich werden zu lassen. Heute wird mein Name nur noch ‚verenglischt’ (Michelle) oder von einem eigenwilligen Computer, der keinen ‚accent‘ auf das erste ‚e‚ setzt, zu einem Michele gemacht. Das wiederum hat zur Folge, dass jetzt der italienische Michael gemeint ist, also wieder ein Mann. Daher bekam ich kürzlich auch Post von Alfa-Romeo mit einer Einladung zur Testfahrt.

Zum Abschluss daher die durchaus etwas ernst gemeinte Frage: Warum hat man bei der Vergabe seines Namens bloß kein Mitspracherecht? Was bliebe einem da manchmal nicht alles erspart!
Liebe zukünftige Eltern! Ein zweiter Vorname könnte vielleicht auch die Gesamtsituation entschärfen.

In diesem Sinne seid herzlich gegrüßt,
Eure (weibliche) Michèle

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